Das Fest
Jetzt muss man wissen, dass der Brenner eigentlich nie auf öffentliche Veranstaltungen ging. Nicht seit Helgas Tod, nicht seit der Sache mit dem Kaiserschmarrn-Kartell, nicht seit überhaupt. Aber an diesem Samstag im Mai, da hatte ihn der Bezirksvorsteher persönlich eingeladen, zum großen Wiener Donaufest am Schwedenplatz, und der Brenner hatte aus unerfindlichen Gründen ja gesagt. Vielleicht, weil ihm die Einladung ins Goldene Lamm geschickt worden war, zwischen zwei Bierdeckel geklemmt, und die Wirtin gesagt hatte: »Geh hin, Leopold, du wirst ja bald zum Inventar.«
Also stand er dort, um vierzehn Uhr dreißig, zwischen dreitausend Menschen, die Wiener Walzer hörten und Spritzer tranken, und er rauchte seine Filterlose und schaute auf die Donau, die grau und gleichgültig dahinfloss, wie sie es seit Jahrhunderten tat. Am Hauptzelt hatte die Konditorei Sacher einen Stand aufgebaut, daneben die Bäckerei Oberlaa, und ganz hinten, an der Ecke zum Donaukanal, der Stand der Konditorei Zauner, die eigens aus Bad Ischl angereist war. Überall Torten, Strudel, Mehlspeisen. Und überall Donauwellen.
Die Donauwelle, muss man wissen, war das offizielle Gebäck des Festes. Ein Kuchen mit Kirschen, Buttercreme und Schokoladenglasur, benannt nach den Wellen der Donau, und die Organisatoren hatten einen Wettbewerb ausgerufen: die beste Donauwelle Wiens. Zweiunddreißig Konditoreien nahmen teil. Es war harmlos. Es war festlich. Es war Wien.
Bis um fünfzehn Uhr sieben der erste Mensch umfiel.
Das Gift
Es war eine Frau, Mitte fünfzig, Touristin aus Düsseldorf, die gerade ein Stück Donauwelle vom Stand der Konditorei Winkler probiert hatte. Sie griff sich an den Hals, ihre Augen wurden weit, und dann lag sie auf dem Kopfsteinpflaster, und ihr Mann schrie, und die Musik spielte noch drei Takte weiter, bevor jemand den Stecker zog.
Brenner war siebzig Meter entfernt, als es passierte. Er hörte den Schrei, und etwas in seinem alten Polizistenhirn schaltete sich ein wie eine Maschine, die man zwanzig Jahre nicht benutzt hat und die trotzdem sofort läuft. Er war bei der Frau, noch bevor der Rettungsdienst kam. Er roch es sofort. Bittermandel. Nicht stark, aber da. Unter der Schokolade, unter der Buttercreme, unter den Kirschen.
»Niemand isst mehr!«, brüllte Brenner, und seine Stimme, die sonst kaum über den Tresen im Goldenen Lamm reichte, durchschnitt den Platz wie eine Sirene. »Alles stehen lassen! Sofort!«
Aber er war zu spät. Drei weitere Personen brachen zusammen, alle am selben Stand. Ein älterer Herr aus dem dritten Bezirk. Eine junge Studentin. Ein Kind, acht Jahre alt, das seine Mutter um ein zweites Stück gebeten hatte und zum Glück erst zwei Bissen genommen hatte. Die Rettungskräfte kamen, Helikopter kreisten, der Schwedenplatz wurde zur Sperrzone. Die Frau aus Düsseldorf war tot, bevor der Notarzt ihr die Sauerstoffmaske aufsetzen konnte. Der ältere Herr starb im Krankenwagen. Die Studentin überlebte. Das Kind überlebte. Knapp.
Brenner stand inmitten des Chaos und rauchte. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil seine Hände zitterten und er es nicht zeigen wollte.
Der Brief
Zwei Stunden später saß Brenner im Präsidium am Schottenring, obwohl ihn niemand eingeladen hatte. Bezirksinspektor Wallner, der ihn seit dem Kaiserschmarrn-Fall kannte und insgeheim fürchtete, drückte ihm einen Kaffee in die Hand und sagte: »Es gibt einen Brief.«
Der Brief war in einem cremeweißen Umschlag, adressiert an »Kommissar Leopold Brenner, z. Hd. Wiener Polizei«. Er war am Morgen abgegeben worden, Stunden vor dem Fest. Der Portier hatte ihn auf den Stapel gelegt und vergessen. Erst nach dem Anschlag hatte jemand ihn gefunden.
