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Houston - erster Spielort der Deutschen Nationalmannschaft

„Houston, wir haben ein Problem.“

Dies dürfte der berühmteste Satz der Raumfahrtgeschichte sein. Als die Apollo-13-Crew nach einer Explosion an Bord Hilfe benötigte, funkte sie nach Houston, weil dort das berühmte NASA-Kontrollzentrum sitzt. Nur wenige Städte auf der Welt haben es geschafft, mit einem Problem weltberühmt zu werden.

Alle deutschen Fans hoffen natürlich, dass es beim WM-Spiel gegen Curaçao kein wirkliches Problem mit dem Gegner gibt. Zu einem anderen Problem könnte jedoch ein zu kleines Sparschwein werden, denn wer Deutschland gegen Curaçao live im Stadion erleben möchte, muss tief in die Tasche greifen. Offizielle Hospitality-Pakete beginnen bei stolzen 1.750 US-Dollar pro Person.

Auch für die Verpflegung sollte man etwas mehr Kleingeld – oder vielleicht sogar Großgeld – einplanen. Ein Bier (0,47 Liter) kostet im NRG Stadium aktuell rund 13 US-Dollar, während ein Hot Dog bis zu 8 Dollar kosten kann. Na, das sind doch fantastische Schnäppchen. Billig kann schließlich jeder.

Dazu kommen noch Flug, Hotel und die eine oder andere unvermeidliche Ausgabe vor Ort. Wer also die Reise nach Houston plant, sollte vorher sein kreditführendes Institut konsultieren, ob auch die Urlaubskasse WM-tauglich ist.

Bei meinen umfassenden und tief gehenden Recherchen konnte ich jedoch mit aller größter Freude feststellen, dass der Torjubel bislang (noch) kostenlos ist. Und wir hier im Land der Dichter & Denker wollen doch stark hoffen, dass die deutsche Mannschaft uns Anhängern möglichst viele Gelegenheiten zum jubeln bietet.

Gespielt wird im NRG Stadium, einer Arena, die schon für sich genommen eine kleine Sehenswürdigkeit ist. Als es 2002 eröffnet wurde, war es das erste NFL-Stadion mit komplett ausfahrbarem Dach. Bei gutem Wetter wird es geöffnet, bei der oft drückenden Hitze von Texas bleibt es geschlossen. Das riesige Dach benötigt gerade einmal zehn Minuten, um vollständig auf- oder zuzufahren.

Dass die Texaner auf solche Konstruktionen stehen, überrascht nicht. Baseball-Legende Stan Musial spottete einst: 

„Houston hat drei Jahreszeiten: Juli, August und Sommer.“ 

Vielleicht erklärt das auch, warum Klimaanlagen hier fast schon als Menschenrecht gelten.

Bei großen Veranstaltungen finden bis zu 80.000 Zuschauer Platz im Stadion und es ist die Heimat der Houston Texans. Aber mindestens genauso bekannt ist es für das gigantische “Houston Livestock Show and Rodeo” – ein Kulturspektakel, zu dem jedes Jahr Millionen Besucher strömen. Außerdem wurden hier bereits zwei Super Bowls, NCAA-Finals, WrestleMania-Veranstaltungen und nun auch Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen.

Für die meisten Fußballfans kaum vorstellbar: Im NRG Stadium verschwindet regelmäßig das komplette Spielfeld. Für das weltberühmte Rodeo wird der Rasen entfernt und durch Tausende Kubikmeter Erde ersetzt. Unter den Tribünen werden dann Bullen, Pferde und Kälber untergebracht. Nach dem Rodeo wird alles wieder zurückgebaut und es sieht dann wieder so aus, als wäre nichts gewesen.

Während dieser Veranstaltungen fährt zudem eine riesige, sternförmige Konzertbühne mitten ins Stadion. Sie dreht sich, hebt Künstler an und bringt sie näher an die Zuschauer – fast wie eine Mischung aus Konzertarena und Freizeitparkattraktion. Größen wie George Strait, Beyoncé oder Post Malone standen dort bereits auf der Bühne.

Und obwohl hier NFL-Spiele, Weltmeisterschaften und internationale Großveranstaltungen stattfinden, hat sich das Stadion seine Cowboy-Seele bewahrt. Die Zugänge werden teilweise nicht als normale Stadiongänge bezeichnet, sondern als „Chutes“ – jene Treibgänge, durch die beim Rodeo normalerweise Bullen und Pferde in die Arena gelangen. Manche Türgriffe sind als Bullenhörner gestaltet und überall finden sich kleine Rodeo-Symbole und Western-Anspielungen.

