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Wienkrimi - Die Fälle des Kommissar Brenner - Fall 1: Das Kaiserschmarrn-Kartell

Der Tote im Mehl

Das Blut hatte sich mit dem Puderzucker vermischt und eine groteske, rosa Masse auf dem Edelstahlboden der Großküche gebildet. Leopold Mantler, zweiundsechzig Jahre alt, Gründer und Patriarch der Restaurantkette »Mantlers Kaiserschmarrn«, lag mit dem Gesicht nach unten zwischen umgestürzten Mehlsäcken, ein Fleischklopfer ragte aus seinem Hinterkopf. Die Neonröhren summten gleichgültig über der Szenerie, als hätten sie schon Schlimmeres gesehen.

Inspektor Reisinger von der Wiener Kriminalpolizei stand am Rand der Absperrung und versuchte, sein Frühstück bei sich zu behalten. Drei Wochen im Dienst, und schon sein zweiter Mord. Der erste war ein Beziehungsdrama gewesen, klar und einfach. Das hier war etwas anderes. Das hier roch nach mehr – und zwar nicht nur nach dem süßlichen Geruch von geronnenem Blut und Vanillezucker.

»Mantler hatte Feinde«, sagte sein Kollege Wachter und blätterte in einem Notizbuch. »Die halbe Gastronomieszene Wiens wollte ihn am liebsten verschwinden sehen. Er hat in den letzten zwei Jahren acht neue Filialen eröffnet. Aggressive Expansion, Dumpingpreise, feindliche Übernahmen von Traditionslokalen. Der Mann hat den Kaiserschmarrn industrialisiert.«

Reisinger nickte stumm. Er kannte die Kette. Jeder in Wien kannte sie. Die goldenen Schilder mit dem stilisierten Kaiser Franz Joseph, der lächelnd eine Pfanne schwenkte, waren mittlerweile an jeder zweiten Straßenecke zu finden. Billiger Kaiserschmarrn für die Massen, hergestellt in einer Zentralküche am Stadtrand und in die Filialen geliefert wie Pizzen. Die Traditionalisten hassten Mantler dafür. Die Touristen liebten ihn.

»Da ist noch etwas«, sagte Wachter leise und zog Reisinger zur Seite. »Das ist der dritte Tote in der Branche innerhalb von sechs Wochen. Erst Hofbauer von der ›Goldenen Pfanne‹, dann die Zillertal-Wirtin Margit Ecker, jetzt Mantler. Alle drei waren Konkurrenten. Alle drei starben gewaltsam.«

Reisinger spürte, wie sich etwas Kaltes in seinem Magen zusammenzog. Das war kein einzelner Mord. Das war eine Serie. Und Serien waren nichts für einen Inspektor mit drei Wochen Erfahrung.

»Wir brauchen jemanden«, murmelte er. »Jemanden, der so etwas kann.«

Wachter sah ihn an und nickte langsam. »Ich weiß, an wen du denkst. Aber der ist seit fünf Jahren pensioniert. Und er ist … na ja.«

»Ruf ihn an«, sagte Reisinger. »Ruf Brenner an.«

Der Wiener Sherlock Holmes

Das Haus stand am Ende einer Sackgasse in Liesing, eingequetscht zwischen einer Autowaschanlage und einem verwilderten Schrebergarten. Die Fassade war grau, der Putz bröckelte, und im Vorgarten wucherte das Unkraut kniehoch. Auf der Fensterbank im Erdgeschoss stand ein überquellender Aschenbecher neben einer leeren Flasche Zweigelt.

Kommissar a. D. Heinrich Brenner öffnete die Tür im Morgenmantel, eine filterlose Zigarette im Mundwinkel, die Augen blutunterlaufen. Er war vierundsechzig, sah aus wie fünfundsiebzig und bewegte sich wie ein Mann, der seit Jahren mit seinem eigenen Körper im Krieg lag. Sein Haar – das, was davon übrig war – stand in alle Richtungen. Sein Morgenmantel hatte Brandlöcher.

