Der Fußball ist nicht, wie viele vielleicht annehmen würden, direkt aus Spanien nach Mexiko gekommen. Englische und kornische Bergarbeiter brachten ihn Ende des 19. Jahrhunderts in das Land der Mariachis und des Tequilas. Was damals auf Minengeländen und in Arbeiterkolonien begann, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer echten Leidenschaft des ganzen Landes.
Die Anhänger hier gehören zu den lautesten und kreativsten Fans der Welt. Typisch für sie sind Trommeln, riesige Flaggen, Kostüme und Mariachis. Diese traditionellen Musikgruppen zählen zu den bekanntesten Symbolen Mexikos überhaupt. Die Musiker tragen große Sombreros, bestickte Jacken, verzierte Hosen und oft kunstvolle silberne Verzierungen. 2011 wurde die Mariachi-Musik von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Vor wichtigen Spielen der Nationalmannschaft kommt es manchmal zu einem herrlichen Kulturmix: Auf der einen Seite Ultras mit Trommeln und auf der anderen Seite Mariachis. Deshalb klingt die Tribüne manchmal wie eine Mischung aus Hexenkessel, Straßenfest und mexikanischer Hochzeitsfeier.
Viele Mexikaner scherzen:
„Es gibt für jedes Gefühl ein Mariachi-Lied: verliebt, traurig, betrunken, glücklich, bei Liebeskummer ... für alles gibt es ein passendes Lied.“
Und wenn nicht, dann schreibt wahrscheinlich gerade jemand eins.
Hier sind Mariachis nicht einfach nur Musiker. Sie sind ein Stück nationaler Identität.
Darum sagt man in Mexiko oft: „Ohne Mariachi keine richtige Fiesta.“
„Wir müssen zeigen, woraus wir gemacht sind.“ (M. Herrera, ehemaliger Nationaltrainer, über die Mentalität der Mannschaft. Diese Haltung wurde später von vielen Spielern der Nationalmannschaft übernommen.)
Guadalajara ist Austragungsort von vier Gruppenspielen, und das Estadio Akron ist für internationale Spiele mit 49.800 Sitzplätzen ausgestattet. Direkt daneben liegt das riesige Naturgebiet Bosque La Primavera. Aus diesem Grund wurde das Dach wie ein Vulkan beziehungsweise ein begrünter Hügel gestaltet. Von Weitem sieht man oft mehr Landschaft als Stadion, weil die Architekten bewusst vermeiden wollten, dass ein riesiger Betonklotz neben dem Naturgebiet entsteht.
Zahlreiche mexikanische Medien bezeichneten das Estadio Akron als das modernste Stadion Lateinamerikas und die Anhänger nennen es wegen seiner futuristischen Form scherzhaft „La Nave“ („Das Raumschiff“). Ein Mexikaner, der sagt: „Vamos a La Nave“, meint im Fußballkontext: „Wir fahren zum Raumschiff.“ Und tatsächlich sieht es nachts mit seiner Beleuchtung und der geschwungenen Dachkonstruktion so aus, als wäre ein UFO auf einem grünen Hügel bei Guadalajara gelandet.
Während der WM 2026 wird die FIFA das Stadion offiziell „Estadio Guadalajara“ nennen, denn wie beim Azteca dürfen Sponsorennamen während der Weltmeisterschaft nicht verwendet werden.
Am 30. Juli 2010 fand hier das Eröffnungsspiel zwischen Chivas Guadalajara und Manchester United statt. Das Besondere: Javier Hernández wechselte damals gerade von Chivas zu Manchester United. Deshalb spielte er die erste Halbzeit für Chivas und die zweite Halbzeit für Manchester United – im selben Spiel. Und als wäre das noch nicht verrückt genug, erzielte er auch noch das erste Tor der Stadiongeschichte.
Seinen Spitznamen „Chicharito“ („kleines Erbschen“) verdankt er übrigens seinem Vater. Der wurde wegen seiner grünen Augen „Chícharo“ („Erbse“) genannt. Aus der Erbse wurde das kleine Erbschen. Dass ausgerechnet ein „kleines Erbschen“ das erste Tor der Stadiongeschichte schoss, hätte sich wohl kein Drehbuchautor besser ausdenken können. Endstand: 3:2 für Chivas.
So gelungen die Stadioneröffnung auch war – eine Entscheidung sorgte schon bald für Ärger: der Kunstrasen. Die Idee klang zwar modern, doch in der Realität hassten ihn fast alle Spieler. Selbst internationale Stars beschwerten sich öffentlich. Der Ball sprang seltsam, Spieler rutschten aus, und der hochgelobte Kunstrasen wurde schnell zum Gespött vieler Fußballsendungen. Nur zwei Jahre später musste Chivas kapitulieren, und 2012 wurde wieder echter Naturrasen verlegt.
