Der Morgen kam grau über Peking. Es war Oktober, und der Smog hing zwischen den Hochhäusern wie ein schmutziger Vorhang. Im Jingshan-Park, nördlich der Verbotenen Stadt, standen fünf Menschen im Kreis. Sie bewegten sich langsam, ihre Arme hoben und senkten sich wie Zweige im Wind.

Li Meifang war zweiundsechzig Jahre alt. Neben ihr stand ihr Mann, Wang Dequan, drei Jahre älter. Die anderen drei waren jünger: Zhang Wei, ein Ingenieur von dreißig Jahren, seine Frau Chen Ling und ihr Bruder Chen Ming.

Sie übten Falun Dafa. Die erste Übung. Ihre Bewegungen waren fließend und still. Kein Laut kam von ihnen. Nur das Rascheln ihrer Kleidung und das ferne Rauschen des Verkehrs.

Die Kamera an der Laterne drehte sich. Ihr rotes Licht blinkte zweimal. Irgendwo in einem Kontrollraum registrierte ein Algorithmus die Bewegungen. Die Software verglich sie mit einer Datenbank. Treffer. Falun Dafa. Übung eins.

Acht Minuten später fuhr ein schwarzer Transporter vor. Sechs Männer stiegen aus. Sie trugen Zivilkleidung, aber ihre Bewegungen waren die von Männern, die Uniformen gewohnt waren. Der Anführer hieß Zhao Guoqiang. Er war dreiundvierzig Jahre alt und arbeitete seit fünfzehn Jahren für das Büro 610.

»Mitkommen«, sagte Zhao. Er sagte es leise, fast freundlich. Er musste nicht schreien. Die Kameras waren überall. Die Algorithmen waren überall. Es gab kein Entkommen, und alle wussten es.

Li Meifang senkte ihre Arme. Sie blickte Zhao an. Ihre Augen waren ruhig. »Wir haben nichts Verbotenes getan«, sagte sie. »Wir haben nur geübt.«

Zhao lächelte. Es war ein Lächeln ohne Wärme. »Das entscheiden wir«, sagte er.

Das Gebäude des Büros 610 war ein grauer Betonklotz am Stadtrand. Es hatte keine Schilder, keine Kennzeichnung. Nur eine Adresse, die in keinem Register stand. Im dritten Stock saßen die fünf Praktizierenden auf Plastikstühlen, die Hände auf den Knien. Vor ihnen stand ein Metalltisch. Dahinter saß Zhao Guoqiang.

»Es ist ganz einfach«, sagte er. Er schob fünf Blätter Papier über den Tisch. »Ihr unterschreibt diese Erklärung. Ihr verpflichtet euch, nie wieder Falun Dafa zu praktizieren. Dann geht ihr nach Hause. Heute noch. Eure Familien warten.«

Zhang Wei nahm das Blatt. Er las es. »Verzichtserklärung«, stand oben. Darunter ein Text, der ihn zwang zu sagen, dass Falun Dafa böse sei, dass er getäuscht worden sei, dass er bereue.

»Und wenn wir nicht unterschreiben?«, fragte er.

Zhao lehnte sich zurück. »Masanjia«, sagte er. Das Wort hing in der Luft wie ein Urteil. »Umerziehung durch Arbeit. Drei Jahre. Fünf Jahre. Vielleicht mehr. Die Zeit vergeht langsam dort. Sehr langsam.«

Chen Ling begann zu weinen. Sie war neunundzwanzig Jahre alt. Sie hatte zwei Kinder zu Hause. Ein Mädchen von vier Jahren, einen Jungen von zwei.

»Denkt an eure Kinder«, sagte Zhao. Seine Stimme war weich. Fast väterlich. »Denkt an eure Eltern. An eure Arbeit. An alles, was ihr verliert.« Er nahm einen Kugelschreiber aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tisch. »Ein Stück Papier. Eine Unterschrift. Das ist alles.«

Wang Dequan sprach zum ersten Mal. Er war fünfundsechzig Jahre alt. Er hatte die Kulturrevolution überlebt, die Hungersnot, die Jahre des Chaos. Seine Stimme war ruhig.