Brenner öffnete ihn mit einer Pinzette. Die Schrift war Maschinenschrift, sauber, eine alte Schreibmaschine, vermutlich eine Olympia. Der Text lautete:
»Lieber Leopold, Du warst immer der Bessere. Aber besser heißt nicht schneller. Heute habe ich Dir bewiesen, dass ich Dir immer einen Schritt voraus bin. Du stehst zwischen den Toten und rauchst, und ich sitze irgendwo und lache. Die Donauwelle war erst der Anfang. Nächste Woche gibt es eine zweite Welle. Du hast sieben Tage. Fang mich, wenn Du kannst. – D.«
Brenner las den Brief dreimal. Dann legte er ihn hin und sagte, ohne aufzuschauen: »Ich kenne ihn.«
Wallner verschluckte sich an seinem Kaffee. »Was?«
»D. Das ist Drexler. Felix Drexler.«
Der Doppelgänger
Felix Drexler. Jetzt muss man sich diesen Drexler vorstellen, und das ist nicht einfach, weil er einer von den Menschen war, die man sich nicht vorstellen will. Drexler war in den Achtzigerjahren gleichzeitig mit Brenner bei der Wiener Kripo eingetreten. Gleicher Jahrgang, gleiche Abteilung, gleicher Ehrgeiz. Zwei junge Kommissare, die um die besten Fälle konkurrierten. Man nannte sie »die Zwillinge«, obwohl sie sich nicht ähnlich sahen – Brenner lang, mager, schweigsam; Drexler kompakt, laut, redselig. Aber sie dachten gleich. Sie lasen Tatorte wie andere Leute Zeitungen lesen: schnell, präzise, mit einem Instinkt, der sich nicht lernen ließ.
Der Unterschied war, dass Brenner ehrlich war und Drexler nicht.
Neunzehnhundertzweiundneunzig flog Drexler auf. Er hatte Beweismittel verschwinden lassen, gegen Bezahlung, in einem großen Drogenfall. Nicht viel Geld, nicht viel Korruption, aber genug, um alles zu zerstören. Der Disziplinarausschuss entließ ihn, und Drexler verschwand. Keine Anklage, weil die Beweislage zu dünn war – die Beweise waren ja verschwunden, das war sein Talent. Er ging nach Südamerika, hieß es. Oder nach Griechenland. Oder nirgendwohin. Wien vergaß ihn. Brenner vergaß ihn nicht.
Denn Brenner wusste, was niemand wusste: Drexler hatte ihn damals gebeten mitzumachen. An einem Abend in einer Heurigen in Grinzing, bei einem Viertel Grüner Veltliner, hatte Drexler gesagt: »Leopold, wir sind schlauer als alle anderen. Warum sollen die Dummen das Geld verdienen?« Und Brenner hatte nein gesagt, und das war der Moment, in dem etwas zwischen ihnen zerbrochen war, das sich nie wieder reparieren ließ.
»Drexler bewundert dich«, hatte damals der Polizeipsychologe zu Brenner gesagt. »Und er hasst dich dafür, dass er dich bewundert.«
Die zweite Welle
Brenner hatte sieben Tage. Er nutzte sie.
Zuerst das Gift. Die Toxikologie bestätigte: Zyankali, eingebracht in die Schokoladenglasur. Professionell dosiert, nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade genug, um bei einer Portion tödlich zu sein. Kein Verrückter, kein Amateur. Jemand, der wusste, was er tat.
Dann der Stand. Die Konditorei Winkler in der Josefstadt, eine kleine Familienbackstube, Inhaber Thomas Winkler, sechsundfünfzig Jahre, unbescholten, erschüttert, am Boden zerstört. Seine Donauwellen waren am Morgen in der Backstube vorbereitet und in einem Lieferwagen zum Fest gebracht worden. Zwischen Backstube und Stand lagen neunzig Minuten und ein unbeaufsichtigter Lieferwagen, der in einer Seitengasse neben dem Schwedenplatz geparkt hatte.
»Neunzig Minuten«, sagte Brenner zu Wallner. »Das genügt.« Er zündete sich eine Zigarette an, obwohl man im Präsidium nicht rauchen durfte, und niemand sagte etwas.
