RAINER MARIA RILKE - MENSCHEN BEI NACHT

RAINER MARIA RILKE - MENSCHEN BEI NACHT

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Dichtung von Rainer Maria Rilke, Berlin 1899 /
Rezitation: Oskar Werner 1922 - 1984 (Foto) /
Anmerkung: Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer? (R.M.Rilke)

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine schwankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.
***
People At Night
Nights were not made for the crowds, and they sever
You from your neighbor, so you shall never
Seek him, defiantly, at night.
But if you make your dark house light,
To look on strangers in your room,
You must reflect— on whom.
False lights that on men’s faces play
Distort them gruesomely.
You look upon a disarray,
A world that seems to reel and sway,
A waving, glittering sea.
On their foreheads gleams a yellow shine
Where thoughts are chased away.
Their glances flicker mad from wine,
And to the words they say
Strange heavy gestures make reply,
That struggle in the buzzing room ;
And they say always, “I” and “I” ;
And mean— they know not whom.

Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Maria_Rilke
https://www.rilke.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Werner