Aber seine Augen. Wer genau hinsah, erkannte in diesen wässrigen, grauen Augen etwas, das sich nicht von Alkohol und Nikotinabusus zerstören ließ: eine messerscharfe Intelligenz, die lauerte wie ein Raubtier im Gebüsch.

Heinrich Brenner war einmal der beste Ermittler gewesen, den Wien je gesehen hatte. Sechsundvierzig gelöste Mordfälle, darunter der berühmte Prater-Würger und die Donaukanal-Affäre. Die Presse hatte ihn den »Wiener Sherlock Holmes« getauft, und er hatte den Spitznamen gehasst. Nicht weil er unbescheiden war, sondern weil Holmes ein fiktiver Charakter war und Brenner seine Fälle in der echten Welt löste, wo es keine dramatischen Enthüllungen im Wohnzimmer gab, sondern nur endlose Stunden des Lesens, Denkens und Kombinierens.

Dann war Margit gestorben. Nicht seine Margit, nicht eine Mordverdächtige – seine Frau. Margarethe Brenner, geborene Steinfeld, an einem Dienstag im November, Bauchspeicheldrüsenkrebs, drei Monate von der Diagnose bis zum Ende. Er hatte vierzig Jahre lang Mörder gejagt und konnte nichts tun gegen die Zellen, die seine Frau von innen auffraßen.

Danach brach etwas in ihm. Er ging in Pension, obwohl er hätte bleiben können. Verkaufte die Wohnung in Hietzing, in der sie gemeinsam gelebt hatten, und zog in das Haus in Liesing, das seiner Schwester gehört hatte. Er verbrachte seine Tage im »Goldenen Lamm«, einer Eckkneipe dreihundert Meter von seinem Haus entfernt, trank Spritzer und rauchte und starrte in die Luft. Die Stammgäste kannten ihn, ließen ihn in Ruhe. Manchmal, wenn jemand Neues hereinkam und ihn ansprach, konnte Brenner Dinge über den Fremden sagen – seinen Beruf, seinen Familienstand, ob er log –, die so erschreckend präzise waren, dass die Stammgäste ehrfürchtig schwiegen.

Sein Geist war hellwach, ein Instrument von tödlicher Präzision, eingesperrt in einem Körper, der sich aufgegeben hatte.

»Brenner«, sagte Reisinger und streckte ihm die Hand entgegen. »Mein Name ist –«

»Reisinger, frisch von der Akademie, drei Wochen im Dienst, Linkshänder, verheiratet, Ihre Frau ist schwanger, und Sie haben heute Morgen den Tatort gesehen und Ihr Frühstück verloren. Kommen Sie rein. Ich setz Kaffee auf.«

Reisinger stand mit offenem Mund in der Tür. Brenner war bereits im Haus verschwunden. Der junge Inspektor schluckte und folgte ihm in die Dunkelheit.

Das Kartell

Brenner brauchte zwei Tage. Zwei Tage, in denen er die Akten studierte, Fotos an die Wand seines Wohnzimmers pinnete und rote Fäden zwischen den Bildern spannte, bis das Zimmer aussah wie das Netz einer wahnsinnigen Spinne. Er rauchte drei Schachteln am Tag, trank literweise schwarzen Kaffee und sprach mit niemandem außer sich selbst.

Am dritten Tag rief er Reisinger an.

»Es geht nicht um Konkurrenz«, sagte Brenner, und seine Stimme hatte einen Klang, den Reisinger noch nie gehört hatte – das Vibrieren eines Geistes, der auf eine Fährte gestoßen war. »Es geht um ein Kartell. Mantler, Hofbauer und Ecker – sie waren keine Konkurrenten. Sie waren Partner. Sie haben den Wiener Gastronomie-Markt unter sich aufgeteilt wie Drogenbosse ihr Revier.«

Brenner erklärte: Mantler hatte die Touristen. Hofbauer die Geschäftskunden. Ecker die Traditionslokale in den Außenbezirken. Zusammen kontrollierten sie über sechzig Prozent der Wiener Kaiserschmarrn-Produktion – und das war nur die legale Seite. Das wahre Geschäft lief über die Lieferketten: überteuerte Mietverträge, erzwungene Exklusivverträge mit Zulieferern, Schutzgeld von kleineren Lokalen, die nicht mitspielen wollten.

