Der erste Schnee fiel an einem Dienstag. Am Mittwoch lag er meterhoch.

Niemand hatte damit gerechnet. Die Winter der vergangenen Jahre waren mild gewesen. Man hatte die Schneepflüge verkauft. Man hatte die Winterreifen eingelagert und vergessen. Die Meteorologen hatten von Klimawandel gesprochen und dabei gelächelt, als wäre ewiger Frühling ein Versprechen.

Jetzt lag das Land unter einer weißen Decke. Die Städte verschwanden. Die Straßen verschwanden. Die Autos verschwanden unter Schneewehen, die bis zu den Dächern reichten. Es schneite weiter.

In der ersten Nacht fiel der Strom aus.

Heinrich Bergmann stand am Fenster seiner Wohnung im vierten Stock und sah auf die weiße Wüste hinab, die einmal eine Straße gewesen war. Er war siebenundsechzig Jahre alt. Er lebte allein. Seine Frau war vor drei Jahren gestorben. Seine Kinder lebten in anderen Städten.

Die Heizung funktionierte nicht mehr. Er trug zwei Pullover und seine Winterjacke. Er hatte Kerzen angezündet. Im Kühlschrank, der jetzt nicht mehr kühlte, lagen noch Brot, Käse und ein halber Apfelkuchen. Er würde damit auskommen. Eine Weile.

Aus dem Radio, das mit Batterien lief, kamen Nachrichten. Der Notstand war ausgerufen worden. Die Bundeswehr war im Einsatz. Hubschrauber versorgten abgeschnittene Dörfer. In den Krankenhäusern liefen die Notstromaggregate. Die Bürger wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.

Dann kam die Meldung von den Wölfen.

Sie waren in den vergangenen Jahren zurückgekehrt. Man hatte es begrüßt. Die Naturschützer hatten von einem Erfolg gesprochen. Die Bauern hatten geklagt. Die Politiker hatten beschwichtigt. Die Wölfe seien scheu. Sie mieden den Menschen. Es bestehe keine Gefahr.

Jetzt, im Schnee, hungerten sie.

Die erste Sichtung war am Stadtrand von Leipzig. Ein Rudel von sechs Tieren. Sie hatten Mülltonnen umgeworfen. Sie hatten einen Hund gerissen. Sie hatten keine Angst gezeigt.

Dann kamen die Meldungen aus Dresden. Aus Erfurt. Aus Magdeburg. Die Wölfe folgten der Nahrung. Die Nahrung war in den Städten.

Heinrich hörte das Heulen in der zweiten Nacht. Es kam von weit her, aber es war deutlich. Er stand wieder am Fenster. Der Mond war aufgegangen. Der Schnee leuchtete silbern. Am Ende der Straße, wo früher der Supermarkt gewesen war, bewegten sich Schatten.

Er zählte sieben.

Am nächsten Morgen klopfte es an seiner Tür. Es war sein Nachbar aus dem dritten Stock, ein junger Mann namens Krause. Er war blass. Er hielt einen Baseballschläger in der Hand.

„Haben Sie sie gesehen?"

Heinrich nickte.

„Wir müssen zusammenhalten", sagte Krause. „Die im Erdgeschoss sind schon weg. Geflüchtet. Ich weiß nicht, wohin. Die Wölfe haben heute Nacht versucht, in den Keller einzubrechen."

Sie beschlossen, sich im dritten Stock zu verschanzen. Heinrich brachte sein Essen mit. Krause hatte einen Gaskocher. Frau Lehmann aus dem fünften Stock stieß zu ihnen, eine pensionierte Lehrerin. Sie brachte Decken und eine alte Jagdflinte, die ihrem verstorbenen Mann gehört hatte.

„Ich habe noch fünf Patronen", sagte sie.

In der dritten Nacht kamen die Wölfe näher. Heinrich hörte sie an der Haustür. Er hörte das Kratzen der Krallen auf dem Metall. Er hörte das Jaulen. Es klang nicht wie Hunger. Es klang wie Planung.

Die Nachbarn organisierten sich. Aus allen Häusern der Straße kamen Menschen zusammen. Sie bewaffneten sich mit dem, was sie fanden. Küchenmesser. Äxte. Eisenstangen. Ein alter Schmied, der im Ruhestand lebte, schmiedete aus Stahlrohren Speere.

Sie errichteten Barrikaden aus Schnee und Möbeln. Sie hielten Wache in Schichten. Sie entzündeten Feuer in Metalltonnen, um die Tiere fernzuhalten.

Am vierten Tag griff das größte Rudel an.

