Wir fühlen anderen Menschen und Situationen am eigenen Leibe nach. Die Sinne sind dabei keine objektiven Registrierapparate, sondern sie verändern sich durch unsere Lebenserfahrungen, Stimmungen oder Absichten.
Durch ihr Zusammenspiel „phantasieren“ wir die Menschen, denen wir begegnen, zu einem Ganzen. Wir suchen unbewusst nach Ähnlichkeiten, dichten hinzu, ziehen rasche Schlüsse, freuen uns oder leiden mit ihnen, gehen auf sie zu oder wenden uns ab.
Empathie ist ein Geschehen des ganzen Menschen und keine Kopfsache. Sie kann er- und verlernt, verdrängt, unterdrückt, moralisch gefördert, geübt und verfeinert werden. Was meint Ihr? Wir freuen uns auf eure Kommentare!
Helmut Milz, Mediziner, Psychotherapeut und Autor von Der eigen-sinnige Mensch (2019) sprach im Rahmen der 9. Empathie-Konferenz beim International Science Festival Geist Heidelberg 2019.
Alle Infos unter www.geist-heidelberg.de und www.dai-heidelberg.de
Wollen wir mal testen?
Ja, vielen Dank, Herr Gilmann.
Ich muss jetzt gerade mal schauen, dass wir hier alles richtig hinkriegen.
Gut, ich bin für das verantwortlich, was ich sage, aber nicht für das, was Sie hören.
Das klingt irgendwie ein bisschen salopp, aber das bringt eigentlich die ganze Situation schon auf den Punkt.
Jede Begegnung ist im Grunde genommen erst einmal ein Missverständnis.
Wir glauben, den anderen zu verstehen, aber wir wissen gerade aus der Literatur seit etwa dem 18. Jahrhundert,
es gibt dieses Ich, es gibt etwas Verborgenes und wie verstehen wir das?
Wie können wir das Verstehen lernen?
Da war das Einfühlungsvermögen auch ungefähr zur gleichen Zeit.
Theodor Lips, ein deutscher Psychologe, schrieb damals ein Buch mit dem Titel
»Die anderen Ichs« oder »Wie kann ich die anderen Ichs verstehen?«
Das war sozusagen seine Idee.
Das haben Sie hier als langjährige Empathie-Expertinnen, Experten ja alles schon gehört,
aber ich will es nochmal wiederholen.
Es geht bei der Empathie ja weniger um das, was wir heute immer wieder im Fernsehen hören,
in allen möglichen Statements.
Empathie ist nicht das gleiche wie Mitgefühl.
Das ist ganz wichtig, glaube ich, zu unterscheiden.
Empathie ist erst einmal nur die Fähigkeit, der Wunsch, die Bereitschaft,
sich in sein Gegenüber wie auch immer einzufühlen.
Ob daraus etwas folgt, was Mitgefühl ist, darüber spricht ja Melanie Mühl am Nachmittag auch.
Das ist nochmal eine ganz andere Frage.
Das wird aber ständig verwechselt.
Wim Wenders hat diesen wunderschönen Beitrag in der Laudatio für den großen Fotografen
vor kurzem gehalten und sagt, ja, der hat Empathie.
Er hat Einfühlungsvermögen in seiner Sicht, wie er diese furchtbaren Aufnahmen
in den Werkwerken oder der Hutzi und Tutzi fotografiert hat.
Und dieses Einfühlungsvermögen ist das Wichtige.
Was wir damit machen, wie wir darauf reagieren, ist eine ganz andere Frage.
Friedrich Nietzsche hat es einmal in einem sehr schönen Satz zusammengefasst.
Er sagt, die Dinge, und ich habe in Klammern dazu geführt,
und Menschen rühren unsere Seiten an.
Seiten mit AI.
Wir aber machen die Melodie daraus.
Wir formulieren immer den ganzen Menschen aus.
Gut hören, fortwährendes Erraten, Verstehen, schnelles Fantasieren.
Wenn man sich das einmal ein bisschen auf der Zunge zergeht,
den anderen zu verstehen, heißt im Wesentlichen, erst einmal zu fantasieren.
Den anderen zu fantasieren.
Wer ist das eigentlich, dieser andere Mensch?
Und Nietzsche nimmt hier den Begriff der Seiten.
Die Seiten sind, und das habe ich in meinem Buch ein bisschen beschrieben,
sind die ursprüngliche Idee der Nerven.
Die alten Griechen hatten Tiersektionen gemacht
und hatten dort so weiße Stränge entdeckt.
Die gingen zu den bestimmten Organen, zu den Augen vor allen Dingen hin.
Und das sah aus wie verlängerte Sehnen.
Wie Tiersehnen, wie Seiten, die sich auf die Instrumente gespannt hatten.
Und daher kommt der Begriff der Seite.
Jetzt würden sie sagen, naja, du bist aber ziemlich zart beseitet.
Wir verwenden diesen Begriff auch,
aber über die Sprachgeschichte wissen wir relativ wenig.
Und in meinem Buch, Der eigensinnige Mensch,
gehe ich sehr stark auf diese etymologischen Dinge ein.
Weil wenn man sich das ein bisschen anschaut,
wie viele Begriffe, die wir selbstverständlich verwenden,
auch Redensarten, wirklich einen Bezug haben zu unserem Erleben,
dann wird Empathie praktischer und praktischer nachvollziehbar.
Und dann wird auch klar, was Nietzsche hier so schön sagt.
Wenn das, was wir bei anderen erleben, unsere Seiten anrührt,
dann verstehen wir uns ja letztendlich wie ein Instrument.
Wie ein Instrument, auf das Seiten gespannt sind.
Und wir kommen in Schwingungen.
Und diese Schwingungen, das ist das, was sie bei den Sinnen erleben.
Die Sinne, und ich sage das jetzt mal hier ganz provokant.
Eigentlich wollte ich das so machen, dass man die Folien nacheinander zeigen kann,
die Linien. Kann man das machen?
Ich muss immer die ganze Seite zeigen, das ist ein bisschen viel.
Ah, danke. Sehr gut, dass man immer Experten hat.
Okay, schauen Sie.
Ich will den Satz nämlich mal isoliert nehmen.
