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Aufbruchstimmung: Zwischen Gebetskreis und Gruppensieg

Bevor Deutschland in Toronto zum zweiten WM-Spiel antritt, lohnt sich ein kurzer Blick zurück nach Houston. Dort sorgte nach dem deutlichen 7:1 gegen WM-Neuling Curaçao nicht das Ergebnis für die vielleicht schönste Szene des Abends. Nach dem Schlusspfiff bildeten Felix Nmecha, Jonathan Tah und mehrere Spieler Curaçaos einen Gebetskreis auf dem Rasen. Für wenige Minuten spielten weder das Ergebnis noch die Herkunft eine Rolle. Es war ein stiller Moment der Verbundenheit und Völkerverständigung – und eine Erinnerung daran, dass Fußball manchmal mehr sein kann als Tore und Tabellen.

„Fußball ist ein Geschenk Gottes.“ (Pelé)

Auch die deutschen Fans hinterließen in Houston einen positiven Eindruck. Mehrere lokale Medien beschrieben die Atmosphäre rund um das erste WM-Spiel der DFB-Elf als friedlich und ausgelassen. 68.021 Zuschauer verfolgten die Partie im Stadion und die lokalen Medien werteten diese Kulisse als einen starken WM-Auftakt für die Stadt. Viele deutsche Fans waren bereits Stunden vor dem Anpfiff in der Innenstadt und rund um das Stadion unterwegs.

Der Houston Chronicle berichtete unter anderem von einem deutschstämmigen Fan, der nach dem Spiel mit Deutschlandflagge durch das FIFA Fan Festival zog und davon sprach, wie schön es sei, bei einer Weltmeisterschaft wieder von so vielen Landsleuten umgeben zu sein. Auch eine weitere, kleine Randnotiz beschreibt die Stimmung des Tages recht treffend: Als die Metro-Züge am Stadion ankamen, jubelten die Fans bereits auf den Bahnsteigen, sobald sich die Türen öffneten.

Zu den ungewöhnlicheren Geschichten gehört auch die Begegnung zwischen dem deutschen Fußballfan Freddy und der NFL-Legende J. J. Watt. Der Social-Media-bekannte Fan war zur Weltmeisterschaft durch die USA gereist, als Watt ihn und seine Freunde kurzerhand nach Houston einlud. Hotel, Verpflegung und ein besonderer Empfang inklusive. Die Geschichte schaffte es später sogar bis ins People Magazine und wurde für viele zu einem kleinen Symbol der Gastfreundschaft, die zahlreiche deutsche Fans in Houston erlebten.

So bleiben vom ersten deutschen WM-Spiel nicht nur sieben Tore in Erinnerung. In Houston dominieren vielmehr Bilder von vielen Deutschland-Fahnen, guter Stimmung, vollen Bahnen und einem friedlichen Fußballfest. Genau diese Eindrücke nimmt die deutsche Mannschaft nun mit nach Toronto, Ontario, wo mit den „Elefanten“ der Elfenbeinküste eine deutlich größere sportliche Herausforderung wartet.

„Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“ (Sepp Herberger)

Die Medien in der kanadischen Metropole erwarten die Fans der DFB-Elf mit spürbarer Vorfreude denn die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann gilt als einer der großen Zuschauermagneten des Turniers. Das Generalkonsulat weist zudem darauf hin, dass sich die Stadt auf den ersten Auftritt Deutschlands in Toronto angemessen vorbereitet und rund um die Partie zahlreiche Fan-Veranstaltungen und Public Viewings stattfinden werden.

Der viermalige Weltmeister dürfte dabei nicht nur von den mitgereisten Anhängern unterstützt werden. Schätzungen zufolge leben allein im Großraum Toronto rund 200.000 Menschen mit deutschen Wurzeln. Deshalb wird die DFB-Elf auch auf die Unterstützung zahlreicher deutschstämmiger Kanadier zählen können. Eine lokale Seite aus Liberty Village, dem Viertel direkt am BMO Field, spricht sogar von einer erwarteten „electric atmosphere“ und beschreibt Toronto als fußballbegeisterte und gastfreundliche Stadt.

Während die Mannschaft per Charterflug nach Toronto reiste, saß ein deutscher Fan schon seit Monaten auf seinem Fahrrad. Mehr als 25.000 Kilometer führte ihn seine Reise durch 27 Länder, um die WM live miterleben zu können.