Es waren über zwanzig Tiere. Sie kamen in der Morgendämmerung. Frau Lehmann schoss zweimal. Zwei Wölfe fielen. Die anderen zogen sich zurück.

Aber sie kamen wieder. Und wieder.

Am fünften Tag verloren sie einen Mann. Sein Name war Günther. Er war hinausgegangen, um Feuerholz zu holen. Sie fanden nur noch seine Mütze.

Heinrich fühlte etwas in sich erwachen, das er seit dem Krieg nicht mehr gespürt hatte. Er war fünf Jahre alt gewesen, als die Russen kamen. Er erinnerte sich an den Hunger. Er erinnerte sich an die Angst. Er erinnerte sich daran, wie die Menschen zusammengehalten hatten.

Jetzt hielten sie wieder zusammen.

Am sechsten Tag gelang ihnen der Durchbruch. Ein Nachbarsviertel hatte die gleiche Idee gehabt. Gemeinsam bildeten sie einen Konvoi und erreichten die Turnhalle der örtlichen Schule, wo die Bundeswehr ein Notlager eingerichtet hatte. Sie schleppten ihre Vorräte durch den Schnee. Sie trugen die Alten. Sie schützten die Kinder. Die Wölfe folgten ihnen, aber sie wagten keinen Angriff auf die Gruppe.

In der Turnhalle brannten Heizöfen. Es gab warme Suppe. Ärzte versorgten die Verletzten. Soldaten standen Wache.

Heinrich legte sich auf eine Feldbettmatratze und schloss die Augen. Er war müde. Er war erschöpft. Aber er war auch stolz.

Sie hatten es geschafft.

Am siebten Tag hörte der Schnee auf. Am achten Tag kam die Sonne heraus. Am neunten Tag begannen die Temperaturen zu steigen.

Der Tauwetter setzte ein.

Die Bundeswehr rückte vor. Die Straßen wurden freigeschaufelt. Der Strom kehrte zurück. Die Wölfe zogen sich in die Wälder zurück. Man erklärte sie für abgeschossen oder geflohen.

Die Menschen kehrten in ihre Häuser zurück.

Heinrich stand wieder an seinem Fenster. Die Straße war matschig und braun. Die Autowracks tauchten aus dem schmelzenden Schnee auf. Das Leben normalisierte sich.

Krause war vorbeigekommen. Er hatte Heinrich seinen Anteil am gemeinsamen Essen zurückgeben wollen.

„Behalten Sie es", hatte Heinrich gesagt. „Wir sind doch Nachbarn."

„Ja", hatte Krause gesagt. „Natürlich."

Dann war er gegangen. Sie hatten sich nicht mehr die Hand gegeben. Sie hatten sich kaum angesehen.

Eine Woche später traf Heinrich Frau Lehmann im Treppenhaus. Sie trug Einkaufstüten. Er wollte ihr helfen.

„Das ist nicht nötig", sagte sie. Ihre Stimme war kühl. „Ich schaffe das allein."

Heinrich erinnerte sich, wie sie in jener Nacht die Flinte gehalten hatte. Wie ihre Augen geleuchtet hatten. Wie sie ihn angelächelt hatte, als er ihr eine Tasse Tee gebracht hatte.

Jetzt war sie wieder die pensionierte Lehrerin aus dem fünften Stock. Eine Fremde.

Der Frühling kam. Der Sommer. Der Herbst. Die Menschen sprachen nicht mehr vom Schneechaos. Die Wölfe wurden weiter gejagt. Die Naturschützer protestierten. Die Bauern klagten. Die Politiker beschwichtigten.

Im Dezember starb Heinrich an einem Herzinfarkt.

Er lag drei Tage lang in seiner Wohnung, bevor jemand ihn fand. Es war der Postbote. Er hatte die Zeitungen bemerkt, die sich im Briefkasten stapelten.

Krause aus dem dritten Stock wurde befragt. Er sagte, er habe den alten Mann kaum gekannt. Frau Lehmann aus dem fünften Stock sagte dasselbe.

Die Beerdigung war klein.

Im nächsten Winter schneite es wieder. Aber nur ein wenig. Die Menschen beschwerten sich über den Schneematsch. Sie fluchten über die Kälte. Sie sehnten sich nach dem Frühling.

Niemand erinnerte sich daran, wie sie zusammengehalten hatten.

Die Wölfe aber erinnerten sich. Sie warteten in den Wäldern. Sie vermehrten sich. Sie lernten.

Sie waren geduldiger als die Menschen.

Und die Menschen waren nie wieder so einig wie in jener Woche, als die Wölfe kamen.

S. 

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