Selbst in einem WM-Stadion bleibt Texas eben Texas.

Passend dazu hält den Besucherrekord weder ein Football-Team noch ein Fußballspiel, sondern Country-Legende George Strait. Zu einem seiner Rodeo-Konzerte kamen über 80.000 Menschen. Mehr Zuschauer, als manche Bundesligisten in mehreren Heimspielen zusammen begrüßen.

Wenn Deutschland also gegen Curaçao aufläuft, dann geschieht das an einem Ort, an dem Cowboys, Rodeoreiter, Football-Stars und Weltklasse-Musiker ihre Spuren hinterlassen haben. Doch die Geschichte des Sportstandorts Houston endet nicht am Stadionzaun.

Direkt daneben steht der Astrodome. Das legendäre Stadion wurde einst als „Achtes Weltwunder“ gefeiert und galt als Zukunft des Sports. Als das NRG Stadium eröffnet wurde, entstand die kuriose Situation, dass Houston sein modernstes Stadion direkt neben sein berühmtestes altes Stadion baute. Noch heute stehen beide Arenen Seite an Seite – Vergangenheit und Gegenwart des amerikanischen Sports auf wenigen Metern Entfernung..

Und vielleicht ist genau das das Besondere an Houston: Hier scheint alles eine Nummer größer zu sein.

„Houston is a cruel, crazy town…“ - „Houston ist eine raue, verrückte Stadt.“ (Hunter S. Thompson, Schriftsteller)

Das gilt auch für die Stadt selbst. Mit rund 2,3 Millionen Einwohnern ist sie die größte Stadt in Texas und gehört zu den größten Metropolen der Vereinigten Staaten. Im Großraum Houston leben inzwischen mehr als sieben Millionen Menschen.

Dabei begann die Geschichte Houstons eher bescheiden. Im Jahr 1836 kauften die Brüder Augustus und John Allen ein sumpfiges Stück Land am Buffalo Bayou und priesen es als zukünftige Metropole an. Viele dürften sich damals gefragt haben: „Wer baut denn freiwillig hier eine Stadt?“ Die Brüder ließen sich davon nicht beirren und benannten ihre Gründung nach Sam Houston, dem berühmten texanischen General aus der Schlacht von San Jacinto.

Heute könnte man sagen: Houston ist der lebendige Beweis dafür, dass selbst die kühnsten Immobilienträume wahr werden können.

Auch deutsche Spuren finden sich in der Geschichte der Region. Viele der ersten Siedler in Texas kamen im 19. Jahrhundert aus Deutschland. Noch heute erinnern Orte wie New Braunfels, Weimar oder Fredericksburg an diese Wurzeln. Houston selbst profitierte stark von dieser Einwanderungswelle. Eine Verbindung nach Deutschland besteht bis heute: Leipzig gehört zu den offiziellen Partnerstädten Houstons.

Seinen Aufstieg verdankt die Stadt zunächst dem Hafen und später dem Ölboom. Doch sie erfand sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu. Heute kennt man Houston in aller Welt als „Space City“, denn hier schlägt seit den 1960er Jahren das Herz der amerikanischen Raumfahrt. Daneben gaben die Einwohner ihrer Stadt noch weitere Spitznamen wie „The Big H“, „H-Town“ oder „Bayou City“.

Doch Houston ist weit mehr als nur die Stadt der Astronauten. Während die NASA weltweit bekannt ist, wissen viele gar nicht, dass sich hier auch das größte medizinische Zentrum der Welt befindet. Im Texas Medical Center arbeiten mehr als 120.000 Menschen – mehr als in Städten wie Trier oder Koblenz wohnen.

Man könnte also sagen: Houston schickt nicht nur Menschen ins All, sondern beschäftigt ganz nebenbei noch eine komplette deutsche Mittelstadt im Gesundheitswesen.

Houstoner besitzen übrigens eine seltene Fähigkeit: Sie können sich gleichzeitig über ihre Stadt beschweren und sie leidenschaftlich verteidigen.

Vielleicht liegt das auch am Klima. Die Sommer sind so heiß und feucht, dass die Stadt schon früh begann, Gebäude, Tunnel und Stadien konsequent zu klimatisieren. Viele Besucher berichten bis heute, dass sie in Houston draußen schwitzen und drinnen frieren.

