Geehrter Leser,

haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie man "steht?" Genauer, sich so richtig traditionell hinstellt? Dazu hatte ich mir auf jeden Fall nicht wirklich Gedanken gemacht, bis ich in älteren Benimm- und Anstandsbüchern auf der Suche nach Traditionen darauf aufmerksam gemacht wurde. Gerne möchte ich Teile daraus mit Ihnen, werter Leser, teilen.

"Von der Nutzbarkeit des Tantzens"

Dies ist der Titel des Buches aus dem Jahre 1713, aus dem ich hier eine Menge abschreiben werde. 1713 war die Deutsche Sprache noch "Teutsch" und so war "Tanz" noch "Tantz", "kann" noch "kan", "darf" noch "darff" und "beitragen" noch "beytragen" etc. Die Sätze sind für unsere Verhältnisse etwas lang geraten, doch denke ich, dass Sie sich in die Logik der alten Grammatik schnell eingewöhnt haben werden. Darum kürzte ich die Sätze nicht.

Doch nicht nur die Schreibweise und die Grammatik hat sich seit 1713 etwas verändert:
Die Damen werden hier noch liebevoll Frauenzimmer und die Herren Manns-Person genannt. Auch sonst gibt es so einiges zum Entdecken.

Um den Charakter des Textes möglichst zu erhalten, habe ich ihn so abgeschrieben, wie er im Original geschrieben steht. Bei französischen oder im Französischen wurzelnden Begriffen, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen eine "Übersetzung" in kursiv eingefügt. Doch nun zum Stehen:

Der Verfasser lässt sich in seinem Tanzbuch etwas Zeit, bevor er sich dem Tanze widmet, denn auch im 7. Abschnitt (VII) will er nicht gleich mit dem Thema Tanzen beginnen, denn er sieht sich in der Pflicht auszuführen:

"Was der rechtschaffene Maitre (Tanzlehrer) bey seiner Information vor Lectiones (Lektionen) geben soll, damit der Scholar (Schüler) ausser dem Tantzen, eine gute Aufführung lerne."

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Da muss ich seiner Logik Recht geben. Wer kann schon das Tanzen erlernen, wenn er nicht einmal richtig Gehen und Stehen gelernt hat?

Also lasst uns tiefer in die Denkweise von Anno 1713 eintauchen:

"§. 11. Lernet ein Frauenzimmer tanzen, hat sie ebenso nöthig gehen zu lernen, als ein Manns-Person; ob es schon scheinet, man könne ihr wegen der langen Kleider nicht auf die Füsse sehen, so giebt doch die ganze Stellage (Haltung) des Leibes einen Verräther ab, dass sie (die Füsse) nicht in gehöriger Weise gesetzt worden."

Offensichtlich spielte damals eine wichtige Rolle, wie jemand ging, wie jemand stand oder sich hinsetzte. Auch wo ein "Frauenzimmer" seine Füsse hingesetzt hatte, konnte auch bei weiten bodenlangen Kleidern gut an der Körperhaltung gesehen werden. An der Haltung (innere wie äussere) konnte unter anderem Stellung/Abstammung, Erziehung, Nobless wie auch Anmut und Würde gesehen werden. Wie jemand stand, ging, sass, tanzte oder sich bewegte, war wichtig, unter anderem um böse Gerüchte zu vermeiden:

"§. 12. Nichts stehen einem Frauenzimmer so übel an als weitläufige Schritte, und wenn sie über die Strasse hinlauffet, als ob sie Reichs=Geschäfte zu verrichten; die Modestie (Bescheidenheit) wird von diesem artigen Geschlechte sonderbar erfordert, drum wo man ein wenig was freyes oder hinlässiges erblicket, so fängt die schwatzhaffteste und argwöhnische Welt gleich an zu raisonieren (begründen), und dichtet einem Frauenzimmer Sachen an, deren sie doch ganz unschuldig ist. ...

Doch nun vom Gehen zum Stehen:

"§. 15. Was nun das Stehen anbelanget, so werden wieder viele sagen, wie es ja gar nicht der Mühe wehrt, etwas davon zu reden, indem alle Manschen in der Welt zu stehen wissen ; darzu spreche ich aber nein ; ein anderes ist schlecht hinstehen, ein anders ist manierlich stehen, damit man keine krumme, lahme oder bluckliche Figur mache vor welcher alle rechtschaffene Leute einen Abscheu haben."

