27 Jahre nach dem friedlichen Appell von Falun Gong in Peking – eine Verfolgung, die nicht endet
Es gibt Momente in der Geschichte, die sich in das kollektive Gedächtnis einer Zeit einschreiben, ohne dass die Welt es zunächst bemerkt. Der 25. April 1999 ist einer davon. An jenem Frühlingstag versammelten sich in Peking rund zehntausend Menschen in aller Stille. Keine Sprechchöre, keine Transparente mit Forderungen, keine Gewalt. Wer vorbeikam, sah eine lange Menschenreihe, die sich entlang der Fuyou-Straße erstreckte, nahe dem Regierungsviertel Zhongnanhai. Einige lasen in Büchern, andere meditierten reglos in der Morgensonne. Es war, wie ein Augenzeuge später beschrieb, der größte und friedlichste Protest in Peking seit Jahren – und zugleich einer der am gründlichsten verdrängten.
Diese Menschen waren Praktizierende von Falun Gong, einer buddhistisch geprägten Meditationsbewegung, die in den frühen 1990er Jahren in der Provinz Jilin entstanden war und sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit über ganz China verbreitet hatte. Bis zum Ende des Jahrzehnts zählte die Bewegung nach eigenen Angaben Dutzende Millionen Anhänger – eine Zahl, die der Kommunistischen Partei Chinas nicht verborgen blieb und die sie mit wachsendem Misstrauen betrachtete. Falun Gong lehrte die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht. Es verlangte keine Mitgliedsbeiträge, hatte keine Hierarchien im westlichen Sinne und war dennoch in der Lage, an einem einzigen Morgen Zehntausende zu mobilisieren. Für ein Regime, das Kontrolle als Staatsräson betreibt, ist das eine existenzielle Herausforderung.
Falun Gong – im Chinesischen auch Falun Dafa, das Große Gesetz des Dharmarades, genannt – war 1992 von Li Hongzhi in der nordostchinesischen Provinz Jilin begründet worden. Es wurzelt in der buddhistischen Qigong-Tradition, verbindet aber Meditationsübungen mit einer eigenen Kosmologie und einem dezidiert ethischen Lebensentwurf. Die Bewegung verbreitete sich nicht durch Werbung oder institutionelle Strukturen, sondern durch persönliche Empfehlung, öffentliche Übungsgruppen in Parks und die einfache Erfahrung körperlicher und seelischer Wirkungen. Ende der 1990er Jahre war Falun Gong in China allgegenwärtig: in den Morgenstunden in jedem städtischen Park, in Arbeitskollektiven, unter Professoren und Arbeitern gleichermaßen. Das Regime hatte die Bewegung zunächst gefördert – als kostengünstigen Beitrag zur Volksgesundheit. Als die Zahl der Praktizierenden jene der Kommunistischen Partei zu übersteigen schien, schlug die Förderung in Feindseligkeit um.
Li Hongzhi selbst verließ China 1998 und lebt seither in den Vereinigten Staaten. Seine Schriften, insbesondere das Hauptwerk Zhuan Falun, wurden in China verboten und vernichtet – ein Autodafé, das an die schlimmsten Kapitel der Geistesgeschichte erinnert. Die Bewegung lebt dennoch weiter: in der Diaspora, in geheimen Übungsgruppen innerhalb Chinas, in der zähen Präsenz von Praktizierenden, die in vielen westlichen Städten öffentlich auf ihre Verfolgung aufmerksam machen. Diese Beharrlichkeit ist nicht Fanatismus, wie die chinesische Propaganda behauptet. Sie ist das, was bleibt, wenn Menschen keine andere Möglichkeit haben, ihrer Überzeugung treu zu bleiben, als sie sichtbar zu machen – auf Plätzen, vor Parlamenten, in stillen Mahnwachen, Jahr für Jahr, auch wenn Kameras und Schlagzeilen schon längst woanders hinschauen.
