Ein Nachmittag mit Albert Einstein in Princeton, New Jersey - April 1955

Es war einer jener Nachmittage im frühen April, an denen das Licht in New Jersey schon eine Ahnung von Sommer in sich trägt, aber die Luft noch kühl ist, noch zögernd, als traue sie dem eigenen Versprechen nicht. Ich ging die Mercer Street hinauf, vorbei an den weißen Holzhäusern mit ihren schwarzen Fensterläden, unter den Platanen hindurch, deren Knospen sich gerade öffneten, und suchte die Nummer 112.

Das Haus war bescheidener, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein zweistöckiges Holzhaus im Kolonialstil, weiß gestrichen, mit einer kleinen Veranda, auf der - wie ich erst beim Näherkommen erkannte - ein alter Mann saß. Er trug einen ausgebeulten grauen Pullover ohne Kragen, darunter kein Hemd, und an den Füßen Pantoffeln aus einem Stoff, der aussah wie Schaffell. Das weiße Haar stand ihm in jene wilde Aureole vom Kopf ab, die jedes Schulkind auf der Welt kannte. Aber das Gesicht darunter, die tiefen Furchen, die schweren Lider über den dunklen Augen - das war kein Gesicht von einem Plakat. Das war das Gesicht eines müden Mannes.

»Sie sind der Besucher?«, fragte er, ohne aufzustehen. Die Stimme war leise, melodisch, noch immer mit einem weichen schwäbischen Unterton gefärbt, der nach all den Jahrzehnten in der Schweiz, in Berlin, in Amerika nicht verschwunden war. »Helen hat mir gesagt, jemand kommt. Setzen Sie sich. Dort ist noch ein Stuhl.«

Ich setzte mich neben ihn auf die Veranda. Zwischen uns stand ein kleiner Tisch mit einer Tabakspfeife, einem Aschenbecher und einem Stapel Papiere, deren oberste Seite mit einer Handschrift bedeckt war, die ich nicht entziffern konnte.

»Sie müssen wissen«, sagte er und griff nach der Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, »dass ich kein besonders guter Gastgeber bin. Meine Stieftochter Margot sagt, ich behandle Besucher wie Störungen der Feldgleichungen. Aber Sie kommen aus Deutschland, sagt man mir. Das interessiert mich.«

»Aus Franken«, sagte ich. »Aus Bamberg.«

»Bamberg«, wiederholte er und ließ das Wort im Mund kreisen, als schmecke er es. »Schöne Stadt. Ich war einmal dort, als junger Mann. Auf dem Weg nach Prag, glaube ich. Oder auf dem Rückweg. Das weiß ich nicht mehr. Im Alter verschwimmen die Reisen zu einer einzigen langen Reise, wissen Sie, und man ist sich nicht mehr sicher, wo man tatsächlich war und wo man nur hinwollte.«

Er schwieg eine Weile. In der Ferne hörte man Kinderstimmen, irgendwo schlug eine Tür. Princeton war still an diesem Nachmittag. Still wie ein Ort, der sich seiner eigenen Bedeutung nicht bewusst ist.

»Aber Sie sind nicht gekommen, um über Bamberg zu reden«, sagte Einstein schließlich. »Helen sagte, Sie wollen über den Krieg sprechen. Über den Frieden.« Er sah mich an, und in seinen Augen lag etwas, das ich nicht sofort einordnen konnte - es war nicht Misstrauen und nicht Müdigkeit, es war eher die Wachsamkeit eines Menschen, der dieselbe Frage tausendmal beantwortet hat und dennoch jedes Mal von neuem erschrickt, dass sie überhaupt gestellt werden muss.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen etwas Neues dazu sagen kann«, fuhr er fort. »Ich habe mein halbes Leben über den Krieg nachgedacht. Über das Morden. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eine Dummheit ist. Aber nicht jene Art von Dummheit, die man durch Belehrung heilen kann. Es ist eine Dummheit, die tief im Wesen des Menschen sitzt, wie ein Parasit im Wirtstier. Man wird sie nicht los, indem man erklärt, dass sie da ist.«

»Sie haben sich als Pazifist bezeichnet«, sagte ich.

