Die Käsekrainer
Der Mann starb an einem Dienstagabend im Mai, und er starb, wie man in Wien nicht sterben sollte: an einer Käsekrainer. Das muss man sich vorstellen. Da kommt einer aus Minneapolis, Minnesota, fliegt neun Stunden über den Atlantik, checkt im Hotel Sacher ein, läuft mit seiner Frau die Kärntner Straße entlang, und weil er im Reiseführer gelesen hat, dass ein Besuch beim Würstelstand zum Wiener Pflichtprogramm gehört wie die Oper und der Stephansdom, bestellt er sich am Albertinaplatz eine Käsekrainer mit scharfem Senf. Zwanzig Minuten später liegt er auf dem Pflaster, das Gesicht grau, die Augen weit offen, und die Käsekrainer liegt neben ihm, zur Hälfte gegessen, wie ein Beweisstück, das sich selbst hinterlassen hat.
Richard Gallagher, dreiundsechzig Jahre alt, Versicherungsmakler aus Minneapolis, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, war tot, bevor der Rettungswagen die Operngasse erreichte.
Seine Frau Margaret stand daneben, weinte, schrie, und als die Polizei kam, musste man sie von dem Toten wegziehen, weil sie sich an seinen Mantel klammerte, als könnte sie ihn zurückhalten. Die Beamten notierten: Schock, hysterisch, nicht vernehmungsfähig. Man brachte sie ins Hotel.
Kommissar Heinrich Brenner erfährt davon aus der Zeitung. Genauer gesagt aus der Kronen Zeitung, die am Mittwochmorgen auf dem Tresen des Goldenen Lamm liegt, neben seinem Verlängerten und dem Aschenbecher, der seit sieben Uhr früh nicht leer geworden ist. Die Schlagzeile lautet: »TODES-WURST – Tourist stirbt an Wiener Würstelstand!«
Brenner liest den Artikel zweimal. Dann trinkt er seinen Kaffee aus, zündet sich eine neue Zigarette an und sagt zu niemandem im Besonderen: »Das ist kein Zufall.«
Der Wirt, der Brenner seit acht Jahren kennt und genau weiß, dass dieser Satz der Anfang von etwas ist, stellt wortlos einen zweiten Verlängerten hin.
Die Hysterie
Was dann passierte, passierte schnell. Die Toxikologie bestätigte am Donnerstag: Methomyl, ein Insektizid, hochkonzentriert, eingebracht in die Würste vor dem Grillen. Tödlich innerhalb von Minuten. Kein Unfall. Kein verdorbenes Fleisch. Gift.
Am Freitag schloss die Lebensmittelaufsicht drei Würstelstände am Albertinaplatz. Am Samstag wurden es zwölf Stände in ganz Wien. Die Boulevardpresse drehte durch. »WÜRSTEL-TERROR!« schrie die eine. »IST WIEN NOCH SICHER?« fragte die andere. Die Tourismusbranche verlor innerhalb einer Woche dreizehn Prozent der Buchungen. Der Bürgermeister hielt eine Pressekonferenz und sagte Dinge, die Bürgermeister in solchen Situationen sagen, und die niemanden beruhigten.
Am Montag dann der zweite Anschlag. Oder was wie ein zweiter Anschlag aussah: Am Karlsplatz fand ein Passant eine geöffnete Wurstpackung mit einem Zettel: »Die nächste ist für euch.« Keine Vergiftung diesmal, aber die Panik war perfekt. Die Würstelstandbetreiber demonstrierten vor dem Rathaus. Existenzen standen auf dem Spiel.
Und Brenner saß im Goldenen Lamm und rauchte und dachte.
Bezirksinspektor Wallner – der seit dem Kaiserschmarrn-Fall wusste, dass man Brenner nicht ignorieren durfte, auch wenn er offiziell nichts mehr zu sagen hatte – rief ihn am Dienstag an. »Brenner, wir brauchen Sie.«
»Ich weiß«, sagte Brenner. »Kommen Sie vorbei. Aber bringen Sie die Akte mit. Und Zigaretten.«
Pfeiffer
Die Spur führte schnell zu einem Namen, und der Name war Gerhard Pfeiffer.
