Erst mal raus! – Es läuft sich leichter, wenn sonst nichts mehr fährt. Ich hatte es morgens im Radio gehört, noch bevor ich den ersten Kaffee getrunken hatte: Warnstreik, bundesweit, Busse und Bahnen bleiben in den Depots. Die Stimme der Nachrichtensprecherin klang dabei so sachlich, wie Nachrichtensprecher eben klingen, wenn sie Dinge verkünden, die für andere Menschen den ganzen Tag durcheinanderbringen werden. Für mich jedoch – und ich schäme mich fast ein wenig, das zu sagen – klang es beinahe wie eine Einladung.

Ich zog mir die Jacke an und ging los. Draußen war es kalt, dieser feuchte Februarkälte, die sich nicht entscheiden kann, ob sie noch Winter sein will oder schon etwas anderes. An der Bushaltestelle vor dem Haus stand eine Frau, den Blick auf ihr Telefon gerichtet, vermutlich auf der Suche nach einer Information, die nicht kommen würde. Der Bus jedenfalls würde es nicht tun. Ich ging vorbei und nickte ihr zu, obwohl sie gar nicht aufschaute; es war mehr ein Nicken für mich selbst, ein stilles Einverständnis mit dem Morgen.

Weiter die Straße hinunter. Leer. Keine Busse, keine Wartenden, nur das Schild mit dem Fahrplan, der heute Makulatur geworden war. Ich blieb kurz stehen und betrachtete es, dieses Schild, das mir sonst nie auffällt. Wie oft bin ich hier vorbeigegangen, ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen? Jetzt, da es nichts mehr anzukündigen hatte, schaute ich es an wie ein Museumsstück. Fahrpläne, dachte ich, sind eigentlich Versprechen – kleine, gedruckte Versprechen, dass etwas kommen wird, das uns woanders hinbringt. Und wenn sie nicht eingehalten werden, stehen wir da und wissen nicht recht, wohin mit uns.

Ich lief weiter, durch Straßen, die mir seltsam verändert vorkamen. Es waren mehr Menschen zu Fuß unterwegs als sonst, das fiel mir auf. Manche mit entschlossenen Schritten, die sagten: Ich komme trotzdem pünktlich. Andere schlenderten, als hätten sie sich mit dem Stillstand arrangiert, als wäre der Streik eine Erlaubnis gewesen, langsamer zu sein. Ein Mann mit Aktentasche überholte mich, die Stirn in Falten gelegt, das Telefon am Ohr. Er sprach laut und schnell, irgendetwas von einem Meeting, das verschoben werden müsse. Ich dachte: Wie seltsam, dass wir das Wort Stillstand so negativ besetzen, als wäre Bewegung immer gut und Innehalten immer schlecht.

An der großen Kreuzung dann eine Szene, die mich zum Schmunzeln brachte: Drei Jugendliche standen um einen E-Scooter herum, der offenbar seinen Dienst versagte. Einer tippte auf seinem Handy herum, die anderen beiden starrten das Gefährt an, als könnten sie es durch Willenskraft zum Laufen bringen. Auch hier also: Stillstand. Ich ging vorbei und dachte an dieses Wort, das mir seit dem Morgen nicht mehr aus dem Kopf ging – Streik. Es kommt, wenn ich mich recht erinnere, aus dem Englischen, von strike, und das wiederum bedeutet ursprünglich schlagen, treffen. Die Matrosen im 18. Jahrhundert, so las ich einmal, strichen die Segel – to strike sail – und verweigerten so die Weiterfahrt. Ein Streik ist also im Grunde ein Anhalten, ein bewusstes Nicht-Weitermachen. Und ist das nicht manchmal genau das, was wir brauchen?

Natürlich, ich weiß: Für viele ist dieser Tag eine Zumutung. Die Pflegerin, die zur Frühschicht muss. Der Schüler, der seine Klausur schreibt. Die Mutter, die ihre Kinder zur Kita bringt, bevor sie selbst zur Arbeit hetzt. Für sie alle ist der Stillstand keine Einladung, sondern ein Hindernis. Und dennoch – vielleicht liegt gerade darin auch etwas Wichtiges: dass wir merken, wie sehr wir auf das Funktionieren angewiesen sind, auf die unsichtbaren Räder, die sich drehen, damit wir uns bewegen können. Der Streik macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt: die Arbeit derer, die fahren, damit wir ankommen.

Ich bog in den Park ein. Hier war es stiller als sonst, obwohl – oder vielleicht gerade weil – mehr Menschen unterwegs waren. Viele hatten offenbar denselben Gedanken gehabt wie ich: Wenn schon nichts fährt, dann wenigstens gehen. Ein älterer Herr saß auf einer Bank und fütterte die Tauben, als gäbe es keinen Streik, keine Nachrichten, keine Welt da draußen. Ich beneidete ihn ein wenig um diese Gelassenheit.

Auf dem Rückweg kam ich wieder an der Bushaltestelle vorbei. Die Frau von vorhin war verschwunden – entweder hatte sie aufgegeben oder einen anderen Weg gefunden. Das Schild hing noch immer da, mit seinen Zeiten und Linien, die heute nichts bedeuteten. Ich blieb stehen und las es, zum ersten Mal seit Jahren vielleicht, wirklich las: die Haltestellen, die Umsteigemöglichkeiten, die kleinen Fußnoten, die niemand beachtet. Und ich dachte: Vielleicht brauchen wir manchmal einen Streik – nicht nur im Nahverkehr, auch im eigenen Leben. Ein bewusstes Anhalten, ein Nicht-Weitermachen, damit wir wieder sehen, wohin wir eigentlich unterwegs sind.

Zu Hause angekommen, schaltete ich das Radio wieder ein. Der Streik, so hieß es, werde bis zum Abend andauern. Ich goss mir den zweiten Kaffee ein und schaute aus dem Fenster. Die Straße lag still da, fast feierlich. Morgen würden die Busse wieder fahren, die Stadt wieder ihr gewohntes Tempo aufnehmen. Aber heute – heute war ein guter Tag zum Gehen.

S. 

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