Wenn wir von den Sinnen sprechen,
denken wir normalerweise an die fünf klassischen Sinne.
Und wir denken dann noch vielleicht an den sechsten Sinn.
Früher gab es noch am Fernsehen eine Sendung, die hieß der siebte Sinn.
Aber wir denken nicht daran, dass Sinne eigentlich
in unserem ganzen Organismus, über die ganze Oberfläche unseres Organismus verteilt sind.
Und wenn Sie einmal daran denken, dass die größte Oberfläche, die wir haben,
nicht die Haut außen ist, sondern die größte Oberfläche, die wir haben,
ist die Haut innen. Die Schleimhaut.
Voll mit kleinen Rezeptoren heißen diese Dinge.
Und die Rezeptoren sind eben nicht nur die mechanischen Rezeptoren
oder die Schwingungen, die über die Ohren kommen, die Schallwellen oder die Lichtwellen zum Auge,
sondern es sind auch chemische Austauschprozesse.
Unser ganzer Organismus ist im Grunde genommen ein riesiges Sinnesinstrument.
Und wenn wir uns das klar machen, dann wird der Begriff Eigensinn
etwas anderes als dieses nur trotzig und rebellisch sein,
sondern wir nehmen die Welt mit eigenen Sinnen, weil wir können gar nicht anders.
Und das ist wichtig für die Empathie.
Was machen Sinne? Sinne vermitteln Unterschiede.
Sie sagen etwas anderes als vorher.
Das ist das Banalste, was man sagen kann, aber das ist das Wichtigste, was sie machen.
Sie vermitteln Unterschiede, sie informieren uns über das, was im Moment mit uns passiert
und sie helfen uns zu antworten.
Also sie verknüpfen Erlebtes mit Bedeutungen und mit dem Wort Sinn.
In der modernen Emotionsforschung
arbeitet man heute mit einem Begriff,
der heißt Predictive Coding.
Hört sich sehr kompliziert an.
Das heißt, man geht davon aus, dass wir alle, das ist jetzt wieder Gedächtnis,
eine gewisse Art von Voreinstellungen aus unseren Erfahrungen haben,
die uns dabei helfen, schnell die Realität zu überprüfen,
weil wir haben schon eine Voreinnahme, ein Vorurteil, wenn Sie so wollen,
und wir überprüfen nur ganz schnell, ob dieses Vorurteil stimmt oder nicht.
Und wenn es nicht stimmt, dann tritt der Mechanismus der Differenz, des Unterschieds in Gang.
Das hat etwas mit Eigensinn zu tun. Leonardo hat es so schön gesagt,
die eigene Vorstellungskraft ist Ruder und Zaumzeug der Sinne.
Zaumzeug heißt eben auch, dass es uns einen gewissen Tunnelblick verschafft,
dass wir gewisse Selektion, eine selektive Aufmerksamkeit haben.
Gut, das Selbstgefühl.
Dieses Selbstgefühl, das jetzt banal kommt aus der Seuchtungsforschung,
entwickelt sich natürlich immer im Austausch mit anderen.
Manche sagen, es entwickelt sich am Widerstand mit der Welt.
Selbstgefühl ist nicht etwas, was nur allein von innen entsteht,
sondern es ist immer ein dyadisches Geschehen.
Der Systemtheoretiker und Biologe Umberto Maturana
hat es einmal in diesem schönen kleinen Grafikjahr zusammengefasst.
Jeder hat sozusagen seine eigene Welt, in der er ein eigenes Ich bildet.
Theodolips, die Suche nach dem Verständnis der anderen Ichen.
Hier ist ein zweiter. Die beiden tauschen sich aus.
Über etwas, was sie gemeinsam erleben.
Aber sie bleiben in einer gewissen Weise auch immer in diesem eigenen,
heute würde man sagen, dieser eigenen Blase.
Da ist das Bild auch ganz schön.
1971 hat ein herzlich amerikanischer Forscher, Mirabian, eine große Studie gemacht.
Die wollte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil sie so erschlagend ist.
Er sagt, Kommunikation, also das, was wir jetzt hier treiben,
geschieht im Wesentlichen ohne Worte.
Die Anteile, die das Ganze hat, er sagt, die Wirkung einer Botschaft,
also die Wirkung von dem, was ich hier sage, muss ich mir auch klar machen,
hängt zu 55 Prozent davon ab, wie ich angezogen bin,
wie ich auf der Bühnewand sie anschaue, ob ich undeutlich rede.
Das mache ich meistens. Zu 38 Prozent von der Stimme.
Und jetzt kommt das Enttäuschende. Und nur zu 7 Prozent vom gesprochenen Wort.
Das heißt, ich bereite mich wochenlang vor auf etwas und gehe da hin und denke,
ich erzähle Ihnen das alles. Und letztendlich interessiert sie das alles gar nicht,
nicht, weil sie bösartig sind, sondern weil es unsere Form der Wahrnehmung ist.
Es gibt ja noch eine zweite Geschichte, die sich Redner immer wieder klar machen müssen.
Das ist die sogenannte Drittelregel.
Das heißt, ein Drittel von Ihnen hat gesagt, ich gehe zum Empathiekongress,
aber eigentlich bin ich heute mental ganz woanders.
Da ist was passiert mit meiner Freundin oder mit meinem Partner
oder mit den Kindern oder mit meiner Stelle. Also ich bin zwar da, aber ich bin eigentlich nicht da.
Ein Drittel von Ihnen. Das zweite Drittel kommt her und sagt,
dem Milz werde ich schon was erzählen über Empathie. Da verstehe ich mehr von.
Der achtet also im Wesentlichen darauf, was ich falsch mache.
Und ein Drittel ist interessiert an dem, was ich sage.
Ich versuche natürlich mehr zu erreichen. Aber das muss man sich immer klar machen,
das ist immer so großartig, da auf der Bühne steht und was erzählt.
Und eigentlich läuft die Dynamik ganz anders.
Erkennen. Das geht zurück auf dieses Bild von Maturana,
sagt der leider sehr früh verstandene Systemdenker und Biologe Francesco Varela.
Erkennen ist immer zwischenmenschlich.
