Von der zeitlosen Kraft der Tugend und wie sie das Leben wendet
Seit Jahrhunderten lehren die großen Traditionen Europas – das Christentum, die antike Philosophie und die Volksweisheit unserer Vorfahren – dass der Mensch durch sein Handeln nicht nur andere, sondern auch sich selbst formt. „Wie du säst, so wirst du ernten", heißt es in der Heiligen Schrift, und dieses Prinzip durchzieht die gesamte abendländische Geistesgeschichte. Auch wenn tugendhafte Taten nicht um des eigenen Vorteils willen geschehen sollten, zeigt die Geschichte immer wieder: Wer Gutes tut, dem wird Gutes widerfahren. Die folgenden Begebenheiten aus der deutschen und europäischen Geschichte mögen dies bezeugen.
Der Bauer von Oberammergau und das Pestgelübde
Im Jahre 1633 wütete die Pest in ganz Bayern. Das Dorf Oberammergau schien zunächst verschont zu bleiben, doch dann schlich sich ein Tagelöhner heimlich in das abgeriegelte Dorf, um seine Familie zu sehen. Er brachte die Seuche mit, und innerhalb weniger Wochen starben über 80 Dorfbewohner.
In ihrer Verzweiflung versammelten sich die Überlebenden und legten ein feierliches Gelübde ab: Würde Gott sie vor dem völligen Untergang bewahren, so wollten sie alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Christi in einem großen Schauspiel aufführen – zum Zeichen ihrer Dankbarkeit und als Mahnung an die kommenden Geschlechter.
Von diesem Tag an starb kein einziger Dorfbewohner mehr an der Pest.
Die Oberammergauer hielten ihr Versprechen. Seit fast 400 Jahren führen sie die Passionsspiele auf, und das kleine Dorf wurde zu einem Ort des Glaubens und der Besinnung für Menschen aus aller Welt. Was als Akt der Demut und des Vertrauens begann, brachte dem Ort über Generationen hinweg Segen, Gemeinschaft und Wohlstand.
Martin von Tours und der geteilte Mantel
Die Geschichte des heiligen Martin ist im deutschen Sprachraum seit über anderthalb Jahrtausenden lebendig. Als junger römischer Soldat ritt Martin im Winter des Jahres 334 durch das Stadttor von Amiens. Dort begegnete ihm ein armer Mann, der halbnackt in der Kälte saß und um Hilfe flehte.
Martin besaß nichts außer seinen Waffen und seinem Soldatenmantel. Ohne zu zögern, zog er sein Schwert, teilte den Mantel in zwei Hälften und gab eine dem Bettler. Die anderen Soldaten verlachten ihn, denn nun sah er selbst wie ein Narr aus in seinem halben Mantel.
In der folgenden Nacht erschien Martin im Traum Christus selbst, bekleidet mit jenem halben Mantel. Er sprach: „Martin, noch nicht getauft, hat mich mit diesem Mantel bekleidet."
Martin ließ sich taufen, verließ den Militärdienst und wurde später Bischof von Tours. Sein Ruhm als Mann der Barmherzigkeit verbreitete sich in ganz Europa. Noch heute feiern wir am 11. November den Martinstag, und Kinder ziehen mit Laternen durch die Straßen, um an jene Nacht zu erinnern, in der ein einfacher Soldat durch eine einzige gute Tat sein Schicksal und das Schicksal unzähliger anderer für immer veränderte.
Der Kaufmann aus Augsburg
Im 16. Jahrhundert lebte in Augsburg der Kaufmann Jakob Fugger, einer der reichsten Männer seiner Zeit. Doch anders als viele seiner Standesgenossen vergaß er nicht, woher sein Wohlstand kam und wem er zu dienen hatte.
Im Jahre 1521 stiftete er die „Fuggerei" – eine Siedlung mit 52 Häusern für verarmte Bürger der Stadt. Die Miete betrug einen Rheinischen Gulden pro Jahr, und sie beträgt es noch heute, umgerechnet auf 88 Cent. Die einzige Gegenleistung: Die Bewohner sollten täglich drei Gebete für die Stifterfamilie sprechen.
Viele prophezeiten dem Kaufmann, er würde sein Vermögen verschwenden und seine Nachkommen würden in Armut enden. Doch das Gegenteil geschah: Die Familie Fugger blieb über Jahrhunderte wohlhabend und angesehen. Die Fuggerei selbst überstand Kriege, Revolutionen und sogar die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Noch heute, nach mehr als 500 Jahren, leben dort Menschen, und die Stiftung besteht fort.
Jakob Fugger schrieb einst: „Viele im Handel haben den Wunsch gehabt, daß es mir schlechter gehe. Gott hat mich aber aufrechterhalten und andere zugrunde gehen lassen." Wer anderen Gutes tut, der legt ein Fundament, das auch den stärksten Stürmen standhält.
Die Wandlung des Räubers Dismas
Eine der ergreifendsten Geschichten der christlichen Überlieferung ist die des Räubers, der zur Rechten Christi gekreuzigt wurde. Sein Name, so erzählt die Tradition, war Dismas.
Sein ganzes Leben lang hatte er geraubt, betrogen und Gewalt geübt. Nun hing er am Kreuz, und sein Ende war nah. Als die anderen Verurteilten und selbst die Umstehenden Jesus verspotteten, tat Dismas etwas Unerwartetes: Er wies den anderen Räuber zurecht und sprach: „Wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Unrechtes getan."
Dann wandte er sich an Jesus und bat: „Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst."
In diesem einen Augenblick aufrichtiger Reue und Güte empfing Dismas die Worte: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein."
Diese Geschichte lehrt uns, dass es niemals zu spät ist, sich dem Guten zuzuwenden. Selbst am Ende eines verfehlten Lebens kann ein aufrichtiges Bekenntnis zur Tugend das Schicksal wenden.
