Prolog
Warum ich diese Geschichte mit einem Hinweis versehe:
Hinter all meinen Texten stehen viele Bücher, die ich lese oder gelesen habe. Alles entsteht aus Gedanken, die mir durch andere Gedanken zugetragen werden. Bücher sind Gedanken in Schriftform.
Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Menschen, für ihre Geschichten. Unsere deutsche Geschichte ist voll davon – von Schicksalen, von Tragischem und auch von Großartigem. Diese Erzählung ist aus einem solchen Interesse heraus entstanden, angestoßen durch ein Kriegstagebuch, das ich gelesen habe.
Ostpreußen ist seit Langem ein Thema, das mich besonders beschäftigt. Die Zeitspanne von 1813 bis in die Gegenwart gilt dabei meiner besonderen Aufmerksamkeit.
Im Tagebuch Otto Will: Tagebuch eines Ostfront-Kämpfers – mit der 5. Panzerdivision im Einsatz 1941–1945 las ich von den Schicksalen von Frauen und Kindern im Januar und Februar 1945 in der Nähe von Königsberg – und von dem, was in Metgethen geschah. Diese Ereignisse sind historisch belegt; es existiert dazu auch ein entsprechender Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Metgethen
Die Lektüre hat mich, wie so oft beim Lesen über menschliche Schicksale, tief berührt. Aus diesem Eindruck heraus sind diese Zeilen entstanden – als Prolog zu einer Geschichte, die Fiktion ist, deren Wurzeln jedoch in realem Leid liegen.
Otto hatte im Tagebuch tatsächlich eine Freundin in Metgethen; sie hatte Ostpreußen vor der russischen Invasion verlassen – dank Otto. Was jedoch aus Otto und seiner Herzdame nach dem Krieg wurde, blieb offen. Ich habe diese Geschichte für mich zu einem Abschluss gebracht.
Seine Herzdame war nicht vom russischen Massaker betroffen; ich habe die Geschichte bewusst anders enden lassen. Diese Zeilen sollen uns daran erinnern, dass wir Gewalt und Krieg besser lassen sollten und uns bedingungslos für den Frieden und für die Verständigung zwischen den Völkern einsetzen müssen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar – und danach sollten wir streben.
Gekämpft in Ostpreußen (Eine Kurzgeschichte)
Das Schiff lag schwer im eisigen Wasser der Ostsee. Februar 1945. Otto Brenner lehnte an der Reling und starrte zurück auf die Küste, die im Nebel verschwand. Sein linker Arm hing nutzlos in einer Schlinge, die Uniform war steif gefroren von Blut und Meerwasser. Um ihn herum drängten sich Verwundete, Flüchtlinge, Frauen mit leeren Augen, Kinder, die nicht mehr weinten.
In seiner Brusttasche trug er zwei Dinge: einen zerknitterten Brief und ein Foto. Das Foto zeigte ein Mädchen mit dunklen Zöpfen vor einem Haus mit weißgestrichenem Zaun. Auf der Rückseite stand in ihrer runden Schrift: »Für meinen Otto, damit Du weißt, wohin Du zurückkehrst. Deine Grete. Metgethen, August 1944.«
Grete. Er hatte sie immer Grete genannt, obwohl ihr voller Name Margarete war. Ein Vorort von Königsberg, ein kleines Dorf mit einem Bahnhof, einer Kirche, Bauernhöfen. Dort hatte er sie kennengelernt, im Sommer '43, als seine Einheit zur Auffrischung hinter der Front lag. Sie war die jüngere Tochter des Dorfschmieds gewesen, siebzehn Jahre alt, mit einem Lachen, das die Welt heller machte. Ihre ältere Schwester Erna war oft dabei gewesen – die beiden sahen sich ähnlich wie Zwillinge, obwohl zwei Jahre zwischen ihnen lagen.
Jetzt war Metgethen verloren. Am 30. Januar hatten die Sowjets den Ort überrannt. Die 5. Panzerdivision – seine Division – hatte am 19. Februar zurückgeschlagen, eine Schneise durch die feindlichen Linien gehauen, um die Straße nach Pillau wieder zu öffnen. Otto war dabei gewesen. Er hatte gesehen, was sie in Metgethen gefunden hatten.
Er schloss die Augen, aber die Bilder blieben. Die Leichen auf dem Tennisplatz. Die Frauen in den Kellern. Die Kinder.
Er hatte nach ihr gesucht. Stundenlang. Das Haus mit dem weißen Zaun war nur noch eine rauchende Ruine gewesen. Von der Familie Moldenhauer keine Spur. Vielleicht waren sie rechtzeitig geflohen. Vielleicht.
»Wir kommen durch«, hatte der Hauptmann gesagt, als sie ihn auf das Schiff trugen. »Wir werden leben.«
Otto war sich nicht sicher, ob er das wollte.
