Deutschlands Gasspeicher leeren sich in besorgniserregendem Tempo. Was bedeutet es, wenn eine Nation auf Reserven angewiesen ist, die sie nicht mehr besitzt?

Fünfunddreißig Prozent. Diese Zahl steht am heutigen Donnerstag auf den Monitoren der Bundesnetzagentur, sie blinkt in den Kontrollzentren der Gasspeicherbetreiber, und sie sollte jeden, der in diesen Januartagen seine Heizung aufdreht, zumindest nachdenklich stimmen. Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher ist auf einen Wert gesunken, den es seit den Krisenjahren 2022 nicht mehr gegeben hat. Damals, als Wladimir Putin den Gashahn zudrehte und Europa in kollektive Panik verfiel, waren wenigstens die Speicher noch voll. Heute sind sie es nicht mehr.

„Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil“, verkündet die Bundesnetzagentur mit der Gelassenheit einer Institution, die es gewohnt ist, beunruhigende Nachrichten in beruhigende Floskeln zu verpacken. Und doch verrät bereits ein Blick auf die Zahlen, dass diese Stabilität auf tönernen Füßen steht: 35,14 Prozent Füllstand am 29. Januar 2026, minus 0,83 Prozent gegenüber dem Vortag. Das entspricht einer gespeicherten Menge von etwa 92 Terawattstunden – bei einer täglichen Entnahme von rund 1.760 Gigawattstunden. Im europäischen Vergleich liegen wir bei 43,53 Prozent – Deutschland, das Land der Ingenieure und Planer, rangiert unter dem kontinentalen Durchschnitt. Im Vorjahr waren die Speicher zu diesem Zeitpunkt noch zu sechzig Prozent gefüllt.

Die Physik der Tiefe

Um zu verstehen, was diese Zahlen bedeuten, muss man sich zunächst von einer Vorstellung verabschieden, die so naheliegend wie falsch ist: Ein Gasspeicher ist kein Wassertank, den man gleichmäßig leert wie eine Badewanne. Er ist ein Drucksystem, eine geologische Struktur tief unter der Erde, in der das Erdgas unter enormem Druck gespeichert wird. Und hier beginnt das eigentliche Problem: Je leerer der Speicher, desto geringer der Druck – und desto langsamer kann das Gas entnommen werden.

Die Experten sprechen von einem physikalischen Limit, das bei etwa fünfzig Prozent Füllstand einsetzt. Unterhalb dieser Schwelle sinkt die maximale Ausspeicherleistung pro Tag – das Gas ist zwar noch vorhanden, aber es kommt nicht mehr schnell genug ins Netz. Deutschland liegt mit seinen knapp 35 Prozent bereits deutlich unter dieser kritischen Marke. Das bedeutet konkret: Selbst wenn wir noch über 90 Terawattstunden verfügen, können wir davon pro Tag weniger entnehmen, als es die reinen Zahlen suggerieren. Die tägliche maximale Ausspeicherleistung, die theoretisch bei über 7.000 Gigawattstunden liegen könnte, ist praktisch nicht mehr erreichbar.

Besonders dramatisch ist die Lage bei den bayerischen Porenspeichern: Wolfersberg meldet einen Füllstand von gerade einmal sechs Prozent, Breitbrunn und Inzenham-West liegen ebenfalls im roten Bereich. Die gesetzliche Vorgabe von vierzig Prozent zum 1. Februar werden mehrere dieser Anlagen verfehlen. Anders als die flexiblen Kavernenspeicher in Norddeutschland reagieren diese Porenspeicher besonders empfindlich auf Druckverluste – ein erheblicher Teil des Gases bleibt als sogenanntes Kissengas technisch unentnehmbar im Gestein zurück.

Deutschlands größter Speicher, das niedersächsische Rehden mit fast einem Fünftel der nationalen Kapazität, weist derzeit nur noch einen Füllstand von rund elf Prozent auf. Es ist, als würde man mit dem letzten Tropfen Benzin im Tank auf eine lange Autobahnfahrt aufbrechen – und dabei hoffen, dass alle Tankstellen unterwegs geöffnet haben.

Wer trägt die Verantwortung?

Die Frage, wie es zu dieser Situation kommen konnte, führt in ein Dickicht aus politischen Versäumnissen, wirtschaftlichen Fehlkalkulationen und dem blindem Vertrauen auf Marktmechanismen. Im Mai 2025 senkte die Bundesregierung die vorgeschriebenen Mindestfüllstände von neunzig auf siebzig Prozent zum 1. November – ein Zugeständnis an die Betreiber, die sich über mangelnde Wirtschaftlichkeit beklagten. Die Idee war einleuchtend: Der Markt wird es schon richten, die Preissignale werden die Speicher füllen. Ein Gutachten der Beratungsfirma Frontier Economics für das Bundeswirtschaftsministerium hatte gar empfohlen, die Speicher wieder vollständig dem Markt zu überlassen.