Am dritten Tag geschah, was Brenner befürchtet hatte: Trittbrettfahrer. In einer Bäckerei im zweiten Bezirk fand eine Kundin eine Nadel in einem Donauwellenstück. In einer Konditorei in Favoriten wurde ein handgeschriebener Zettel in einer Tortenbox entdeckt: »Die nächste ist vergiftet.« Beides Fälschungen, beides Nachahmer, beides Idioten, die die Panik ausnutzten. Aber die Wirkung war verheerend. Ganz Wien hörte auf, Kuchen zu essen. Die Konditoreien verloren achtzig Prozent ihres Umsatzes. Die Boulevardzeitung titelte: »TODESGEBÄCK – Ist keine Mehlspeise mehr sicher?«
Brenner ignorierte die Trittbrettfahrer. Er wusste, dass Drexler sie eingeplant hatte. Das Chaos war Teil des Spiels. Es ging nicht um die Toten – die waren Mittel zum Zweck. Es ging um Brenner. Es ging darum, den »Wiener Sherlock Holmes« vorzuführen, öffentlich, vor den Augen der ganzen Stadt.
Am fünften Tag kam der zweite Brief.
»Lieber Leopold, noch zwei Tage. Hast Du mich schon gefunden? Natürlich nicht. Du sitzt im Goldenen Lamm und rauchst und grübelst und bist alt geworden. Ich auch. Aber mein Geist ist schneller als deiner. Samstag, vierzehn Uhr, Naschmarkt. Diesmal nicht eine Donauwelle. Diesmal zwanzig. An zwanzig verschiedenen Ständen. Kannst Du alle finden? – D.«
Die Falle
Jetzt muss man etwas über Brenner verstehen, das die meisten Leute nicht verstanden: Brenner dachte nicht wie ein Polizist. Polizisten denken in Spuren, Motiven, Verdächtigen. Brenner dachte in Menschen. Er fragte sich nie: Was hat der Täter getan? Er fragte sich: Was fühlt der Täter?
Und er wusste, was Drexler fühlte.
Drexler fühlte Leere. Dreißig Jahre im Exil, dreißig Jahre ohne den Rausch der Jagd, dreißig Jahre mit dem Wissen, dass er genauso gut hätte sein können wie Brenner, wenn er nicht diese eine dumme Entscheidung getroffen hätte. Drexler wollte nicht töten. Drexler wollte spielen. Er wollte beweisen, dass er Brenner ebenbürtig war. Und deshalb – das war Brenners Einsicht, die ihm am fünften Tag um drei Uhr morgens im Goldenen Lamm kam, bei seinem elften Verlängerten – deshalb würde Drexler am Samstag dort sein. Am Naschmarkt. Persönlich. Um zuzusehen.
»Er muss es sehen«, sagte Brenner zu Wallner. »Wenn er es nicht sieht, hat es keinen Wert.«
Am Freitagabend, vierundzwanzig Stunden vor der Deadline, traf Brenner seine Vorbereitungen. Der Naschmarkt wurde nicht geschlossen – das hätte Drexler gewarnt. Stattdessen wurden zweihundert Zivilbeamte eingeschleust, als Touristen, als Markthändler, als Obdachlose. Jeder Donauwellenstand wurde überwacht, jedes Stück Kuchen heimlich ausgetauscht gegen frische, sichere Ware. Es war die größte verdeckte Operation, die Wien seit Jahren gesehen hatte, und niemand durfte es wissen.
Brenner selbst postierte sich an einem Kaffeestand in der Mitte des Marktes. Er trug keinen Funkknopf im Ohr, kein Mikrofon am Revers. Er hatte nur seine Augen, seine Filterlose und sein Gehirn.
Um dreizehn Uhr dreißig, eine halbe Stunde vor der angekündigten Zeit, sah er ihn.
Wiedersehen
Drexler saß auf einer Bank gegenüber dem Olivenölstand, dreißig Meter entfernt. Älter natürlich, das Haar weiß, das Gesicht von der Sonne gegerbt – Griechenland also, dachte Brenner –, aber die Augen waren die gleichen. Wach, schnell, fiebrig. Er trug einen beigen Leinenanzug und las eine Zeitung, und er tat so, als wäre er ein Tourist, aber Brenner sah, dass seine Augen nicht auf die Zeitung gerichtet waren, sondern auf die Stände. Auf die Donauwellen. Auf das Spiel.
Brenner stand auf und ging zu ihm. Keine Eile. Keine Dramatik. Wie ein alter Mann, der einen anderen alten Mann auf einer Parkbank besucht.
»Felix«, sagte er und setzte sich neben ihn.