Wie geht es Ihnen, werter Leser? Geht es Ihnen wie den rechtschaffenen Leuten im Buch, die Abscheu empfinden, wenn jemand eine krumme oder blucklige Figur macht?

"§. 16. Es beruhen aber die Kunst zu stehen darauf, dass man die Knie einziehe, und nicht eine oder das andere gebogen halte, hernach dass man die Füsse entweder neben einander oder einen vor beeden (beiden) vorwarty (nach vorne) stelle; ob nun dieses schon eine leichte Sache, so stehen doch die meisten darweder, ja mancher Tantz-Meister selbst, giebt hier auf nicht Achtung (achtet nicht darauf), da es doch ein Theil der Artigkeit, dass man wohl zu stehen wisse."

"...ein Teil der Artigkeit, dass man wohl zu stehen wisse", tja, ich muss zugeben, dass ich so einiges aus dem Text lerne, wie denn zu "stehen" sei.

"§. 17. Von der garstigen Gewohnheit, die mancher wegen seiner Commodité (Bequemlichkeit) gebrauchet, will ich hier nicht weitläuffig seyn, es ist genug wenn ich erwehne, dass man es bey der galanten Welt einen Fehler nennet, wenn jemand aus Trägheit sich von einer Seite auf die andere wendet, damit der Fuss wieder etwas ruhen kan, der ethliche Minuten Dienste gethan. Es ist noch keiner davon gestorben, der eine viertel Stunde oder länger mit eingezogenen Knien und geraden Leibe gestanden, ich will auch Bürge davor seyn, dass es in das künftige keine wiederfahren wird."

Warum sieht man eigentlich so viele Menschen, die nicht "geraden Leibes" umhergehen, stehen oder sitzen? Und es wäre billig, alle Schuld dem Smartphone zuzuschieben. Leben wir in einer "krummen Gesellschaft"? (Balletttänzer und einige andere Berufe ausgenommen natürlich.) Laut dem Verfasser wird niemand "davon sterben", wenn er sich um die Haltung eines "geraden Leibes" bemüht.

"§. 18. Etliche haben die schöne Gewonheit, dass sie sich gleich an eine Wand oder sonst wohin lehnen wenn sie etwas gestanden, haben sie denn die Füsse hübsch Kreuz=weis stellen; ich lasse diese Commodité (Bequemlichkeit) unter guten Freunden, und da nicht allezeit geschehen, an öffentlichen Orten aber, die Zeichen der Faulheit sehen zu lassen, gebühret sich nicht, wofern man nicht erbaren Leuten, darüber eine Censur abnöthigen will."

Um nochmals oben an die Fragen anzuschliessen, ist es Faulheit? Bequemlichkeit? Mangelt es uns an Aufrichtigkeit? Was ist es, dass so viele Menschen in den Strassen nicht "erhobenen Hauptes", "anmutig" und "würdevoll" gehen? In den Bussen nicht "geraden Leibes" sitzen?

"§. 19. Wo demnach ein junger Mensch manierlich heissen will; so besinne er sich überall, wie er gehe und stehe, er gewöhne sich dabey an den Leib gleich, die Brust auswärts und dem Kopf empor zu halten, denn auf solche Art wir er niemals lächerlich aussehen, und er mag unter Vornehmen oder Geringeren erscheinen, darff er sicherlich glauben dass er sich dadurch beliebt machet."

Was wäre, wenn unsere Beliebtheit in der Gesellschaft wie damals von unserer aufrechten und anmutigen Körperhaltung abhinge? Wie viele würden noch so gehen, wie sie es heute tun?

"§. 20. In Gegentheil wo er vor einem Minister/Patron oder anderen wohl=angesehenen Mann stünde, und sich bald auf die linke bald auf die rechte Seite lehnte: so mag er nur gedenken, dass man dieses eine Unhöflichkeit nennet; wenn man ihm schon deswegen nicht öffentlich tadelt, geschiehet es doch bey anderen Gelegenheiten und bisweilen bey Leuten, von deren Gewogenheit er etwas nutzen könnte."

Ich staune, welche Auswirkungen die Körperhaltung damals hatte! Wer nennt es heute eine "Unhöflichkeit" wenn jemand sich an eine Wand lehnt? Und doch, gibt es sie womöglich noch heute, die Personen und Unternehmen, die auf solches achten, und bei ihrer Einstellung von Personal oder beim Abschluss von Verträgen dies mit einbeziehen.

