Tatsächlich habe ich ja schon in anderen Kolumnen angedeutet, dass wir schon oft nach New York City in den Urlaub geflogen sind. Die meisten Aufenthalte dort verbrachten wir in einem Hotel in Flushing, Queens. Um nach Manhattan zu kommen, fuhren wir immer mit der U-Bahn-Linie 7.
Im Volksmund wird sie oft als „International Line“ bezeichnet, weil sie durch besonders viele Einwandererviertel fährt. Sie verbindet unter anderem Flushing, Jackson Heights und Manhattan und gilt als eine der internationalsten U-Bahn-Linien der Welt. Ich liebe es, dort zu sein, und jedes Mal sauge ich die Atmosphäre und die Freiheit dieser Stadt auf, als bräuchte ich sie zum Leben. Aber noch viel mehr liebe ich die Tatsache, dass nun ausgerechnet diese Linie – „meine Linie 7“ – ihre Waggons mit den Farben Schwarz-Rot-Gold bemalt hat. Und es ist keine U-Bahn, die illegal mit Graffiti besprüht wurde, sondern die New Yorker Verkehrsgesellschaft MTA hat im Rahmen der Fußball-WM U-Bahnen speziell gestalten lassen. Dies ist eine offizielle WM-Aktion und zeigt, wie offensiv New York die Weltmeisterschaft feiert. Während in Deutschland schon eine kleine Fahne am Auto gelegentlich Diskussionen auslöst, fährt nun also in New York eine komplette U-Bahn in Schwarz-Rot-Gold durch die Stadt – und das ist ein sehr angenehmer und freundlicher WM-Gruß an deutsche Gäste.
„Wenn New York einmal dein Zuhause geworden ist, ist kein anderer Ort mehr gut genug.“ (John Steinbeck)
Apropos U-Bahn: Die Transportpreise rund um die WM im Big Apple haben bereits für erhebliche Kritik gesorgt. Kostete die Hin- und Rückfahrt mit NJ Transit zum Stadion ursprünglich 12,90 Dollar, werden im Turbo-Kapitalismus inzwischen bis zu 150 Dollar für die gleiche Fahrt verlangt. Zwar wurde der Preis nach immer stärker werdender Kritik auf 98 Dollar gesenkt, doch trotzdem grenzt das an Wucher. Genau darauf reagierte die deutsche Nationalmannschaft. Der DFB erklärte laut Reuters, dass man den Fans angesichts der hohen Kosten etwas zurückgeben wolle. Rund um das Spiel gegen Ecuador wollen Mannschaft und DFB nun kostenlose Shuttlebusse für die Fans organisieren. Dies entlastet nicht nur die ohnehin stark strapazierten Reisekassen der Schlachtenbummler, sondern ist auch ein schönes Zeichen und ein kleines Dankeschön für die starke Unterstützung der Schwarz-Rot-Goldenen Supporter.
Für diese gibt es einige interessante Anlaufpunkte in NYC. Überraschend ist dabei, dass sich der wichtigste Treffpunkt der deutschen Fans in einem offiziellen Fanhaus mitten in Manhattan befindet. Der DFB legt dabei großen Wert auf die Fanbetreuung und hat eigens zur WM erstmals das „German House of Soccer“ (535 W 28th St, New York, NY 10001) eingerichtet. Es befindet sich im Chelsea-Viertel und soll während des gesamten Turniers als zentraler Treffpunkt dienen.
„New York ist der Treffpunkt der Völker.“ (Djuna Barnes)
Sportlich gesehen ist die Partie gegen Ecuador nicht mehr von allzu großer Bedeutung, denn nach dem Siegtor gegen die Elfenbeinküste in der 94. Minute steht der Einzug in die nächste Runde schon fest. In diesem Spiel sollte es nun vor allem darum gehen, eine überzeugendere Leistung als gegen die Ivorer auf den Platz zu bringen. Mindestens genauso interessant sind jedoch die vielen kleinen Geschichten rund um die “Soccer-WM”.