Drexler faltete die Zeitung zusammen. Langsam. Dann drehte er sich zu Brenner und lächelte, und es war ein Lächeln, das gleichzeitig traurig und triumphierend war, das Lächeln eines Mannes, der genau das bekommen hatte, was er wollte.
»Leopold. Du hast fünf Tage gebraucht.«
»Ich hätte dich am ersten Tag gefunden, wenn du mir deine Adresse geschickt hättest.«
Drexler lachte. »Du hast dich nicht verändert.«
»Du auch nicht.« Brenner zündete sich eine Zigarette an. »Zwei Menschen sind tot, Felix.«
Das Lächeln verschwand. Etwas flackerte in Drexlers Augen, etwas, das vielleicht Schuld war oder vielleicht nur die Erkenntnis, dass Spiele Konsequenzen haben. »Ich wollte nicht –«
»Doch«, sagte Brenner leise. »Doch, das wolltest du. Du wolltest, dass ich dich finde. Du wolltest, dass ich hier sitze und dir zuhöre. Du wolltest, dass der einzige Mensch, der dich je verstanden hat, dir noch einmal in die Augen schaut. Und dafür hast du getötet.«
Drexler schwieg lange. Dann sagte er: »Es gibt keine vergifteten Donauwellen am Naschmarkt, Leopold. Es gab nie einen zweiten Anschlag. Ich wollte nur, dass du kommst.«
Brenner nickte. Er hatte es gewusst. Seit dem zweiten Brief hatte er es gewusst. Die Ankündigung von zwanzig vergifteten Stücken an zwanzig Ständen war zu groß, zu theatralisch, zu unpraktisch. Es war kein Plan. Es war eine Einladung.
Das Ende des Spiels
Die Handschellen klickten leise. Drexler wehrte sich nicht. Er ließ sich von den Zivilbeamten abführen, die aus allen Richtungen kamen wie Ameisen aus einem aufgestörten Bau, und er drehte sich noch einmal um und sagte: »Du wirst mir schreiben, Leopold. Im Gefängnis. Du bist der Einzige, der mir schreiben wird.«
Brenner antwortete nicht.
Die Spurensicherung fand später in Drexlers Hotelzimmer im achten Bezirk alles, was sie brauchte: die Olympia-Schreibmaschine, Reste von Kaliumcyanid, detaillierte Aufzeichnungen über den Lieferwagen der Konditorei Winkler, Grundrisse des Schwedenplatzes, Fotos von Brenner – beim Rauchen vor dem Goldenen Lamm, beim Einkaufen am Brunnenmarkt, beim Schlafen auf seiner Gartenbank in Simmering. Dreißig Jahre hatte Drexler im Exil gelebt, und in all diesen Jahren hatte er Brenner nicht aus den Augen gelassen.
»Der Mann war besessen«, sagte Wallner am Abend, als sie im Präsidium die Akten schlossen.
Brenner zündete sich die letzte Filterlose an – er hatte beschlossen, es bei einer Schachtel pro Tag zu belassen, aber dieser Tag zählte nicht – und schaute aus dem Fenster auf die Dächer von Wien, die im Abendlicht leuchteten wie altes Kupfer.
»Besessen ist das falsche Wort«, sagte er. »Drexler war einsam. Dreißig Jahre lang. Die einzige Verbindung, die er noch zu seinem alten Leben hatte, war ich. Er hat zwei Menschen umgebracht, damit ich mich an ihn erinnere.«
»Und? Wirst du ihm schreiben?«
Brenner drückte die Zigarette aus. Er dachte an Helga, die seit drei Jahren tot war. An die leere Wohnung in Simmering. An die Wirtin im Goldenen Lamm, die ihn Inventar nannte. An Drexler, der dreißig Jahre lang sein Foto angeschaut hatte.
»Nein«, sagte er. »Ich werde ihn besuchen.«
Wallner starrte ihn an. »Warum?«
»Weil er recht hat«, sagte Brenner. »Ich bin der Einzige.«
Er nahm seinen Mantel und ging. Draußen war es kühl, und die Donau floss durch die Stadt, gleichgültig und grau, und sie würde morgen noch fließen und übermorgen und in hundert Jahren, und sie kümmerte sich nicht um vergiftete Kuchen und einsame alte Männer und die Frage, ob man jemandem vergeben kann, der tötet, nur um gesehen zu werden.
Aber Brenner kümmerte sich. Das war sein Fluch. Und sein Talent.
S.
Ende von Fall 2 - Kommissar Brenner wird wiederkehren.
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