Prof. Dr. Ricardo Eichmann, Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung: Brunnen in der Wüste
Festvortrag im Rahmen des Jahresempfangs des Deutschen Archäologischen Instituts am 6. Mai 2015 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft. Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, die
Wasserversorgung des Menschen ist in einigen
Regionen der Welt zunehmend unsicherer und
schwieriger geworden. Das liegt nicht alleine an
etwaigen klimatischen Veränderungen, sondern ist
auch eine Folge des globalen demografischen
Wachstums und der in den vergangenen Jahrzehnten
veränderten Produktions- und Lebensgewohnheiten.
Die damit zusammenhängenden sozialen und
politischen Probleme, die besonders in Afrika
und Asien auftreten, rücken durch die mediale
Vermittlung immer häufiger auch in unser
öffentliches Bewusstsein. Vor diesem Hintergrund
ist es sinnvoll, auch über die Wasserversorgung
des Menschen in der Antike nachzudenken.
Die technischen Vorrichtungen, die in der
Vergangenheit für die Bereitstellung und
Nutzung des Wassers geschaffen wurden, werden
vom International Council on Monuments and
Sites, ICOMOS, als schützenswertes kulturelles
Erbe betrachtet. Gegenwärtig sind sie Gegenstand
einer Studie, an der auch im Orient tätige
Kolleginnen des TAI beteiligt sind. In diesem
Kontext werden bedeutende und innovative
wasserbautechnische Anlagen erfasst und evaluiert.
Mit dem Studium der historischen
Wasserversorgungstechniken ist unter anderem
die Hoffnung verknüpft, mit altem Wissen
gegebenenfalls zur Linderung heutiger
Wasserversorgungsprobleme beizutragen,
insbesondere in den durch ökologische
Veränderungen stark gefährdeten Weltregionen.
In diesem Fall geht der Kulturgutschutz einher
mit dem Schutz einer wichtigen natürlichen
Ressource. Archäologen, Hydrologen,
Hydrogeologen, Wasserbauingenieure,
Geografen usw. können sich aufgefordert
fühlen, gemeinsam nicht nur zu
weltgeschichtlich bedeutenden Fragen,
sondern auch zu aktuellen
geopolitischen Themen beizutragen.
Weshalb Wasser eine so wichtige
Ressource geworden ist, liegt auf der
Hand. Der Mensch besteht, wie alle in der
Schule gelernt haben, durchschnittlich zu
ca. 70% aus Wasser. Damit der
lebensnotwendige Wasserhaushalt
ausgeglichen ist, nimmt er, wie andere
Lebewesen auch, Wasser sowohl direkt als
auch über die Nahrung auf, je nach
Klima und Tätigkeit mehrere Liter pro Tag.
Der Mensch war somit von Beginn an
gezwungen, sich in der Umgebung von Wasser
oder konsumierbarer wasserhaltiger
Flüssigkeiten aufzuhalten.
Wasser gibt es überall auf der Erde,
allerdings sind nur ca. 2,5 bis 3%
Süßwasser, der Rest ist salzig. Das
Süßwasser ist zu etwa zwei Dritteln in
Gletschern gebunden und zu einem Drittel
als Grundwasser deponiert.
Oberflächenwasser bleibt mit etwa 0,3 bis
0,4% zwar mengenmäßig unbedeutend, war
aber kulturgeschichtlich betrachtet
außerordentlich wichtig.
Das Wasserdargebot kann von Region zu
Region recht unterschiedlich und nur zu
bestimmten Zeiten verfügbar sein.
Teilweise muss man große Anstrengungen
auf sich nehmen, um an die wertvolle
Ressource heranzukommen.
Während sich Wildtiere an die
natürlichen, an der Erdoberfläche
vorkommenden Wasserressourcen anpassen
und diesen folgen, hat der Mensch im
Laufe der vergangenen 12.000 Jahre
gelernt, sich von diesen
verhaltensdeterminierenden Bedingungen
unabhängig zu machen.
Er hat dafür technische und soziale
Voraussetzungen geschaffen, um den
Zugang zu Wasserressourcen in
kontrollierter Form zu beherrschen und
nachhaltig zu regeln.
Um dieses Thema, das am DAI im Rahmen
eines Forschungsklusters untersucht wird,
geht es heute, wobei ich mich auf die
ariden Regionen Südwestasiens
konzentrieren werde.
Hierbei werde ich die Erträge der
Forschung einbringen, die das DAI in den
kargen Regionen südlich des fruchtbaren
Halbmoons unternommen hat, wo keine
perennierenden Flüsse vorkommen und kein
Regenfeldbau möglich ist.
Die Forschungen in den ariden Regionen
Südwestasiens wurden vom DAI seit den
späten 1990er Jahren vorangetrieben.
Ich erinnere mich an Gespräche, in denen
noch vor Jahrzehnten darüber debattiert
wurde, ob die hypothetischen
Kulturkontakte zwischen Mesopotamien
und Ägypten im späten vierten Jahrtausend
vor Christus über Kommunikationsrouten
per Schiff entlang der Südküste der
arabischen Halbinsel etwa oder entlang
des Euphrates und der Levante-Küste
zustande kamen.
An den direkten Weg quer durch die
Wüsten, hier rot markiert, dachte man
damals nicht ernsthaft.
Der Haupteinwand war, dass in der Wüste
keine verlässliche Wasserversorgung
möglich sei und man zu jener Zeit das
Kamel noch nicht als Verkehrsmittel, sei
es als Last- oder Reittier nutzte.
Außerdem gäbe es keine Hinweise auf die
Machbarkeit der direkten Route.
Heute sehen wir das freilich etwas
anders. Es ist zwar richtig, dass das
domestizierte Kamel erst im frühen
ersten Jahrtausend vor Christus als Last-
und Reittier verfügbar war.
