Der Spaziergänger – Und keiner weiß, wie es weitergeht

Es gibt Nachrichten, bei denen man instinktiv die Kaffeekanne abstellt. Nicht weil man sie verstanden hätte – sondern weil man einen Moment braucht, um zu begreifen, dass man sie überhaupt gehört hat. Ali Chamenei, Oberster Führer des Iran, seit 1989 an der Macht, 85 Jahre alt – tot. Getötet. In der Nacht auf den 28. Februar, während ich schlief, hatten amerikanische und israelische Kampfflugzeuge Teheran angegriffen. Ich stand in der Küche, hielt die Kanne in der Hand und wartete darauf, dass das Radio mir sagen würde, es habe sich geirrt. Das Radio sagte nichts dergleichen.

Ich zog mir die Jacke an und ging los.

Draußen war es einer dieser frühen Märztage, die noch nicht wissen, ob sie Winter oder Frühling sein wollen – dieser zögernde, blasse Himmel, der sich für nichts entscheiden kann. Vielleicht passte das ganz gut. Denn die Welt hatte sich in dieser Nacht verändert, und auch sie schien noch nicht zu wissen, wohin das führen würde.

An der Ecke stand eine Frau und tippte auf ihrem Telefon. Ich fragte mich, ob sie die Nachrichten las. Vermutlich. Alle lasen gerade die Nachrichten. Die Liveblogger schrieben, die Kommentatoren kommentierten, die Experten sprachen – und trotzdem wusste am Ende niemand das Wesentliche: Wie lange wird das dauern? Und was kommt als nächstes?

Ich ging an der Tankstelle vorbei. Das Schild mit dem Benzinpreis – ich hatte es seit Wochen nicht mehr bewusst wahrgenommen – zeigte eine Zahl, die ich kurz zweimal lesen musste. Dreißig Prozent, las ich später, seien die Benzinpreise seit Beginn der Eskalation gestiegen. Als hätte der Krieg seinen Weg hierher gefunden, still und unpersönlich, ins Alltägliche. Nicht als Schlagzeile, sondern als Preisschild.

Das Wort ließ mich nicht los, während ich weiterging: Eskalation. Es kommt vom lateinischen scala – die Leiter, die Treppe. Eskalieren heißt also im Grunde: eine Stufe höher steigen. Immer noch eine, dann noch eine. Und man fragt sich, wenn man dieses Wort hört, ob irgendwo oben auf der Treppe jemand steht, der sagt: Hier ist Schluss. Hier gehen wir nicht weiter. Oder ob die Treppe einfach weitergeht, Stufe um Stufe, und irgendwann schaut man nach unten und wundert sich, wie weit man eigentlich schon geklettert ist.

Ich bog in die Fußgängerzone ein. Das normale Leben, zu meiner leichten Verblüffung: Bäcker, Friseur, ein Mann mit Einkaufstüten, zwei Schülerinnen, die lachen. Als hätte die Nacht nichts verändert. Ich dachte an die 20.000 Seeleute, die laut Meldungen im Persischen Golf auf ihren Schiffen festsaßen – eingeschlossen zwischen gesperrten Lufträumen und einer Meerenge, über deren Schicksal gerade in Teheran entschieden wird. Die Straße von Hormus, ein Name, den ich bisher kaum je bewusst gehört hatte: Dreißig Kilometer breit an der engsten Stelle, und durch sie fließt ein erheblicher Teil des Öls, das die Welt antreibt. Wer sie schließt, schließt eine Ader der Weltwirtschaft. Das steht in keinem Schaufenster. Aber es steht dahinter, irgendwie, wenn man lange genug hineinschaut.

In der Mitte der Fußgängerzone blieb ich vor einem Zeitungskiosk stehen. Die Titelseiten reihten sich aneinander wie Zeugenbefragungen: Bomben auf Teheran. Chamenei tot. Hegseth: „Kein Pardon." Sein Sohn Modschtaba – der neue Machthaber, gerade erst ausgerufen – rief zur Rache auf, zu Vergeltung für Irans Märtyrer. Die Fachleute, las ich, sehen derzeit drei Szenarien: einen schnellen militärischen Durchbruch, einen langen Abnutzungskrieg oder eine Eskalation, die Bodentruppen erfordern würde. Eine Eskalation, die Jahre dauern könnte. Ich stand vor diesen Schlagzeilen und dachte an jemanden, der vor einer Weggabelung steht, auf der alle drei Wege in den Nebel führen.

Ein älterer Herr kaufte eine Zeitung, faltete sie unter den Arm und ging weiter, ohne die Miene zu verziehen. Vielleicht hatte er schon andere Kriege erlebt. Vielleicht hatte er gelernt, Nachrichten zu tragen wie Gepäck: unbequem, aber man gewöhnt sich daran. Ich beobachtete ihn und dachte: So ist das wohl mit der Geschichte. Sie passiert meistens anderswo, und man liest davon beim Frühstück, und das Leben geht weiter, und trotzdem ist irgendwie alles anders, auch wenn man noch nicht genau sagen kann, was.

Auf dem Rückweg kam mir ein Gedanke, der mich beschäftigte: Der Iran-Krieg begann in der Nacht, in der Oman bekannt gegeben hatte, man sei kurz vor einem Durchbruch, der Frieden sei zum Greifen nah. Am nächsten Morgen fielen die ersten Bomben. Der Friede, greifbar, dann nicht mehr. Es gibt für solche Momente kein besseres Wort als das persische Inschallah – so Gott will. Nur dass Gott an diesem Morgen offenbar anderer Meinung war als der omanische Außenminister.

Ich dachte an die Frauen im Iran, die seit Jahren für ihre Freiheit auf die Straße gehen, und die jetzt, im Schatten des Krieges, weiter inhaftiert und verfolgt werden – als hätte der äußere Krieg dem inneren Regime einen Vorwand geliefert, sich im Lärm der Bomben um Regeln zu scheren, die ohnehin niemand kontrolliert. Und ich dachte an einen Satz, den ich irgendwo gelesen hatte: Wenn der Iran das Gefühl hat, sein Überleben sei direkt bedroht, könnte er auch europäische Ziele ins Visier nehmen. Ich schaute die vertrauten Straßen entlang und fragte mich, was es eigentlich bedeutet, in sicherer Entfernung zu leben – und wie weit diese Entfernung wirklich reicht.

Zu Hause angekommen, schaltete ich wieder das Radio ein. Die Lage, hieß es, sei unverändert ernst. Die Raketenangriffe auf Israel seien seit Anfang März zwar um neunzig Prozent zurückgegangen – aber das sei kein Zeichen von Entspannung, sondern von Umstrukturierung. Der Krieg verlagere sich. Er verändere seine Form. Eskalation, dachte ich: noch eine Stufe.

Ich goss mir den zweiten Kaffee ein. Draußen lief das normale Leben weiter, dieser erstaunliche, sture, unbeirrbare Alltag, der sich um keine Weltgeschichte schert. Und doch: Irgendetwas hatte sich verschoben. Nicht laut, nicht sichtbar – aber spürbar, wie eine Zugluft aus einem Fenster, das man nicht findet.

Keiner weiß, wie es weitergeht. Das ist vielleicht das Schwierigste: nicht die Nachrichten selbst, sondern das Offene, das Unabgeschlossene. Die Geschichte, die noch keinen letzten Satz hat. Ich trank meinen Kaffee und wartete darauf, dass das Radio irgendwann mehr wissen würde als ich.

Bis jetzt hat es das noch nicht.

S. 



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