Erst mal Radio aus! – Es denkt sich leichter ohne Nachrichten. Morgens, beim ersten Kaffee, noch bevor der Tag richtig beginnt, lasse ich mir sonst gerne die Welt erklären; in diesen Tagen jedoch schalte ich lieber ab. Die Meldungen purzeln so schnell durcheinander, dass ich nicht mehr hinterherkomme: Zölle, Drohungen, Grönland, Gipfel, Merz in Brüssel, Trump auf irgendeiner Pressekonferenz. Ich nippe am Kaffee und schaue aus dem Fenster. Draußen liegt Schnee auf den Dächern; die Welt sieht friedlich aus, fast ein wenig zu friedlich für das, was da gerade passiert – oder auch nicht passiert, wer weiß das schon so genau.
Später dann der Spaziergang. Es ist kalt, aber nicht unangenehm; die Luft hat diese Klarheit, die es nur im Januar gibt, wenn der Atem kleine Wölkchen formt und man sich dabei ertappt, wie man sie beobachtet, als wären sie etwas Bedeutsames. Ich laufe durch die Straßen und denke an dieses Wort, das mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht: Drohung. Ein merkwürdiges Wort, wenn man es genauer betrachtet. Es enthält das Drohen, natürlich, aber auch etwas Schwebendes, Uneingelöstes. Eine Drohung ist ja noch keine Tat; sie ist ein Versprechen auf etwas Unangenehmes, das eintreten könnte – oder auch nicht. Sie lebt von der Möglichkeit, nicht von der Wirklichkeit.
Ich biege um die Ecke, vorbei am Zeitungsladen. Die Schlagzeilen schreien mich an, selbst durch das Schaufensterglas hindurch: Zollkrieg, Eskalation, Europa unter Druck. Ich bleibe kurz stehen und denke an früher, an die Geschichtsstunden in der Schule, an Zölle und Handelsrouten, an Dinge, die mir damals so verstaubt vorkamen, so weit weg von allem, was mich betraf. Jetzt stehen sie in der Zeitung, als wären sie nie weg gewesen.
Ein älterer Herr kommt mir entgegen, Hund an der Leine, Mütze tief ins Gesicht gezogen. Wir nicken uns zu, wie man das so macht unter Spaziergängern, und ich frage mich, ob er auch gerade an Grönland denkt oder ob seine Gedanken bei etwas ganz anderem sind – beim Mittagessen vielleicht, oder bei der Erkältung, die nicht weggehen will. Das ist ja das Seltsame an diesen großen weltpolitischen Verwerfungen: Sie geschehen irgendwo da draußen, in Brüssel und Washington, in Pressekonferenzen und Gipfeltreffen, und gleichzeitig gehen wir hier unsere Wege, kaufen Brötchen, führen Hunde aus, leben unser kleines Leben weiter, als wäre nichts.
Ich laufe weiter, die Hände in den Taschen vergraben. Drohung, denke ich wieder. Das Wort hat etwas Theatralisches, etwas von aufgeplusterter Geste. Man droht mit erhobenem Zeigefinger, mit zusammengekniffenen Augen, mit einer Stimme, die tiefer klingt als gewöhnlich. Aber was kommt danach? Entweder die Tat – oder das Zurückrudern, das kleinlaute Einlenken, das So-war-das-ja-gar-nicht-gemeint. Und genau darin liegt vielleicht das Problem: Wir haben uns so sehr an die Drohungen gewöhnt, dass wir gar nicht mehr wissen, wann sie ernst gemeint sind und wann nur Theaterdonner.
Zu Hause angekommen, schalte ich das Radio doch wieder ein. Die Zölle sind – vorerst – vom Tisch, heißt es. Erleichterung in Brüssel. Ich gieße mir den zweiten Kaffee ein und denke: Vorerst. Auch so ein Wort. Es verspricht Aufschub, keine Lösung. Es sagt: Heute nicht, aber vielleicht morgen. Es sagt: Atme durch, aber bleib wachsam.
Ich trinke meinen Kaffee und schaue wieder aus dem Fenster. Der Schnee ist inzwischen geschmolzen; die Dächer glänzen feucht in der Wintersonne. Irgendwo da draußen wird weiter gedroht und verhandelt, werden Zölle angedroht und zurückgenommen, werden Grenzen in Frage gestellt, die ich für unverrückbar hielt. Aber hier, in diesem Moment, ist es still. Und ich denke: Vielleicht ist das ja auch eine Form von Widerstand – diese Stille, dieses Weiter-Spazierengehen, dieses Sich-nicht-verrückt-machen-Lassen. Eigentlich.
S.
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