Allerdings wurde bereits im fünften
Jahrtausend vor Christus der Esel als
Nutztier gehalten.
Mit ihm haben zumindest die Ägypter sehr
früh schon Handelskarawanen ausgerüstet.
Mehrere hundert Esel wurden zum Beispiel
in der zweiten Hälfte des zweiten
Jahrtausends vor Christus von der
Dachla-Oase aus 400 Kilometer weit in die
Wüste zum Gelfkebirr-Plateau geführt.
Ähnliches kann man sich auch für das
vierte Jahrtausend vor Christus vorstellen.
Für den Handel mit Kupfererzen zu Land
wird man spätestens im vierten Jahrtausend
auf den Esel als Transporttier angewiesen.
Ganz so wie im frühen zweiten Jahrtausend,
sei es im Metallhandel der alt-assyrischen
Zeit oder wie in einer ägyptischen
ikonografischen Darstellung angezeigt.
Beide Kupfer- und Eselknochen sind an einem
vom DAI und der Jordanischen Universität
untersuchten chalkolitischen Siedlungsort
bei Aqaba ausgegraben worden.
Ein Ort, der uns später noch begegnen wird.
Das heißt, im vierten Jahrtausend vor
Christus standen durchaus effektive
Verkehrsmittel zur Verfügung.
Ähnliches gilt auch für die Wasserversorgung.
Sie ist bei näherer Betrachtung
der ariden Regionen
gar nicht so schlecht, wie die
Bezeichnungen arid oder Wüste
ernehmen lassen.
Man kann zunächst einmal davon ausgehen,
dass die Flora in den ariden Regionen
Südwestasiens während des Früh- und
Mittelholozehns, also im zehnten bis
sechsten Jahrtausend vor Christus,
etwas üppiger war als heute.
In dieser Zeit entstanden
Seen und Sümpfe in den Senken
zwischen den Dünen in der Nefut-
oder der Rub' al-Khali-Wüste.
Im Norden sorgte das
ostmediterrane Klima für kühlere
und feuchtere Phasen.
Im Süden der Monsun.
Im vierten, dritten Jahrtausend
war das Klima allerdings schon ähnlich
wie heute. Trocken, bei einem
unverlässlichen Regenfall
unter 100 Millimetern.
Die Hauptwasserscheide verläuft
auf der arabischen Halbinsel entlang der
westlichen, kristallinen Randgebirge
mit hohem Oberflächenabfluss,
der die Grundwasserleiter in den
Kalk- und Sandsteinschichten
des arabischen Schildes speist.
Dort treten häufig Karstquellen
und artesische Brunnen auf.
Um besser zu verstehen, was es
bedeuten kann, in diesen Regionen zu leben,
möchte ich einleitend auf
ethnografische Beobachtungen hinweisen,
die frühere Forschungsreisende
gemacht haben.
Der Titel dieses Vortrags wird
einigen von Ihnen vertraut vorkommen.
In der Tat wurde er nur leicht
verändert in Anlehnung
an den Titel des Expeditionsberichts
»Die Brunnen der Wüste« von
Sir Wilfrid Tessitger gewählt.
Es handelt sich hierbei um die
deutsche Übersetzung seines Werks
»Arabian Sands« aus dem Jahr
1959.
Tessitger, der von
1910 bis 2003 lebte,
wuchs als Sohn eines englischen
Diplomaten in Äthiopien auf.
Er hatte am Eton College und der
University of Oxford studiert und
erweiterte sein Wissen auf
Reisen in Afrika sowie in Südwest-
und Mittelasien. Seine
Beobachtungen vermitteln ein lebhaftes
Bild vom Leben in der Wüste, das
auch von anderen Forschungsreisenden
im 19. und 20. Jahrhundert
beschrieben wurde. Tessitger war
einer der letzten.
Er durchquerte in den Jahren 1947
bis 1950 die
Rubal-Khali in Saudi-Arabien
und beschrieb in seinem Bericht
die sich auflösende Beduinen-
Kultur, die man heute
auf der arabischen Halbinsel nicht
mehr vorfindet.
Die Wüste war seit der Mitte des
vorigen Jahrhunderts zunehmend von LKW-Spuren
durchzogen und die dort
lebenden Gesellschaften von Importen
aus Europa und Amerika
geprägt.
Die Wasserversorgung wurde durch die neu
eingeführten Dieselpumpen und
Tankfahrzeuge enorm vereinfacht
und das Grundwasser zunehmend
auch in größerem Tiefen erschlossen.
Diese Entwicklung verlief
parallel zum beginnenden Erdölboom
in den 1930er-40er-Jahren.
Die Berichte
Tessitgers beschreiben Lebensformen von
Hirtennomaden, die man sich so
auch in vormoderner Zeit, im Mittelalter
oder in der Jungsteinzeit
vorstellen kann, sieht man von innovativen
Neuerungen vor allem im Bereich
der Tierwirtschaft ab.
Er beschreibt
Überlebensstrategien in der Wüste,
für die Brunnen und Kamele
von entscheidender Bedeutung waren.
Tessitger zufolge regnete es
in den meisten Jahren sogar in der
Rub' al-Khali-Wüste irgendwo.
Der Niederschlag war zwar meist gering
und trat nur in vereinzelten
Schauern auf, aber es bedurfte nur
geringer Regenmengen, damit es in der
Wüste grünte.
Wenn der Regen nicht unterarmtief
in den Boden eindrang, hatte er nach
den Erfahrungen der Beduinen allerdings keine
Wirkung. Wenn es jedoch
den ganzen Tag und in der Nacht regnete
und das Wasser tiefer in den Boden eindrang,
blieben die Weideflächen
abhängig von der Bodenqualität
bis zu drei, manchmal sogar vier
Jahre lang grün.
Mit dem Grün entstand eine wichtige
Voraussetzung für den Aufenthalt
von Menschen in der Wüste.