„Der Kunstrasen hatte eine kürzere Karriere als manche Trainer.“ (Witz der Fans)
Hier fanden auch die Panamerikanischen Spiele 2011 statt, und viele Mexikaner erinnern sich eher an die riesigen Eröffnungs- und Abschlussfeiern als an manche Fußballspiele.
Der offizielle Name des hier ansässigen Vereins lautet C.D. Guadalajara. Doch in den 1940er Jahren bezeichnete ein Journalist die Mannschaft nach einem Spiel als „chivas locas“ („verrückte Ziegen“). Eigentlich war das nicht besonders nett gemeint, aber die Fans machten daraus etwas Positives und übernahmen den Namen kurzerhand selbst. Heute ist „Chivas“ deutlich bekannter als der offizielle Vereinsname.
Irgendwann wurde die Ziege zum Maskottchen. Heute sieht man bei Spielen regelmäßig Ziegenmasken, Ziegenfiguren, Fans mit Hörnern und sogar Anhänger in kompletten Ziegenkostümen. Wenn ein Fan sagt: „¡Arriba las Chivas!“, bedeutet das: „Hoch die Chivas!“ Wörtlich übersetzt klingt es allerdings deutlich kurioser: „Es leben die Ziegen!“
Der Verein gehört zu den berühmtesten Klubs Mexikos, weil er traditionell fast ausschließlich mit mexikanischen Spielern antritt. Während andere Vereine zahlreiche ausländische Spieler verpflichten, hält Chivas seit Jahrzehnten an dieser Philosophie fest. Daher wird der Verein oft „El Rebaño Sagrado“ („Die heilige Herde“) genannt. Das ist wahrscheinlich einer der ungewöhnlichsten Spitznamen eines großen Fußballvereins weltweit.
Immer wieder gab es schmerzhafte Niederlagen. Nach besonders bitteren Pleiten tauchten in sozialen Netzwerken regelmäßig Priester mit Weihwasser und „Exorzisten“ in Chivas-Trikots auf. Mittlerweile gehört das fast schon zur Popkultur des gesamten mexikanischen Fußballs.
Genauso gehört das Verkehrschaos rund ums Stadion dazu. Darüber machen sich Fans regelmäßig lustig:
„Das Spiel dauert 90 Minuten. Die Ausfahrt vom Parkplatz 120.“
Guadalajara ist mit rund 1,4 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Mexikos. In der gesamten Metropolregion leben sogar mehr als fünf Millionen Menschen.
Wenn Mexiko-City das riesige, chaotische Herz des Landes ist, dann ist Guadalajara für viele Mexikaner seine Seele. Warum? Weil erstaunlich viele Dinge, die Menschen weltweit mit Mexiko verbinden, hier ihren Ursprung haben: Mariachi, Tequila, die Charro-Kultur und zahlreiche weitere Traditionen. Darum scherzen manche:
„Wenn du das mexikanischste Mexiko suchst – fahr nach Guadalajara.“
Guadalajara liegt nahe der berühmten Tequila-Region. Deshalb entstehen dort regelmäßig Diskussionen, die fast religiöse Züge annehmen. Zum Beispiel: „Welcher Tequila ist der beste?“ Diese Debatten können erstaunlich ernst werden. Ein beliebter Spruch lautet:
„Über Politik kann man diskutieren. Über Tequila lieber nicht.“
Eine andere typische Geschichte betrifft die gigantischen Kreisverkehre der Stadt. Manche Touristen scherzen: „Ich wollte links abbiegen. Zwei Stunden später war ich immer noch im Kreisverkehr.“ Einige Autofahrer sollen angeblich bis heute noch im Kreis herum fahren.
Auch rund um die Kathedrale existieren seit Jahrhunderten Legenden. Besonders nachts erzählen Stadtführer gern von Geistern, geheimen Tunneln und mysteriösen Erscheinungen.
„Der Mexikaner ist mit dem Tod vertraut, macht Witze über ihn, feiert ihn und blickt ihm ins Gesicht.“ (Octavio Paz, Literaturnobelpreisträger. Damit beschrieb er die besondere mexikanische Kultur rund um den Tod, etwa den berühmten Día de los Muertos.)
Guadalajara ist außerdem berühmt für seinen riesigen Markt „Mercado San Juan de Dios“, und manche behaupten sogar: „Wenn du es hier nicht findest, existiert es wahrscheinlich gar nicht.“
Zahlreiche Reisende beschreiben die Stadt als die vielleicht ausgewogenste Metropole Mexikos: groß, aber nicht überwältigend, modern, aber traditionsreich, lebendig, aber oft entspannter als Mexiko-City.
Aus diesem Grund sagen viele:
„Mexiko-City beeindruckt dich. Guadalajara umarmt dich.“
Ahoi
Ihr Freischwimmer
Hier geht es zur nächsten WM-Kolumne: https://www.ganjingworld.com/article/1ijsf59i7hs5ANJ96b9pluUTX1dc1c
Bild credit: Foto: HugoGN12 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0