Ein Appell und seine Folgen
Der unmittelbare Anlass für den Appell vom 25. April war ein Vorfall in der nahegelegenen Stadt Tianjin. Dort hatten Polizisten am 23. und 24. April Falun-Gong-Praktizierende geschlagen und 45 von ihnen verhaftet – ein Übergriff, der auf einen polemischen Zeitungsartikel folgte, der die Bewegung diffamierte. Als Betroffene bei den Behörden in Tianjin um Freilassung der Verhafteten baten, wurden sie an Peking verwiesen. Und so kamen sie nach Peking. Sie taten das Naheliegendste in einem Rechtsstaat: Sie appellierten. Sie standen ordentlich Schlange, räumten nach sich auf, versperrten keine Eingänge. Am Abend kamen Vertreter der Staatsführung heraus, um ihre Anliegen zu hören. Die Verhafteten wurden freigelassen. Alle gingen nach Hause.
Historiker sprechen hier von einer klassischen Technik der autoritären Repression: dem nachträglichen Narrativ-Umbau. Was friedlich war, wird als gefährlich neu kodiert; was defensiv geschah, wird als Angriff gerahmt. Das chinesische Regime beherrschte diese Technik mit Vollendung. Die Verfolgung begann umgehend. Verhaftungen, Folter in Arbeitslagern, Psychiatrisierung – das Instrumentarium war breit und brutal.
Die Verfolgungskampagne bediente sich eines breiten Arsenals. Falun-Gong-Praktizierende wurden in sogenannte Umerziehungslager durch Arbeit eingewiesen, in Haftanstalten gefoltert, psychiatrisch verwahrt und sozial marginalisiert. Ihre Familien wurden unter Druck gesetzt, ihre Arbeitgeber zur Entlassung gezwungen, ihre Kinder in der Schule schikaniert. Das „Büro 610”, eine eigens eingerichtete außerrechtliche Behörde, koordinierte die Repression und war keiner ordentlichen Justiz rechenschaftspflichtig. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentierten die Übergriffe, doch die internationale Reaktion blieb gedämpft. China war 1999 gerade erst der Welthandelsorganisation beigetreten; die westliche Wirtschaft hatte anderes im Sinn.
Das Schweigen der Welt
Siebenundzwanzig Jahre sind seither vergangen. Am 25. April 2026 jährt sich jener Appell zum 27. Mal. Es ist ein Jahrestag, der in den großen Feuilletons kaum Erwähnung findet, in den Abendnachrichten nicht vorkommt und in diplomatischen Communiqués höchstens als Randnotiz erscheint. Dabei ist das, was der menschenrechtlichen Gemeinschaft seit Jahrzehnten bekannt ist, von erschreckender Dimension.
Das sogenannte China-Tribunal, ein internationales Gremium aus Menschenrechtsanwälten unter dem Vorsitz des britischen Juristen Sir Geoffrey Nice, gelangte im März 2020 zu einem abschließenden Befund: In China werden seit Jahren in erheblichem Umfang Organe von Gefangenen entnommen – und Falun-Gong-Praktizierende sind dabei eine der zentralen, wenn nicht die wichtigste Bezugsgruppe. Die Organe werden nicht von freiwilligen Spendern gewonnen. Sie werden Menschen entnommen, die als Häftlinge zur Verfügung stehen, klassifiziert und verwertet wie ein Rohstoff.
Im Jahr 2021 äußerten zwölf UN-Menschenrechtsexperten gemeinsam ihre tiefe Bestürzung über die vorliegenden Berichte. Im Januar 2024 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, die die systematische, unmenschliche und staatlich sanktionierte Organentnahme an Gefangenen in der Volksrepublik China verurteilte – namentlich an Falun-Gong-Praktizierenden. Die Abgeordneten forderten ein Ende der Repression religiöser Minderheiten, internationale Untersuchungen und Sanktionen. Im Zentrum der Resolution stand auch der Fall des Praktizierenden Ding Yuande, der 2023 verhaftet worden war und dessen Schicksal seither ungeklärt ist. Im Jahr 2025 verabschiedete das US-Repräsentantenhaus einstimmig den sogenannten „Falun Gong Protection Act”, der US-Behörden die Verhängung von Sanktionen gegen Täter im Zusammenhang mit erzwungener Organentnahme ermöglichen soll.