Gibt es genügend Weideflächen
oder temporär gefüllte Wasserpools,
können die Beduinen vom Herbst
bis in das Frühjahr hier leben.
Im Sommer müssen sie allerdings in
größerer Nähe zu Brunnen ziehen.
Tesichers Beobachtungen zufolge
ernährten sich die Beduinen von
Kamelmilch. Solange
ein Beduine Kamelmilch hatte,
ein Milchkamel gab
zwei, drei, vier, fünf Liter pro Tag,
brauchte er nichts anderes.
Dort, wo das Wasser äußerst
selten ist, wie zum Beispiel in der südlichen
Felswüste zwischen Oman
und Hadramaut,
lebten die Beduinen in der Hauptsache
von Kamelmilch.
Alternativ wurde auch Schafziegen
oder Eselsmilch konsumiert.
In Shisur,
einem Ort mit einer Steinfestung
auf einem Felshügel, befand sich
eine der wenigen ständigen Wasserquellen
des Binnenlandes.
Nach Absenkung des Bodens
in vorislamischer Zeit, bei der
die antike Siedlung zerstört worden sein soll,
hatte man direkten
Zugang zur Wasserquelle.
Am Grund einer großen Höhle,
die unter den
Hügel hinabführt, sickerte das Wasser
aus einer tiefen Felsspalte.
Bei Tezijas Besuch
war das Wasser allerdings erst nach
stundenlanger Beseitigung von Flugsand
verfügbar und wurde zum Tränken
der Kamele in Wasserschläuchen
nach oben gebracht.
Heute wird das Wasser mit Hilfe
leistungsstarker Pumpen zur Versorgung
einer kleinen Oase an die Oberfläche
gefördert.
An manchen Stellen lieferten die Brunnen
nur geringe Wassermengen, die lediglich
für die Versorgung weniger
Kamele ausreichten, zumal diese
ja in kurzer Zeit bis zu
100-150 Liter Wasser aufnehmen
können. Das heißt, nicht alle
Wassertankstellen in der Wüste waren
für die Versorgung von großen
Karawanen mit mehreren hundert
Tieren geeignet.
Die Wasserqualität kann in den ariden
Regionen recht unterschiedlich sein.
Manchmal ist
das Wasser der Brunnen so bitter,
dass es nur getrunken werden konnte,
wenn es mit Milch gemischt wurde.
Ein Araber, der wirklich durstig ist,
sagt Hesicher, würde sogar
ein Kamel töten und die Magenflüssigkeit
trinken oder einen Stecken
in die Kehle des Kamels stoßen,
um das Erbrochene zu sich zu nehmen.
Da der Mensch nicht auf
Vorrat trinken kann, benutzt er Behälter,
in denen größere Mengen
gesammelt werden können. Hierfür
verwendeten die Wüstenbewohner sehr früh
schon Schläuche aus Ziegenbelgen,
in denen das Wasser aufbewahrt
und transportiert wurde.
Diese Behälter können in leerem Zustand
zusammengerollt werden, haben dann fast
kein Gewicht mehr und sind leicht zu
verstauen. Das Wasser schmeckt
und riecht jedoch stark
nach Ziegen.
Reines Wasser schmeckt man in der Wüste
nur im Traum, sagt Hesicher.
Waren größere
Strecken in wasserfreien Gebieten zu
durchqueren, wurden mehrere
derartige Behälter gefüllt und auf
Esel oder Kamele geladen.
Einer Quelle des 16. Jahrhunderts
zufolge zog eine aus 220
Kamelen bestehende Karawane
von Kairo nach Mekka.
Die Tiere trugen
1600 Ziegenschläuche und hatten
somit eine ähnliche Funktion wie
Brunnen. Sie waren sozusagen
mobile Brunnen.
Martin Vogel
ging in seiner kulturgeschichtlichen Studie
über den Esel Ornos Lyras
sogar so weit, die wassertragenen
Eselskarawanen mit
Aquädukten zu vergleichen.
Brunnen, domestizierte
Tiere und Milchkonsum
sind keine selbstverständlichen kulturellen
Merkmale des Menschen.
Sie mussten erst erfunden werden
und haben ihren Ursprung in der
Prähistorie Vorderasiens.
Den Beginn der produzierenden
Wirtschaftsweise, gekennzeichnet durch die
Domestikation von Getreide und von
Rind, Schaf und Ziege, kann man an
Ausgrabungsorten in der Region des fruchtbaren
Halbmonds fassen und in das
10. und 9. Jahrtausend vor Christus
zurückverfolgen.
Die Nahrungsmittelproduktion diente der
Ressourcensicherung und Risikominderung
im Überlebensprozess.
Sie war im Vergleich zu der alten,
aneignenden Wirtschaftsweise effektiver
und ergiebiger mit dem
Ergebnis, dass die Bevölkerung stetig
zunahm.
Eine der wirksamsten Maßnahmen zur
Verringerung wasserwirtschaftlicher Risiken
war der Bau von Brunnen.
Der Geograf Eugen Wirth
bezeichnete die Grundwasserbrunnen
als erste bahnbrechende Innovation
in der Wasserversorgung,
die eine grundlegende Veränderung der
Siedlungsmuster zur Folge hatte.
Dachte er hierbei noch an bronzezeitliche
Befunde, kann man heute Brunnen
bis ins frühe Neolithikum
zurückverfolgen.
Auf Zypern sind Brunnen bereits für das
9. Jahrtausend vor Christus nachgewiesen,
allerdings kommen sie hier,
und das ist eigenartig, zusätzlich zu
vorhandenen Wasserquellen vor.
Das heißt, sie wurden dort nicht ausschließlich
aus Mangel an Oberflächenwasser
angelegt, sondern wahrscheinlich
auch aus soziokulturellen Gründen,
wobei sozialer Status
und kultische Rituale eine Rolle
gespielt haben könnten.
