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WM-Spielort Toronto, Kanada

Wer an die Fußball-Weltmeisterschaft denkt, denkt vermutlich zuerst an die großen Arenen in den USA oder an die traditionsreichen Spielorte in Mexiko. Doch auch Kanada gehört zu den Gastgebern des Turniers. Einer der beiden kanadischen WM-Spielorte ist Toronto, die größte Stadt des Landes.

Austragungsort der Spiele wird das BMO Field sein, das während der Weltmeisterschaft den Namen „Toronto Stadium“ tragen wird. Die Arena wurde 2007 eröffnet und liegt auf dem Gelände des Exhibition Place direkt am Ufer des Ontariosees. Im Ligaalltag finden hier rund 30.000 Zuschauer Platz. Für die Weltmeisterschaft wird die Kapazität durch zusätzliche temporäre Tribünen auf etwa 45.000 Plätze erhöht.

Für den kanadischen Fußball besitzt das BMO Field eine besondere Bedeutung. Es wurde speziell für den Fußball errichtet und gilt als das erste reine Fußballstadion des Landes. Zuvor mussten Vereine meist auf Mehrzweckarenen oder Footballstadien ausweichen. Mit dem Bau erhielt der Fußball in Kanada erstmals ein eigenes Zuhause.

Hier fand auch das Finale der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2007 statt. Den Titel sicherte sich damals Argentinien. Einer der prägenden Spieler des Turniers war ein junger Stürmer namens Sergio Agüero. Der spätere Weltstar gewann nicht nur den WM-Titel, sondern wurde auch als bester Spieler und bester Torschütze des Turniers ausgezeichnet.

Heute bescheinigen viele Besucher dem BMO Field sogar eine Atmosphäre, die an die englische Premier League erinnert. Die steilen Tribünen, die Nähe zum Spielfeld und die lautstarke Unterstützung der Fans sorgen für eine Stimmung, die man in Nordamerika nicht unbedingt erwarten würde.

„Die Stadt ist voller Leben, Bewegung und Aufbruchsstimmung.“ (Charles Dickens )

Dabei blickt der Standort selbst auf eine deutlich längere Geschichte zurück als die Arena. Das Gelände des Exhibition Place war ursprünglich kein Sportzentrum. Jahrzehntelang fanden hier große Industrie- und Landwirtschaftsausstellungen statt. Erst später entwickelte sich das Areal zu einem wichtigen Veranstaltungs- und Sportgelände. Wo einst Maschinen ratterten, Nutztiere präsentiert und technische Neuerungen vorgestellt wurden, werden nun die Fans aus aller Welt ihre Nationalmannschaften anfeuern.

Mit dem Stadion begann auch ein neues Kapitel für den Fußball in Kanada. Toronto FC erhielt 2005 den Zuschlag als neue Franchise der Major League Soccer. Damit verließ die Liga erstmals die Vereinigten Staaten und wagte den Schritt nach Kanada. Toronto FC wurde so zum ersten MLS-Verein außerhalb der USA. Voraussetzung für die Vergabe war ein eigenes Fußballstadion – und genau daraus entstand das BMO Field.

Schon vor dem ersten Anpfiff war die Aufbruchsstimmung in Toronto spürbar. Noch bevor Toronto FC überhaupt sein erstes Spiel bestritten hatte, gründeten sich die ersten Fanclubs. Bis heute gehört der gemeinsame Marsch vieler Anhänger vom Stadtviertel Liberty Village zum Stadion zu den festen Ritualen an Heimspieltagen. Mit Fahnen, Trommeln und Gesängen ziehen die Fans zum BMO Field. Wer diese Bilder sieht, fühlt sich eher an Europa oder Südamerika erinnert als an Nordamerika.

Eine der bekanntesten Geschichten des Stadions ereignete sich am 12. Mai 2007. An diesem Tag erzielte der Engländer Danny Dichio das erste Tor in der Geschichte von Toronto FC. Was danach geschah, gehört bis heute zu den kuriosesten Geschichten des kanadischen Fußballs.

Vor dem Spiel waren kostenlose Sitzkissen verteilt worden, damit die Zuschauer es sich auf den damals noch recht harten Sitzen etwas bequemer machen konnten. Nach dem Treffer brachen alle Dämme. Hunderte – später sogar tausende – Sitzkissen flogen auf den Rasen. Das Spiel musste kurz unterbrochen werden, weil das Spielfeld voller Kissen lag. Die Bilder gingen um die Welt. Später gaben Verantwortliche scherzhaft zu, dass ihnen erst nach dem Verteilen aufgefallen sei: „Moment mal – die kann man ja auch werfen.“

Bis heute ist diese Partie in Toronto als „The Cushion Game“ bekannt. Danny Dichio besitzt nach eigenen Angaben noch immer eines der damaligen Sitzkissen. Und auch die Fans haben den historischen Treffer nicht vergessen. Weil Dichio sein Tor damals in der 24. Minute erzielte, erklingt bei Heimspielen bis heute in der 24. Spielminute der „Danny Dichio Song“. Fast zwanzig Jahre später erinnert man sich also noch immer an ein Tor, das sportlich gesehen keineswegs spektakulär war. Es war einfach das erste.

„Toronto nennt sich oft eine Weltstadt. Paris nennt sich einfach Paris.“ (Mike Myers, Schauspieler)

Doch nicht nur das Stadion, auch die Gastgeberstadt selbst hat einiges zu bieten. Toronto ist die größte Stadt Kanadas und die Hauptstadt der Provinz Ontario. Sie liegt direkt am Nordufer des Ontariosees, dessen gewaltige Wasserfläche stellenweise eher an ein Meer erinnert als an einen See. In der Stadt leben rund 2,8 Millionen Menschen, im Ballungsraum deutlich mehr.

