Der Mann saß am Fenster und sah auf die Straße hinunter. Es war der letzte Tag des Jahres, und der Schnee, der am Morgen gefallen war, hatte sich bereits in grauen Matsch verwandelt. In Berlin verwandelte sich alles schnell in grauen Matsch, dachte er.

Er hieß Martin Berger, und er war zweiundfünfzig Jahre alt. Das war ein Alter, in dem man anfing, die Jahre zu zählen, die einem noch blieben, statt jener, die vergangen waren. Er hatte einmal gelesen, dass dies der eigentliche Beginn des Alterns sei – nicht die Falten, nicht das graue Haar, sondern dieser Wechsel der Perspektive. Er wusste nicht mehr, wer das geschrieben hatte. Vielleicht hatte er es sich auch nur selbst ausgedacht und einem Autor zugeschrieben, um dem Gedanken mehr Gewicht zu verleihen.

Auf dem Tisch stand eine Flasche Rotwein, halb leer. Daneben lag ein Brief, den er an diesem Morgen erhalten hatte. Der Brief war von seiner Tochter Clara, die in München lebte und ihn einlud, das neue Jahr bei ihr zu verbringen. Er hatte den Brief dreimal gelesen. Dann hatte er die Flasche geöffnet.

Es klopfte an der Tür.

„Herein", sagte er, ohne sich umzudrehen.

Die Tür öffnete sich, und Frau Kovacs trat ein. Sie war seine Nachbarin aus dem dritten Stock, eine Ungarin Mitte sechzig, die seit dem Fall der Mauer in Berlin lebte und die besten Palatschinken diesseits der Donau machte.

„Herr Berger", sagte sie. „Sie sitzen im Dunkeln."

„Das Licht der Straßenlaternen reicht."

„Das ist kein Licht. Das ist Beleuchtung. Ein Unterschied."

Sie schaltete die Stehlampe ein, ohne zu fragen. Das Zimmer füllte sich mit warmem Gelb. Martin blinzelte.

„Ich habe Ihnen etwas gebracht", sagte Frau Kovacs und stellte einen Teller auf den Tisch. Darauf lagen drei Berliner, dick mit Puderzucker bestäubt. „Man kann das neue Jahr nicht mit leerem Magen beginnen."

„Ich habe gegessen."

„Wein ist kein Essen, Herr Berger."

Er musste lächeln. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass seine Mundwinkel nach oben gingen.

„Setzen Sie sich", sagte er.

Sie setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber. Das Leder knarzte. Es war ein alter Sessel, den er vor Jahren auf einem Flohmarkt in Kreuzberg gekauft hatte. Damals hatte er noch geglaubt, dass alte Dinge eine Geschichte erzählen würden. Jetzt wusste er, dass alte Dinge vor allem Staub sammelten.

„Clara hat geschrieben", sagte er und deutete auf den Brief.

„Und?"

„Sie will, dass ich nach München komme."

„Das ist schön."

„Ja."

„Aber Sie werden nicht fahren."

Er sah sie an. Ihre Augen waren dunkel und wach, wie die einer Katze, die weiß, wo die Mäuse sich verstecken.

„Woher wissen Sie das?"

„Weil Sie hier sitzen. Weil Sie trinken. Weil Sie den Brief nicht beantwortet haben."

„Der Brief kam heute Morgen."

„In der Zeit, die Sie zum Lesen gebraucht haben, hätte ein anderer Mann bereits gepackt."

Martin nahm einen der Berliner und biss hinein. Die Marmelade war süß und dickflüssig, genau richtig. Er kaute langsam.

„Wissen Sie", sagte er, „es gibt diesen Satz. Ich weiß nicht mehr, von wem er stammt. Dass das neue Jahr wie ein unbeschriebenes Buch sei. Dreihundertfünfundsechzig leere Seiten, die darauf warten, gefüllt zu werden."

„Ein schöner Gedanke."

„Ein dummer Gedanke. Ein sentimentaler. Denn das stimmt nicht. Das neue Jahr ist kein leeres Buch. Es ist eine Fortsetzung. Kapitel dreiundfünfzig einer Geschichte, deren Anfang man vergessen hat und deren Ende man nicht kennt."

Frau Kovacs schwieg eine Weile. Draußen heulte ein Feuerwerkskörper auf und explodierte mit einem dumpfen Knall. Ein Kind schrie, ob vor Freude oder Schreck, war nicht zu unterscheiden.

„In Budapest", sagte sie schließlich, „hat mein Vater immer gesagt: Wer am Silvesterabend weint, weint das ganze Jahr. Und wer lacht, der lacht das ganze Jahr."

„Hat es gestimmt?"

„Nein. Aber es hat uns dazu gebracht, zu lachen, selbst wenn uns nicht danach war. Und das ist auch etwas."

Martin trank einen Schluck Wein. Er dachte an Clara. An ihre Mutter, die vor vier Jahren gestorben war, an einem Dienstag im März, als der Frühling gerade begann und die Forsythien blühten. Das Leben hatte eine grausame Art, Schönheit und Verlust zu vermischen.

„Ich war kein guter Vater", sagte er.

„Waren Sie ein schlechter?"

„Ich war abwesend. Ich habe gearbeitet. Ich habe Bücher geschrieben, die niemand gelesen hat. Ich habe geglaubt, dass das wichtig sei."

