Der Freytag: Aurora Noir-is - wenn die Sonne tanzt - über Polarlichter, kosmische Gefahren und die Poesie des Himmels

Aurora - the sound of the polar lights (Instrumental)

Der Himmel über Deutschland

In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar geschah etwas, das die Menschen seit Jahrtausenden in Ehrfurcht versetzt: Der Himmel über Deutschland erglühte in den Farben der Aurora Borealis. Von Schleswig-Holstein bis hinunter zu den Alpen tanzten grüne, rosa und rötliche Schleier am Firmament. Der Deutsche Wetterdienst meldete Sichtungen aus allen Bundesländern, selbst aus dem Alpenvorland und aus Österreich trafen Aufnahmen ein. Es war, als hätte jemand einen kosmischen Vorhang gelüftet, hinter dem gewöhnlich nur die Skandinavier und Isländer spähen dürfen. Meteorologe Markus Bayer erklärte lakonisch, was geschehen war: Eine stärkere Eruption der Sonne sei bei uns angekommen.

Die Ursache war ein geomagnetischer Sturm der Stufe G4, der zweithöchsten Kategorie auf der fünfstufigen Skala der amerikanischen Wetterbehörde NOAA. Die Plasmawolke eines koronalen Massenauswurfs hatte die 150 Millionen Kilometer zwischen Sonne und Erde in nur 25 Stunden zurückgelegt, eine außergewöhnliche Geschwindigkeit, die normalerweise drei bis vier Tage benötigt. Der Kp-Index, jenes dreistündige Maß für die geomagnetische Aktivität, das 1949 von Julius Bartels eingeführt wurde, erreichte Werte von 8 bis 9 auf einer Skala, die bei 9 endet. Es war der stärkste Sonnensturm seit über zwanzig Jahren, ein Ereignis, das selbst erfahrene Astronomen in Erstaunen versetzte.

Die Physik des Lichts

Doch was genau sahen die Menschen dort oben am Himmel? Die Physik dahinter ist gleichzeitig prosaisch und poetisch: Hochenergetische Teilchen des Sonnenwindes, hauptsächlich Protonen und Elektronen, treffen auf die Erdatmosphäre. Das Magnetfeld unseres Planeten lenkt sie zu den Polen, wo sie in etwa hundert Kilometern Höhe auf Sauerstoff- und Stickstoffmoleküle prallen. Diese werden angeregt und geben beim Zurückfallen in ihren Grundzustand Licht ab. Grün leuchtet der Sauerstoff bei niedrigeren Höhen, rot in der dünneren Luft über 200 Kilometern. In mittleren Breiten wie Deutschland sehen wir meist das rötliche Leuchten, weil die Teilchen hier nur die oberen Atmosphärenschichten erreichen. Das menschliche Auge ist für diese schwachen Lichter nicht empfindlich genug, weshalb Kameras mit Langzeitbelichtung oft mehr sehen als wir selbst.

Die Sprache der Diagramme

Wer heute Polarlichter jagen will, braucht keine Schamanen mehr, sondern eine App auf dem Smartphone. Die Diagramme zeigen die entscheidenden Werte: Der Kp-Index misst die geomagnetische Aktivität, wobei für Norddeutschland mindestens ein Wert von 6, für Süddeutschland von 7 bis 8 erforderlich ist. Die hemisphärische Kraft in Gigawatt zeigt die Energie, die in die Atmosphäre strömt. Die Sonnenwindgeschwindigkeit sollte über 600 Kilometer pro Sekunde liegen, bei 700 km/s wird es spektakulär. Die Dichte des Sonnenwindes, gemessen in Teilchen pro Kubikzentimeter, sollte über 8 liegen. Entscheidend aber ist der Bz-Wert, die z-Komponente des interplanetaren Magnetfelds: Wird er negativ, idealerweise unter minus 10 Nanotesla, öffnet sich das Erdmagnetfeld für den Sonnenwind wie ein Tor. Der Bt-Wert zeigt die Gesamtstärke des interplanetaren Magnetfelds. Je negativer Bz und je höher Bt, desto besser die Chancen für eine Sichtung auch im Süden.

Die gute Nachricht für alle Polarlichtjäger: Wir befinden uns im Hochplateau des 25. Sonnenzyklus. Die Sonne durchläuft etwa alle elf Jahre einen Aktivitätszyklus, der von einem Minimum zu einem Maximum und wieder zurück führt, und gegenwärtig ist sie besonders lebhaft. Starke Sonnenstürme sind in dieser Phase keine Einmaligkeit, sondern erwartbare Ereignisse. Wissenschaftler der NASA bestätigen, dass die Aktivität noch eine Weile hoch bleiben dürfte. Wer in den kommenden Monaten bei klarem Himmel nach Norden schaut, hat durchaus Chancen, das Spektakel erneut zu erleben. Die Vorhersage bleibt jedoch schwierig, denn die entscheidenden Momente sind oft kurz und kommen selten mit viel Vorwarnung.