Pfeiffer, sechsundfünfzig, ehemaliger Lebensmittelinspektor der Stadt Wien, war drei Jahre zuvor aus dem Dienst entlassen worden – offiziell wegen »unverhältnismäßiger Amtsführung«, was auf Deutsch hieß: Er hatte zu genau hingesehen. Pfeiffer hatte jahrelang Hygieneberichte geschrieben, in denen er die Zustände an Wiens Würstelständen dokumentierte. Kühlketten, die nicht eingehalten wurden. Fleisch, das tagelang in der Sonne stand. Ratten in Lieferwagen. Seine Berichte waren korrekt, seine Methoden akribisch, seine Schlussfolgerungen verheerend.
Aber niemand wollte sie hören. Die Würstelstände gehörten zu Wien wie der Prater und die Fiaker. Die Betreiber hatten Kontakte in die Politik. Pfeiffer wurde erst ignoriert, dann versetzt, dann entlassen. Er klagte, verlor, klagte erneut, verlor erneut. Der Kurier schrieb einmal einen Artikel über ihn: »Der Mann, der Wiens Wurst verbieten will.« Die Leser lachten. Pfeiffer lachte nicht mehr.
Wallner legte Brenner die Akte auf den Tresen. »Pfeiffer hat ein Motiv. Er hat das Wissen. Er hat das Insektizid – in seiner Wohnung haben wir Restbestände gefunden, er war auch Hobbygartner. Und er hat kein Alibi für den Dienstagabend.«
Brenner blätterte durch die Akte, langsam, als lese er einen Roman und nicht eine Ermittlungsakte. Dann sagte er: »Zu perfekt.«
»Was?«
»Das ist zu perfekt. Das Motiv, das Gift in der Wohnung, das fehlende Alibi. Das sieht aus wie jemand, der gefunden werden soll.«
Wallner runzelte die Stirn. »Oder wie jemand, der es getan hat.«
»Auch möglich«, sagte Brenner und zündete sich eine Zigarette an. »Aber sagen Sie mir eines: Wenn Pfeiffer der Typ ist, den seine Akte beschreibt – akribisch, methodisch, besessen von Regeln –, warum sollte er dann Spuren hinterlassen wie ein Anfänger?«
Der Verdacht
Pfeiffer wurde verhaftet, vorgeführt, vernommen. Er bestritt alles. Er weinte. Er sagte, er habe das Insektizid für seine Rosen gekauft, und das stimmte, die Quittung existierte. Er sagte, er sei am Dienstagabend allein in seiner Wohnung gewesen und habe Tatort geschaut, und das konnte niemand bestätigen und niemand widerlegen.
Die Staatsanwaltschaft war zufrieden. Die Medien waren zufrieden. »WÜRSTEL-KILLER GEFASST!« Der Bürgermeister hielt eine zweite Pressekonferenz und sagte Dinge, die Bürgermeister sagen, wenn sie erleichtert sind.
Brenner war nicht zufrieden.
Er ging zurück ins Hotel Sacher. Nicht wegen der Sachertorte, obwohl er eine aß, aus Prinzip. Sondern wegen Margaret Gallagher, der Witwe.
Margaret Gallagher, einundsechzig, saß im Hotelzimmer und wartete auf die Freigabe der Leiche ihres Mannes, damit sie ihn nach Minneapolis überführen konnte. Sie trug Schwarz, hatte rotgeweinte Augen, und als Brenner sich vorstellte – »Pensionierter Kommissar, ich berate die Polizei« –, bot sie ihm Tee an.
Brenner lehnte ab und stellte Fragen. Wann waren sie angekommen? Montag. Warum Wien? Richards Idee, er liebte Musik. War Richard gesund gewesen? Ja, abgesehen von seinem Cholesterin. Hatten sie Feinde? Sie lachte bitter. »Wer hat schon Feinde, Kommissar? Wir sind Versicherungsleute aus dem Mittleren Westen.«
Brenner nickte, stellte noch ein paar höfliche Fragen und ging. Im Aufzug drückte er den Knopf fürs Erdgeschoss und dachte nach.