Er sagt, Mind, und das ist jetzt ein Begriff, den auf Deutsch wir immer wieder besetzen,
mit Geist, Verstand, Psyche, Seele. Das ist nicht eins zu eins zu übersetzen.
Er sagt, er ist im ganzen Menschen vorhanden.
Auch der Bauch denkt, wir hören von Bauchgefühlen.
Gehen Sie mal in eine Massage und lassen Sie sich berühren an irgendeiner Stelle,
und auf einmal geht ein Film ab, weil sich jemand an der Schulter berührt oder irgendwie
am Knie oder sonst wo. Da ist überall Gedächtnis.
Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat ja sehr schön
vom Leibgedächtnis gesprochen. Ja, ein Gedächtnis.
Wir haben ein Mind, wir haben eine Erinnerung im ganzen Körper.
Das Zweite ist, es entsteht immer eine Wechselwirkung mit anderen.
Wenn wir uns begegnen, entsteht was anderes, wie wenn wir uns begegnen.
Auf beiden Seiten. Deshalb sagt er, Geist, Mind,
entsteht immer wieder Neues. In der Wissenschaft hat man einen Begriff, in der Biologie vor allen Dingen
der sogenannten Emergenz. Da gibt es Sprünge. Das kann man nicht vorhersehen.
Da passiert was ganz anderes. Es ist nicht linear.
Sie kennen also Begriffe wie nicht linear. Ich kann das alles nicht vertiefen, aber
Kognition entwickelt sich, Erkennen entwickelt sich gemeinsam.
Empathie ist nicht eine Sache von einem, der einen anderen beobachtet,
sondern es entsteht in diesem Prozess. Ich beobachte den anderen,
beobachte die Reaktion, der beobachtet oder sie beobachtet meine Reaktion.
Es ist ein Ping-Pong-Spiel. Empathie ist also eine ganz
dynamische Geschichte. Es sei denn,
ich weiß schon von vornherein, da komme ich noch drauf, wer der andere ist.
Vertrauen. Ein ganz wichtiger Faktor
in der Empathie,
im Einfühlungsvermögen, in der Einfühlungsbereitschaft ist das Selbstvertrauen.
Das großartigste Buch dazu ist
ein Buch von 1949 von Erich Fromm, Die Kunst des Lebens.
Steht wahrscheinlich bei den meisten von Ihnen daheim im Schrank. Wollten Sie immer schon mal lesen.
Haben aber noch nie die Zeit dazu gehabt. Es fängt ein bisschen schwierig an.
In diesem Buch gibt es ein Kapitel über die Selbstliebe.
Das würde ich Ihnen wirklich empfehlen, noch einmal zu lesen.
Weil Fromm bezieht sich dort natürlich auf einen Satz aus der Bergpoetisch,
Liebe deinen Nächsten als wie dich selbst. Und ich würde sagen, die meisten von uns
kennen die erste Hälfte. Die zweite Hälfte, so wie dich selbst,
das ist so wie wenn man Kindern von der Kanzel herunter sagt,
du musst deinen Nächsten lieben. Denk nicht so viel an dich.
Ich behaupte, die meisten von uns sind
eher nur verschämt, selbstverliebt. Dann kommen nämlich die Punkte
die Fromm aufgreift, Egozentrik und Narzissmus. Das ist aber nicht das gleiche
wie Selbstrespekt und Selbstliebe. Das ist viel bescheidener
und viel fundamentaler. Das ist sozusagen eher das, was wir heute
in unserer Gesellschaft so aufpuschen
mit Likes und sonst was. Aber Selbstliebe heißt, wenn ich
in eine Begegnung hineingehe und kann bei mir bleiben.
Glauben Sie mir, das ist nicht leicht. Ich habe ungefähr 25.000
Einzelstunden Psychotherapie gemacht. 25.000 Stunden mit Leuten
einzeln da gesessen. Da habe ich mich oft getäuscht. Das ist nicht leicht.
Aber man kann mit jedem mal lernen. Wenn ich aber sage, ich versuche
mein Bestes. Ich bleibe bei mir und biete sozusagen
diesen Kontakt dem anderen an. Ob es gelingt oder misslingt, ist eine ganz andere Frage.
Dann ist das Selbstliebe ein ganz wichtiger Faktor für das, was Empathie ist.
Gut. Ganz kurz mal die Sinne.
Was erleben wir eigentlich? Wir erleben, ohne dass wir es groß wissen,
irgendwie bin ich angespannt oder entspannt.
Es gibt eine amerikanische Erfindung, die aus der Zeit nach 1945
stammt. Die heißt Coolness.
Es gibt eine wunderbare Geschichte
über die Soziologie der Coolness. Wie hat sich das entwickelt?
Wir haben das übernommen. Wir sind alle cool. Letztendlich geht es
darauf zurück, wenn ich jemand anderen bescheiße oder belüge, ist es ganz wichtig,
dass ich dabei nachdenke, wie ich das so mache, dass der andere das nicht merkt.
Das ist Coolness. Standfestigkeit ist ganz wichtig.
Merke ich, dass ich auf eigenen Füßen stehe? Oder bin ich irgendwie
gar nicht da? Bewegungsimpulse.
Ich begegne jemanden und habe das Gefühl, ich möchte eigentlich davonlaufen oder möchte ihn in den Arm nehmen.
Das passiert, ohne dass ich das weiß. Das ist Teil der Empathie.
Die inneren Organe. Das brauche ich auch nicht zu vertiefen.
Ehe ich mit diesem Menschen zusammengehe, gehe ich lieber auf die Toilette,
weil irgendwie was in mir sagt, das passt nicht oder mir wird übel.
Da sind Sinnesorgane, die reagieren. Die Atmung.
Gregor Eisenhower hat es angesprochen.
Mir stockt der Atem. Ich kann nicht mehr schnaufen.
Wenn Sie alle einen kleinen Moment die Augen ein bisschen weiter machen
und halten die Augen ein bisschen weiter offen.
Während Sie das machen, achten Sie auf Ihre Atmung.
Wahrscheinlich atmen Sie alle leichter, oder? Dann lassen Sie die Augen wieder weich werden.
Schauen wir, was passiert. Wenn ich angespannt bin, Angst habe, dann will ich das fixieren.
