Ich sitze im Kaffeehaus. Mein Cappuccino dampft noch, das Croissant liegt unangetastet auf dem Teller. Ich schreibe. Oder besser gesagt: Ich versuche zu schreiben, denn am Nebentisch hat sich eine Debatte entfacht, die mich nicht loslässt. Zwei Herren, Mitte fünfzig, Jackett der eine, Fleecejacke der andere, streiten sich über eine Zahl: 14,5.
14,5 Krankheitstage im Schnitt, pro Arbeitnehmer, pro Jahr. Der Kanzler hat es gesagt, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau, und seitdem kocht das Land. »Fast drei Wochen!«, empört sich der Jackett-Träger und haut mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirren. »Ist das wirklich notwendig?«, fragt er und zitiert dabei wohl Merz, ohne es zu wissen - oder vielleicht weiß er es genau. Der Fleecejacken-Mann schüttelt den Kopf: »Red' du mal so, wenn du drei Bandscheibenoperationen hinter dir hast und trotzdem jeden Morgen auf der Baustelle stehst.«
Ich höre zu. Ich kann nicht anders. Das Kaffeehaus ist heute mein Plenarsaal, und die beiden sind meine Abgeordneten. - Was für ein Thema. Der Kanzler fragt, ob wir zu krank sind, und meint eigentlich: Seid ihr zu faul? Die Kassenärzte geben ihm Recht. Die SPD widerspricht. Die Linke schäumt. Und im Kaffeehaus, da, wo das echte Deutschland sitzt - zwischen Milchschaum und Krümeln - da wird es persönlich.
Der Jackett-Träger - ich nenne ihn für mich den Leistungsethiker - ist offensichtlich Unternehmer. Er spricht von Ausfallkosten, von Vertretungen, die nicht zu finden sind, von der telefonischen Krankschreibung, die seiner Meinung nach ein »Freifahrtschein für Drückeberger« sei. Er regt sich auf über das »Montagsschnüpfchen«, ein Wort, das der Chef der Kassenärzte geprägt hat und das jetzt durch alle Gazetten geistert. - Montagsschnüpfchen; ein Wort, das alles sagt und nichts beweist; ein Wort wie eine Ohrfeige für jeden, der montags wirklich krank ist; ein Wort, das unterstellt, bevor es fragt.
Der Fleecejacken-Mann - ein Handwerker, das sehe ich an seinen Händen, die Geschichten erzählen, die kein Büro kennt - kontert leise, aber bestimmt: »Weißt du, was krank macht? Nicht die telefonische Krankschreibung. Sondern wenn du seit dreißig Jahren schraubst und trägst und dein Rücken dir sagt, dass er nicht mehr will, aber die Rente erst mit siebenundsechzig kommt.« Er nimmt einen Schluck Kaffee. Pause. Dann: »Und der Kanzler, der war nie auf einer Baustelle. Der war bei BlackRock.«
Stille am Nebentisch. Kurz. Dann lachen beide. Es ist dieses deutsche Lachen, das irgendwo zwischen Galgenhumor und Resignation liegt; ein Lachen, das sagt: Wir wissen beide, dass es kompliziert ist; ein Lachen, das versöhnt, bevor der nächste Streit kommt.
Ich denke nach. 14,5 Tage. Eine Zahl, die so viel verbirgt, wie sie offenbart. Dahinter stehen die Pflegerin, die nachts Schichten schiebt, bis ihre Seele nicht mehr kann; der Lagerarbeiter, dessen Knie nach zwanzig Jahren nachgeben; die junge Mutter, die zwischen Homeoffice und Kinderkrankentagen zerrieben wird. Aber dahinter steht vielleicht auch der eine oder andere, der am Freitagnachmittag zum Arzt geht, um sich den Montag freischreiben zu lassen. - Wer will das beurteilen? Wer will die Grenze ziehen zwischen dem, der wirklich leidet, und dem, der leidet, weil die Arbeit ihn krank macht - nicht der Körper, sondern der Sinn, der fehlt?
Warum macht Arbeit manche Menschen krank und andere lebendig? Liegt es an der Arbeit oder an den Menschen? Liegt es an einem System, das den Wert eines Menschen in Produktivität misst? Ist Krankheit womöglich das letzte Refugium der Freiheit in einer Gesellschaft, die keine Pausen mehr kennt?
Der Leistungsethiker und der Handwerker bestellen sich noch einen Kaffee. Gemeinsam. Sie sind sich nicht einig geworden, aber sie reden miteinander - was mehr ist, als man vom Bundestag dieser Tage behaupten kann. Ich wende mich wieder meinem Notizbuch zu. Mein Cappuccino ist kalt, mein Croissant weich geworden. - 14,5 Tage; vielleicht ist das die ehrlichste Zahl, die dieses Land gerade zu bieten hat; ehrlicher als jede Regierungserklärung; denn Krankheit, so dachte ich immer, ist einer der letzten Orte, an dem man nicht lügen muss - aber vielleicht irre ich mich auch da.
Am Nebentisch hustet der Leistungsethiker. Laut. Trocken. Hartnäckig. Der Handwerker schaut ihn an und grinst: »Geh lieber mal zum Arzt.« Der Leistungsethiker winkt ab: »Ach, ist nichts.« - Natürlich. Was sonst.
S.
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