
Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich (Schweizer Künstler)
"Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich"
Doku CH/D 2021 von Nathalie David.
Aufnahme: 3sat 03.12.2022.
Kunst oder Sachbeschädigung? Seit 1977 fordert "der Sprayer von Zürich" diese Frage heraus. Aktuell eckt Harald Naegeli unter anderem mit dem "Totentanz" im Zürcher Grossmünster an. An der "Urwolke" zeichnet er seit über 20 Jahren. Beide Arbeiten sind seine Wege zur Utopie, seine Art von Freiheit. Naegeli, geboren am 4. Dezember 1939, ist an Krebs erkrankt. Der Film ist sein Testament und eine Auseinandersetzung mit dem kontrovers diskutierten Künstler.
Es ist das Porträt eines streitbaren, seit jeher polarisierenden Künstlers. Eines Künstlers, der, in gutem Hause aufgewachsen, in den siebziger Jahren damit beginnt, sich aufzulehnen. Gegen das von ihm als gefühlt spießige, zu saubere Zürich, gegen Umweltverschmutzung und Massentierhaltung. Harald Naegeli wird Sprayer, ist nachts unterwegs, hinterlässt provozierende Zeichnungen auf den Mauern Zürichs, übt damit Kritik am Staat. Dafür wird er immer wieder angezeigt, auf frischer Tat erwischt, verklagt und, als er sich freiwillig stellt, inhaftiert. Sechs Monate inklusive Geldstrafen. Und doch hört er Zeit seines Lebens nicht mehr damit auf. »Die Tat gehört zur Utopie«, sagt Naegeli und revoltiert auf seine Weise.
Der Film von Nathalie David zeichnet das Bild eines inspirierenden, rebellischen, inzwischen 82-jährigen Naegeli, der unter dem Namen Der Sprayer von Zürich weltberühmt geworden ist. David nimmt dabei Rücksicht auf seinen kritischen Gesundheitszustand und fordert ihn doch immer wieder heraus. Sie bringt uns den Philosophen, den engagierten Künstler und Utopisten Naegeli näher, fragt, wie er denkt, was ihm wichtig ist und was die Intention seiner Aktionen ist. Wir erfahren es, wenn wir uns mit ihm auf die Suche nach seinen Werken begeben und die Straßen abfahren. Wenn wir einen enttäuschten Naegeli erleben, weil man seine Werke übermalt hat und einen glücklichen, wenn die Zeichnungen zwar verblasst, aber immer noch sichtbar sind.
Naegeli sagt dazu, dies sei Kunst im Raum. Kunst nehme sich Freiheiten und frage ganz nebenbei, ob sich Kunst überhaupt begrenzen lasse. Filmdokumente zeichnen seinen Lebensweg nach, zeigen berühmte Künstlerkollegen wie Joseph Beuys und Politiker wie Willy Brandt, die sich für ihn einsetzen, und zugleich, wie lange er – vor allem von staatlicher Seite – nicht verstanden wird. Die Stadt Zürich verleiht ihm den Großen Kunstpreis für sein Lebenswerk und gleichzeitig wird er vom Kanton verklagt. Der Film ist auch ein Abschied. Er wird von dieser Welt gehen, wenn er so weit ist. Er selbst will entscheiden. Das hat er immer getan. »Finito«, sagt er und Sophie Hunger singt in der Ballade vom Sprayer: »An jede Wand ein Wolkenkuss ...«