Besonders beunruhigend ist die geografische Ausdehnung der Repression. Berichte über transnationale Unterdrückung – sogenannte transnational repression – häufen sich: Chinesische Sicherheitsbehörden sollen Falun-Gong-Praktizierende in Deutschland, der Schweiz, Kanada und anderen westlichen Staaten überwachen, einschüchtern und zur Rückkehr nach China drängen. Das Freedom House hat in seinen Jahresberichten diese Praktiken wiederholt dokumentiert. In einigen Fällen wurden Angehörige in China als Druckmittel gegen im Ausland lebende Praktizierende verwendet – eine Methode, die nicht nur die Betroffenen trifft, sondern auch das Asylrecht und die Souveränität westlicher Staaten untergräbt. Die Volksrepublik exportiert ihre Repression; sie endet nicht an ihren eigenen Grenzen.
Die Frage der erzwungenen Organentnahme verdient dabei eine gesonderte Betrachtung, denn sie überschreitet die Schwelle dessen, was wir in anderen Verfolgungskontexten kennen. Das China-Tribunal hat nicht von Einzelfällen gesprochen, sondern von einem systemischen Verbrechen in erheblichem Umfang. Menschen werden nicht nur inhaftiert, gefoltert und getötet – ihre Körper werden nach dem Tod als Ressource verwertet. Das ist eine Form der totalen Verdinglichung des Menschen, die in ihrer Konsequenz das Äußerste darstellt, was ein Staat gegen seine Bürger tun kann. Der Nobelpreisträger Elie Wiesel hat einmal gesagt, dass Gleichgültigkeit das gefährlichste aller Gefühle sei, weil sie den Täter stärke und das Opfer schwäche. Man möchte diesen Satz angesichts der weltpolitischen Reaktion auf die Verfolgung von Falun Gong in Erinnerung rufen.
Und dennoch: Die Verfolgung geht weiter. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte hat darauf hingewiesen, dass die Intensität der Gewalt gegen Falun Gong trotz des weitgehenden Verschwindens aus der westlichen Berichterstattung nie nachgelassen hat. Das Schweigen der Öffentlichkeit ist keine Zustimmung – aber es schafft Handlungsspielraum für jene, die im Verborgenen agieren.
Was Meditation zur Bedrohung macht
Man muss die Frage ernstnehmen, die jenseits der konkreten Menschenrechtsverletzungen steht: Warum verfolgt eine Großmacht mit nuklearen Kapazitäten, einer der stärksten Volkswirtschaften der Welt und einem Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Gruppe von Meditierenden mit solcher Konsequenz? Die Antwort verweist auf etwas Grundsätzliches im Wesen autoritärer Herrschaft.
Falun Gong bietet seinen Praktizierenden eine ethische Orientierung, die außerhalb des Staates steht. Das ist, für ein Regime, das Deutungshoheit über alle gesellschaftlichen Bereiche beansprucht, eine strukturelle Bedrohung. Es geht nicht um die Übungen an sich – das langsame Bewegen der Arme, das Sitzen in Stille. Es geht darum, dass Millionen Menschen ein Sinnsystem leben, das dem Staat nichts schuldet, das nicht aus Parteibeschlüssen abgeleitet ist, das keine ideologische Treue verlangt.
Jiang Zemin, so berichten Zeitzeugen und Historiker, sah in Falun Gong eine Bedrohung, die größer war als die Kommunistische Partei selbst. Dieser Befund klingt zunächst absurd – und enthüllt bei näherer Betrachtung die eigentliche Pathologie autoritärer Macht: ihre Unfähigkeit, Koexistenz zu denken. Ein Regime, das sich durch Kontrolle definiert, kann nichts dulden, das seiner Kontrolle entzogen ist. Nicht Feindschaft, sondern Unabhängigkeit ist für es das Bedrohlichste.