Das Carrington-Ereignis

Doch mit dem Schönen kommt das Unheimliche. Am 1. September 1859 blickte der britische Astronom Richard Carrington durch sein Teleskop auf die Sonne und sah etwas, das ihn blendete: einen gewaltigen Lichtblitz über einer Sonnenfleckengruppe, einen sogenannten Mega-Flare. Keine zwanzig Stunden später brach über der Erde der mächtigste geomagnetische Sturm los, der je wissenschaftlich dokumentiert wurde. Polarlichter leuchteten bis nach Rom, Havanna und Hawaii. In Europa und Nordamerika sprühten Funken aus den Telegrafenleitungen, Papierstreifen in den Empfängern fingen Feuer. Telegrafisten erhielten Stromschläge, Kompassnadeln wirbelten wie verrückt. Das junge weltweite Kommunikationsnetz, das Internet seiner Zeit, kollabierte unter der kosmischen Last.

Doch es geschah noch etwas Merkwürdiges, fast Unheimliches: Selbst nachdem die Operatoren ihre Geräte vom Stromnetz trennten, konnten sie weiter kommunizieren. Die induzierten Ströme des Sonnensturms waren so stark, dass sie die Telegrafen betrieben - kostenlose Energie aus dem Kosmos, ein Detail, das bis heute begeistert. Eisbohrkernuntersuchungen zeigen, dass ein Ereignis dieser Stärke im statistischen Mittel alle 500 Jahre auf der Erde vorkommt. Die Plasmawolke hatte damals eine Geschwindigkeit von über 2000 Kilometern pro Sekunde, doppelt so schnell wie jene, die Deutschland diese Woche erleuchtete.

Die verwundbare Zivilisation

Was würde ein Carrington-Ereignis heute bedeuten? Die Antwort ist ernüchternd, um nicht zu sagen: beängstigend. Unsere vernetzte Zivilisation ist verwundbarer als die Telegrafengesellschaft von 1859. Das Hauptproblem sind die Hochspannungstransformatoren, jene gewaltigen Anlagen, die den Strom über Kontinente verteilen. Geomagnetisch induzierte Ströme würden in den weitläufigen Überlandleitungen fließen und diese Anlagen überhitzen lassen, bis sie durchbrennen. Studien für die USA zeichnen ein düsteres Szenario: Etwa 300 Transformatoren könnten zerstört werden, 130 Millionen Menschen wären plötzlich ohne Strom. Und hier liegt das eigentliche Problem: Diese Trafos werden nicht auf Vorrat gebaut. Ihre Herstellung dauert Monate, manchmal Jahre. Und ohne Strom keine Produktion, ohne Produktion kein Ersatz. Eine Kaskade, die sich selbst verstärkt.

Die Wächter am Lagrange-Punkt

Glücklicherweise haben NASA, NOAA und ESA ein ausgeklügeltes Überwachungssystem entwickelt. Der Satellit DSCOVR, das Deep Space Climate Observatory, schwebt am Lagrange-Punkt L1, etwa 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, auf halbem Weg zur Sonne. Von dort aus sieht er koronale Massenauswürfe kommen, bevor sie uns treffen. Die Vorwarnzeit beträgt 15 bis 60 Minuten, manchmal mehrere Stunden. Das reicht, um empfindliche Satelliten in einen Sicherheitsmodus zu versetzen und um Transformatoren vorsorglich vom Netz zu trennen. Der Stromausfall käme dann zwar, aber er wäre kurz und kontrolliert. Besser ein geplanter Ausfall als ein monatelanges Chaos. Die ESA plant zudem die Vigil-Mission, einen neuen Satelliten, der das Weltraumwetter noch präziser vorhersagen soll.

Wie wahrscheinlich ist ein solches Extremereignis? Die Wissenschaft ist sich uneins. Manche Studien sprechen von einmal alle hundert bis zweihundert Jahre, andere von einmal alle zweitausend. Im Juli 2012 verfehlte ein Sonnensturm von vergleichbarer Stärke die Erde nur knapp, die Plasmawolke kreuzte unsere Bahn an einer Stelle, an der wir uns eine Woche zuvor befunden hatten. Der Forschungssatellit STEREO-A wurde getroffen und lieferte wertvolle Daten: Es wäre, hätte er die Erde erreicht, verheerend gewesen. Wir hatten schlicht Glück. Doch statistisch gesehen ist ein erneutes Carrington-Ereignis längst überfällig. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