Vierzig Jahre später stand Otto Brenner am Fenster seines Hauses in Lübeck und betrachtete den Regen. Er war ein alter Mann geworden, mit weißem Haar und einer Narbe am linken Arm, die nie aufgehört hatte zu schmerzen, wenn das Wetter umschlug. Er hatte geheiratet – eine Frau aus dem Westen, die er 1949 kennengelernt hatte, eine gute Frau, die ihm zwei Söhne geschenkt hatte. Sie war vor drei Jahren gestorben.
Auf seinem Schreibtisch lag ein Brief. Er war aus der Sowjetunion gekommen, über verschlungene Wege, durch die Hände von Hilfsorganisationen, die sich um die Schicksale der Vertriebenen kümmerten. Der Brief war auf Russisch verfasst, aber jemand hatte eine Übersetzung beigelegt.
»Sehr geehrter Herr Brenner«, begann er. »Wir haben Ihre Anfrage bezüglich Margarete Moldenhauer, geborene 1926 in Metgethen, bearbeitet. Nach unseren Unterlagen wurde eine Person dieses Namens im März 1945 im Sammellager Königsberg registriert. Sie wurde später in ein Arbeitslager im Ural überstellt. Laut Akten verstarb sie dort im Winter 1947.«
Otto hatte den Brief schon hundertmal gelesen. Er wusste jeden Satz auswendig. Er wusste auch, dass er der Sache nicht trauen konnte. Die sowjetischen Unterlagen waren berüchtigt für ihre Lücken und Fehler. Es konnte stimmen. Es konnte auch nicht stimmen.
Aber es gab noch einen zweiten Brief. Dieser war erst gestern gekommen, aus Hamburg, von einem Mann namens Krüger, der behauptete, eine Frau zu kennen, die sich an die Familie Moldenhauer aus Metgethen erinnerte. Eine alte Frau, die in einem Altersheim in Hamburg-Bergedorf lebte. Eine Frau, die aus Ostpreußen stammte.
Otto fuhr am nächsten Morgen nach Hamburg. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel blieb grau. Das Altersheim war ein nüchterner Bau aus den sechziger Jahren, mit langen Fluren und dem Geruch nach Desinfektionsmittel.
Die Schwester führte ihn in ein Zimmer im zweiten Stock. »Sie hat gute und schlechte Tage«, sagte sie leise. »Heute ist ein guter Tag.«
Die Frau am Fenster war klein und gebeugt, mit schlohweißem Haar, das dünn über den Schädel gekämmt war. Sie drehte sich um, als er eintrat, und Otto spürte, wie sein Herz aussetzte.
Er kannte dieses Gesicht. Er kannte es, obwohl vierzig Jahre darüber hinweggegangen waren wie ein Gletscher über ein Tal. Die Augen waren dieselben geblieben – dunkel, tief, mit einem Funken, der nie ganz erloschen war.
»Grete«, flüsterte er.
Die alte Frau betrachtete ihn lange. Dann lächelte sie, und es war ein Lächeln, das er zu kennen glaubte – dasselbe Lächeln, das er auf dem Foto in seiner Brusttasche getragen hatte, durch Russland, durch den Kessel von Königsberg, über die eisige Ostsee.
»Du bist Otto«, sagte sie. »Ich habe mich gefragt, ob du jemals kommen würdest.«
Sie sprachen den ganzen Nachmittag. Sie erzählte ihm, wie sie entkommen war – aus dem Zug, der sie ins Lager bringen sollte. Sie hatte sich in einem Wald versteckt, war nach Westen gelaufen, hatte sich als polnische Zwangsarbeiterin ausgegeben, hatte Jahre in Lagern für Displaced Persons verbracht. Als sie endlich nach Deutschland kam, 1950, hatte sie nicht gewusst, wie sie ihn finden sollte.
»Ich habe geheiratet«, sagte sie. »Einen guten Mann. Er ist vor zehn Jahren gestorben.«
»Ich auch«, sagte Otto. »Sie hieß Gertrud. Sie war eine gute Frau.«
Sie saßen nebeneinander am Fenster und sahen auf den grauen Hamburger Himmel. Zwei alte Menschen, die sich vor vierzig Jahren gekannt hatten, in einem Dorf, das nicht mehr existierte, in einem Land, das es nicht mehr gab.
»Ich habe das Foto noch«, sagte Otto schließlich. Er zog es aus der Brieftasche – vergilbt, an den Rändern zerfleddert, aber noch immer lesbar. Deine Grete. Metgethen, August 1944.
Die alte Frau nahm es mit zitternden Händen. Sie betrachtete es lange, und Otto sah, wie ihre Augen feucht wurden.
Dann sagte sie etwas, das alles veränderte.
»Das ist meine Schwester«, sagte sie leise.
Otto starrte sie an. »Was?«
Sie drehte das Foto um und betrachtete die Rückseite. »Das ist Gretes Handschrift. Meine Schwester Margarete. Ich bin Erna.« Sie sah auf. »Wir sahen uns sehr ähnlich. Das sagten alle.«
Die Welt um Otto herum begann sich zu drehen. Er erinnerte sich an den Sommer 1943. An das Mädchen mit den dunklen Zöpfen. An ihr Lachen. Er erinnerte sich, dass immer zwei Mädchen dagewesen waren, unzertrennlich, ähnlich wie Zwillinge. Er hatte Grete geliebt. Aber er sah jetzt das Gesicht der anderen – Ernas Gesicht – und erkannte, dass er sie nicht auseinanderhalten konnte. Nicht nach vierzig Jahren.