Es wäre falsch, dieses Thema als Randphänomen zu behandeln, das allein Spezialisten für chinesische Innenpolitik betrifft. Was in China seit 1999 mit Falun Gong geschieht, ist ein Lehrstück über die Mechanismen des modernen Autoritarismus: über die Instrumentalisierung des Rechts zur Entrechtung, über die Fabrikation von Feindbildern zur Legitimation von Gewalt, über die Umkehrung des Bittenden und des Schuldigen. Es ist auch ein Lehrstück über uns: über die Grenzen dessen, was demokratische Gesellschaften bereit sind, für Menschenrechte einzusetzen, wenn ökonomische Interessen dagegenstehen. Der 25. April 1999 war ein Datum der Würde. Was daraus wurde, ist ein Datum der Schande – nicht nur für Peking, sondern für jeden, der weggeschaut hat.
Erinnerung als Widerstand
Der 25. April 1999 war ein Augenblick moralischer Klarheit. Zehntausend Menschen standen in einer Straße, machten keinen Lärm, verletzten niemanden und baten – mit dem Vertrauen von Menschen, die an die Vernunft des Staates glauben – um Gerechtigkeit. Dass dieser Appell innerhalb weniger Monate zur Legitimationsgrundlage einer Massenvernichtungskampagne umgedeutet wurde, sagt alles über das Regime und nichts über die Bittenden aus.
Siebenundzwanzig Jahre später ist die Lage unverändert ernst. Praktizierende werden weltweit schikaniert, überwacht und unter Druck gesetzt – auch in Europa, auch in Deutschland. Berichte über transnationale Repression, bei der die chinesische Staatssicherheit Falun-Gong-Anhänger in der Diaspora einschüchtert, häufen sich. Der lange Arm des Pekinger Sicherheitsapparats macht nicht an den Grenzen der Volksrepublik halt.
Gedenktage haben eine Funktion jenseits der Pietät: Sie zwingen zur Gegenwärtigkeit. Sie erinnern uns daran, dass Geschichte kein abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein Prozess, dessen Konsequenzen weiterwirken. Wer am 25. April 1999 in der Fuyou-Straße stand und still wartete, hatte keine Ahnung, dass er an einem Wendepunkt stand. Er dachte, er würde gehört werden. Er wurde verfolgt.
Für die westliche Öffentlichkeit stellt sich damit eine unbequeme Frage: Was rechtfertigt das Schweigen? Nicht Unwissenheit – die Fakten sind seit Jahren dokumentiert, von unabhängigen Gerichten befunden, von Parlamenten beschlossen. Nicht Machtlosigkeit – die EU, die USA, die Vereinten Nationen haben Instrumente, die sie kaum einsetzen. Was bleibt, ist das ehrlichste und ernüchterndste Motiv: Interessenabwägung. China ist ein zu bedeutender Handelspartner, ein zu wichtiger geopolitischer Akteur, als dass man sich ernsthaft über seine Behandlung von Meditierenden erregen würde.
Das ist keine Anklage – es ist eine Bestandsaufnahme. Und es ist der eigentliche Skandal: nicht nur das, was in China geschieht, sondern die bewusst kalkulierte Gleichgültigkeit, mit der ein Großteil der Welt darauf reagiert. Zehntausend Menschen standen einmal still in einer Straße und fragten nach Gerechtigkeit. Sie hielten die Reihen ordentlich, räumten den Müll weg, als sie gingen, und vertrauten darauf, dass ein Staat, der sich auf Gesetze beruft, auch nach Gesetzen handelt. Die Antwort, die sie erhielten, beschämt uns noch heute – falls wir wollen.
Sapere aude!
S.
Weiterführende Informationen gibt es hier:
Link zum Falun Dafa Infozentrum hier auf GJW: https://www.ganjingworld.com/s/zjoYzK3JB8
Link zur aktuellen Pressemitteilung vom Falun Dafa Infozentrum hier auf GJW: https://www.ganjingworld.com/s/Vg2gbErEow
Link zur Webseite von Faluninfo: https://de.faluninfo.net/
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