Man darf allerdings nicht außer Acht
lassen, dass nicht alle frühneolithischen
Siedlungen notwendig in der Nähe
von Quellen angelegt wurden.
Der frühneolithische
zentrale Ruinenort Göbekli Teppe
in Südostanatolien,
der auf der höchsten Erhebung
in seiner Umgebung liegt, befindet
sich fünf Kilometer von den
nächstgelegenen Quellen entfernt.
Hier scheinen die Wasserversorgungsaspekte
für die Ortswahl nicht
im Vordergrund gestanden zu haben.
Offensichtlich gaben
die erhabene Lage und Fernsicht
sowie die Nähe zu Baumaterialien
für die megalithische Architektur
den Ausschlag.
Für die Wasserversorgung hat man
Regenwasser mithilfe von
Rinnen und über 60 kleinen
Zisternen gesammelt und somit
eine frühe Form des Rainwater
Harvesting praktiziert.
Die Zisternen hatten ein Volumen
von insgesamt mindestens 153
Kubikmeter, womit rechnerisch
etwa 425 Liter pro Tag
theoretisch zur Verfügung
gestanden hätten. Darüber hinaus
könnten weitere, wesentlich größere
Zisterne benutzt worden sein, die
erst jüngst von unseren Kollegen
ausgegraben wurden und kleineren
Bevölkerungsgruppen eine sichere
Wasserversorgung ermöglicht haben dürften.
Die Land-
und tierwirtschaftliche Entwicklung
im fruchtbaren Halbmond hatte vermutlich
schon im Laufe des Neolithicums
einen gravierenden Einfluss auf den
Naturraum, sei es ein verstärkter
Druck auf die natürlichen Ressourcen
wie Boden und Wasser, eine
Übernutzung der Ressourcen, insbesondere
der Wälder- und Wildtierfauna
oder Migrationsbewegungen
der Menschen im lokalen und regionalen
Maßstab infolge des
Bevölkerungswachstums.
Es gibt inzwischen etliche
Hinweise darauf, dass viele
neolithischen Siedlungen im 8. und 7.
Jahrtausend vor Christus verlassen wurden.
Diese Zeit
ist durch eine
Klimaverschlechterung gekennzeichnet,
die die Nahrungsmittelproduktion zusätzlich
erschwerte, worauf
nach Michelle Dinges unter anderem
auch die Pollenbefunde aus
Borkhallen von Taymar in Nordwestarabien
hinweisen. Klimaforscher
sprechen von einem rapid climatic
change um 6.200
vor Christus. Einige
Siedlungen haben die Krisenzeit aber
überstanden, unter anderem dank
einer weiteren neolithischen Innovation,
nämlich der Milchviehhaltung
und Fermentierung von Milch.
Diese anhand von
Gefäßinhalten und Zahnsteinbefunden
chemisch nachweisbare Errungenschaft
hat die Entwicklung der menschlichen
Gesellschaft nachhaltig geprägt
und zur Ausbreitung
des Neolithikums letztlich beigetragen.
Milch und Milchprodukte trugen
fortan verstärkt zur Verminderung
der Überlebensrisiken bei.
Wohin die Menschen
nach Verlassen ihrer Siedlungen zogen,
ist unklar. Sicher
scheint aber, dass bereits um 6.000
vor Christus mit der Tier- und
Milchtierwirtschaft befasste Gruppen
ihre landwirtschaftlichen Gunsträume
verlassen hatten. Sie trugen
das neolithische Wissen auf ihren
Migrationsrouten entlang von Trockentälern
in Regionen, die abseits des
fruchtbaren Halbmoons lagen, wo zuvor
allenfalls neolithische Jäger
sporadisch unterwegs waren.
Sie führten Tierherden
in die Weidegebiete der ariden Regionen,
oszillierten zwischen
Sommer- und Winterstandorten
und mussten nicht mehr die Futterpflanzen
zum Tier bringen oder selbst
permanent in Brunnennähe bleiben.
Mehrere Siedlungsplätze
dieser Zeit wurden noch vor dem
Dritten Golfkrieg im Bereich des
Wadi Hawran in der westlichen irakischen
Wüste entdeckt. Die Lagerplätze
neolithischer Gruppen konnten aufgrund
typischer Steingeräte Werkzeuge in
das 7. bis 6. Jahrtausend vor Christus
datiert werden. Die Menschen
hielten sich dort mit ihren Rindern, Schafen
und Ziegen auf und gingen wahrscheinlich
auch der Jagd nach, sei es auf
katzenartige Raubtiere, die die Herden
gefährdeten, oder auf Fleischlieferanten
wie zum Beispiel Rotwild.
Heute wird das Wasser
von den Hirtennomaden in den
Wintermonaten durch den Aushub
von mehreren Meter tiefen Wasserlöchern
in den Wadis gewonnen.
Nach Regenfällen
sind sie randvoll gefüllt und können
bis in das Frühjahr Wasser liefern.
Noch in jüngster Vergangenheit
zogen die Beduinen im Winter mit ihren
schwarzen Zelten und ihren Schaf- und
Ziegenherden in dieselben Regionen,
um die Tiere hier grasen zu lassen.
Von den neolitischen
Siedlungszentren gingen auch
Wanderbewegungen der Hirtennomaden nach Süden
und Südosten aus. Nach
Philipp Drexlers Studie zur Ausbreitung
des Neolitikums auf der arabischen
Halbinsel kann die Kenntnis der
Domestikation von Schaf und Ziege
auf den Migrationsrouten der Hirten
bis nach Ostarabien transferiert worden sein.
Steingeräte, die
denen des 7. bis 6. Jahrtausends
in der Levante technologisch und typologisch
entsprechen, konnten zum Beispiel
im Rahmen archäologischer Surveys im Westen
Katars festgestellt werden.