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ (Sepp Herberger)

Doch die DFB-Elf wird im BMO Field keineswegs auf einen leichten Gegner treffen denn mit der Elfenbeinküste wartet hier der zweite Sieger der Gruppe E auf sie. Aufgrund ihres Sieges im Auftaktspiel mit 1:0 gegen Ecuador erwarten viele ein deutlich ausgeglicheneres Duell als den deutschen WM-Start in Houston.

Die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste trägt den Spitznamen „Les Éléphants“ – die Elefanten. Der Name geht auf das nationale Symbol des Landes zurück. Viele Ivorer verbinden mit ihrer Mannschaft jedoch mehr als nur Fußball. 2005 qualifizierte sich die Elfenbeinküste erstmals für eine Weltmeisterschaft. Nach dem entscheidenden Spiel kniete sich Didier Drogba vor laufenden Kameras nieder und appellierte an die Konfliktparteien des Bürgerkriegs: „Legt die Waffen nieder.“ Viele Historiker sagen heute, die Nationalmannschaft habe den Krieg zwar nicht beendet, aber sie hat dazu beigetragen, die Menschen wieder an einen gemeinsamen Gedanken zu erinnern.

Auch auf den Rängen dürfen die Elefanten wohl auf eine große Unterstützung hoffen denn Toronto besitzt eine große afrikanische Gemeinschaft. Deshalb könnten nicht nur Fans aus der Elfenbeinküste selbst, sondern auch viele Anhänger aus anderen afrikanischen Communities im Stadion hinter ihnen stehen.

Wer das Spiel live erleben möchte, muss allerdings tief in die Tasche greifen. Selbst die günstigsten Eintrittskarten kosten teilweise mehrere hundert Euro. Gute Plätze werden sogar für weit über 1.000 Euro gehandelt. Auch im Stadion wird es nicht gerade billig. Für ein Bier werden umgerechnet rund 15 Euro fällig, ein Cheeseburger kostet teilweise noch mehr. Die Voraussetzungen für ein Fußballfest sind so zwar gegeben – ein Schnäppchen wird dieses Vergnügen allerdings nicht.

Nach dem Spiel gegen Curaçao blieb vielen Zuschauern vor allem der gemeinsame Gebetskreis deutscher und curaçaoischer Spieler in Erinnerung. Nun trifft Deutschland auf eine Mannschaft, deren bekanntester Kapitän einst öffentlich für Frieden und Versöhnung warb. Vielleicht passt es ganz gut zu dieser WM, dass vor dem Anpfiff nicht nur über Punkte und Tabellen gesprochen wird.

„Nur mit Spaß am Fußball hast du Erfolg.“ (Franz Beckenbauer)

In Toronto kommt es also zum Duell der beiden Sieger der Gruppe E – und möglicherweise bereits zum Kampf um den Gruppensieg.

Ein weiterer Erfolg würde einer der Mannschaften wieder drei Punkte bescheren und die Tür zum Sechzehntelfinale weit öffnen. Bei einem Unentschieden dürfte die Entscheidung um`s Weiterkommen dagegen erst am letzten Spieltag fallen.

Allerdings wäre es ein Fehler, die Elfenbeinküste mit Curaçao zu vergleichen. Der WM-Neuling aus der Karibik war zwar ein sympathischer Außenseiter, konnte Deutschland aber nur phasenweise fordern. Die Ivorer gehören dagegen seit vielen Jahren zu den stärksten Fußballnationen Afrikas und sie haben schon mehrfach bewiesen, dass sie defensiv gut organisiert sind und auch gegen starke Gegner bestehen können. Sie sind körperlich robust, werden der DFB-Elf vermutlich deutlich weniger Räume anbieten und können im Umschaltspiel durchaus gefährlich sein. Zudem stehen zahlreiche Spieler bei Vereinen in Europas Topligen unter Vertrag.

Für Deutschland dürfte Toronto deshalb die erste echte Standortbestimmung dieser Weltmeisterschaft werden. Bei einem Sieg würden die Nagelsmänner einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Gruppensieg hinter sich lassen und könnten mit noch größerem Selbstvertrauen in das abschließende Gruppenspiel gegen Ecuador gehen.

Nach dem überzeugenden Auftaktsieg herrscht verständlicherweise Aufbruchstimmung. Doch erst gegen den nächsten Gegner könnte sich zeigen, ob die Männer um Kapitän Joshua Kimmich tatsächlich zu den ernsthaften Titelkandidaten dieses Turniers gehören.

„Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.“ (Sepp Herberger)

Ahoi

Ihr Freischwimmer

 

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