Die große Stille - Fortsetzung von Schneechaos im Land (Eine Kurzgeschichte)

Drei Jahre waren vergangen seit dem Schneechaos, das Heinrich Bergmann das Leben gekostet hatte. Die Menschen hatten vergessen. Sie vergaßen immer.

Dann kam der Winter, der alles veränderte.

Es begann nicht mit Schnee. Es begann mit der Sonne.

Am 14. Januar registrierten die Observatorien einen Sonnensturm von beispielloser Stärke. Die Wissenschaftler nannten ihn einen X45-Flare. Sie sagten, so etwas habe es seit dem Carrington-Ereignis von 1859 nicht mehr gegeben. Damals hatten Telegrafenmasten Feuer gefangen. Damals hatte die Welt noch keine Stromnetze gehabt.

Jetzt hatte sie welche.

Die Partikelwolke brauchte achtzehn Stunden, um die Erde zu erreichen. Die Regierungen warnten. Die Menschen hörten nicht zu. Sie hatten schon so viele Warnungen gehört.

Anna Krause stand in ihrer Küche und kochte Kaffee, als das Licht ausging. Sie war die Witwe von Thomas Krause, dem jungen Mann, der einst mit Heinrich Bergmann die Wölfe abgewehrt hatte. Thomas war vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben. Sie lebte jetzt allein in der Wohnung im dritten Stock.

Das Licht ging aus, und es kam nicht wieder.

Nicht nach einer Stunde. Nicht nach einem Tag. Nicht nach einer Woche.

Der Sonnensturm hatte die Transformatoren zerstört. Nicht nur in Deutschland. In ganz Europa. In Nordamerika. In Asien. Die elektromagnetische Welle hatte die Stromnetze überlastet und die empfindlichen Komponenten geschmolzen. Es gab keine Ersatzteile. Es gab keine Fabriken mehr, die welche herstellen konnten. Die Fabriken brauchten Strom.

Gleichzeitig brach der Polarwirbel zusammen.

Die Meteorologen hatten es vorhergesagt. Sie hatten gesagt, der Klimawandel destabilisiere die arktischen Luftmassen. Sie hatten gesagt, extreme Kälteeinbrüche würden häufiger werden. Niemand hatte ihnen zugehört. Niemand hörte je zu.

Die Temperaturen fielen auf minus vierzig Grad. In Madrid. In Rom. In Athen. Städte, die nie für Kälte gebaut worden waren, erstarrten. Die Wasserleitungen platzten. Die Menschen, die keine Öfen hatten, erfroren in ihren Wohnungen.

Der Schnee kam drei Tage nach dem Blackout. Er fiel wochenlang.

Anna hatte Glück. Sie hatte den alten Kachelofen nicht abreißen lassen, als die anderen Mieter es getan hatten. Sie hatte Holz im Keller gelagert. Sie hatte Konserven. Sie hatte Kerzen.

Sie hatte auch die Jagdflinte von Frau Lehmann.

Frau Lehmann war im vergangenen Sommer gestorben. Herzversagen. Sie hatte keine Erben gehabt. Anna hatte die Wohnung ausgeräumt und die Flinte behalten. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht hatte sie es geahnt.

Die ersten Wochen waren die schlimmsten. Die Straßen waren nicht passierbar. Die Hubschrauber konnten nicht fliegen. Die Regierung existierte noch, aber sie konnte nichts tun. Sie hatte keine Energie. Sie hatte keine Kommunikation. Sie hatte keine Kontrolle.

Die Menschen starben zu Millionen.

In den Krankenhäusern versagten die Notstromaggregate nach drei Tagen. In den Altenheimen erfror man. In den Hochhäusern verhungerte man. Die Supermärkte waren in der ersten Nacht geplündert worden. Danach gab es nichts mehr zu plündern.

Anna überlebte.

Sie überlebte, weil sie sich an die Geschichten ihres Mannes erinnerte. An die Woche mit den Wölfen. An Heinrich Bergmann, der gestorben war, weil niemand nach ihm gesehen hatte. Sie ging von Tür zu Tür. Sie klopfte. Sie half.

Sie fand zwölf Menschen in ihrem Haus, die noch lebten. Sie brachte sie in ihre Wohnung. Sie teilte ihr Holz. Sie teilte ihre Konserven. Sie hielt Wache mit der Flinte.

Die Wölfe kamen wieder. Diesmal waren es mehr. Diesmal waren sie mutiger. Diesmal gab es Leichen auf den Straßen.

Im Februar erreichten die ersten Nachrichten die Überlebenden. Ein Amateurfunker hatte sein Gerät mit einer Autobatterie betrieben. Er sendete und empfing.

Die Nachrichten waren nicht gut.

Paris war evakuiert worden. London brannte. In New York hatten Banden die Kontrolle übernommen. In Moskau hatte das Militär geputscht. In Peking herrschte Funkstille.

Die Weltbevölkerung war von acht Milliarden auf geschätzte drei Milliarden gefallen. In sechs Wochen.