Sie sind deutliche
Hinweise auf einen Wissenstransfer
von der Levante in die Golfregion.
Der Hirtennomadismus
sorgte nicht nur für eine
Ausbreitung von Wissen und Informationen
in den ariden Regionen Südwestasiens,
sondern begründete auch
paläobeduinische Netzwerke
und Verkehrsrouten, die in den
nachfolgenden Perioden für den Kontakt
mit urbanen Gesellschaften genutzt werden
sollten. Auf diesen Wegen
wurden ab dem 6. Jahrtausend vor Christus
natürliche Ressourcen
hunderte von Kilometern weit
von Südarabien aus nach Norden
transferiert, seien es Schnecken des
Indischen Ozeans in das Zentrum
der Arabischen Halbinsel oder
ostafrikanischer jemenitischer Obsidian
in die nördliche Golfregion.
In verschiedenen Regionen
haben die Hirtennomaden des nachfolgenden
5. und 4. Jahrtausends verstanden
mit innovativen Techniken die Wasserversorgung
zu verbessern, insbesondere
in klimatisch kritischen Zeiten.
Forschungen der
vergangenen 15 Jahre in Jordanien und
Saudi-Arabien haben ein völlig neues
Bild der Besiedlungsgeschichte der
ariden Regionen erbracht, die sich
heute durchaus als dauerhafte
Aufenthaltsräume für die Menschen
jener Zeit erweisen.
Im Osten Jordaniens produzierten
sie im Bereich des Wadi Ruwaischid
hunderttausende fächerförmige
Schaber im Tagebau, die den
Forschungen von Bernd Müller-Neuhof zufolge
höchstwahrscheinlich der Fell-
und Lederproduktion sowie der
Ziegen- und Schafschur gedient
haben. Derartige Geräte
wurden auch in der südlichen jordanischen
Wüste hergestellt.
Gemeinsam ist beiden Bereichen das
Vorkommen von Behausungen, Tiergehegen
und Gräbern einer teilweise ganzjährig
ansässigen Wüstengesellschaft.
Die große Menge
der Steingeräte und der Tiergehege
lässt an eine Großproduktion von
tierwirtschaftlichen Erzeugnissen denken,
die vermutlich für den überregionalen
Vertrieb bestimmt waren.
Indizien für den Güteraustausch
sind in der Region vorkommende Schnecken
aus dem Mittelmeer oder Rotenmeer.
Die
Bergbautätigkeit und Steingeräteproduktion
wurde sehr wahrscheinlich von den
nahegelegenen Siedlungen kontrolliert,
die bereits künstlich bewässerte
Terrassengärten anlegten und
die kurzen, aber intensiven Regenfälle
großflächig sammelten und
durch Ablenkdämme und Kanäle,
wie sie hier im Bild zu sehen sind,
in die kaskadenartig angelegten
Felder leiteten. Hier wurden
systematisch großflächig
Rainwater-Harvesting betrieben.
Beispiele hat
wiederum Berndmüller-Neuhof in der Umgebung
der chalcolitischen Siedlung Java
aus dem 5. und 4. Jahrtausend v. Chr.
in Osten Jordaniens genauer
untersucht. Der Ort
liegt dicht neben einem Trockental,
das mit dem Jebel el Arab,
mit den dort fallenden Niederschlägen
in Form von Sturzfluten versorgt wurde.
In Ergänzung dazu
dürften unterirdische Wasservorkommen,
die sich in Lavaröhren sammelten,
erschlossen worden sein.
In Kulban-Benimura,
einem chalcolitischen Ort im Südosten
Jordaniens, hat Hans-Georg Gebel
einen paläobeduinischen Siedlungsplatz
des 5. und 4. Jahrtausends v. Chr.
erforscht und einen Brunnen
mit damit zusammenhängenden
Tiertränken und anderen Bauresten
freigelegt. Auch hier
weisen die Steingeräte auf eine Fertigung
von Tierprodukten hin.
Die hydraulischen Techniken und die
damit geschaffenen Wasservorräte
bewirkten, dass die Hirten
ihre Wanderungen abkürzen konnten
und das Vieh sich zwangsläufig in
engeren Gebieten aufhielt.
Dies hatte wiederum zur Folge, dass die Vegetation
verkümmerte, der Boden kahl
und zur Erosionsfläche wurde.
Hierauf hatte
Johann Tesicher hingewiesen,
als er sagte, im Sommer
versammeln sich die Araber um die Brunnen,
eine Tagesreise im Umkreis
und mehr sind alle Weideplätze
abgegrast.
Dieser Sachverhalt wird zurzeit im Rahmen von
Aktivitätszonenanalysen
im Umfeld von Brunnen in
Katar untersucht.
Im späten 5. und 4.
Jahrtausend v. Chr. entstanden
im hyperariden Süden Jordaniens
am nördlichen Rand von Aqaba
eine Siedlung, deren Reste
auf dem Schwemmfächer einer nahegelegenen
Bergschlucht liegen.
In unregelmäßigen Abständen
von mehreren Jahren schießen hier
Sturzfluten aus einem 10.000 Quadratkilometer
großen Wassereinzugsbereich
an der Siedlung vorbei.
Hier entstand eine florierende
kleine Oasensiedlung, die mit
athesischen Brunnen, Dämmen und Kanälen
Bewässerungsfeldbau betrieb,
unter anderem Weizen und Flax produzierte
und neben Schafziege
auch Rinder mit ihren Kälbern
und Eseln versorgte.
In der Siedlung wurde
in häuslicher Produktion das aus 30
Kilometer Entfernung herbeigeschaffte
Kupfererz zu Kupfer verarbeitet.
Die Handwerker gehörten Werkstattkreisen
an, die unter anderem
das Niltelta mit Kupfer und
vielleicht auch mit den in der Wüste
produzierten fächerförmigen Schabern versorgten.