So haben die Stadt New York und der Staat New York beschlossen, die WM nicht nur für Touristen mit teuren Eintrittskarten auszurichten. Deshalb wurden über 100 kostenlose Public-Viewing-Veranstaltungen geschaffen. Außerdem wird das WM-Finale auf der Great Lawn im Central Park für 50.000 Menschen kostenlos übertragen.
Zudem wurden in New York und New Jersey Zehntausende Freiwillige gesucht. Viele davon arbeiten unbezahlt und helfen ausländischen Fans bei Orientierung, Verkehr, Übersetzungen oder anderen Problemen. Für viele New Yorker ist die WM so eine gute Gelegenheit, Menschen aus Dutzenden Ländern direkt kennenzulernen.
Derzeit schlagen jedoch viele Restaurants Alarm, weil zahlreiche europäische und südamerikanische Fans die amerikanische Trinkgeldkultur nicht kennen. Kellner berichten von Rechnungen über mehrere hundert Dollar, bei denen gar kein Trinkgeld gegeben wurde. Einige Lokale haben deshalb während der WM automatisch 20 Prozent Servicegebühr eingeführt. Die Mitarbeiter betonen jedoch, dass die ausländischen Supporter sehr freundlich seien – sie wüssten oft schlicht nicht, wie das System in den USA funktioniert.
Nach dem WM-Spiel Brasilien–Marokko stiegen Tausende Fans in die offiziellen Shuttlebusse Richtung Manhattan. Was sie nicht wussten: Die Knicks hatten gerade ihre erste NBA-Meisterschaft seit Jahrzehnten gewonnen. Und so fuhren sie direkt in eine völlig außer Kontrolle geratene Feier, saßen stundenlang fest, Busse wurden umringt, ein WM-Shuttlebus wurde sogar angezündet, und sie standen plötzlich mitten in einem Basketball-Ausnahmezustand, von dem sie vorher keine Ahnung hatten.
„Die meisten Städte besucht man. New York erlebt man.“ (John F. Kennedy)
New York City wirkt oft riesig, hektisch und anonym. Manche haben sogar das Vorurteil, die Stadt bestehe ausschließlich nur aus Hektik, Wolkenkratzern, Kriminalität und Menschen, die mit einem Kaffeebecher in der Hand durch den Tag hetzen. Aber hinter der Fassade ist die Stadt voller Menschen, die aufeinander achten. Je länger man sich mit New York beschäftigt, die „Stadt, die niemals schläft“ kennenlernt und mit ihren Einwohnern spricht, desto häufiger stößt man auf Geschichten, die eine ganz andere – die menschliche und herzliche – Seite der Metropole zeigen.
Da ist zum Beispiel Nat Horne. Der ehemalige Broadway-Tänzer lebt seit 1968 in derselben Wohnung in Hell's Kitchen. Viele Menschen im Viertel kennen ihn, manche nennen ihn sogar liebevoll den „Mayor of 47th Street“ – den Bürgermeister der 47. Straße. Als der inzwischen 95-Jährige wegen Krankheit und hoher Pflegekosten Gefahr lief, sein Zuhause zu verlieren, sprang seine Nachbarschaft ein. Freunde, ehemalige Schüler und Anwohner sammelten Geld, damit die alte Broadway-Legende nicht aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen wird.
Ebenso typisch für New York ist eine Tradition namens „Stooping“. Seit Jahrzehnten stellen Menschen gut erhaltene Möbel, Bücher oder andere Gegenstände auf den Bürgersteig, damit jemand anderes sie kostenlos mitnehmen kann. Wegwerfen? Warum denn, wenn sich vielleicht noch jemand darüber freut? Aus dieser Idee entstand sogar die bekannte Plattform „Stooping NYC“. Was einst mit einem Elternpaar aus Brooklyn begann, entwickelte sich zu einer stadtweiten Gemeinschaft des Teilens.