„War es das nicht?"

„Nein. Ja. Ich weiß es nicht." Er stellte das Glas ab. „Es gibt diesen alten Witz. Ein Mann kommt zum Arzt und sagt: Doktor, ich habe das Gefühl, dass mein Leben an mir vorbeizieht. Und der Arzt antwortet: Das ist normal. So funktioniert Zeit."

Frau Kovacs lachte. Es war ein warmes, rauchiges Lachen.

„Das klingt nach Kästner", sagte sie.

„Möglich. Oder nach einem, der Kästner gelesen hat und dachte, er könnte es besser."

Die Uhr an der Wand zeigte halb elf. Noch neunzig Minuten bis zum neuen Jahr. Martin stand auf und ging zum Fenster. Die Straße hatte sich gefüllt. Menschen in dicken Jacken standen in Gruppen zusammen, hielten Sektflaschen und Wunderkerzen. Ein junges Paar küsste sich unter einer Laterne. Sie trugen beide rote Mützen.

„Glauben Sie an Vorsätze?", fragte er.

„Ich glaube an Taten", sagte Frau Kovacs. „Vorsätze sind Worte. Worte sind billig. Taten kosten etwas."

„Und wenn man nicht weiß, was man tun soll?"

„Dann tut man das Nächstliegende. Das Einfachste. Das, was vor einem liegt."

Martin drehte sich um. Er sah den Brief auf dem Tisch, die halb leere Flasche, die Berliner mit dem Puderzucker. Er sah Frau Kovacs in dem alten Sessel, ihr Gesicht halb im Schatten, halb im Licht der Stehlampe.

„Ich könnte den Zug um Mitternacht nehmen", sagte er. „Er fährt um null Uhr siebenunddreißig. Ich wäre um sechs in München."

„Das könnten Sie."

„Clara würde sich freuen."

„Wahrscheinlich."

„Aber?"

„Es gibt kein Aber, Herr Berger. Es gibt nur die Frage, ob Sie es tun oder nicht."

Er ging ins Schlafzimmer und holte eine Reisetasche aus dem Schrank. Sie war staubig. Er hatte sie seit Jahren nicht benutzt. Er packte ein Hemd ein, eine Hose, Unterwäsche, ein Buch. Das Buch war ein alter Band, in braunes Leinen gebunden, die Seiten vergilbt. Er hatte es vor langer Zeit gelesen, in einer anderen Zeit, einem anderen Leben.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, stand Frau Kovacs bereits an der Tür.

„Ich gehe jetzt", sagte sie. „Ich muss noch die Katze füttern."

„Danke", sagte Martin. „Für die Berliner. Und für das Gespräch."

„Es war kein Gespräch. Es war ein Anstoß. Den Rest haben Sie selbst getan."

Sie öffnete die Tür, blieb aber noch einmal stehen.

„Herr Berger?"

„Ja?"

„Wissen Sie, was das Geheimnis ist? Beim neuen Jahr, meine ich. Beim Glück."

„Nein."

„Es ist nicht der Neuanfang. Es ist die Bereitschaft, weiterzumachen. Trotz allem. Mit allem. Das ist keine Weisheit, das ist Sturheit. Aber manchmal ist Sturheit alles, was wir haben."

Die Tür schloss sich hinter ihr.

Martin Berger stand in seiner Wohnung, die Reisetasche in der Hand. Draußen stiegen die ersten Raketen in den Himmel. Rot, grün, golden. Die Stadt bereitete sich vor auf den Moment, in dem alles anders werden sollte und doch gleich bleiben würde.

Er dachte an den Satz aus dem alten Buch, das er eingepackt hatte. Dass das Leben nur vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden werden könne. Das war nicht von Hemingway und nicht von Mann und nicht von Kästner. Es war von einem Dänen, den er einmal in einem Café in Paris getroffen hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch jung war und an die Möglichkeit von Neuanfängen glaubte.

Er verließ die Wohnung, schloss die Tür ab und ging die Treppe hinunter.

Die Nacht war kalt, aber klar. Der Himmel über Berlin leuchtete in allen Farben. Menschen lachten, riefen einander zu, zählten die Sekunden.

Zehn. Neun. Acht.

Martin Berger ging zum Bahnhof.

Sieben. Sechs. Fünf.

Die Stadt explodierte um ihn herum in Licht und Lärm.

Vier. Drei. Zwei.

Er kaufte ein Ticket.

Eins.

Der Zug nach München fuhr pünktlich ab. Um null Uhr siebenunddreißig, als das neue Jahr siebenunddreißig Minuten alt war. Martin saß am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit, die zwischen den Städten lag.

Er wusste nicht, was das neue Jahr bringen würde. Niemand wusste das. Aber er fuhr seiner Tochter entgegen, und das war mehr, als er am Morgen geglaubt hatte tun zu können.

Neues Jahr, neues Glück, dachte er. Vielleicht war es kein neues Glück. Vielleicht war es nur das alte, das er wiedergefunden hatte. Oder das, was davon übrig war.

Der Zug rollte durch die Nacht. In der Ferne, hinter den schwarzen Feldern, ging ein Licht an in einem einsamen Haus.

Jemand war wach. Jemand wartete.

Das war genug.

S. 

Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏

🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO

🇺🇸 / 🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 / 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently

Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4