Was macht der Atem? Ich gehe vom Boden weg.
Der ganze Organismus reagiert sofort mit. Herzaktion sowieso. Herzklopfen.
Flüssigkeitsbewegungen. Mir stockt das Blut.
Oder mein Blut gerät in Wallung.
Früher gab es in der klassischen Medizin die Säfte leer.
Da ging es nur um Flüssigkeiten.
All das habe ich in meinem Buch vertieft. Wenn es Sie interessiert, können Sie das gerne nachlesen.
Das Nervensystem ist heute en vogue. Das weiß jeder.
Hormone, sexuelle Begierden.
Francesco Varela hat einmal gefragt, ist nicht das Immunsystem auch ein Sinnessystem?
Es muss unterscheiden zwischen Fremd und Eigen.
Permanent muss es das unterscheiden.
Eine Frage, die gar nicht so absurd ist, die wir uns nur nicht stellen.
Heute kennen wir Psycho- und Neuroimmunologie. Wir wissen, das hängt alles miteinander zusammen.
Aber im Grunde genommen ist es auch ein Sinnessystem.
Letztendlich geschieht das alles auf dem Hintergrund unserer eigenen Lebenserfahrung.
Und alles zur gleichen Zeit.
Dafür gibt es in der Medizin einen Begriff, der heißt Zynästhesie.
Gemeingefühl. Eigentlich etwas, was man nicht genau klären kann.
Der Philosoph Heller hat ein sehr schönes Buch dazu geschrieben.
Über den inneren Sinn.
Im Grunde kann man vielleicht
alle Sinne auf die Tastempfindung zurückführen.
Es ist immer der Kontakt.
Ob physikalisch, chemisch, wie auch immer.
Ich will Sie nicht langweilen mit viel Wissenschaft.
Aber das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten.
Studie von 2014.
Man hat also Hunderte von Menschen gefragt,
in der finnischen Studie, wo empfinden sie welches Gefühl am intensivsten.
Jetzt hören Sie sich das mal an.
Wo empfinde ich Ärger am meisten? Im Oberkörper. Da ist was los.
Wo empfinde ich Liebe?
Love is in my tummy. Der ganze Körper empfindet Liebe.
Was empfinde ich in der Depression? Ja nicht mehr.
Was empfinde ich bei Stolz?
Da bin ich aufgerichtet.
Diese unmittelbaren Empfindungen von Wärme, von Offenheit
oder von Verschlossenheit finden in allen Situationen statt.
Und das ist ein weiteres Teil dessen, was bei der Empathie eine Rolle spielt.
Ich nehme etwas wahr, wenn ich dann darauf achte.
Es tauchen Bewegungen auf.
Wir kommen in eine Situation und fühlen uns unwohl oder wohl.
Wir haben die Idee, ich möchte mich dem annähern oder zurückziehen.
Das passiert alles ganz von alleine.
Es ist so, dass philosophisch seit Aristoteles
immer die Frage war, ob Mitgefühl nicht im Wesentlichen,
wie Eisenhower das auch angesprochen hat, eine Frage der Furcht sei.
Aristoteles hat einmal geschrieben,
Furcht ist das auf das selbstbezogene Mitleid.
Ich fürchte mich, weil ich selbst denke,
ich könnte in die gleiche Situation kommen.
Nietzsche hat geschrieben,
Furchtsamkeit ist die Lehrmeisterin des Mitgefühls.
Der Mensch ist im Grunde ängstlich und will die Situation abchecken,
würde man heute sagen. Cool natürlich.
Dann kommen wir zu diesen Bewegungen, die wir innerlich erleben
und die wir äußerlich beim anderen oder bei uns beobachten können.
Das ist immer das Innen und Außen.
Unsere Sprache hat ja so viel Bezug
auf unser leibliches Erleben.
Wer denkt schon, dass Begreifen was mit Greifen zu tun hat
oder das Zuhören oder das Verhören was mit Hören zu tun hat
oder Begrifflichkeiten wie das Herz rutscht mir in der Hose.
Da findet man das nicht, aber da empfindet man das Herz.
Sie finden kein Herz in der Hose oder etwas geht mir durch Mark und Bein
oder jemand ist eine Nervensäge. Ja, was ist eine Nervensäge?
Haben Sie schon mal eine gesehen? Ja, aber erlebt haben Sie schon einige.
Das heißt, diese Begrifflichkeiten durchziehen unsere Sprache eigentlich von früh bis spät.
Es gibt eine ganze Theorie inzwischen in der Linguistik von Lakehoff und anderen,
die sagen, die meisten Metaphern, mit denen wir kommunizieren,
sind körpernah leibbezogene Metaphern.
Das ist ganz wichtig, dass man das ein bisschen verdeutlicht.
Sprache hat etwas mit Empfinden zu tun. Leibbezogene Metaphern
sind nicht nur in der Kommunikation, sondern auch im Naturerleben.
Warum sprechen wir vom Bergrücken oder vom Tischbein oder vom Flaschenhals?
Wir nehmen Vergleiche aus unserem eigenen Leben und übertragen sie auf das,
was wir sozusagen, wie ich schon gesagt habe, wir fahren die Linien ab
und schauen, was hat das mit uns zu tun? Das ist ganz wichtig,
dass wir uns daran erinnern, dass eben da ein Eigensinn drin liegt,
den wir nicht unterschätzen sollten.
Also, was passiert?
Da wiederhole ich mich jetzt.
Unsere Sinnesfähigkeiten verdichten sich sozusagen
in dem, was wir dann mit einem großen Wort benennen.
Ich selbst.
Gibt es jetzt ganze Theorien darüber, werde ich nicht ausdrehen,
aber jedenfalls, das, was wir am eigenen Leibe erleben,
denken Sie mal, was im Deutschen das Wort leibhaftig heißt.
Das ist teuflisch. Das Leibhaftige ist das,
was uns am Leib haftet, was einfach da ist,
was wir gar nicht wegkriegen können. Das verdichtet sich zu dem, wo wir sagen,
das bin ich, Helmut Mills oder wer auch immer.