Lange bevor sich die heutige Skyline mit ihren Wolkenkratzern über den Ontariosee erhob, trug die Stadt einen eher ungewöhnlichen Spitznamen. Bis heute ist gelegentlich von „Hogtown“ die Rede – der „Schweinestadt“. Der Name geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als die Stadt ein wichtiges Zentrum der Schweinezucht und Fleischverarbeitung war. Ursprünglich war die Bezeichnung eher spöttisch gemeint, heute wird sie meist mit einem Augenzwinkern verwendet. Die Einwohner der Stadt werden offiziell als „Torontonians“ bezeichnet.

Wer die Metropole besucht, entdeckt schnell eine weitere Besonderheit. Unter den Straßen der Innenstadt verbirgt sich ein weit verzweigtes Netz aus Fußgängertunneln. Das sogenannte PATH-System verbindet Bürogebäude, Geschäfte, Restaurants und U-Bahn-Stationen miteinander. Vor allem während der kalten Wintermonate können die Menschen große Teile der Innenstadt zurücklegen, ohne dabei einen Fuß ins Freie setzen zu müssen.

Fußball ist in Toronto jedoch nicht nur im Stadion präsent. Besonders deutlich wird das in Little Portugal. In dem Viertel gehören Vereinswappen, Fußballgespräche und die Leidenschaft für den Sport zum Alltag. Wenn die portugiesische Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft spielt, verwandeln sich ganze Straßenzüge in ein rot-grünes Fahnenmeer. Ähnliche Szenen lassen sich auch in anderen Stadtteilen beobachten. Während großer Turniere wirkt die Stadt deshalb oft wie ein riesiger Treffpunkt für Fußballfans – eine Atmosphäre, die man in dieser Form nicht in jeder nordamerikanischen Großstadt findet.

„Ich fand Toronto eine ungemein liebenswerte Stadt, großzügig, freundlich und angenehm würdevoll.“ (John Cleese, britischer Komiker, wurde vor allem durch Monty Python berühmt.)

Heute gehören die Toronto Islands zu den beliebtesten Ausflugszielen der Stadt. Viele Besucher glauben, die Inseln hätten schon immer vor Toronto gelegen. Tatsächlich waren sie ursprünglich gar keine Inseln. Bis 1858 waren sie durch eine Sandbank mit dem Festland verbunden. Dann zog ein gewaltiger Sturm über den Ontariosee. Das Unwetter riss die Landverbindung auf und schuf den sogenannten „Eastern Gap“. Aus einer Halbinsel wurde eine Inselkette.

Schon lange bevor Toronto zur Millionenstadt wurde, galt die Gegend als besonderer Ort. Indigene Völker schätzten das Gebiet wegen seines Zugangs zu Wasser, Nahrung und Ruhe. Einige Überlieferungen beschreiben die Inseln sogar als einen Ort der Heilung und Erholung.

Auf den Toronto Islands steht auch der alte Gibraltar Point Lighthouse. Er wurde bereits 1808 fertiggestellt und gehört zu den ältesten Bauwerken Torontos. Jahrzehntelang war er sogar das höchste Bauwerk der Stadt. Heute steht er, kaum sichtbar, zwischen Bäumen, während sich dahinter eine Skyline aus Wolkenkratzern erhebt.

Rund um den Gibraltar Point Lighthouse existiert seit über 200 Jahren eine Legende. Der erste Leuchtturmwärter, ein Ire namens John Paul Radelmüller, soll unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sein. Später erzählten Bewohner und Besucher, sie hätten in stürmischen Nächten seine Schritte oder seine Gestalt rund um den Leuchtturm gesehen.

Die Toronto Islands sind jedoch nicht nur ein Ort für Legenden. Sie sind auch Heimat einer kleinen Gemeinschaft, die seit Generationen um ihren Erhalt kämpft. Immer wieder gab es Pläne, die Inseln stärker touristisch zu nutzen oder die Wohngebiete zu verdrängen. Doch die Bewohner organisierten sich und verteidigten ihre Nachbarschaft. Als in den 1990er Jahren sogar eine Schule aus dem Jahr 1909 abgerissen werden sollte, protestierten sie, sammelten Unterstützer und setzten sich erfolgreich für ihren Erhalt ein. Heute befindet sich dort ein Kunst- und Kulturzentrum.

„Meine Musik würde nie so klingen ohne Toronto.“ (Drake, Rapper und Sänger)

Während auf dem Festland die Wolkenkratzer immer höher wurden, kämpften die Inselbewohner darum, ihre kleine Welt zu bewahren. Bis heute existiert dort eine besondere Nachbarschaft direkt vor den Toren einer Millionenstadt.

Vielleicht sind es genau solche Geschichten, die Toronto ausmachen. Nicht die höchsten Gebäude, nicht die größten Straßen und nicht die beeindruckendsten Zahlen. Sondern Menschen, die ihre Heimat bewahren wollen, alte Legenden, die bis heute weitererzählt werden, und ein Leuchtturm, der seit mehr als zwei Jahrhunderten über die Stadt wacht. Wenn also nun die Fußballwelt nach Toronto blickt, wird sie also weit mehr entdecken als nur ein Stadion.

„Wenn ich an mich denke, denke ich an Toronto.“ (Drake, Rapper und Sänger)

Ahoi

Ihr Freischwimmer

 

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Foto: Ken Lund / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)