Ach“, werden manche seufzen und die Hände theatralisch über dem Kopf zusammenschlagen, „ach, jetzt gibt der Freischwimmer auch noch seinen Senf zur Fußball-WM ab.“
Natürlich weiß man bis jetzt noch nicht ganz genau, ob der Senf nun mild, scharf oder mittelscharf sein wird.
Dennoch kann ich mir einen Kommentar zur WM nicht verkneifen. Schließlich habe ich 15 Jahre als Sportreporter für eine Zeitung gearbeitet und jahrzehntelang mit Dauerkarte auf der Tribüne meines Lieblings-Bundesligavereins gesessen.
Sie sehen also: Ich bin fußballtechnisch vorbelastet. Böse Zungen würden vielleicht sogar behaupten, ich sei milieugeschädigt.
Außerdem – und das muss in Zeiten wie diesen auch mal gesagt werden – hat jeder ein Recht auf seine regelmäßige Dosis Desinformation und Fake News und kann meine Kolumne lesen so oft er will.
Aber klicken Sie bitte nicht zu schnell weg, denn als jemand, der in seiner Freizeit auch noch in der aktiven Fanszene unterwegs war, weiß ich ziemlich genau, was viele deutsche Fans von Sportgroßveranstaltungen in den USA halten.
Und genau an diesem Punkt beginnen die kulturellen Unterschiede. Der deutsche Fan – die weibliche Form „Faniene“ ist sprachwissenschaftlich bisher noch nicht abschließend geklärt - dackelt erst kurz vor Anpfiff ins Stadion, holt sein Bier und schaut das Spiel.
Dabei sind viele bei uns der Meinung, dass der Fußball keine Show rund um den Fußball braucht.
Gleichzeitig befürchten sie, dass der Sport irgendwann nur noch die Kulisse für ein großes Unterhaltungsprogramm sein würde und die sogenannte „Fankultur“ dabei auf der Strecke bleibt. Deshalb reagieren sie eher skeptisch, wenn zu viel Spektakel gemacht wird.
Gerade die konservativ eingestellten Kurvengänger verstehen sich oft als Hüter und Bewahrer (*) des traditionellen Fußballs und lehnen deshalb neue Formen wie begleitende Showprogramme und ein Rundum-Entertainment kategorisch ab.
Für uns im Land von Netzer, Beckenbauer, Matthäus und Co. war Fußball immer einfach: Vor dem Spiel ein oder auch mehrere Biere, Bratwurst, Anpfiff. Fertig. Deshalb sagen die Deutschen: „Wir kommen nur wegen des Fußballs und nicht für eine Halbzeitshow. Viele meiner Stadionfreunde bekommen einen pantomimischen Herpes, wenn sie das Wort "Halbzeitshow" nur schon hören.
Auch ich war früher dieser Meinung. Durch meine langjährige Ausbildung auf einer städtischen Baumschule habe ich jedoch irgendwann gelernt, dass man sich sogar andere Meinungen anhören und neue Eindrücke sammeln kann, ohne bleibende Schäden davonzutragen.
Bei mir fand jedenfalls ein langsames Umdenken statt, als ich während meiner vielen USA-Reisen dort auch Spiele der NFL besuchte.
„Ich freue mich wirklich sehr darauf, diese Weltmeisterschaft zu erleben. Das wird richtig spannend und interessant werden.“ (Jürgen Klopp)
Es war irgendwie eine völlig neue Erfahrung, als wir mit dem Bus auf den großen Parkplatz vor dem MetLife Stadium in den Meadowlands bei New York City fuhren.
Dort waren zu einem Heimspiel der New York Giants schon viele Stunden vor Spielbeginn Hunderte, Tausende Amerikaner, die aus ihren Autos heraus laute Musik laufen ließen und auf ihren mitgebrachten Grills ihre Steaks brutzelten.
Das Interessante war jedoch, dass die Kinder und Jugendlichen des Heim- und des Auswärtsteams zusammen spielten und sich das Ei gegenseitig zuwarfen.
Ich versuchte mir dann bildlich vorzustellen, ob das beim Derby Dortmund gegen Schalke auch so machbar wäre – undenkbar! Schon nach kürzester Zeit würde es dann gebrochene Nasen, Hämatome … ach, lassen wir das lieber.