Wir nehmen die Welt, sagen wir, mit eigenen Augen wahr, mit eigenen Ohren
und, wie ich eben gesagt habe, mit all diesen anderen Sinnessystemen
und das hilft uns, unsere Bedürfnisse zu spüren,
uns einzugliedern, Anerkennung zu finden.
Und das eigene Leben beruht auf etwas, und wenn Sie nur den Satz mitnehmen,
es gibt den Unterschied zwischen eindeutig und meindeutig.
Das ist ganz wichtig. Die Wissenschaft interessiert sich
für etwas Eindeutiges nach Möglichkeit. Unser Leben
ist weitgehend meindeutig. Und aus der Meindeutigkeit
kommt das, was ich am Anfang gesprochen habe, diese Missverständnisse.
Und diese Missverständnisse sind zu klären. Sie sind 40, 50 Jahre beieinander,
wissen Sie, umso besser. Am Anfang hat man die rosa-rote Brille auf,
man ist ein Paar, ist alles wunderbar. Und dann merkt man immer mehr,
der andere ist ja anders. Und die Kunst einer guten Beziehung besteht darin,
die Missverständnisse möglichst schnell wieder zu klären. Wo das nicht gelingt,
wo man nicht respektiert, dass der andere eine andere oder eine andere ist,
da ist die Beziehung ziemlich bald finito.
Das brauche ich nicht zu vertiefen. Gut, aus der Meindeutigkeit
geben sich eigene Erlebnisweisen, eigene Blickwinkel, eigene Perspektiven,
eigene Handlungsweisen. Ein schöner Comic von Peter Gaiman
aus dem Kölschen, da sagt doch der Koch zu dem Huhn,
gibt es Gewürze, auf die Sie allergisch reagieren?
Und ich finde, das ist wirklich ein Ausdruck von Empathie.
Das Huhn trinkt einen Pernod dazu und die beiden sind in einem
echt prima Gespräch. Ich gehe mal hier rüber.
Die sind in einem guten Gespräch und das ist das.
Norbert Sachse hat mir eben gesagt, naja, wenn man das in der Verhaltensforschung sieht,
das sind diese Schimpansen, die sind zusammen, die lieben sich und
der eine nimmt den anderen in den Arm und kuschelt und eine Stunde später bringt ihn auf bestialische Art und Weise um.
Peter Gaiman beschreibt das hier in diesem wunderschönen Comic.
Und machen wir uns Folgendes klar.
Ein einfühlsamer Psychotiker,
ein einfühlsamer Sadist,
checkt Sie genau aus und sagt auch sehr nett,
reagieren Sie allergisch auf Gewürze?
Also Spürsinn, was ist das eigentlich? Das große Wort Intuition.
Es ist in vieler Hinsicht eher ein ahnendes Erfassen.
Man ist da, man ahnt etwas.
Es ist meistens unabsichtlich.
Wenn man nicht hingeht und sagt, ich möchte ihn auschecken.
Und es hat auch oft keinen Grund,
den man irgendwie erklären kann. Warum mag ich die andere oder den anderen?
Warum fühle ich mich hier unwohl? Man weiß es nicht genau.
Aber wir wissen doch alles.
In der Psychotherapie unterscheiden wir natürlich zwischen Furcht,
also das heißt, es ist eine potenziell sinnvolle Reaktion und Angst.
Das ist eher ein Gefühl, das ich schon habe, bevor ich in eine Situation hineingehe,
da erwarte ich etwas. Unterschied. Furcht, Angst.
Schauen Sie, es gibt ein wunderschönes Buch, brauchen Sie nicht auf Englisch zu lesen,
das heißt The Gift of Fear. Das ist ein Kriminalpsychologe,
Gavin de Becker, Personenschützer.
Sie wissen, was das Wort Gift auf Englisch heißt, das Geschenk.
Sie wissen, was das Wort auf Deutsch heißt.
Also kann man sagen, es ist eine Frage der Dosis.
Wie viel Angst? Es ist ein Geschenk, es hilft,
um Situationen gut zu überstehen, weil das Buch handelt davon,
der Becker hat eine Menge von Frauen,
die Opfer von Gewalt wurden, danach interviewt, mit ihnen gesprochen.
Wissen Sie, was die meisten gesagt haben?
Ich habe gemerkt, dass die Situation gefährlich war, ich hätte abhauen können,
aber ich bin nicht abgehauen, weil ich wollte nicht unhöflich sein.
Da geht es um Situationen, wo Frauen mit dem Auto ankommen
und haben etwas Schweres zu tragen. Dann kommt jemand vorbei und sagt,
es ist doch viel zu schwer für Sie, ich trage Ihnen das schnell rein.
Sie sagen, das brauche ich nicht. Sie haben sich unwohl gefühlt,
aber sie wollten nicht sagen, nein, stopp.
Was war das Ergebnis? Dass sie die Gabe der Erkennung von Gefahr nicht genutzt haben,
sondern im Endeffekt Opfer wurden.
Auf Deutsch heißt das Buch, und das ist etwas, was mich immer wieder ärgert,
Mut zur Angst, weil das ist psychologisch gesehen ein Unsinn.
Angst und Furcht sind etwas anderes.
Wenn ich Mut zur Angst habe, sage ich, ich bin froh, dass ich mit Ängsten
nicht in eine Situation hineingehe. Nein, wenn ich ängstlich in eine Situation hineingehe,
höre ich auf ganz andere Signale und bin ganz anders angespannt
und kann mich ganz anders nicht wehren, als wenn ich sage, okay, ich bin präsent,
ich schaue, was passiert, und wenn ich das Gefühl habe, das ist nicht gut, gehe ich weg.
Deshalb ist diese deutsche Übersetzung, ehrlich gesagt, falsch.
Gut, ein bisschen Self-Promotion. Das Buch kann ich Ihnen sehr empfehlen.
Was das Buch macht, um vielleicht noch mal kurz was zu sagen zum Eigensinn und Empathie.
Meine ursprüngliche Intention war, ein bisschen die Geschichte der Sinne zu erkunden.
Was haben eigentlich die Alten, die anderen Kulturen über die Sinne gedacht?
Warum gibt es Kulturen, in denen die Nase das Wichtigste ist?
Warum gibt es Kulturen, in denen das Hören das Wichtigste ist?