Anna hörte die Nachrichten und weinte nicht. Sie hatte keine Tränen mehr. Sie hatte nur noch Aufgaben.

Holz sammeln. Schnee schmelzen. Wache halten. Menschen am Leben halten.

Im März schlossen sich die Überlebenden der Nachbarschaft zusammen. Es waren dreiundsechzig Menschen. Sie wählten einen Rat. Anna wurde zur Vorsitzenden gewählt. Sie wollte es nicht. Sie tat es trotzdem.

Sie organisierten Jagdtrupps. Sie organisierten Sammelexpeditionen. Sie organisierten Verteidigung gegen die Wölfe und gegen andere Menschen, die kamen, um zu nehmen.

Im April begann der Schnee zu schmelzen. Die Temperaturen stiegen auf minus zehn Grad. Es fühlte sich an wie Frühling.

Im Mai kam ein Konvoi der Bundeswehr. Zwölf Fahrzeuge. Sechzig Soldaten. Sie brachten Generatoren und Treibstoff und Medikamente. Sie brachten auch Nachrichten.

Die Regierung existierte noch. Sie hatte sich in einen Bunker zurückgezogen. Sie versuchte, das Land wieder aufzubauen. Es würde Jahre dauern. Vielleicht Jahrzehnte.

Der Offizier, der den Konvoi führte, war ein junger Major. Er hieß Weber. Er sah müde aus. Er sah alt aus.

„Sie haben hier gute Arbeit geleistet", sagte er zu Anna. „Dreiundsechzig Überlebende. Das ist mehr als in den meisten Vierteln."

„Wir haben zusammengehalten", sagte Anna.

Der Major nickte. „Das ist selten geworden."

Der Sommer kam. Er war kurz und kühl. Die Menschen pflanzten Gemüse in den Parks. Sie reparierten die Dächer. Sie räumten die Toten weg.

Der Strom kehrte im August zurück. Nur stundenweise. Nur in manchen Vierteln. Aber er kehrte zurück.

Die Menschen weinten, als die Lichter angingen. Sie hatten vergessen, wie hell elektrisches Licht war. Sie hatten vergessen, wie laut ein Kühlschrank brummte. Sie hatten vergessen, wie die Welt vor der großen Stille geklungen hatte.

Anna stand am Fenster und sah hinaus auf die Straße. Kinder spielten zwischen den Ruinen. Männer reparierten ein Auto. Frauen trugen Eimer mit Wasser.

Eine neue Welt entstand. Eine kleinere Welt. Eine härtere Welt.

Aber auch eine Welt, in der die Menschen einander kannten.

Im September kam ein junger Mann zu Anna. Er war der Sohn eines Nachbarn, der nicht überlebt hatte. Er hieß Bergmann. Er war der Enkel von Heinrich.

„Mein Großvater hat hier gewohnt", sagte er. „Im vierten Stock. Er ist allein gestorben."

Anna nickte. „Ich weiß. Mein Mann kannte ihn. Sie haben zusammen gegen die Wölfe gekämpft. Damals, vor vier Jahren."

„Und dann haben sie ihn vergessen", sagte der junge Mann. Seine Stimme war nicht bitter. Nur traurig.

„Ja", sagte Anna. „Sie haben ihn vergessen."

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte der junge Bergmann:

„Diesmal nicht."

„Nein", sagte Anna. „Diesmal nicht."

Der junge Mann blieb. Er wurde Teil der Gemeinschaft. Er half beim Wiederaufbau. Er lernte, Holz zu hacken und Fallen zu stellen und Wunden zu verbinden.

Eines Tages fragte er Anna, warum sie durchgehalten hatte. Warum sie nicht aufgegeben hatte wie so viele andere.

Anna dachte lange nach. Dann sagte sie:

„Weil ich mich an deinen Großvater erinnert habe. An das, was ihm passiert ist. An das, was wir ihm angetan haben. Ich wollte nicht, dass es noch einmal passiert."

Der junge Bergmann schwieg.

„Es mussten fünf Milliarden Menschen sterben", sagte Anna leise, „damit wir lernen, was er schon wusste: Dass wir nur überleben, wenn wir füreinander da sind. Nicht nur in der Krise. Auch danach. Vor allem danach."

Der Winter kam wieder. Es schneite. Die Temperaturen fielen.

Aber diesmal waren die Menschen vorbereitet. Diesmal hatten sie Holz gelagert und Vorräte angelegt und Pläne gemacht. Diesmal kannten sie die Namen ihrer Nachbarn.

In Heinrichs alter Wohnung im vierten Stock brannte Licht. Sein Enkel hatte sie übernommen. Er hatte das Foto seines Großvaters auf den Kaminsims gestellt.

Die Wölfe heulten in der Ferne. Sie kamen nicht mehr in die Stadt. Es gab dort nichts mehr für sie zu holen.

Die Menschen hatten gelernt.

Es hatte nur das Ende der Welt gebraucht, um sie daran zu erinnern, dass sie Menschen waren.

S. 


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