Der Markt richtete es nicht. Deutschland startete am 1. November 2025 mit lediglich 75 Prozent Füllstand in den Winter, statt der üblichen 95 Prozent. Diese zwanzig Prozentpunkte Differenz entsprechen etwa 50 Terawattstunden – genug Energie, um sämtliche deutschen Haushalte für mehrere Wochen zu beheizen. Ein kalter Dezember und ein strenger Januar fraßen die verbliebenen Reserven auf. Der Extremwinter Ende Januar 2026 mit massiven Schneefällen und Temperaturen um den Gefrierpunkt trieb den Gasverbrauch in die Höhe.

Hinzu kam, dass die schwache Windausbeute im Herbst 2025 die Gaskraftwerke in die Bresche springen ließ – sie mussten Strom produzieren, weil die Windräder stillstanden. Die sogenannte Gas-to-Power-Problematik zeigt ein strukturelles Dilemma der Energiewende: Je weniger Wind weht, desto mehr Gas wird für die Stromerzeugung benötigt – und umgekehrt. Und schließlich der Domino-Effekt: Österreich, Tschechien und die Schweiz beziehen verstärkt Gas aus deutschen Speichern, seit der Ukraine-Transit zum Jahreswechsel endgültig versiegte. Am 1. Januar 2025 hatte die Ukraine den Gastransit durch ihr Territorium beendet – ein geopolitischer Schachzug, dessen Folgen nun spürbar werden.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte im Juli 2025 die Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben und auf die Frühwarnstufe zurückgestuft – ein Signal der Entwarnung, das sich im Nachhinein als voreilig erweist. Die Initiative Energien Speichern, der Verband der Gasspeicherbetreiber, hatte bereits damals gewarnt: „Warum die Krisenstufe in einer Situation abgesenkt wird, in der die Gasspeicherfüllung marktwirtschaftliche Akteure offensichtlich vor große Herausforderungen stellt, können wir nicht erklären.“

Das Szenario des Schreckens

Was geschieht, wenn die Speicher einen kritischen Wert unterschreiten? Bei zwanzig Prozent Füllstand schaltet die Ampel der europäischen Transparenzplattform AGSI+ auf Rot. Ab diesem Punkt muss eine Gasmangellage ausgewiesen werden, und die Bundesnetzagentur übernimmt als sogenannter Bundeslastverteiler das Kommando. Sie entscheidet dann, wer Gas bekommt – und wer nicht. Der Notfallplan Gas kennt drei Eskalationsstufen: Frühwarnstufe, Alarmstufe und Notfallstufe. Erst in der letzten Stufe greift der Staat aktiv in den Markt ein.

Die gute Nachricht für Privatverbraucher: Haushalte gehören zu den gesetzlich geschützten Kunden, ebenso wie Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen, Feuerwehr und Polizei. Sie werden bis zuletzt mit Gas versorgt. Rund 56 Prozent aller Wohnungen und Häuser in Deutschland werden mit Erdgas beheizt – für Millionen von Haushalten ist die Frage der Gasversorgung keine abstrakte Statistik, sondern eine Frage der Wärme in den eigenen vier Wänden. Die schlechte Nachricht für alle anderen: Die Industrie steht am Ende der Schlange.

Energieintensive Betriebe – Lackhersteller, Düngemittelproduzenten, Stahlwerke, Automobilzulieferer – müssten ihre Produktion drosseln oder ganz einstellen. In einem Land, dessen Wirtschaft ohnehin angeschlagen ist, wäre dies eine Katastrophe mit Ansage. Rund 61 Prozent des gesamten deutschen Gasverbrauchs entfallen laut Bundesnetzagentur auf die Industrie. Eine Rationierung träfe zuerst die Hersteller von Lacken und Farben, dann die Stahl- und Metallverarbeitung, schließlich die Automobilbranche. Die Folgen für Arbeitsplätze, Wertschöpfungsketten und den Industriestandort Deutschland wären verheerend.

Die Initiative Energien Speichern hat drei Szenarien durchgerechnet: Bei einem milden Winter bleibt die Lage angespannt, aber beherrschbar. Bei einem normalen Verlauf werden die Speicher stark entleert, reichen jedoch gerade noch aus. Bei einem Extremwinter – Temperaturen wie im Jahr 2010, wochenlang unter minus fünf Grad – wären die Speicher bereits Mitte Februar leer. Die Gasnachfrage könnte dann nicht mehr vollständig gedeckt werden. Bei der aktuellen Entnahmerate von 0,8 Prozentpunkten pro Tag würden die Speicher rein rechnerisch noch etwa fünfzig Tage ausreichen – eine vereinfachte Rechnung, die die komplexe Realität aus Importen, Verbrauchsschwankungen und Druckverlusten außer Acht lässt.

Europa schaut zu

Der europäische Vergleich ist ernüchternd. Während Deutschlands Speicher bei 35 Prozent liegen, erreicht der EU-Durchschnitt immerhin 43,5 Prozent. Portugal und Schweden führen die Statistik an, Kroatien bildet das Schlusslicht – und Deutschland bewegt sich gefährlich nahe am unteren Ende der Skala. Das ist bemerkenswert für ein Land, das über die größte Speicherkapazität des Kontinents verfügt: 251 Terawattstunden, was etwa dreißig Prozent des deutschen Jahresverbrauchs entspricht. Zwei Drittel der gesamten EU-Speicherkapazität entfallen auf nur fünf Länder: Deutschland, Italien, Frankreich, die Niederlande und Österreich.