»Du bist nicht Grete«, sagte er. Es war keine Frage.
»Nein.« Erna schüttelte den Kopf. »Grete hat mir von dir erzählt. Sie hat dich geliebt. Sie hat mir alles erzählt – wie ihr euch im Wald getroffen habt, wie du ihr versprochen hast, sie zu heiraten, wenn der Krieg vorbei ist.«
»Wo ist sie?«, fragte Otto. Seine Stimme war nur noch ein Krächzen.
Erna sah aus dem Fenster. Der graue Himmel. Der endlose Regen.
»Wir waren zusammen im Zug«, sagte sie. »Der Zug, der uns ins Lager bringen sollte. Ich habe es geschafft zu springen, mich zu verstecken, nach Westen zu kommen.« Sie schloss die Augen. »Grete nicht. Sie war schwach, krank, sie konnte nicht springen. Ich ... ich musste ohne sie.«
Eine lange Stille.
»Der Brief aus Moskau«, sagte Otto schließlich. »Die Akten. Margarete Moldenhauer, gestorben 1947 im Ural.«
Erna nickte langsam. »Das war sie. Meine kleine Schwester. Deine Grete.«
Otto sah auf das Foto in seinen Händen. Das Mädchen mit den dunklen Zöpfen. Das Lachen, das die Welt heller machte. Er hatte vierzig Jahre lang ihr Gesicht in seiner Brieftasche getragen. Und jetzt saß er neben einer Frau, die genauso aussah – aber nicht sie war.
»Ich habe dich für sie gehalten«, sagte er. »Als du dich umgedreht hast. Ich dachte ...«
»Ich weiß.« Erna lächelte traurig. »Alle haben uns verwechselt. Sogar unsere Mutter manchmal.«
Otto stand auf. Seine Beine trugen ihn kaum noch. Er ging zum Fenster und sah hinaus auf die Stadt, die er nicht kannte, auf ein Leben, das er nicht gelebt hatte.
»Ich habe für ein Foto gekämpft«, sagte er. »Ich habe für eine Unterschrift überlebt. Ich habe vierzig Jahre lang ein Gesicht gesucht – und als ich es endlich gefunden habe, war es das falsche.«
Erna trat neben ihn. Sie war kleiner, als Grete es gewesen war – oder bildete er sich das nur ein? Er wusste es nicht mehr. Nach vierzig Jahren wusste er gar nichts mehr.
»Sie hat dich geliebt«, sagte Erna. »Bis zum Ende. Das hat sie mir im Zug gesagt, bevor ich gesprungen bin. Sie hat gesagt: Wenn du ihn jemals findest, sag ihm, dass ich ihn geliebt habe.«
Otto nickte. Er nahm das Foto und betrachtete es ein letztes Mal. Dann legte er es auf den Tisch, neben Ernas Hand.
»Behalte es«, sagte er. »Es ist alles, was von ihr geblieben ist.«
Er ging zur Tür. An der Schwelle drehte er sich noch einmal um.
»Ich habe in Ostpreußen gekämpft«, sagte er. »Ich habe für Deutschland gekämpft. Für das Reich. Für den Endsieg. Aber in Wahrheit habe ich nur für ein Foto gekämpft. Für ein Mädchen, das in einem Lager gestorben ist, während ich im Westen ein neues Leben angefangen habe.«
Er lachte, aber es war kein fröhliches Lachen.
»Vierzig Jahre habe ich gesucht. Und jetzt habe ich gefunden, was ich gesucht habe. Nur ist es nicht das, was ich zu finden gehofft hatte.«
Die Tür fiel ins Schloss. Draußen begann es wieder zu regnen.
Erna Moldenhauer starb drei Monate später in ihrem Bett im Altersheim. Die Schwester fand sie morgens, friedlich, mit einem Lächeln auf den Lippen. In ihrer Hand hielt sie ein vergilbtes Foto ihrer Schwester.
Otto Brenner erfuhr davon durch einen Brief. Er kam nicht zur Beerdigung. Stattdessen fuhr er an die Ostsee, an einen Strand bei Travemünde, und warf eine Handvoll Erde ins Wasser.
»Für Grete«, sagte er.
Das Wasser trug sie hinaus, in die Ostsee, nach Osten, dorthin, wo einmal Ostpreußen gelegen hatte, wo einmal ein Dorf namens Metgethen existiert hatte, wo einmal zwei Schwestern gelebt hatten, die sich so ähnlich sahen wie Zwillinge – eine, die überlebt hatte, und eine, die in einem Lager im Ural gestorben war, neunzehn Jahre alt, mit dem Foto eines Soldaten in der Tasche, der nie erfahren hatte, dass sie auf ihn wartete.
Das Meer schwieg.
Wie es das immer tut.
S.
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