»Jemand hat das Kartell von innen heraus zerstört«, sagte Brenner. »Die Frage ist nicht, wer die drei getötet hat. Die Frage ist, wer das vierte Mitglied des Kartells ist – dasjenige, das noch lebt.«

Reisinger spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. »Ein viertes Mitglied?«

»Jedes Kartell hat einen Stillen. Einen, der nicht auffällt. Einen, der die Fäden zieht, ohne selbst auf der Bühne zu stehen. Und dieser Stille hat beschlossen, dass er die Bühne für sich allein haben will.«

Die Spur

Die Ermittlung führte Brenner in die Untiefen der Wiener Gastronomie-Buchhaltung. Er las Jahresberichte, verglich Lieferantenrechnungen, sprach mit Küchenhilfen und Kellnern, die zu wenig verdienten, um loyal zu sein. Er besuchte jede Filiale von Mantlers Kette, aß in jedem Restaurant der Opfer und sprach mit ihren Witwen.

Und er ging jeden Abend ins »Goldene Lamm«, setzte sich an seinen Stammplatz und dachte nach. Die Kellnerin, eine wortkarge Frau namens Hilde, brachte ihm seinen Spritzer, ohne dass er bestellen musste, und ließ ihn in Ruhe.

Es war Hilde, die ihm unwissentlich den entscheidenden Hinweis gab.

»Der Herr Mantler war übrigens letzte Woche noch da«, sagte sie beiläufig, als sie sein Glas nachfüllte. »Mit dem Doktor Seidl. Die haben immer hier gesessen und getuschelt.«

Brenner erstarrte. »Doktor Seidl?«

»Na, der Anwalt. Der mit der Kanzlei am Graben. Der vertritt doch die halbe Gastronomie.«

Dr. Viktor Seidl. Wirtschaftsanwalt, Gesellschaftsrechtler, Berater von Dutzenden Wiener Restaurants. Ein Mann, der so diskret operierte, dass sein Name in keiner Akte auftauchte. Ein Mann, der alle drei Opfer als Mandanten hatte. Ein Mann, der Zugang zu allen Geschäftsgeheimnissen hatte, zu allen Verträgen, zu allen Schwachstellen.

Brenner rannte nach Hause – so schnell, wie ein vierundsechzigjähriger Kettenraucher eben rennen konnte – und zerrte die Akten aus den Stapeln. Jetzt sah er es. Seidls Handschrift war überall: in den Vertragsklauseln, die das Kartell zusammenhielten; in den Mietverträgen, die kleinere Lokale in den Ruin trieben; in den Versicherungspolicen, die nach jedem Todesfall astronomische Summen ausschütteten.

Dr. Viktor Seidl war nicht nur das vierte Mitglied des Kartells. Er war sein Architekt. Und jetzt kassierte er die Versicherungssummen ein, übernahm die Geschäftsanteile der Toten über verschachtelte Briefkastenfirmen und baute sich ein Imperium auf den Leichen seiner Partner auf.

Die Falle

Die Auftragsmörder waren Profis. Zwei Männer aus Bratislava, ehemalige Fremdenlegionäre, die über einen Mittelsmann in Pressburg angeheuert worden waren. Die Polizei hätte Jahre gebraucht, um sie zu finden. Brenner brauchte eine Woche. Er fand den Mittelsmann über einen Kellner, der in einem von Seidls Lokalen arbeitete und eine Spielsucht hatte – und dem Brenner im »Goldenen Lamm« über drei Abende hinweg genug Bier spendierte, um ihn zum Reden zu bringen.

Der Zugriff kam an einem Donnerstagmorgen. Seidl wurde in seiner Kanzlei am Graben verhaftet, die beiden Killer in einer Pension in Simmering. Reisinger führte die Operation, aber es war Brenners Plan: sauber, präzise, ohne eine einzige Schusswaffe.