"§. 21. Die Erinnerungen hat auch ein Frauenzimmer zu merken, doch haben sie diesen Vortheil, vor unserem Geschlechte, dass man sie nicht gerne lange stehen lässet, nichts desto weniger fügen sich doch auch Gelegenheiten dass sie stehen müssen, wobey ihnen ein gleicher Leib billich zu recommendieren (vorzuschlagen) ist als wovon eine saubere Taille dependieret (abhängt)."

Eine Frage: Haben die Damen heute gegenüber dem Geschlecht der Männer noch den Vorteil, dass "man sie nicht gerne lange stehen lässt"? Ich muss zugeben, dass ich diese Fürsorge und Behutsamkeit dem weiblichen Geschlecht gegenüber ein wenig zu vermissen beginne.

"§. 22. Ich will ihnen aber nicht Reguln vorschreiben, wie sie stehen sollen, und was sie dabey wegen der äusserlichen Stellage merken müssen, denn hier von können sie schon etwas in des Herrn Bonins neusten Art zur galanten und Theatralischen Tanz=Kunst zu ende des 21. Kapitels finden; unterdessen werden mir einige, die niemals daran gedacht erlauben, dass ihnen hier ein Nota Bene (wohlgemerkt) vorgeschrieben, woran sich ein galantes Frauenzimmer schwerlich ärgern wird."

"§. 23. Noch eines fällt mir bey (ein): Ehe einer tanzen lernet, lasse er sich zuvor zeigen, we er den Hut abziehen und wieder aufsetzen auch wie er solchen unter den Armen tragen soll. Die Schwachheiten die hierbey vorlauffen, sind gar mancherley, worunter diese in Wahrheit die lächerlichste, wo man den Hut a la mort bleu (wie der blaue Tod) nach den linken Ohre drücket, und dadurch eine sonderbare seperate visage (Gesicht) will; kluge Leute lachen darüber und urtheilen, es gescheh deswegen, damit man daselbst die Schellen, oder gar die Haasen=Schrot (Ohren) nicht sehen könne."

"§. 24. Wer damit eine sonderliche Courage (Mut) anzeigen will, der hänge nur noch darzu ein recht grosses Jenisches Hau=Schwert, oder Goliaths=Säbel an, so ist die Masquerade richtig: aber das soll darbey erinnern, dergleichen Renommisten lasse man nicht in die Compagnie (Gesellschaft) galanter Leute, sie möchten ihnen sonsten einen Schrecken verursachen der in langer Zeit nicht zu vergessen wäre."

Damit endet der Abschnitt über das "richtige Stehen" aus dem Büchlein "Von der Nutzbarkeit des Tantzens" (beginnend bei Seite 137).

In weiteren Anstandsbüchern, wird auch behandelt, wie sich im Raum bewegt wird und wo man sich hinstellen kann. So heisst es im "Guten Ton", dass man in einer Gesellschaft anderen nicht den Rücken zuwenden soll, es könnte die Gefühle des anderen verletzen. Auch steht man nicht anderen im Weg. Man soll den Rücken wenn möglich einer Wand zuwenden, sich jedoch nicht daran anlehnen. Auch im "Guten Ton" wird davon gesprochen jederzeit "Haltung" zu wahren.

Im 1840 erschienen "Neuen Complimentirbuch... oder Anweisung in Gesellschaften... höflich und angemessen zu reden nebst den nöthigsten Regeln für Anstand und feine Sitte" steht auf Seite 112:

"Sorgfältige Aufmerksamkeit auf die Haltung und die Bewegungen des Körpers"