Wie hat man die Sinne dann weiter medizinisch entdeckt, erforscht?
Was wissen wir heute darüber? Um im Endeffekt zu sagen, das, was wir heute darüber wissen,
ist sicherlich auch noch nicht der beste Weisheit. Letzter Schluss.
Die Sinne, das, was uns hilft, die Welt zu erkennen und zu orientieren,
haben eine Geschichte und die Geschichte geht weiter. Und was hat das mit der Sprache zu tun?
Und wenn Sie darüber was wissen wollen, kann ich Ihnen kein besseres Buch empfehlen als dieses.
Ich habe eben gesagt, für uns ist Eindeutigkeit wichtig.
Die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit Eindeutigkeit.
Das heißt, und da habe ich auch mit Saksa vorher kurz darüber gesprochen,
die Naturwissenschaft muss Bedingungen schaffen, wo sie möglichst viele Variablen reduziert,
auf Eindeutigkeit, damit sie mit anderen kommunizieren kann.
Damit sie dem Kollegen in Malaysia oder in Buxtehude oder in Chicago schreiben kann,
das ist mein Forschungsding. Interessant bei dieser Forschung ist Folgendes.
Der Forscher als Person zählt eigentlich kaum mehr, es sei denn, er kriegt den Nobelpreis.
Der Forscher ist Teil des Kollektivs. Und was noch schlimmer ist,
der Forscher beginnt hier am Kopf. Der hat keinen Rest mehr. Aus System heraus.
Weil es gibt ein sehr schönes Buch der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Desten,
die Geschichte der Vernunft. Sie beschreibt das sehr schön, wie in der Wissenschaftsentwicklung
der Mensch als Forscher nicht mehr präsent ist. Zwar in der Kantine, aber nicht im Labor.
Und wozu führt das? Das ist mal eine kleine Ausführung hier.
Es führt dazu, dass wir heute unterscheiden müssen zwischen Forschung und Entdeckung.
Große Entdeckungen werden meistens gemacht durch einen glücklichen Zufall,
durch etwas, was man in der Wissenschaftsgeschichte Serendipity genannt hat.
Der glückliche Zufall. Und was braucht man zu dem glücklichen Zufall?
Da gibt es systematische Untersuchungen und etwas ganz Wichtiges,
das wir den Verhaltensbiologen freuen, ist das, was man im Englischen Sergacity nennt.
Ich wusste gar nicht, was das heißt. Sergacity heißt den Scharfsinn.
Und wissen Sie, was das Scharfsinn ist? Der gute Riecher. Ein feines Näschen.
Das heißt, wir tun ja geschichtlich so, als ob die Nase, der Riecher eigentlich primitiv ist.
Das komplementieren. Aber um große Entdeckungen zu machen, brauchen sie einen guten Riecher.
Und um empathievernünftig anzuwenden, brauchen sie auch den Scharfsinn und den guten Riecher.
Gut, das überspringe ich jetzt mal ein bisschen.
Das ist ein zweiter Ausschnitt aus der Forschung, den ich Ihnen zeigen wollte.
Eine Arbeitsgruppe von Troja, einem deutschen Forscher aus Bochum, der dann nach Toronto gegangen ist,
die haben Folgendes gemacht. Sie haben Menschen mit Lichtpunkten versehen
und haben die über ein Laufband laufen lassen.
Und dann haben sie andere gefragt, was siehst du eigentlich in dem?
Dann haben sie das aufgezeichnet und das haben sie gesehen.
Sie können nur an den Bewegungen eines Menschen, ohne dass sie darüber nachdenken, sehen,
ist der andere fröhlich oder depressiv?
Ist der andere, das ist auch nicht so schwierig, unsicher oder sicher?
Und diese harmlosen Forschungen von Troja, wissen Sie, wo die heute angewendet werden?
Bei Scannern an Flughäfen.
Kann man natürlich sagen, prima, so entdeckt man eine Reihe von Terroristen,
vielleicht auf andere Art und Weise, aber man entdeckt auch eine Menge andere, die unschuldig sind.
Das ist all das, die ganze Ethik-Debatte, die da herum fehlt.
Gut, biologische Prozesse, nur ein paar Worte dazu, weil das kommt ja am Nachmittag.
Die Biologie, muss man sagen, wird unterschätzt,
weil alles, was wir tun und erleben, ist auch biologisch,
aber das, was wir hören über die Biologie, wird überschätzt.
Denken Sie einmal daran, wie man vorhin gesagt hat, es liegt alles in seinen Genen.
Das ist okay, aber ob das in den Genen liegt, hängt eben vom Kontext ab, von den Zusammenhängen.
Es ist kein zwangsläufiger Mechanismus.
Wir untersuchen in der Biologie Ausschnitte, Durchschnitte, Durchschnittswerte.
Aber in dem gesamten großen Topf, der Body heißt ja sozusagen,
wenn man das Sprachgeschichtsschild ist, der Bottisch, da kommt das her, da brodelt es drin.
Man kann nicht genau sagen, wie das alles linear sich entwickelt,
sondern Biologie heißt, ich suche einzelne Faktoren,
aber ich kann wenig Zwangsläufigkeiten beschreiben, wenig lineare oder klar vorhersehbare Abläufe
und vieles ist eben wieder, da kommt das Wort wieder, emergent.
Das ist ganz wichtig, weil wenn Sie zu einem guten Doktor gehen, der hat seine Leitlinien.
Und in den Leitlinien steht, ja, wenn du das hast, geh nach B und wenn das ist, geht es darüber.
Und wenn Sie das alles verfolgen, ist das alles richtig, alles evidenzbasiert.
Und jeder von Ihnen ist nach diesem System gleich.
Und keiner von denen, die hier im Raum sitzen, ist gleich.
Wir sind ähnlich. Und das ist das Wichtige an dieser Botschaft.
Wir müssen solide, kausale Mechanismen bearbeiten,
aber wir müssen immer davon ausgehen, dass es auch ganz anders sein kann.
Und wenn wir das vergessen, dann sind wir eigentlich am falschen Dampfer.
Ja, die Zusammenhänge, was ist das? Kontext, wird ja viel darüber geredet.