Der Arzt Paracelsus und die Armen
Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493–1541), war einer der bedeutendsten Ärzte und Naturforscher seiner Zeit. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und vergaß dies nie.
Während andere Ärzte nur die Reichen behandelten und hohe Gebühren verlangten, heilte Paracelsus auch die Armen, oft ohne Bezahlung. Er schrieb: „Der höchste Grund der Arznei ist die Liebe." Seine Kollegen verspotteten ihn, die Zunft verfolgte ihn, und er musste von Stadt zu Stadt ziehen.
Doch sein Wissen und seine Heilerfolge waren so außergewöhnlich, dass sein Ruhm alle Anfeindungen überdauerte. Seine medizinischen Schriften wurden zur Grundlage einer neuen Heilkunst, und sein Name wird noch heute, nach fast 500 Jahren, in Ehrfurcht genannt. Der Spott seiner Zeitgenossen ist längst vergessen; seine Barmherzigkeit jedoch hat ihm unvergänglichen Ruhm eingebracht.
Nikolaus von Myra und die drei Töchter
Die Geschichte des heiligen Nikolaus, des Schutzpatrons so vieler Länder und Stände, ist im deutschen Sprachraum jedem Kind vertraut. Doch kennt man auch die Begebenheit, die seinen Ruf als Wohltäter begründete?
In der Stadt Myra lebte ein verarmter Edelmann mit seinen drei Töchtern. Er hatte all sein Vermögen verloren und sah keinen anderen Ausweg, als seine Töchter in die Unzucht zu verkaufen, um sie vor dem Hungertod zu bewahren.
Als der junge Nikolaus, damals noch nicht Bischof, davon erfuhr, handelte er. In drei aufeinanderfolgenden Nächten warf er heimlich je einen Beutel Gold durch das Fenster des Hauses. So konnte der Vater jeder Tochter eine angemessene Mitgift geben, und alle drei heirateten ehrbare Männer.
Nikolaus suchte weder Dank noch Anerkennung; er handelte im Verborgenen, allein um des Guten willen. Doch seine Tat blieb nicht verborgen, und sein Ruhm verbreitete sich über die ganze Welt. Noch heute, mehr als 1.700 Jahre später, erinnern wir uns am 6. Dezember an ihn und beschenken einander in seinem Namen.
Der Schuhmacher Böhme und die innere Erleuchtung
Jakob Böhme (1575–1624) war ein einfacher Schuhmacher aus Görlitz in der Oberlausitz. Er besaß keine Gelehrsamkeit und keinen Reichtum, doch er führte ein Leben in Demut, Ehrlichkeit und stiller Frömmigkeit.
Eines Tages, so berichtet er, fiel ein Sonnenstrahl auf eine zinnerne Schüssel, und in diesem Augenblick öffnete sich ihm ein Blick in das innerste Wesen aller Dinge. Er begann zu schreiben, obwohl er kaum gebildet war, und seine Werke über die göttliche Weisheit verbreiteten sich in ganz Europa.
Die Obrigkeit verfolgte ihn, die Kirche verbot seine Schriften, und er starb in Armut. Doch seine Gedanken beeinflussten Philosophen von Hegel bis Schelling, Dichter von Novalis bis Goethe. Der einfache Handwerker, der sein Leben in Bescheidenheit und Güte führte, wurde zu einem der einflussreichsten Denker der deutschen Geistesgeschichte.
„Wem Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit", schrieb er, „der ist befreit von allem Streit." Nicht äußerer Erfolg, sondern innere Lauterkeit brachte ihm einen Ruhm, den keine Macht der Welt hätte verleihen können.
Der Ritter von Bamberg
Im 12. Jahrhundert lebte in Franken ein Ritter, der für seine Habgier und Härte bekannt war. Er presste seine Bauern aus, betrog bei Handel und Wandel und scheute vor keiner Ungerechtigkeit zurück. Eines Nachts erschien ihm im Traum ein Engel, der ihm sein baldiges Ende verkündete und ihn mahnte, Rechenschaft über sein Leben abzulegen.
Erschüttert erwachte der Ritter und beschloss, sein Leben von Grund auf zu ändern. Er erließ seinen Bauern die Schulden, stiftete einen Teil seines Vermögens für ein Hospiz und pilgerte barfuß nach Rom, um Buße zu tun.
Als er zurückkehrte, erkrankte er schwer. Doch anders als der Engel prophezeit hatte, genas er wieder. Er lebte noch viele Jahre, umgeben von der Achtung seiner Nachbarn und der Liebe seiner Familie. Auf seinem Sterbebett sagte er: „Ich war zum Tode bestimmt, doch die Umkehr hat mir neues Leben geschenkt."
Was bleibt
Die alten Weisheiten unserer Vorfahren sind keine verstaubten Relikte einer vergangenen Zeit. Sie sind Wegweiser für jeden, der in einer Welt der Orientierungslosigkeit einen Kompass sucht.
Wer vom Glück gesegnet ist, der bewahre seine Demut und handle nach den Gesetzen der Gerechtigkeit. Wer vom Unglück verfolgt wird, der halte inne und prüfe, ob er nicht selbst durch sein Handeln die Ursache seines Leids gesetzt hat.
Gute Taten sind niemals verloren. Sie mögen nicht immer sofort belohnt werden, doch sie säen Samen, die aufgehen werden – sei es in diesem Leben oder für die kommenden Geschlechter. Wie der Apostel Paulus schrieb: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten."
Wer im Herzen an der Tugend festhält, der wird, selbst in den dunkelsten Zeiten, ein Licht sein – für sich selbst und für andere.
„Tue recht und scheue niemand." — Deutsches Sprichwort
Sapere aude!
S.

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