»Wahrhaftigkeit«, sagte er. »Barmherzigkeit. Nachsicht. Das ist alles, was wir üben. Das ist alles, woran wir glauben.«

Zhao schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Genug«, sagte er. Seine Maske der Freundlichkeit fiel. »Ihr habt bis morgen früh Zeit. Wenn dann keine Unterschrift vorliegt, seid ihr auf dem Weg nach Masanjia.« Er stand auf und ging zur Tür. Dort blieb er stehen und drehte sich um. »Überlegt es euch gut. Es gibt Menschen, die dort nie wieder herauskommen.«

Die Tür fiel ins Schloss.

Die Nacht verging. In der Zelle saßen die fünf Praktizierenden im Lotussitz. Sie meditierten. Ihre Gesichter waren friedlich. Draußen, im Büro, trank Zhao Guoqiang Tee und rauchte eine Zigarette. Er dachte an seine Quote. Fünf Umwandlungen wären gut. Seine Vorgesetzten wären zufrieden.

Dann, um drei Uhr siebenunddreißig, geschah etwas.

Zuerst war es nur ein Zittern. Die Teetasse auf Zhaos Schreibtisch begann zu klirren. Dann wurde das Licht anders. Es kam von überall und nirgends. Es war golden, und es wurde heller und heller, bis es die Augen schmerzte.

Zhao rannte zum Fenster. Was er sah, ließ ihn erstarren.

Der Himmel über Peking riss auf. Nicht wie bei einem Gewitter, nicht wie bei einem Erdbeben. Er riss auf wie ein Vorhang, den eine unsichtbare Hand beiseitezog. Dahinter war Licht. Reines, weißes, unbeschreibliches Licht.

Die Zeit stand still. Die Uhren hörten auf zu ticken. Die Autos auf den Straßen stoppten. Die Menschen überall auf der Welt erstarrten in ihren Bewegungen. Eine Sekunde wurde zur Ewigkeit.

Und dann erschien Er.

Der Schöpfer. Das Wesen, das älter war als das Universum selbst. Er sprach nicht. Er brauchte keine Worte. Jeder Mensch auf der Erde hörte seine Stimme in seinem Innersten, in der Sprache, die er verstand.

»Die Zeit ist gekommen«, hörte Zhao. »Das Gericht beginnt.«

In der Zelle begannen die fünf Praktizierenden zu leuchten. Es war kein äußeres Licht. Es kam von innen, aus ihren Herzen, aus ihren Seelen. Li Meifang öffnete die Augen. Sie lächelte. Es war das Lächeln eines Menschen, der endlich nach Hause kommt.

Die Wände der Zelle verschwanden. Sie waren nicht mehr wichtig. Nichts von dem, was Menschen gebaut hatten, um andere Menschen einzusperren, war noch wichtig.

Die fünf Praktizierenden stiegen auf. Langsam, würdevoll, wie Engel, die ihre Flügel ausbreiten. Das goldene Licht umhüllte sie. Um sie herum, überall auf der Welt, geschah das Gleiche. Menschen, die in Lagern eingesperrt waren, in Gefängnissen, in Krankenhäusern, Menschen, die um ihres Glaubens willen gelitten hatten – sie alle begannen zu leuchten und aufzusteigen.

Zhao Guoqiang stand am Fenster und sah es. Er sah, wie Li Meifang und ihr Mann, wie Zhang Wei und seine Frau und Chen Ming durch das Dach aufstiegen, als wäre es nicht da. Er sah, wie sie höher und höher schwebten, dem Licht entgegen.

Dann traf ihn das Urteil.