Darüber hinaus
hatte man hier Muscheln und Schnecken
zu Prestigeobjekten verarbeitet
und gehortet.
Der Ort war offenbar ein Umschlagplatz
für Waren unterschiedlicher Herkunft
und repräsentiert die Spitze
einer mehrschichtigen Siedlungshierarchie
in der hyperariden Region.
Im Gegensatz
zu Mesopotamien und Ägypten
konnte hier aber keine
komplexe Gesellschaftsordnung im Sinne
einer Hochkultur entstehen.
Die bescheidenen Anbauflächen von
nur circa 30 Hektar
erlaubten keine Akkumulation
größerer Populationen.
Die Gemeinschaften des 5. und 4. Jahrtausends
vor Christus waren generell eher klein
und umfassten kaum
mehr als 100 oder 200 Personen.
Diese Einschätzung
deckt sich auch mit den Ergebnissen
der vom DAI in den frühen
2000er Jahren in Oman unternommenen
Oasenforschung.
Die naturräumlichen Voraussetzungen wären
in der Aqaba-Region ideal gewesen,
um größere Menschenmengen
zu versorgen, ähnlich wie im
südarabischen Marib, der
späteren Hauptstadt der Sabäer
am Ostrand des jemenitischen Hochlandes.
Dort hatte man bereits
während der Bronzezeit Ablenkdämme
in einem Trockental
für die Feldbewässerung gebaut.
Eine Vollsperrung des Tals
erfolgte erst im 6. Jahrhundert
vor Christus mit einem 700 Meter langen Damm.
Damit
wurden die jährlichen Wasserfluten über
gigantische Schleusenanlagen
in ein komplexes landwirtschaftliches
Bewässerungssystem geleitet.
Dies ermöglichte die Bewirtschaftung
einer über 9.000 Hektar
großen Oase, die in den vergangenen
Jahrzehnten vom DAI eingehend
untersucht werden konnte.
Die Oase lieferte in guten Zeiten mehrere
Ernten pro Jahr und bot die
Voraussetzung für die Etablierung
einer starken politischen und
wirtschaftlichen Macht in Südarabien,
wobei der Damm und seine Reparaturen
das Prestige der jeweiligen Herrscher
mehrte.
Brunnen dienten
der Versorgung von Haushalten und von
Heiligtümern.
Der legendäre Aromatherhandel der
Sabäer bescherte der Region nicht nur
unermesslichen Reichtum, sondern
auch kriegerische Auseinandersetzungen
mit benachbarten Oasen,
durch die die Handelskarawanen zogen.
Die Kriege dienten
der Aneignung und Sicherung
der wirtschaftlichen Vormachtstellung.
Eine ähnliche Strategie
verfolgte sehr wahrscheinlich auch
Nabonid, der letzte König der Babylonier,
der sich über einen Zeitraum von
zehn Jahren in Nordwestarabien
aufhielt und dort die wichtigsten
Oasen kontrollierte.
Diese lagen mehrere hundert Kilometer
voneinander entfernt, waren
einander aber dennoch die nächstgelegenen
Orte, die in der Lage waren,
die Wassermengen für die Versorgung
größerer landwirtschaftlicher Flächen
und größerer Karawanen zur Verfügung
zu stellen.
Karawanen, die Textquellen zufolge mit
Hunderten von Lasttieren
von Südarabien zum Mittelmeer
oder nach Mesopotamien unterwegs waren,
benötigten für eine sichere
Reise verlässliche Wasserstationen.
Es liegt somit auf der Hand,
dass diejenigen,
die die großen Oasen kontrollierten,
auch vom Karawanenhandel
direkt profitierten.
Die Raststationen
der Wüste waren durch überaus
reichhaltige Grundwasserressourcen gekennzeichnet,
die mit Brunnen erschlossen wurden.
Die Oase Taima,
in der Nabonid
sein Hauptlager aufschlug,
lag an einem ursprünglich über 13 Meter
tiefen Holozenensee,
der bis in das 4. Jahrtausend ganzjährig
und danach nur noch nach kräftigen Regenschauern
in der Region temporär
wasserführend war.
Der Wasserreichtum dieses Ortes
wurde bereits im frühen 2. Jahrtausend
vor Christus durch die
Errichtung eines 15 Kilometer langen
Mauernsystems effektiv kontrolliert.
Die Mauern waren noch
im ersten Jahrtausend nach Christus
nützliche Vorrichtungen, um Fremde
oder Andersgläubige aus der
Oase auszugrenzen, wofür es
literarische Hinweise für das 5. Jahrhundert
nach Christus gibt.
In der gesamten Oase wurden
über 80 alte Brunnen festgestellt,
ähnlich wie in einer 130 Kilometer
entfernten Nachbaroase.
Das Brunnenwasser wurde
zum Beispiel für die Versorgung
eines Sondergebäudes oder für die
Garten- und Felderbewässerung genutzt
und dafür in verzweigte Kanalsysteme
geleitet.
Innovativ ist hier an diesem
Ort nach den Forschungen von
Matthias Grotka und Kai Wellbrock
aus Lübeck der Einsatz
von aufwendigen Drainagesystemen
zur Vermeidung der Versalzung
des Ackerbodens. Dieser
eigentlich sensationelle Befund
spricht für sehr weitreichende
hydrologische und landwirtschaftliche
Kenntnisse der Oasenbewohner,
die man heute so in dieser Form
meines Wissens nicht
vorfindet. Im 2.
und 1. Jahrtausend vor Christus
lebten in Taima Menschen, die, wie die
von einem Hausleiter unternommenen Ausgrabungen
zeigen, enge Beziehungen zur
Levante, Ägypten und Mesopotamien
unterhielten. Die Oase
wurde, wie auch die benachbarten
und weiter entfernten Oasen der
Arabischen Halbinsel, zu Schmelzpunkten
verschiedener kultureller Einflüsse.