Irgendetwas stimmte nicht. Aber er wusste noch nicht, was.
Die Sache mit dem Ring
Es war drei Uhr nachts, und Brenner saß im Goldenen Lamm, das eigentlich geschlossen hatte, aber der Wirt schloss nicht ab, wenn Brenner noch da war, das war eine stille Vereinbarung zwischen ihnen, die kein Wort brauchte.
Brenner rauchte und starrte auf seine Notizen. Er hatte alles aufgeschrieben, was Margaret Gallagher gesagt hatte. Jedes Wort. Und dann, irgendwann zwischen der sechsten und siebten Zigarette, fiel es ihm auf.
Es war nicht, was sie gesagt hatte. Es war, was sie nicht gesagt hatte.
Jetzt muss man etwas über Brenner wissen, das ihn von anderen Kriminalisten unterschied. Brenner hatte in vierzig Dienstjahren über vierhundert Angehörige benachrichtigt. Ehefrauen, Ehemänner, Eltern, Kinder. Er kannte die Grammatik der Trauer besser als jeder Psychologe. Und es gab ein Muster, das sich nie änderte: Der erste Satz des Hinterbliebenen, immer, ohne Ausnahme, war eine Frage nach den persönlichen Gegenständen. Wo ist sein Ehering? Hatte sie ihre Kette um? Haben Sie seine Brieftasche gefunden?
Margaret Gallagher hatte nicht nach dem Ring gefragt.
Nicht bei der Polizei, nicht bei Wallner, nicht bei Brenner. Kein Wort über die Uhr, die Brieftasche, das Telefon. Sie hatte geweint, geschrien, sich an den Mantel geklammert – aber sie hatte nie gefragt, wo seine Sachen waren.
Brenner drückte die Zigarette aus. Dann öffnete er sein Telefon und rief Wallner an. Es war halb vier Uhr morgens.
»Wallner. Ich brauche die Lebensversicherungspolice von Richard Gallagher.«
Eine Pause. Dann: »Brenner, es ist halb vier.«
»Ich weiß, wie spät es ist. Die Police. Und die Einreisedaten des Ehepaars. Und überprüfen Sie, ob Margaret Gallagher in den letzten sechs Monaten Kontakt zu jemandem in Österreich hatte. Telefon, E-Mail, alles.«
»Sie glauben doch nicht –«
»Doch«, sagte Brenner. »Genau das glaube ich.«
Die Wahrheit
Es dauerte achtundvierzig Stunden. Dann hatte Brenner alles.
Richard Gallaghers Lebensversicherung: vier Millionen Dollar, abgeschlossen achtzehn Monate zuvor. Begünstigte: Margaret Gallagher. Doppelte Auszahlung bei Tod durch Fremdverschulden.
Margaret Gallaghers Internetverlauf, angefordert über Interpol: drei Monate lang hatte sie über Wiens Würstelstände recherchiert. Standorte, Öffnungszeiten, Lieferanten. In einem Löschungsverlauf fanden die Techniker Suchanfragen nach Methomyl – Dosierung, Wirkungszeit, Geschmacksneutralität.
Und dann das Entscheidende: Margaret Gallagher war nicht am Montag in Wien angekommen. Sie war am Freitag gekommen. Drei Tage vor ihrem Mann. Allein. Sie hatte ein Zimmer in einer Pension in Favoriten gebucht, unter ihrem Mädchennamen: Margaret Sullivan.
Drei Tage. Genug Zeit, um den Albertinaplatz zu erkunden, den Würstelstand auszuwählen, den Betreiber zu beobachten, den Moment abzupassen, in dem niemand hinsah, und eine präparierte Käsekrainer gegen eine echte auszutauschen. Sie hatte die vergiftete Wurst in einer Kühltasche mitgebracht. Sie hatte gewartet, bis Richard bestellte, hatte sich abgelenkt, hatte die Wurst getauscht, während er mit dem Standbesitzer redete und versuchte, auf Deutsch zu bestellen.