»Ja«, sagte er. »Und ich stehe dazu. Mein Pazifismus ist instinktiver Natur. Ein Gefühl, nicht eine Theorie. Der Gedanke, dass ein Mensch einen anderen Menschen tötet - bewusst, absichtlich, mit einer Waffe in der Hand -, erfüllt mich mit einem Abscheu, den ich Ihnen nicht beschreiben kann. Es ist ein physischer Widerwille. Wie gegen einen üblen Geruch. Wie gegen etwas fundamental Falsches.«

Er legte die Pfeife wieder hin und faltete die Hände im Schoß. Die Finger waren lang, die Gelenke knotig. Hände, die Geige spielten, die Gleichungen auf Tafeln schrieben, die Geschichte veränderten. Jetzt lagen sie still in seinem Schoß wie abgelegte Werkzeuge.

»Aber«, sagte ich, »Sie haben den Brief an Roosevelt geschrieben.«

Es war, als hätte ich etwas berührt, das noch nicht verheilt war. Einstein sah mich nicht an. Er sah geradeaus, über die Veranda hinweg, über die Mercer Street, in eine Ferne, die nichts mit New Jersey zu tun hatte.

»Ja«, sagte er leise. »Den Brief. August 1939. Szilárd kam zu mir. Er hatte Angst, die Deutschen könnten eine Bombe bauen. Die Physik dafür - die Uranspaltung, die Kettenreaktion - war bekannt. Hahn und Straßmann hatten sie entdeckt, in Berlin. Und wenn die Deutschen eine solche Bombe hätten - Hitler mit einer Bombe, die eine ganze Stadt auslöschen kann -, dann wäre das das Ende gewesen. Das Ende von allem.«

Er schwieg wieder. Dann sagte er, sehr leise: »Ich habe den Brief unterschrieben. Ich habe Roosevelt geschrieben, dass die Vereinigten Staaten die Forschung an der Urananreicherung vorantreiben sollten. Ich, der Pazifist. Ich habe zum Bau der schrecklichsten Waffe aufgerufen, die je erdacht wurde.«

»Bereuen Sie es?«

Einstein drehte den Kopf und sah mich an. »Bereuen?« Er sprach das Wort aus, als sei es ein wissenschaftlicher Terminus, den er auf seine Tauglichkeit prüfe. »Bereuen ist ein seltsames Wort. Es unterstellt, man hätte anders handeln können. Aber konnte ich? Wenn ich gewusst hätte, dass das deutsche Atomprogramm so wenig fortgeschritten war, wie es tatsächlich war - dann hätte ich den Brief nie geschrieben. Ich habe die Gefahr überschätzt. Aber wissen Sie, was das Schreckliche ist? Ich konnte sie nicht unterschätzen. Denn wenn ich mich geirrt hätte - wenn die Deutschen die Bombe vor den Amerikanern gebaut hätten -, dann wäre die Welt, wie wir sie kennen, zu Ende gewesen. Ein Pazifist darf vieles riskieren. Aber nicht die Auslöschung der Zivilisation.«

Ein Windhauch ging über die Veranda und bewegte die Papiere auf dem Tisch. Einstein legte die Hand darauf, und ich sah, dass es ein Briefentwurf war, adressiert an Bertrand Russell.

»Sie arbeiten an etwas?«, fragte ich.

Einstein nickte. »Russell und ich - wir bereiten eine Erklärung vor. Ein Manifest, wenn Sie so wollen. Gegen die Atomwaffen. Gegen den Wahnsinn des Wettrüstens. Die Amerikaner haben die Wasserstoffbombe gezündet - auf dem Bikini-Atoll, letztes Jahr. Eine Bombe mit der tausendfachen Sprengkraft von Hiroshima. Verstehen Sie das? Die tausendfache Kraft. Das ist keine Waffe mehr. Das ist die Vernichtung der Spezies.«

Seine Stimme war lauter geworden, aber nicht aufgeregt. Es war die Lautstärke eines Menschen, der gegen eine Mauer spricht und weiß, dass die Mauer nicht zuhört, und dennoch weiterredet, weil das Schweigen unerträglicher wäre.

