ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF - DAS ÖDE HAUS

ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF - DAS ÖDE HAUS

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Dichter und Denker
87 Videoaufrufe·31.01.2023

Dichtung von Annette von Droste-Hülshoff ersch. 1844 /
Rezitation: Sophie Rois (Foto) /
Anmerkung: Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden: / "Fahr' wohl, du altes Jahr, mit Freud und Leiden! / Der Himmel schenkt ein neues, wenn er will." / So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte, / Die alte fällt, es keimt die neue Blüte / Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes, still. (A.v.D.-H.)

Tiefab im Tobel liegt ein Haus,
Zerfallen nach des Förſters Tode,
Dort ruh' ich manche Stunde aus,
Vergraben unter Rank' und Lode;
'S iſt eine Wildniß, wo der Tag
Nur halb die ſchweren Wimpern lichtet;
Der Felſen tiefe Kluft verdichtet
Ergrauter Aeſte Schattenhaag.
Ich horche träumend, wie im Spalt
Die ſchwarzen Fliegen taumelnd ſummen,
Wie Seufzer ſtreifen durch den Wald,
Am Strauche irre Käfer brummen;
Wenn ſich die Abendröthe drängt
An ſickernden Geſchiefers Lauge,
Dann iſt's als ob ein trübes Auge,
Ein rothgeweintes drüber hängt.
Wo an zerrißner Laube Joch
Die langen magern Schoßen ſtreichen,
An wildverwachſ'ner Hecke noch
Im Mooſe Nelkenſproſſen ſchleichen,
Dort hat vom tröpfelnden Geſtein
Das dunkle Naß ſich durchgeſogen,
Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,
Und ſinkt am Fenchelſtrauche ein.

Das Dach, von Mooſe überſchwellt,
Läßt wirre Schober niederragen,
Und eine Spinne hat ihr Zelt
Im Fenſterloche aufgeſchlagen;
Da hängt, ein Blatt von zartem Flor,
Der ſchillernden Libelle Flügel,
Und ihres Panzers goldner Spiegel
Ragt kopflos am Geſims hervor.
Zuweilen hat ein Schmetterling
Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen,
Und bleibt ſekundenlang am Ring
Der kränkelnden Narziſſe hangen;
Streicht eine Taube durch den Hain,
So ſchweigt am Tobelrand ihr Girren,
Man höret nur die Flügel ſchwirren
Und ſieht den Schatten am Geſtein.
Und auf dem Heerde, wo der Schnee
Seit Jahren durch den Schlot geflogen,
Liegt Aſchenmoder feucht und zäh,
Von Pilzes Glocken überzogen;
Noch hängt am Mauerpflock ein Reſt
Verwirrten Wergs, das Seil zu ſpinnen,
Wie halbvermorſchtes Haar und drinnen
Der Schwalbe überjährig Neſt.
Und von des Balkens Haken nikt
Ein Schellenband an Schnall' und Riemen,
Mit grober Wolle iſt geſtickt
„Diana“ auf dem Lederſtriemen;

Ein Pfeifchen auch vergaß man hier,
Als man den Tannenſarg geſchloſſen;
Den Mann begrub man, todt geſchoſſen
Hat man das alte treue Thier.
Sitz ich ſo einſam am Geſträuch
Und hör' die Maus im Laube ſchrillen,
Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig,
Am Sumpfe läuten Unk' und Grillen —
Wie Schauer überläufts mich dann,
Als hör' ich klingeln noch die Schellen,
Im Walde die Diana bellen
Und pfeifen noch den todten Mann.