Das sind natürlich alles diese Dinge. Und lassen Sie mich diesen Aspekt nur kurz beschreiben.
Sie kommen irgendwo hin und dann gibt es etwas, das ist total vage.
Das ist eine Atmosphäre in einem Raum. Oder irgendwie ist da ein gutes oder schlechtes Klima.
Oder wie war die Stimmung? Also alles, würde man sagen, Soft Facts,
die ja eigentlich, naja, gut, wollen wir uns damit wirklich beschäftigen.
Aber die nehmen wir als allererstes auf, wenn wir über Empathie reden.
Wir nehmen als allererstes etwas auf, was wir nicht genau beschreiben können.
Ich habe da einen schönen Satz gefunden, den muss ich gleich nochmal suchen,
weil ich ihn großartig fand. Das heißt es, es geht um die Idee von hart und weich.
Na, ich habe mir jetzt auch nicht aufgeschrieben.
Die ganze Diskussion um Empathie, Mitgefühl, habe ich am Anfang gesagt,
war ja lange Zeit verpönt, weil man hatte keine harten Daten.
Jetzt, glaubt man, vor allen Dingen seit Entdeckung der Spiegelneuronen
und der ganzen Hirnforschung, man hat harte Daten.
Damit dieses ganze Weiche, Softe, sozusagen endlich festgemacht werden kann,
eindeutig werden kann. Und meine Damen und Herren,
bei aller Bewunderung für die harten Daten, die Facts, muss man sagen,
auch das ist leider, und ich benutze ein Wort, was mir nicht gefällt, Fake News,
die harten Daten sind ohne den weichen Kontext leider nicht zu verstehen.
Und deshalb brauchen wir halt eben diese Geschichten.
Und schauen Sie, für Empathie, das hier ist mir das Allerwichtigste,
was Eisenhauer ja auch angesprochen hat.
Wir können zwar heute fragen, gibt es eine globale Empathie,
ich muss den Globus retten, aber Empathie ist meistens sehr beschränkt.
Und unterscheidet sich sehr stark in dem, was wir nie vergessen sollten.
Wie banal ist es, in wir und sie zu unterscheiden.
Sie gehen auf den Schulhof, es werden zwei Mannschaften ausgewählt,
sie gehören zum Team A und sie gehören zum Team B.
Wem gehört ihr Mitgefühl, ihr Einfühlungsvermögen in der Situation?
Ja, Team A, weil sie sind Mitglied von Team A.
Und es kann sein, dass in Team A Mädels oder Buben sind,
die können sie eigentlich gar nicht ausstehen.
Aber in dem Moment konstruieren sie Gemeinsamkeiten mit denen.
Und diese Konstruktion der Gemeinsamkeiten ist einer der wichtigsten Faktoren
für das, was Empathie ist.
Und wir kategorisieren Menschen in wir und sie.
Und wir kommen dann dazu, dass wir nicht nur sagen,
die Juden sind Ratten und Läuse,
sondern die Muslime sind alimentierte Messermänner und Kopftuchmädels.
Und wir fangen wieder an eine Sprache zu benutzen,
die, ohne dass wir darüber nachdenken, uns in Lager treibt.
Und mir ist vor zwei Tagen ein Schauer über den Rücken gelaufen,
als ich Studie vom Jüdischen Weltkongress gesehen habe,
dass 20% ausgebildeten Akademiker in Deutschland,
Leute, die über 100.000 Euro verdienen, der Meinung sind,
die Juden reden zu viel an der Weltpolitik mit,
die Juden michten sich zu sehr ein, wir reden zu viel über den Holocaust.
Nicht irgendwie Glasköpfe aus dem Osten,
sondern 20% unserer akademischen Elite,
was heißt das für Empathie, für Mitgefühl,
für Ausschließung von anderen.
Wir können diese Debatten nicht führen,
ohne dass wir diesen Faktor, wir und sie, immer wieder berücksichtigen.
Empathie ist nicht per se human und gut,
sondern sie kann auch gezielt durch Propaganda und Medien manipuliert,
gesteuert und zum Machtzweck missbraucht werden.
Ich hätte das nie gedacht,
dass zu meinen Lebzeiten diese Frage noch einmal so aufkommt.
Aber ich kann sie nicht mehr wegleugnen.
Eine kurze Empfehlung.
Dieser nette Herr, ein wunderbarer Primatenforscher, Robert Sapolsky,
hat meiner Meinung nach im Moment das beste Buch über Mitgefühl geschrieben,
wenn Sie sich die Mühe machen wollen,
900 Seiten sich ein bisschen durchzukämpfen.
Das ist er wahrscheinlich nicht.
Dann sehen Sie hier wieder diese Übersetzung.
Das englische Buch von Sapolsky heißt Behave.
Und jetzt wollen Sie das im deutschen Verlag rausbringen,
da steht dann auch Benimm dich.
Das kauft kein Mensch.
Also machen Sie sozusagen diesen Titel Gewalt und Mitgefühl.
Er hat geschrieben The Biology of Humans at Our Best and Worst.
Und das ist meiner Meinung nach wirklich das Buch,
was die ganze Frage der Empathie schonungslos,
sehr professionell, mit sehr viel Detailwissen,
nicht immer ganz leicht lesbar, aber weitgehend leicht lesbar beschreibt
und was keine Predigt ist über Empathie.
Ich lasse mich noch ein bisschen zum Abschluss kommen auf das,
was hat mich dazu gebracht.
Nun, Empathie hat ja auch etwas zu tun mit sich in den Anderen hinein zu versetzen,
eine andere Art von Diagnostik.
Also von Diagnostik heißt ja durch den Anderen hindurchschauen.
Das ist nicht so gut.
Es ist eine Art von Spurenlese, Pferdensuche.
Also da kommen wir wieder in die Nähe der Biologie und der Verhaltensforschung.
Es ist wahrnehmen, unterscheiden und zuordnen.
Und das ist etwas Wichtiges übrigens.
Wenn Sie Diagnostik betreiben, müssen Sie diese Frage genauso stellen.
Was sagt der Andere oder was sagt er nicht?
Was hören Sie oder was hören Sie nicht?
Also auch die eigenen Fehler dabei einbeziehen.