Sichtbare Zeichen
der Kulturkontakte sind aber
nicht nur Güter, die von einem Ort zum anderen
bewegt wurden, sondern auch Schriften
und bildliche Darstellungen,
die auf einen Austausch oder die Übernahme
von Ideen hinweisen, wie
zum Beispiel eine nabateisch-sabeische
Bilingue aus dem südarabischen
Sirwach, die sich
an nordwestarabische Händler richtete
oder eine südarabische
Widmungsinschrift mit Darstellung
asyrischer Schutzmächte
oder aus Taima stammende
Grabstellen mit der Darstellung
von Personen
in einer durch eine Weinlaube
und urbane Möbel
gekennzeichneten Idylle, die man
sowohl in Ägypten als auch
Nordmesopotamien gut verstanden haben wird.
In hellenistisch-römischer
und byzantinischer Zeit wurden in den
ariden Regionen Dämme, Zisternen,
Stollen und Kanäle gebaut,
um die Wasserversorgung städtischer
Ansiedlungen zu gewährleisten oder den
Betrieb von Landgütern mit Bäderbetrieb
nach römischem Vorbild zu ermöglichen.
Sei es in Palmyra, in
Rezafa oder in Kasamushash,
einem von Karin Bartel erforschten Wüstenort
östlich von Amman.
Die aufwendiger gestalteten Anlagen
dieser Ortslagen dienten
der Repräsentation von Eliten
im beduinischen Umfeld und
repräsentieren eine ländliche Idylle
gepaart mit urbanem Luxus.
Grundlage dafür
war der im lokalen und
überregionalen Handel erworbene
Reichtum.
Das Know-how dieser Zeit
gelangte in die Wüsten und führte
unter anderem zur Anlage von Tiefbrunnen,
wie zum Beispiel in Nordwestarabien,
am Rande der Nafutwüste. Dort konnte man
für die Versorgung von Mensch und Tier
das Wasser aus einer Tiefe von 115 Meter
ziehen und in Tiertränken
füllen. Eine weitere
wichtige Information sind
horizontale Brunnen, die fließendes Wasser
in die Gärten brachten, also
die Kanate etwa.
Die frühen Gesellschaften
konnten die ariden Regionen
Südwestasiens dank der
Neolithischen-Kalkolithischen-Wasserbautechnischen
Innovationen als Lebensraum
erschließen. Sie betrieben Tierwirtschaft,
Landwirtschaft und nutzten
auch die natürlichen Ressourcen.
Sie haben dadurch die Palette an
Produkten der Primärwirtschaft durch
sekundärwirtschaftliche Erzeugnisse erweitert.
Sie waren prädestiniert, Händler
und Karawanenführer zu werden,
über die uns etliche antike literarische
Quellen informieren. Viele dieser
soziokulturellen Errungenschaften
müssen in Zukunft noch eingehender archäologisch
erforscht werden. Das gilt
auch für die ökologischen
Veränderungen. Die beduinischen
Wirtschaftsformen waren sehr erfolgreich,
hatten aber wahrscheinlich bereits
in der Antike einen negativen
Einfluss auf die Ökologie der Region.
Bernard Campbell
zufolge ist Überweidung
eine tragische Folge des Hirtennomadismus.
Die Pflanzenwelt geht zurück,
Wildtiere werden verdrängt
oder ausgerottet und die Böden
noch steiniger oder sandiger,
als sie ohnehin schon sind.
Diese negativen Entwicklungen haben sich
in irreversibler Form
in den letzten 75 Jahren
durch vermeintlich verbesserte
landwirtschaftliche Praktiken dramatisch
verändert. Motorbetriebene
Hochleistungspumpen, die Wasser aus
mehreren hundert Metern Tiefe an die Oberfläche
befördern, erlauben heute selbst
in kargen Regionen die Produktion
von Getreide, Baumobst, Bananen,
Gemüse und Schnittblumen.
Nur um Beispiele zu nennen.
Ziel dieser land- und wasserwirtschaftlichen
Praktiken ist die Versorgung
einer wie überall auf der Welt
auf Fortschritt ausgerichteten
Bevölkerung. Sehenden Auges
steuert man auch hier
Krisen entgegen.
Symptomatisch für diese Entwicklung
ist das Verschwinden von Wasserressourcen,
wie zum Beispiel der grundwassergespeisten
Leilaseen, circa 300
Kilometer südlich von Riyadh,
die noch vor wenigen Jahrzehnten der Bevölkerung
zur Erholung dienten.
Seit den 1990er Jahren
sind die teilweise bis zu 45
Meter tiefen Seen, an denen
Karawanenwege einst vorbeiführten,
infolge moderner agrarischer Praktiken
verschwunden. Auch die
Asrak-Oase in Jordanien etwa,
in der bereits der paläolithische
Mensch der Jagd nachging, ist gefährdet.
Sie ist heute eine der wichtigsten Grundwasserressourcen
Jordaniens und wird
für die Versorgung der stetig wachsenden
Bevölkerung von Amman ausgebeutet.
Seit den frühen 80er Jahren
ist die entnommene
Wassermenge größer als die natürliche
Quellschüttung. Das
erinnert an die Anfänge der traurigen
Geschichte des Aralsees.
Was kann dagegen
unternommen werden? Können wir etwas tun?
Das ist die Frage.
Die UNESCO hat 2012
in ihrem vierten Weltwasserbericht,
für den das World Water Assessment
Program verantwortlich ist, die Notwendigkeit
betont, das Thema
Wasser stärker in die globale
Politikgestaltung zu integrieren.