Auch die sogenannten Community Fridges erzählen viel über die Stadt. An mehreren Stellen stehen Kühlschränke, die von Freiwilligen mit Lebensmitteln gefüllt werden. Wer etwas übrig hat, legt es hinein. Wer Hilfe braucht, nimmt sich etwas heraus. Menschen wie Kashish Ali sammeln Spenden und kümmern sich darum, dass die Kühlschränke gefüllt bleiben. Die Philosophie dahinter ist ebenso einfach wie schön: „Schwere Zeiten? Dann kümmern wir uns eben selbst umeinander.“
„Ich steige aus dem Taxi und stelle fest: Es ist vermutlich die einzige Stadt, die in Wirklichkeit besser aussieht als auf den Postkarten.“ (Miloš Forman)
Besonders gefallen hat mir auch die Geschichte des Buchhändlers David „Book Man“. Seit vielen Jahren verteilt er Bücher an Obdachlose, Schüler und Menschen, die sich selbst keine Bücher leisten können. Auf die Frage, warum er das tue, antwortete er sinngemäß: „Weil jeder Mensch eine Geschichte verdient.“ Das Schönste daran: Manche Menschen, die früher selbst ein Buch von ihm geschenkt bekamen, bringen die Bücher später zurück, damit er sie weitergeben kann. Ein kleiner Kreislauf der Freundlichkeit mitten in Manhattan.
Manchmal entstehen die schönsten Geschichten sogar aus den kleinsten Begegnungen. Eine ältere New Yorkerin begrüßte über Jahre hinweg jeden Morgen denselben Mitarbeiter einer U-Bahn-Station. Keine langen Gespräche. Kein gemeinsamer Kaffee. Nur ein freundliches „Guten Morgen“. Als die Frau plötzlich mehrere Wochen nicht mehr auftauchte, machte sich der Mitarbeiter Sorgen. Er fragte nach, fand schließlich ihre Familie und erfuhr, dass sie im Krankenhaus lag. Als sie zurückkehrte, wartete er mit einem Blumenstrauß auf sie.
Oder die Geschichte einer Katze, die monatelang in einer U-Bahn-Station lebte. Eine Frau filmte das Tier und stellte das Video ins Internet. Was danach geschah, könnte direkt aus einem Familienfilm stammen: Die Besitzerin erkannte ihre seit Monaten vermisste Katze, Fremde beteiligten sich an der Suche, Tierschützer halfen und schließlich gelang es einem unbekannten Helfer, das Tier einzufangen. Die Katze kam tatsächlich wieder nach Hause.
Auch als der traditionsreiche Zeitschriftenladen „Casa Magazines“ im West Village ums Überleben kämpfte, zeigte sich der besondere Charakter der Stadt. Stammkunden und Nachbarn sammelten Geld, machten Werbung und kämpften für den Erhalt des kleinen Geschäfts. Nicht weil sie dort täglich einkauften, sondern weil sie überzeugt waren: Wenn solche Orte verschwinden, verliert New York ein Stück seiner Seele.
Ähnlich verlief die Geschichte von Alecia Torres auf der Lower East Side. In den 1970er Jahren verwandelte sie gemeinsam mit Nachbarn ein vermülltes Grundstück in einen Gemeinschaftsgarten. Aus Schutt wurde ein Treffpunkt für Familien, Kinder und Nachbarn. Jahrzehntelang setzten sich die Bewohner dafür ein, diesen Ort zu erhalten. Die Stadt gibt dir keinen Park? Dann bauen die Menschen eben selbst einen.
Besonders beeindruckend finde ich schließlich das Projekt „Neighborhood Stories“. Freiwillige interviewen ganz normale New Yorker über ihr Leben, ihre Straßen und ihre Nachbarschaften. Die Gespräche werden dauerhaft archiviert, damit die Erinnerungen dieser Menschen nicht verloren gehen. In einer Stadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern hält man bewusst die Geschichten derjenigen fest, die sonst nie in den Schlagzeilen stehen würden.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke New Yorks. Hinter den Wolkenkratzern, den blinkenden Reklametafeln und dem Großstadtlärm steckt eine Stadt voller Menschen, die helfen, teilen, erinnern und zusammenhalten. Und genau diese Geschichten sind es, die New York für mich so faszinierend machen.
„Niemand sollte nach New York ziehen, der nicht bereit ist, Glück zu haben.“ (E. B. White)
Ahoi
Ihr Freischwimmer
Hier geht es zur nächsten - etwas anderen - WM-Kolumne: https://www.ganjingworld.com/article/1il7koivsnn2A4kAKmvgaMftN1oc1c