Die Presse feierte. »Der Wiener Sherlock Holmes schlägt wieder zu«, titelte die Krone. Brenner gab kein Interview.

Die Wendung

Es war zwei Wochen nach der Verhaftung. Der Fall war geschlossen, die Akten gestapelt, die Medien hatten sich dem nächsten Skandal zugewandt. Brenner saß im »Goldenen Lamm«, an seinem Stammplatz, einen Spritzer vor sich, die Zigarette im Mundwinkel.

Hilde brachte ihm die Abendzeitung. Er blätterte desinteressiert, bis sein Blick an einer kleinen Meldung auf Seite sieben hängen blieb.

»Restaurantkette ›Mantlers Kaiserschmarrn‹ unter neuer Führung: Geschäftsführerin Hilde Novak übernimmt sämtliche Anteile.«

Brenner las den Namen dreimal. Dann sah er langsam auf.

Hilde stand hinter der Theke und polierte ein Glas. Sie bemerkte seinen Blick und lächelte. Es war kein warmes Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, die sehr lange gewartet hatte.

»Novak«, sagte Brenner leise. »Hilde Novak, geborene Mantler. Leopolds Schwester.«

Hilde stellte das Glas ab. »Halbschwester«, korrigierte sie ruhig. »Die Halbschwester, die er enterbt hat. Die Halbschwester, die er aus dem Geschäft gedrängt hat. Die Halbschwester, die zwanzig Jahre lang Gläser poliert hat, während er ein Imperium aufbaute, das ihr genauso gehörte.«

Brenner starrte sie an. In seinem Kopf rasten die Zahnräder, fügten sich die Teile zu einem neuen Bild zusammen. Nicht Seidl war der Architekt. Seidl war das Werkzeug. Hilde hatte ihm die Idee eingepflanzt, hatte seine Gier genutzt, hatte ihn glauben lassen, es sei sein Plan. Sie hatte die Spielsucht des Kellners gekannt, der zu Brenner kommen würde. Sie hatte gewusst, dass Brenner die Spur zu Seidl finden würde. Sie hatte den ganzen Fall orchestriert – die Morde, die Ermittlung, die Verhaftung.

»Sie haben mich benutzt«, flüsterte Brenner.

»Ich habe Ihnen drei Spritzer am Abend gebracht, fünf Jahre lang«, sagte Hilde. »Ich kenne Sie besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt, Herr Kommissar. Ich wusste genau, was Sie finden würden. Und was nicht.«

Sie legte ein Geschirrtuch zusammen, ordentlich, präzise.

»Seidl hat die Morde in Auftrag gegeben. Das ist die Wahrheit. Dass ich ihm die Idee gegeben habe – das ist eine Behauptung. Und Behauptungen, das wissen Sie besser als ich, brauchen Beweise.«

Brenner saß sehr still. Die Zigarette war in seinen Fingern bis zum Filter heruntergebrannt. Er spürte die Hitze nicht.

Hilde hängte ihre Schürze an den Haken, nahm ihre Jacke vom Haken und ging zur Tür. An der Schwelle drehte sie sich noch einmal um.

»Das Lokal schließt übrigens Ende des Monats. Ich habe jetzt andere Pläne.« Sie zögerte. »Sie waren immer ein guter Gast, Herr Brenner. Es tut mir leid, dass Sie sich einen neuen Stammplatz suchen müssen.«

Die Tür fiel ins Schloss. Brenner saß allein in der leeren Kneipe. Er starrte auf die Zeitung, auf den Namen, der ihn fünf Jahre lang jeden Abend bedient hatte, ohne dass er es gesehen hatte.

Der Wiener Sherlock Holmes zündete sich mit zitternden Fingern eine neue Zigarette an und begann zu lachen. Es war ein bitteres, heiseres Lachen, das in der leeren Kneipe widerhallte wie ein Geständnis.

Er hatte den Fall gelöst. Und er hatte ihn verloren.

S.



Ende von Fall 1 - Kommissar Brenner wird wiederkehren.


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