»Wir werden die Regierungen auffordern, friedliche Mittel zu finden für alle Streitigkeiten zwischen ihnen. Wir werden an die Menschheit appellieren. Russell schreibt den Text, er ist besser mit Worten als ich. Ich unterschreibe. Andere werden unterschreiben - Born, Pauling, Rotblat. Kluge Leute. Mutige Leute. Ob es etwas nützt?« Er zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich nicht. Aber man muss es tun. Man muss reden, auch wenn niemand hört.«

Ich fragte ihn, ob er jemals daran gezweifelt habe, ob der Pazifismus die richtige Haltung sei. Ob es nicht Situationen gebe, in denen Gewalt das einzige Mittel sei.

Einstein lächelte, und es war ein Lächeln, in dem die ganze Tragik eines langen Lebens lag. »Natürlich gibt es die. Hitler war eine solche Situation. Ich bin kein absoluter Pazifist - das habe ich gelernt. Gegen Hitler konnte man nicht mit Flugblättern kämpfen. Gegen jemanden, der die Vernichtung des Lebens als Selbstzweck betreibt, muss man sich wehren. Auch mit Gewalt. Das ist die bittere Lektion, die die Geschichte mich gelehrt hat.«

Er richtete sich auf, und für einen Moment sah ich in dem alten Mann den jungen Physiker, der 1914 in Berlin den Aufruf an die Europäer unterzeichnet hatte, als fast alle seine Kollegen - Planck, Haber, Nernst - den Kriegseintritt des Kaiserreichs verteidigten. Der junge Mann, der sich geweigert hatte, in den Chor der Nationalisten einzustimmen. Der allein stand, mit seinem Freund Georg Friedrich Nicolai, und ein Friedensmanifest verfasste, das kaum jemand unterzeichnen wollte.

»Ich war immer allein mit dieser Haltung«, sagte er, als habe er meine Gedanken gelesen. »1914, als der Erste Weltkrieg begann. Die deutschen Professoren, die Wissenschaftler - sie unterschrieben einen Aufruf, der den Militarismus verteidigte. Den Krieg als kulturelle Notwendigkeit pries. Ich konnte das nicht. Ich konnte es physisch nicht. Es war mir unmöglich, das Töten zu rechtfertigen. Damals nicht, und heute nicht.«

»Und doch -«, begann ich.

»Und doch habe ich den Brief geschrieben, ja.« Er schloss die Augen. »Sehen Sie, das ist der Fluch des Denkens. Man erkennt die Widersprüche und muss dennoch handeln. Die reine Lehre - ich bin gegen jede Gewalt, unter allen Umständen - die ist schön. Sie ist edel. Aber sie funktioniert nicht in einer Welt, in der es Hitler gibt. In der es Stalin gibt. In der es Bomben gibt, die hunderttausend Menschen in einer Sekunde verbrennen. In einer solchen Welt muss man sich entscheiden. Und jede Entscheidung ist schmutzig.«

Er öffnete die Augen und sah mich an mit einem Blick, der zugleich sanft und unerbittlich war. »Aber wissen Sie, was ich gelernt habe? Das Wichtigste ist nicht, ob man sich richtig entscheidet. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht an die Gewalt gewöhnt. Dass man den Ekel behält. Dass man den Krieg hasst, auch wenn man anerkennt, dass er manchmal - manchmal - unvermeidlich ist. Es gibt Menschen, die den Krieg hassen und ihn deshalb verhindern wollen. Und es gibt Menschen, die den Krieg akzeptieren und ihn deshalb führen. Der Unterschied liegt nicht in der Tat. Er liegt im Herzen.«

Ich schwieg. Es war einer jener Momente, in denen man spürt, dass man einem Gedanken beiwohnt, der größer ist als das Gespräch, das ihn hervorbringt.

»Ich habe Sigmund Freud einmal geschrieben«, sagte Einstein dann, leiser nun, fast beiläufig. »1932. Ich fragte ihn: Warum Krieg? Gibt es einen Weg, die Menschheit vom Verhängnis des Krieges zu befreien? Freud war ehrlich. Er sagte, der Zerstörungstrieb stecke tief im Menschen. Man könne ihn umlenken, aber nicht beseitigen. Er hoffte auf die Zivilisation. Auf die langsame Erziehung des Menschen zum Frieden.«

»Und Sie?«, fragte ich. »Hoffen Sie darauf?«

Einstein stand langsam auf. Er war nicht groß — kleiner, als ich gedacht hatte —, und sein Körper bewegte sich vorsichtig, als müsse er jeden Schritt verhandeln. Er ging an das Verandageländer und legte die Hände darauf.