Die Vereinten Nationen
hatten bereits im Jahr 2000
in ihrer Millenniums-Erklärung als
gemeinsames, verbindliches Ziel formuliert,
die Zahl der Menschen, die über
keinen nachhaltigen Zugang zu
gesundem Trinkwasser verfügen, bis
2015 um die Hälfte zu
reduzieren.
Quantitativ soll dieses Ziel bis
2015 erreicht werden.
Allerdings nicht in Afrika
und nicht im Nahost, einschließlich
der Region, mit der ich mich heute
hier befasst habe. Eine
Frage, die den Archäologen immer wieder beschäftigt
ist, können wir unter Umständen das Wissen
der Antike für die Gestaltung
der Gegenwart gewinnbringend nutzen?
Können wir mit
archäohydrologischen Methoden zu den
Zielen der UNESCO-Initiative beitragen?
Positive
Beiträge zur Beantwortung der Frage
liefern zum Beispiel die in den frühen
2000er-Jahren
unternommenen Revitalisierungen
von antiken vertikalen und
horizontalen Brunnensystemen in Syrien,
die teilweise mit Unterstützung der
deutschen Botschaft in Damaskus
durchgeführt wurden. Diese Anlagen
römisch-byzantinischer Zeit und
islamischer Zeit sind zwar nicht in der Lage
genügend Wasser für den
Feldbau in großem Stil zu liefern,
sie bieten aber in Kombination
mit Tröpfchenbewässerung
eine nachhaltige Grundversorgung
für die lokale Bevölkerung.
Von der Revitalisierung von 35
syrischen Brunnen konnten
zum Beispiel 18.000 Menschen
profitieren. Weitere
Beispiele ließen sich aus dem
asiatischen und afrikanischen
Bereich anführen.
Mit derartigen Projekten,
wie das hydraulische kulturelle Erbe
reaktivieren und mit modernen ökologischen
nachhaltigen Wassergewinnungsmethoden,
wie zum Beispiel den Nebel- und
bzw. dem Rainwater-Harvesting
kombinieren, könnte ein Beitrag
zur Versorgung der Menschen in ländlichen
Regionen geleistet und ihre
Abwanderung in die Ballungszentren
verhindert werden.
Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung,
die aktuellen Prognosen zufolge
bis 2050 auf 9,3
Milliarden anwachsen wird,
mögen Kritiker einwenden,
dass die archäohydrologischen
Verbesserungsvorschläge in ihrer
Wirkung dem Tropfen auf dem heißen Stein
gleich kämen.
Dies könnte einer der vielen Gründe sein,
weshalb prominente Denker
unserer Zeit, wie zum Beispiel Stephen Hawking,
der Ansicht sind, dass die Zukunft
der Menschheit langfristig
nicht mehr auf der Erde liegt, sondern
im Weltraum. Was für einige
nach Resignation klingt,
wird von anderen als Appell
an die Kreativität der Menschen
verstanden, Auswege aus der
Krise zu finden.
Dieses Dilemma wird auch begierig
von der Filmindustrie aufgegriffen,
wie zuletzt im Falle von Interstellar.
In der zweiten
Hälfte des 21. Jahrhunderts
ist die irdische
Biosphäre so stark geschädigt,
dass die Zukunft der gesamten
Menschheit unmittelbar bedroht ist.
Was dem Drehbuch
zufolge nur die Entdeckung
neuer, bewohnbarer, wasserreicher
Planeten
zufolge haben kann.
Was wären die Alternativen?
Entweder
eine wirksame
Wachstumsminderung in den Bereichen Wirtschaft
und globaler Demografie
einzuleiten, wofür die Politik
kaum zu begeistern ist,
oder so weiterzumachen wie bisher
und zu hoffen, dass die Krise
langfristig auf geologischem Weg
überwunden wird, ähnlich wie das
Sauersterben. Meine Damen und Herren,
die Natur kann seit langem
nicht mehr unabhängig von den kulturell
bedingten Eingriffen des Menschen
in das ökologische Gleichgewicht
gesehen werden. Aus diesem Grunde
sind bereits Diskussionen im Gange
dieser Entwicklung durch die Einführung
einer neuen geologischen, stratigraphischen
Stufe des Anthropozäns
Ausdruck zu verleihen.
Aus archäologischer Sicht
repräsentiert dieses Phänomen
allerdings keine Stufe,
sondern eine parabelförmig-dynamische
Entwicklung, die sich immer dichter einem
Grenzwert annähert.
Wir benötigen zunehmend
größere Mengen an Ressourcen,
an Kreativität, an Konzentration,
an Kompromissbereitschaft
und Toleranz, um die
Menschheit zu versorgen.
Damit wäre das Anthropozän
ähnlich wie die Globalisierung
ein komplexer, historischer
Prozess und kein ausschließlich
modernes, globales
Phänomen.
Kritiker dieser Ansicht verstehen,
die in das Holozehn zurückreichenden,
archäologisch fassbaren Anfänge,
seien es der Ackerbau
oder die Viehzucht, lediglich
als Repräsentanten einer
prä-anthropozänen Übergangszeit und verorten
den globalen Nachweis
erst im 15., 16., 18.
oder 20. Jahrhundert, sei es im Kontext
der Entdeckung Amerikas, der
Industrialisierung oder der
Plastikproduktion.
Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang
ist meines Erachtens, ob wir die
Dynamik der globalen, kulturellen
Veränderungen im naturräumlichen
Kontext erklären und verstehen möchten
oder lediglich an der Etablierung
von Benchmarks für die
Periodisierung und Verwaltung
geochronologischer Phänomene interessiert
sind. Aus archäologischer
Sicht kennzeichnet die
Menschwerdung im Sinne des Anthropozäns
einen Prozess, der nur im Rahmen
einer noch stärkeren,
wechselseitigen Integration
von Natur- und Geisteswissenschaften
sinnvoll erforscht werden kann,
wie zum Beispiel eben im Bereich
der Archäopädologie.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.