Unter der Innenstadt verläuft sogar ein Netz aus klimatisierten Tunneln. Tausende Büroangestellte bewegen sich dort mittags zwischen Restaurants und Geschäften, ohne überhaupt auf die Straße gehen zu müssen. Während deutsche Innenstädte von Fußgängerzonen leben, haben die Houstoner ihre zweite Innenstadt einfach unter die Erde gebaut.

Überhaupt ist Houston eine Stadt, die anders tickt. Hier gibt es Menschen, die Astronauten als Nachbarn hatten oder noch immer haben. Während in anderen Städten Fußballer oder Filmstars verehrt werden, begegnete man hier seit Jahrzehnten den Helden der Raumfahrt beim Einkaufen im Supermarkt.

„In Houston zählt nicht, woher du kommst, sondern was du aus deinem Leben machst.“ (Richard Kinder, Unternehmer)

Doch so beeindruckend NASA, Wolkenkratzer und Stadien auch sind – wer Houston wirklich verstehen möchte, muss einen Blick auf die Menschen werfen.

Die Stadt wird regelmäßig von Hurrikans, Überschwemmungen und schweren Stürmen heimgesucht. Vielleicht ist genau deshalb ein besonderer Gemeinschaftssinn entstanden.

Während des verheerenden Hurrikans Harvey im Jahr 2017 wurde die Psychologin Sharon Evans plötzlich zur Retterin ihres Viertels. Sie hatte kein Einsatzfahrzeug oder sonstige Hilfen. Nur ein kleines Boot und ein Handy. Über Nachbarschafts-Apps koordinierte sie gemeinsam mit ihrem Mann Hunderte Rettungen in den überfluteten Straßen ihres Stadtteils. Während Behörden an ihre Grenzen kamen, halfen sich ganz normale Nachbarn untereinander.

Eine weitere Geschichte aus diesen Tagen erzählt von einer schwangeren Frau, die in ihrer überfluteten Wohnung plötzlich in die Wehen ging. Das Wasser stand bereits hoch, die Straßen waren unpassierbar. Also bildeten Nachbarn und Feuerwehrleute kurzerhand eine Menschenkette durch die Fluten und brachten die werdende Mutter Schritt für Schritt zu einem Rettungsfahrzeug. Wenig später kam ein gesundes Mädchen zur Welt.

Besonders schön ist auch die Geschichte von Doris Brown. Nach einem großflächigen Stromausfall gehörte die 75-Jährige dank ihrer Solaranlage zu den wenigen Menschen im Viertel, die noch Strom hatten. Also schickte sie eine einfache Nachricht herum: „Ruft alle an!“ Am Ende saßen Nachbarn, Nachbarn der Nachbarn und sogar fremde Menschen in ihrem Haus. Sie luden Handys auf, kochten gemeinsam, duschten und manche übernachteten sogar dort.

Später sagte Doris Brown lachend: „Ich war gern ein Hafen im Sturm. Aber sie haben alle meine Snacks aufgegessen.“

Das ist so rührend, dass es fast schon wie eine Filmszene klingt.

Auch Feuerwehrmann Joseph Leon wurde einmal ungewollt zu einer kleinen Berühmtheit. Er wurde zu einem Notruf auf die Interstate 45 gerufen. Eine Frau lag in den Wehen. Als er ankam, war das Baby allerdings bereits geboren – auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Die Medien feierten ihn anschließend als Helden, obwohl er kaum zur Geburt beigetragen hatte. Seine Antwort war typisch Houston: „Die Mutter hat eigentlich die ganze Arbeit gemacht.“

Vielleicht beschreiben genau solche kleinen Geschichten die Stadt am besten.

Houston ist eine Stadt der Extreme. Extreme Hitze. Extreme Größe. Extreme Technik. Extreme Naturgewalten. Aber eben auch ein extremer Zusammenhalt.

Ein örtliches Magazin formulierte es einmal sinngemäß so: Wenn Houstoner etwas wirklich gelernt haben, dann wie man sich in den dunkelsten Momenten gegenseitig unterstützt.

„Houston, the Eagle has landed.“ (Einer der berühmtesten Funksprüche der Menschheitsgeschichte als Neil Armstrong die erfolgreiche Mondlandung meldete)

Ahoi

Ihr Freischwimmer

 

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Foto: eschipul / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)