»Hoffen?«, sagte er, und der Wind bewegte sein weißes Haar. »Hoffen ist ein großes Wort. Ich hoffe, ja. Aber ich bin kein Optimist. Ich bin ein besorgter alter Mann, der weiß, dass die Menschheit sich selbst auslöschen kann. Und der weiß, dass sie möglicherweise dumm genug ist, es zu tun. Aber ich schreibe trotzdem Briefe. Ich unterschreibe trotzdem Manifeste. Ich rede trotzdem mit jungen Leuten aus Bamberg, die mich auf meiner Veranda besuchen. Denn was soll man sonst tun? Aufgeben? Das wäre schlimmer als der Krieg. Aufzugeben hieße, dem Tod recht zu geben.«

Er drehte sich um und sah mich an, und jetzt war das Lächeln wieder da, jenes berühmte, verschmitzte, zutiefst menschliche Lächeln, das die Welt kannte und liebte.

»Wissen Sie, was ich einmal der Nachwelt geschrieben habe? Auf Pergament, versiegelt in einer Kapsel? Ich habe geschrieben: Liebe Nachwelt, wenn ihr nicht gerechter, friedlicher und überhaupt vernünftiger werdet, als wir sind - so soll euch der Teufel holen.« Er lachte, ein kurzes, trockenes Lachen. »Das ist kein sehr wissenschaftlicher Satz. Aber ein wahrer.«

Er setzte sich wieder, nahm die Pfeife und klopfte sie aus, obwohl sie gar nicht gebrannt hatte. Es war eine Geste der Gewohnheit, ein Ritual, das nichts bedeutete und alles.

»Kommen Sie«, sagte er. »Helen hat Tee gemacht. Und ich habe noch eine Geige im Haus, die keiner mehr spielt. Reden wir über etwas anderes. Über Musik, zum Beispiel. Über Mozart. Mozart ist der beste Beweis dafür, dass die Menschheit nicht ganz verloren ist.«

Ich folgte ihm ins Haus. Es roch nach Tabak und alten Büchern und nach etwas, das ich nicht benennen konnte — vielleicht nach Geschichte, vielleicht nach Einsamkeit, vielleicht einfach nach einem langen, unwahrscheinlichen Leben, das nun bald zu Ende gehen würde.

An den Wänden seines Arbeitszimmers hingen die Porträts von Faraday, Maxwell und Newton. Und in einer Ecke, fast versteckt, ein kleines Bild von Gandhi.

Wir tranken Tee, und Einstein spielte eine Melodie auf der Geige, die ich nicht kannte. Sie war schön und traurig, wie ein Abschied, der nicht ausgesprochen wird.

S.


Epilog 

Albert Einstein starb am 18. April 1955 im Princeton Hospital - nur wenige Tage nach unserem Gespräch. Er war 76 Jahre alt. Eine lebensrettende Operation hatte er abgelehnt mit den Worten, es sei geschmacklos, das Leben künstlich zu verlängern; er habe seine Sache hier getan, es sei Zeit zu gehen. Wenige Tage vor seinem Tod hatte er das Russell-Einstein-Manifest unterzeichnet - es war eine seiner letzten Handlungen. Das Manifest wurde am 9. Juli 1955 in London veröffentlicht und gilt als Gründungsdokument der Pugwash-Konferenz, die sich bis heute für nukleare Abrüstung und den Frieden einsetzt. Seine Stieftochter Margot und die langjährige Sekretärin Helen Dukas lebten bis zu ihrem Tod in dem Haus an der Mercer Street 112. Auf Einsteins ausdrücklichen Wunsch wurde es nie zu einem Museum gemacht. Es ist bis heute ein Privathaus, ohne Gedenktafel, nur mit einem kleinen Schild, das Besucher höflich daran erinnert, dass dies eine private Residenz ist. Einstein hatte einmal geschrieben, für die Ewigkeit seien nur die mathematischen Gleichungen. Das mag sein. Aber sein Pazifismus - gebrochen, geprüft, nie aufgegeben - überdauert ebenfalls.


Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏


🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO


🇺🇸 / 🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 / 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently

Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4