„Die WM 2026 kann den Fußball in Amerika für immer verändern.“ (Gregg Berhalter, früherer USA- Nationaltrainer und jetziger Trainer und Sportdirektor von Chicago Fire FC)
Während ich den Kindern zusah, wurde mir plötzlich klar, dass die Amerikaner einen Spieltag völlig anders erleben als wir. Für sie beginnt das Ereignis nicht mit dem Anpfiff. Es beginnt auf dem Parkplatz. Mit Freunden. Mit Familie. Mit Musik. Mit einem Grill. Und offenbar auch mit Kindern, die sich herzlich wenig dafür interessieren, ob das Trikot ihres Gegenübers die richtigen Farben hat.
Für die meisten US-Bürger ist ein Spieltag eben kein zweistündiger Stadionbesuch. Es ist ein Familienausflug, ein Volksfest und ein Treffen mit Freunden – den ganzen Tag lang. Und dabei wird dann auch noch Football gespielt. Für sie ist Sport ein Gesamterlebnis und sie gehen nicht nur hin, um das Spiel zu sehen, sondern auch wegen der Show, des reichhaltigen Essens, des Entertainments; ganz einfach gesagt: wegen den Darbietungen und Unterhaltungsprogrammen rund ums Stadion.
Bevor der Ball überhaupt ins Spiel gebracht wird, hat der Zuschauer oft schon eine Lichtshow gesehen, Feuerwerk erlebt und mindestens einen Prominenten auf der Videowand entdeckt. Und die Kinder haben sich stundenlang auf Hüpfburgen verausgabt, sich in aufgebauten Buden rund ums Stadion in Geschicklichkeitsspielen geübt und Softeis geschleckt.
Der allgemeine Tenor in Übersee ist: Der Sport ist wichtig, aber er ist Teil einer größeren Inszenierung.
Auch die Nationalhymne spielt dort eine ganz andere Rolle als bei uns. Sie hat fast schon einen zeremoniellen Charakter: Alle stehen auf, die Hand aufs Herz, Mützen ab und Blick zur Flagge.
Das ist gesellschaftlich deutlich stärker verankert und die Hymne wird fast schon zu einer eigenen Show.
Meistens wird sie von bekannten Popstars, Country-Sängern und Grammy-Gewinnern „zelebriert“, während man in Deutschland eher – vorsichtig ausgedrückt – „zaghaft“ mit der eigenen Hymne umgeht.
„Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen.“ (Christian Pulisic über die WM 2026. Er ist aktuell der bekannteste Fußballer der USA und für viele Amerikaner das Gesicht des modernen US-Fußballs. Er wird in den Medien oft sogar als „Captain America“ bezeichnet.)
Dazu kommen die sogenannten Flyovers, bei denen Militärflugzeuge exakt zum Ende der Nationalhymne über das Stadion fliegen. Wer das zum ersten Mal erlebt, erschrickt meistens kurz – denn plötzlich donnern Kampfjets über die Tribünen, während Zehntausende Menschen jubeln.
Für viele US-Amerikaner ist ein Spieltag deshalb weit mehr als nur Sport. Es ist ein Volksfest und ein gesellschaftliches Ereignis welches den ganzen Tag lang gefeiert wird.
Aus all diesen Gründen können wir also davon ausgehen, dass die WM 2026 mit Sicherheit „extrem amerikanisch“ wird.
Viele Experten erwarten gigantische Opening-Shows, Star-Auftritte, Musikacts, Flyovers, LED-Shows, Drohnenshows, Schlemmerbuden mit Spezialitäten, verschiedenste Veranstaltungen und Events rund um die Stadien und Inszenierungen à la Hollywood.
Ob man das gut oder schlecht findet, kann letztendlich jeder für sich selbst entscheiden.
Doch die Weltmeister des Entertainments, die Showprofis aus Übersee und Erfinder der Super-Size-Portionen werden der Welt eine Show präsentieren, die perfekt zu ihrem Verständnis von Sport passt: größer, lauter und spektakulärer als vieles, was europäische Fußballanhänger gewohnt sind. Sie sind schließlich die, die den Doppel-Whopper erfunden haben und wer glaubt, dass sie ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft einen Gang runter schalten würden, dürfte herbe enttäuscht werden.
Alles spricht dafür, dass wir eine Weltmeisterschaft erleben werden, wie es sie in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat.
Auch die FIFA wird alles dafür tun amerikanisches Entertainment mit internationalem Fußball zu verbinden.
Man muss dies alles nicht mögen, aber die WM wurde nun mal von der FIFA an die USA, Kanada und Mexiko vergeben.
In diesem Sinne: „The Show must go on!“
Ahoi
Ihr Freischwimmer