Der Zettel am Karlsplatz? Auch Margaret. Ein billiger Trick, um aus einem einzelnen Mord eine Serie zu machen, eine Hysterie, einen Terroranschlag. Damit niemand auf die Idee kam, dass es hier nicht um Wiens Würstelstände ging, sondern um einen einzigen Mann und eine einzige Frau und vier Millionen Dollar.
Brenner saß in Wallners Büro und legte die Unterlagen auf den Tisch wie ein Kartenspieler, der seine Hand aufdeckt. Wallner starrte auf die Dokumente. Dann starrte er Brenner an.
»Pfeiffer –«
»Pfeiffer ist unschuldig«, sagte Brenner. »Er war das perfekte Opfer. Seit Jahren öffentlich als Würstelfeind bekannt, isoliert, verbittert, mit Insektizid im Keller. Jeder würde ihn für schuldig halten. Und genau darauf hat sie gesetzt.«
»Sie wusste von Pfeiffer?«
»Sie hatte den Kurier-Artikel gelesen. Online, vor vier Monaten. Er war in ihrem Browserverlauf.«
Wallner schwieg lange. Dann sagte er: »Wie sind Sie darauf gekommen?«
Brenner stand auf, langsam, als täten ihm die Knochen weh, was sie taten.
»Sie hat nicht nach dem Ehering gefragt.«
Der Abgang
Margaret Gallagher wurde am Flughafen Wien-Schwechat verhaftet, am Gate, mit einem One-Way-Ticket nach Chicago – nicht einmal nach Minneapolis, so eilig hatte sie es, zu verschwinden. In ihrer Handtasche fand man den Ehering ihres Mannes. Sie hatte ihn ihm abgenommen, bevor die Rettung kam.
Sie gestand innerhalb von zwei Stunden. Nicht aus Reue, sondern aus Erschöpfung. Die Ehe war seit Jahren zerrüttet. Richard hatte eine Affäre, Margaret hatte Schulden, und die Versicherungspolice war die einzige Idee gewesen, die ihr geblieben war. Wien hatte sie gewählt, weil es weit weg war, weil die Würstelstände eine perfekte Bühne boten, und weil sie gelesen hatte, dass die österreichische Justiz bei ausländischen Opfern langsamer ermittelte. In allem hatte sie recht gehabt. Nur Brenner hatte sie nicht eingeplant.
Gerhard Pfeiffer wurde am selben Abend aus der Untersuchungshaft entlassen. Keine Entschuldigung, keine Pressekonferenz. Er ging nach Hause, in seine leere Wohnung im fünfzehnten Bezirk, und gieß seine Rosen. Die Zeitungen, die ihn eine Woche lang als Würstel-Killer bezeichnet hatten, druckten eine zweizeilige Korrektur auf Seite neun.
Brenner las die Korrektur am nächsten Morgen im Goldenen Lamm. Er faltete die Zeitung zusammen, legte sie zur Seite und trank seinen Verlängerten.
Der Wirt stellte einen zweiten hin, ungefragt.
»Brenner?«
»Hm?«
»Haben Sie es gleich gewusst? Von der Frau?«
Brenner dachte nach. Oder tat so, als dächte er nach, was bei Brenner manchmal schwer zu unterscheiden war.
»Nein«, sagte er. »Aber ich habe gewusst, dass es nicht Pfeiffer war. Und wenn es nicht der ist, den alle für schuldig halten, dann ist es meistens der, den niemand für möglich hält.«
Er zündete sich eine Zigarette an und sah durch das schmutzige Fenster auf die Straße hinaus, wo ein Würstelstand gerade wieder öffnete, zum ersten Mal seit einer Woche, und ein Mann im Anzug eine Käsekrainer bestellte, ohne nachzudenken.
So ist das in Wien. Die Stadt vergisst schnell. Die Würstelstände stehen wieder, die Krainer brutzeln, der Senf ist scharf, und die Leute essen, als wäre nichts gewesen. Nur Brenner vergisst nicht. Brenner vergisst nie.
Aber manchmal, wenn er lange genug raucht und der Kaffee stark genug ist, dann sieht das Vergessen fast aus wie Weisheit.
S.
Kommissar Brenner wird wiederkehren.
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