Die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet Deutschland, das sich nach dem russischen Lieferstopp zum europäischen Vorreiter der Gasunabhängigkeit stilisierte, nun mit leeren Speichern dasteht. Die LNG-Terminals, hastig an der Nordseeküste errichtet, liefern zwar zuverlässig – rund zehn Prozent der deutschen Gasimporte stammen inzwischen aus Flüssiggas – aber sie können die strategischen Reserven nicht ersetzen. Flüssiggas aus den USA benötigt zehn bis siebzehn Tage, bis es in Deutschland ankommt. In einer akuten Krise wäre das zu lang. Das meiste Gas importiert Deutschland weiterhin per Pipeline: 48 Prozent aus Norwegen, 25 Prozent aus den Niederlanden, 18 Prozent aus Belgien.

Was jeder Einzelne tun kann

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt seit Jahren einen Notvorrat für zehn Tage: zwanzig Liter Wasser pro Person, haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Reis und Konserven, Medikamente, Kerzen, Batterien, ein kurbelbetriebenes Radio. Hinzu kommen Hygieneartikel, Desinfektionsmittel, eine Taschenlampe und wichtige Dokumente in einer wasserdichten Mappe. Diese Empfehlungen galten lange als übervorsichtig, als Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges. Heute erscheinen sie in einem anderen Licht.

Die Regierung kommuniziert zurückhaltend. Bundeswirtschaftsministerin Reiche betont, die Versorgung sei gesichert; Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller mahnt lediglich zum sparsamen Umgang mit Gas – „allein um den eigenen Geldbeutel zu schonen“. Von einer aktiven Aufforderung zur Vorratshaltung ist keine Rede. Man will keine Panik schüren. Doch vielleicht wäre ein Mindestmaß an Beunruhigung angebracht. Die Heizsaison läuft noch bis Ende April – das sind gute drei Monate, in denen jede eingesparte Kilowattstunde zählt. Die Raumtemperatur um ein Grad zu senken spart etwa sechs Prozent Heizkosten; kürzer duschen, Fenster abdichten, Heizungen entlüften – die Maßnahmen sind bekannt, ihre Umsetzung bleibt freiwillig.

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers EWE, bringt es auf den Punkt: „Eine nationale Gasreserve wirkt wie eine Versicherung. Ja, sie kostet Geld. Aber sie schafft Sicherheit – nach dem Modell Feuerwehr: Es ist gut, sie zu haben, auch wenn man sie nicht oft braucht.“ Deutschland hat eine strategische Ölreserve, die im Krisenfall neunzig Tage überbrücken kann. Eine entsprechende Gasreserve existiert nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, dies zu ändern – bevor das nächste Frostjahr uns erneut unvorbereitet trifft.

Das Zittern geht weiter

Im niedersächsischen Rehden, 160 Kilometer westlich von Hannover, liegt der größte Gasspeicher des Landes in porösem Gestein, hunderte Meter unter der Oberfläche. Hier wurde einst deutsches Erdgas gefördert, bevor die Lagerstätte erschöpft war und man begann, sie als Speicher zu nutzen. Es ist eine unterirdische Kathedrale des fossilen Zeitalters, ein Relikt jener Zeit, als Energie im Überfluss vorhanden schien und niemand sich Gedanken über Versorgungssicherheit machte. Heute steht Rehden mit elf Prozent Füllstand stellvertretend für ein strukturelles Problem: Die Speicher wurden nicht mehr als strategische Infrastruktur behandelt, sondern als rein marktwirtschaftliche Option.

Heute zittert das Land über diesen Kavernen. Nicht vor Kälte – noch nicht. Sondern vor der Erkenntnis, dass Wohlstand und Wärme keine Selbstverständlichkeiten sind. Dass ein modernes Industrieland verwundbarer ist, als es sich eingestehen möchte. Und dass die Frage „Reicht das Gas für den Winter?“ keine Panikmache ist, sondern eine Frage der Vorsicht. Der große österreichische Speicher Haidach, der größer ist als alle bayerischen Speicher zusammen, steht Deutschland zu rund fünfzig Prozent zur Verfügung – ein Trost, aber kein Allheilmittel.

Fünfunddreißig Prozent. Die Zahl wird morgen niedriger sein. Und übermorgen noch niedriger. Die Füllstands-Ampel der AGSI+ zeigt bereits Gelb, ab zwanzig Prozent springt sie auf Rot. Ob sie irgendwann wieder steigt, hängt vom Wetter ab, von den LNG-Tankern auf dem Atlantik, von den Gasleitungen aus Norwegen – und von der Frage, ob wir aus dieser Krise lernen oder sie beim nächsten Winter einfach wiederholen. Die Lehre aus diesem Januar ist jedenfalls klar: Speicher müssen wieder als strategische Infrastruktur behandelt werden, nicht als marktwirtschaftliches Beiwerk. Alles andere ist ein Spiel mit dem Feuer – oder, präziser gesagt: mit der Kälte.

Sapere aude!

S. 

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