"Die Anständige, empfehlenste Haltung des Körpers lehrt uns unsere beste Lehrerin, die Natur, selbst, nähmlich die aufrechte. Leicht und ungezwungen schreitet der Herr der Schöpfung mit geradem, aufrechtem Körper und mit erhobenem Haupte einher. Die Haltung seines Körpers muss eben sowohl, wie sein Blick und seine Miene, von seinem Inneren zeugen, und der gebildete solide Mann wird daher in Gesellschaften weder wie ein steifes Holzbild noch wie eine gelenke Gliederpuppe durch närrische Stellungen und Gebärden sich lächerlich, sondern gewandt und leicht die zu seinem Vortrage passenden Bewegungen machen. Er wird also nicht bei jedem ihm angenehmen Worte wohlgefällig nicken, noch den Kopf so weit zurückbiegen, dass er dadurch wohl gar seinen festen Stand verlöre; auch wird er nicht mit gesenktem Haupte dastehen, wie vielleicht Leute, die es nicht wagen dürfen, ihren Blick frei und fest zu erheben. Er wird ferner besondere Sorgfalt auf eine anständige, gefällige Haltung der Hände verwenden und sich Anderen nicht widerlich und unangenehm machen, durch das Anstemmen der Arme in die Seiten, durch beständiges Reiben der Hände; durch senkrechte, ganz schlaff oder steif abgemessen herunterhängende Arme; durch das Nagen an den Nägeln, durch das Gelenkziehen an den Fingern, durch Daumenmühlen, durch Händefechten, durch Betasten umstehender Personen oder lebloser Dinge, durch das Ballen der Fäuste, wie die Bohrer in England, durch das Verbergen der Hände in den Taschen oder unter den Kleidern, oder durch andere lächerliche Händehaltungen und Bewegungen. Er wird ferner sorgfältig vermeiden, sich den Namen eines unausstehlichen Grimassenmachers zuzuziehen, und also nicht mit den Augen verstohlen zu blinzeln, noch den Blick durch weites Aufreissen derselben zu verzerren oder dieselben widerlich verdrehen. Auch wird er sich hüten, durch komische Verziehungen und Bewegungen des Mundes und der Nase Stoff zum Lachen zu geben; am wenigsten aber durch lautes Auflachen das Zwerchfells Andere unangenehm erschüttern, und durch unvermeidliches Aufsperren des Mundes dabei den Augen der Gesellschafter den erschreckenden Anblick eines tiefen Abgrundes geben. Auch die Bewegung und Stellung der Füsse wird er nicht unbeachtet lassen und dieselben bei dem Sitzen übereinander schlagen, damit baumeln oder gar den einen durch Daraufsetzen des anderen beschmutzen.

Der Gang eines Anständigen darf weder zu schnell noch zu langsam, weder wankend, noch taumelnd, sondern fest, gleichförmig und geräuschlos sein, und muss überhaupt dem Menschen eine gewisse Würde und eine Art Ansehen geben, die dem jedesmaligen Alter angemessen sind. Es darf daher bei demselben nicht Tanzendes, Trippelndes, Hüpfendes, überhaupt nichts Gezwungenes und Affectiertes vorkommen, und ein junger Mensch würde sich sehr lächerlich machen, wenn er in die Gravität und ernste Würde eines bejahrten Grossen affectieren wollte. Leicht und natürlich sei der Gang, und weder durch die Bewegungen des Kopfes, noch der Hände verunstaltet. Man halte den Kopf während des Gehens gerade, und vergesse ganz, dass man Hände hat, damit die Bewegung derselben unwillkürlich und ungekünstelt werde, und sich mit der Haltung des Körpers in ein gefälliges Ganzes verschmelze."

Der "Gute Ton" meint zu der Lautstärke des Gehens jedoch, man solle nicht lautlos gehen, da man jemanden erschrecken könnte, auch solle man nicht zu laut gehen, da man so ebenfalls jemanden erschrecken könnte. Ich überlasse es Ihnen, geehrter Leser sich ein eigenes Bild davon zu machen und selbst zu entscheiden, welches die angemessene Lautstärke des Gehens sein möge.

Gesetztheit

"Eine Haupteigenschaft eines Mannes von Welt und gutem Tone ist die Gesetztheit, oder ein Betragen, wobei das Äussere an sich schon durch Blick, Mienen, und Haltung des Körpers, vorzüglich aber die Unterredung, die Wahl der zu beredenden Gegenstände, die Art und Weise, sich auszudrücken und den Worten durch anständige, gefällige Gebärden, Anmuth und Nachdruck zu geben, anzeigen, dass man die Bildung des Geistes und Herzens nicht versäumt habe. Gerade durch diese Eigenschaft setzen wir uns nie der Gefahr aus, des Leichtsinnes, der Flatterhaftigkeit, der Inconsequenz, der Unbesonnenheit, des Mangels an Characterfestigkeit beschuldigt zu werden, und ein gesetzter Mann kann daher versichert sein, dass man ihm nie die gebührende Achtung und Aufmerksamkeit, entziehen wird; denn er zeigt dass er seinen eigenen Werth kennt, und ihn ohne Unbescheidenheit geltend zu machen weiss, und da man ihm fiehen, dass er sich selbst achtet, so unterlässt man auch nicht, ihm Achtung von unserer Seite zu erweisen. Dagegen kann der, der sich selbst wegwirft, sich zum Gecken macht, gegen jeden den gehorsamsten Diener spielt, sich hudeln und necken lässt, nie Anspruch auf fremde Achtung machen. Ein gesetzter Mann hält im Leben und Handeln stets die Mittelstrasse; lässt sich durch keine Veranlassung zu Uebereilungen fortreisen, hegt nie überspannte Ideen und vermeidet alles Extreme.