Es war keine Stimme. Es war ein Wissen, das plötzlich da war, vollständig und unausweichlich. Er sah sein Leben. Jedes Verhör, jeden Schlag, jede Drohung, jeden Menschen, den er gebrochen hatte. Er sah die Gesichter der Menschen, die er nach Masanjia geschickt hatte. Er sah, was mit ihnen dort geschehen war. Er sah alles.

Zhao fiel auf die Knie. Sein Gesicht war fahl wie Asche. »Ich habe nur Befehle befolgt«, flüsterte er. »Ich hatte keine Wahl. Sie hätten mich bestraft. Meine Familie –«

Die Antwort kam ohne Worte. Sie war einfach da, wie ein Spiegel, der ihm sein wahres Gesicht zeigte.

Du hattest eine Wahl. Du hattest immer eine Wahl. Jeder Mensch hat eine Wahl.

Überall in China, überall auf der Welt, fielen die Verfolger auf die Knie. Die Agenten des Büros 610, die Wärter der Arbeitslager, die Richter, die Urteile gesprochen hatten, die Ärzte, die an den Organentnahmen beteiligt gewesen waren, die Parteifunktionäre, die zugesehen und geschwiegen hatten. Sie alle sahen, was sie getan hatten. Sie alle hörten das Urteil.

Der Boden unter Zhao öffnete sich. Es war kein Erdbeben. Es war etwas anderes. Etwas, das älter war als die Erde selbst. Er sah hinunter und sah Dunkelheit. Endlose, bodenlose Dunkelheit.

»Nein«, schrie er. »Bitte. Ich bereue. Ich –«

Aber es war zu spät für Reue. Die Zeit der Gnade war vorbei.

Er fiel. Und mit ihm fielen alle anderen. Alle Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas, die an der Verfolgung teilgenommen hatten. Alle Beamten, alle Soldaten, alle Spitzel. Alle, die für die Partei gearbeitet hatten, während sie wussten, was die Partei tat. Alle, die weggesehen hatten, als ihre Nachbarn abgeholt wurden. Alle, die geschwiegen hatten, als sie die Schreie hörten.

Sie fielen in die Dunkelheit, die kein Ende hatte.

Als der Morgen kam, war die Welt eine andere.

Der Himmel über Peking war blau. Nicht das trübe Blau hinter dem Smog, sondern ein reines, tiefes Blau, wie es seit Generationen niemand mehr gesehen hatte. Die Sonne schien, und ihre Strahlen waren warm und freundlich.

Die Menschen, die übrig geblieben waren, traten aus ihren Häusern. Es waren die Rechtschaffenen. Die, die sich geweigert hatten, an der Verfolgung teilzunehmen. Die, die im Stillen geholfen hatten. Die, die ihr Gewissen nicht verkauft hatten für Geld oder Macht oder Sicherheit.

Sie blickten hinauf zum Himmel und verstanden.

Warum man Böses nicht entschuldigen kann. Irgendwann kommt der Tag, an dem man sich verantworten muss. Nicht vor einem Gericht der Menschen, das man bestechen oder einschüchtern kann. Sondern vor dem Gericht dessen, der alles sieht und alles weiß.

Im Jingshan-Park, wo am Morgen zuvor fünf Menschen friedlich ihre Übungen gemacht hatten, blühten die Bäume. Es war Oktober, aber sie blühten wie im Frühling. Ihre Blüten waren weiß und golden, und ihr Duft erfüllte die Luft.

Ein alter Mann setzte sich auf eine Bank. Er hatte seine Nachbarn nie verraten. Er hatte nie eine Anzeige unterschrieben. Er hatte manchmal Essen vor die Tür gestellt, wenn er wusste, dass die Familie eines Verhafteten hungerte.

Er schloss die Augen und hob das Gesicht zur Sonne. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er keine Angst mehr.

Das Böse war gerichtet worden. Das Gute hatte überdauert.

Und der Himmel über Peking war blau.

S. 

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