Und dann kommen Sie eben zu dieser wunderbaren Situation.
Die Patientin kommt und sagt, Herr Doktor, ich will Ihnen mal mein Herz ausschütten.
Und der Doktor sagt, aber gnädige Frau, wozu haben wir denn ein EKG?
Das ist eine großartige Zusammenfassung der Situation,
die wir leider heute immer häufiger erleben.
Wir sagen, was ist mit diesem Softkram?
Wir wollen Hard Facts.
Nicht, dass Sie irgendwas gegen ein EKG einzuwenden haben,
aber wir kommunizieren ja auf zwei verschiedenen Ebenen.
Und deshalb sage ich, Begegnungen sind erst einmal ein Missverständnis.
Und Sie wissen, wenn Sie zum Doktor gehen, Vertrauen entwickeln wollen,
dann muss es den Schritt geben von der Begegnung zur Beziehung.
Da steckt was drin.
In dem Wort Begegnung steckt der Gegner, die Gegnerin drin.
Und Ziehung heißt ja, es zieht mich irgendwie zu diesem Menschen hin oder auch nicht.
Und das ist nicht so leicht.
Wenn Sie auf dieser Ebene bleiben, können Sie sagen, ich verstehe Sie.
Machen wir doch ein EKG.
Empathie fördern.
Ja, ich komme zum Schluss.
Empathie fördern heißt erst einmal, dass wir aufhören,
unsere natürliche Gabe zur Empathie zu behindern.
Wir haben alle die Fähigkeit, wir brauchen die Fähigkeit,
sonst könnten wir nicht überleben, den anderen zu verstehen.
Wollen wir das?
Oder behindern wir uns dabei?
Auch manchmal über viele Ideen.
Wir haben alle die Fähigkeit, den anderen zu uns einzufühlen.
Und wir sollten aufhören.
Das ist fast eine Zen-Idee.
Nicht noch mehr machen, sondern aufhören, sich zu behindern.
Zweite Geschichte.
Ja, öfters stiller werden.
Tanja Singer, habe ich gehört, wird nächstes Jahr vielleicht kommen,
die natürlich viel vorstellt über die Frage der Meditation.
Aber es geht auch im Alltag.
Einfach stiller zu werden.
Es braucht Zeit, bis mein Gegenüber auf mich wirken kann.
Die Zeit haben wir oft nicht.
Aber da, wo die Möglichkeit besteht,
oder wo wir selbst die Möglichkeit uns geben, stiller zu werden,
ist mit das Wichtigste.
Also offen zu sein, es bedarf viel Übung.
Immer wieder neu.
Eine meiner großen Lehrerinnen war eine Dame namens Charlotte Selver.
Die hat noch mit 102 Jahren unterrichtet.
Und da habe ich sie gefragt, Charlotte, was ist ihr Geheimnis?
Sie hat gesagt, ja, was ist mein Geheimnis?
Sie hat gesagt, weißt du, jeder Moment ist neu.
Ich habe gesagt, das finde ich in jedem Kalenderspruch.
Dann hat sie gesagt, if you allow it.
Wenn du das zulässt.
Wenn du das gestattest.
Jeder Moment ist neu.
Wenn du, du, du, du das gestattest.
Also stiller wirst.
Und damit auch nicht sagst, ich weiß doch, wie der andere,
oder wie meine Olle ist, oder wie sozusagen der ist.
Ich weiß es eigentlich nicht.
Dann kommen wir zu dem,
was der bekannte Empathie-Forscher Sharmil Saki
auch von der Stanford Universität so schön gesagt hat.
Empathie ist eine Frage der eigenen Wahl und der Entscheidung.
Das ist nicht zwangsläufig.
Müssen wir uns klar machen.
Wir entscheiden uns.
Ob wir bereit sind, dem anderen Aufmerksamkeit zu schenken.
Große Frage, die jetzt im Raum steht.
Jeremy Rifkin war vor kurzem sehr viel unterwegs.
Er hat ein Buch geschrieben, Global Empathy.
Nach dem, was man über Einführungsvermögen weiß,
würde man sagen, not possible.
Aber haben wir eine andere Chance.
Wir müssen versuchen, den Kreis der uns zugehörigen Gruppen zu erweitern.
Wir können eben nicht nur sagen, du bist meine Truppe
und du bist mein Feind.
Und wir sind immer mehr auf dem Weg dahin,
uns in solche Lager zu spalten.
Da wird Global Empathy nichts draus werden.
Wir müssen aufhören,
über die gewohnt anthropozentrische Welt hinaus zu denken.
Und mit anderen Lebewesen und Ökologie einzubeziehen.
Das, was Herr Gilman ja heute versucht.
Und sein eben, das zu erweitern.
Anthropozentrisch heißt,
wir müssen aufhören, uns nur auf den Menschen zu beziehen.
Der Mensch ist Teil der Welt.
Und leider, muss man oft sagen, auch sein Beherrscher.
Das hat nicht nur die besten Konsequenzen.
Groucho Marx hat diesen wunderschönen Satz gesagt.
Why should I care for future generations?
What have they done for me?
Diese Frage ist ja berechtigt.
Und mit dieser Frage wird es mit der Global Empathy natürlich auch nichts.
Deshalb kann man antworten,
weil es eben nur einen vernetzten Planeten gibt,
und das globale Klima keine Grenzen kennt.
Oder, um abzuschließen mit zwei Zitaten von Paul Valéry,
der sagt, die Menschen unterscheiden sich durch das, was sie zeigen.
Und sie gleichen sich durch das, was sie verbergen.
Die Menschen unterscheiden sich durch das, was sie zeigen.
Und sie gleichen sich durch das, was sie verbergen.
Dass ich diesen Satz mal ein bisschen näher kommen lässt,
das ist der Versuch, der Empathie nahe zu kommen.
Und der letzte Satz ist das Motto, der Name der Rose, Umberto Eco,
ein großer Semiotiker, der hat gesagt,
alle Geschöpfe der Welt sind für uns gleichsam ein Buch,
ein Gemälde, da sehe ich uns drin, und ein Spiegel.
Das war das Motto von der Name der Rose.
Damit darf ich mich für ihre lange Aufmerksamkeit bedanken.
Vielen Dank.