"... und vermeidet alles Extreme" ist das nicht schön? Wie ausgeglichen und "gesetzt" jemand wohl sein wird, der diesen Rat befolgt?

"In allen seinen Handlungen Empfindungen und Worten zeigt er ruhige Besonnenheit, Ueberlegung und Wahrheitsliebe. Er lässt sich daher nicht bei dem ersten Augenblicke durch ein angenehmes Äussere, durch Feinheit und Abgeschliffenheit im Betragen gänzlich einnehmen; sondern er grüssst mit kaltem Blute die Leute seines Umgangs; er übereilt sich nicht mit seinen Freundschaftsanerbietungen und bewahrt ihren Werth durch Seltenheit. Hat er aber einem gewählt, so kann man auch selbst auf ihn rechnen; denn er ist unerschütterlich in seiner Freundschaft, und beweist sie mehr durch Thaten, als Worte. Alle Zubringlichkeit ist Gemüthern, die selbst zu wissen gleuben, was zu thun ist, ganz unausstehlich; sie kleide sich in Schmeicheleien, und Dienstanerbietungen." (Seiten 112-115)

Das Büchlein beschreibt als nächstes die Höflichkeit und die Artigkeit, geht dann über die der Ausbildung der Sprache und des Tones, wie man Komplimente macht und noch vieles mehr.

Was mir bei den zitierten Stellen aufgefallen ist: die meisten dieser "Anstandsregeln" stammen aus Rücksicht anderen gegenüber. Man denkt zuerst an die anderen: ob sie sich unwohl fühlen, wenn ich ihnen zum Beispiel den Rücken zukehre? Keine dieser Regeln beharrt auf dem eigenen Vorteil oder was das beste für einem selbst sei.

Viele der Themen beschäftigen sich in diesen Büchern mit der Haltung des Herren, da damals die "Manns-Person" die Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Familie, insbesondere für seine Frau trug. Auch stand er in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Mit dem Erfolg oder Misserfolg des Herrn stand oder fiel seine Familie. Die Verantwortung und die Verpflichtungen, die er alleine zu tragen hatte, hatten damals ein anderes Gewicht als heute. Viele der Damen konnten, selbst wenn sie es wollten, nicht arbeiten gehen. So lastete dieser Teil ganz auf der "Manns-Person". Das Frauenzimmer hatte ihre eigenen Verpflichtungen und Verantwortungen, doch dazu ein andermal mehr.

Gerne verabschiede ich mich heute mit dem kleinen Spruch aus dem "Neuen Complimentirbuch":

"Lieb' alle Menschen, sei nicht eines Menschen Feind.
Den, welcher Tugend liebt, den bitte: sei mein Freund !"

Ihre Freundin vom

GJW-Kanal

Tradition

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Quellenangaben:

Der grösste Teil der zitierten Stellen stammt aus dem Buch:

Von der Nutzbarkeit des Tantzens. Wie viel selbiges zu einer Galanten und wohlanständigen Condvite (Benehmen) bey einem jungen Menschen und Frauenzimmer beytrage; Auch wie man dadurch sowol die Kinder als erwachsene Leute von beederley Geschlechte, zur Höflichkeit, Artigkeit und Freymüthigkeit anweisen solle. (Leipzig: Albrecht, 1713)

Das Buch kann hier online gelesen werden (Frakturschrift):

http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/hn-220&distype=thumbs

Gefolgt von Zitaten aus:

Neues Complimentirbuch oder Anweisung in Gesellschaften, – bei Neujahrs=, Geburts=, und Hochzeitstagen,– bei Condolenzen, Gevatterschaften, Einladungen und beim Tanz höflich und angemessen zu reden nebst den den nöthigsten Regeln für Anstand und feine Sitte Die Blumensprache und Stammbuchs-Aufsätze. Ein nützliches Buch für jüngere und ältere Personen beiderlei Geschlechts. Dreizehnte rechtmässige Auflage, verbesserte Ausgabe.
Herausgegeben von Fr. Meyer. Onedlinburg und Leipzig, 1840. Im Verlage der Ernst'sche Buchhandlung. (Frakturschrift)