Bevor nun jemand beginnt, Konservendosen zu horten und Faraday-Käfige im Keller zu bauen, sei gesagt: Die Menschheit existiert seit Hunderttausenden von Jahren unter derselben launenhaften Sonne. Wir haben alle bisherigen Ausbrüche überlebt, auch jene, die vor der Erfindung der Schrift geschahen und von denen wir nichts wissen. Die Energieversorger investieren in widerstandsfähigere Netze, die Warnsysteme werden präziser, und die internationale Zusammenarbeit im Bereich Weltraumwetter ist heute besser denn je. Der Sonnensturm vom Mai 2024, der stärkste seit zwei Jahrzehnten, verursachte keine nennenswerten Schäden, nur ein paar Ungenauigkeiten bei der GPS-Ortung und spektakuläre Polarlichter bis zum Mittelmeer. Die Chancen stehen gut, dass wir verschont bleiben.

Die Poesie des Himmels

Und diese Schönheit ist es, die bleibt, die uns berührt, die uns demütig macht. Wer einmal unter einem tanzenden Polarlicht gestanden hat, vergisst es nicht. Die Farben scheinen lebendig zu sein, die Schleier wogen wie Seide im Wind, manchmal langsam und majestätisch, manchmal wild und flackernd, als hätte ein kosmischer Dirigent den Taktstock erhoben. Es ist ein Naturschauspiel, das an der Grenze zum Übernatürlichen zu kratzen scheint, ein Fenster zum Kosmos, wie der Polarlichtforscher Harald Falck-Ytter es nannte, eine jener Erscheinungen, die den Menschen auf der Erde als Verbindung zum Universum erleben lässt.

Die Literatur hat sich dieser Faszination immer wieder gewidmet. Der expressionistische Dichter Theodor Däubler schrieb 1910 sein wortmächtiges Versepos Das Nordlicht, ein Werk von monumentalen Ausmaßen, das über 30.000 Verse umfasst und im damals aufkommenden Expressionismus begeistert aufgenommen wurde. Die Aurora wurde zur Metapher für das Erhabene, für jene Momente, in denen die Natur dem Menschen seine Kleinheit vor Augen führt und ihm gleichzeitig ein Gefühl kosmischer Verbundenheit schenkt. Auch Aristoteles beschäftigte sich mit dem Phänomen und nannte die bizarren Formen am Himmel springende Ziegen. Im Alten China versuchten Astronomen, aus den Farben der Polarlichter das Eintreten von Fluten, Dürren oder Hungersnöten abzuleiten.

Die Mythen der Völker

Die Völker des Nordens wussten das alles schon immer, auf ihre Weise. Für die Inuit von Alaska waren die Nordlichter die Geister der Tiere, die sie jagten: Robben, Lachse, Hirsche, Weißwale. Im westlichen Alaska glaubte man, die tanzenden Lichter seien die Geister von Jungen, die mit Walrossschädeln Ball spielen, wobei es galt, die Schädel so zu werfen, dass sie mit ihren Stoßzähnen nach unten im Boden stecken blieben. Die Grönland-Inuit sahen in den Lichtern die Seelen totgeborener Kinder, die am Himmel spielen, ein bittersüßer Glaube. Die Cree-Indianer waren überzeugt vom Kreislauf des Lebens und glaubten, dass die Lichter ein Weg waren, mit den Vorfahren zu kommunizieren. Wenn die Hunde beim Erscheinen der Aurora bellten, erkannten sie darin ihre verlorenen Gefährten wieder.

Manche Stämme glaubten, man könne die Lichter durch leises Pfeifen herbeirufen und ihnen Nachrichten an die Verstorbenen mitgeben. Die Algonquin erzählten, der Schöpfer Nanabozho habe sich in den hohen Norden zurückgezogen und entzünde von Zeit zu Zeit kräftige Flammen, um den Menschen zu zeigen, dass er sie nicht vergessen hat. Die finnische Sage spricht vom Feuerfuchs Revontulet, dessen buschiger Schwanz Funken schlägt, wenn er über die verschneiten Berge streicht, weshalb das Polarlicht im Finnischen noch heute diesen Namen trägt. In Island durfte man bei Erscheinen der Lichter weder winken noch singen noch pfeifen, sonst kämen die Geister, um einen zu holen. Die kanadischen Eskimos glaubten, die Lichter entstünden durch von mystischem Licht umhüllte Geister, die wegen der fehlenden Sonne zu tanzen und toben beginnen.

Zwischen Ehrfurcht und Furcht

Vielleicht liegt in dieser Ambivalenz zwischen Ehrfurcht und Furcht die tiefste Wahrheit über die Aurora Borealis. Sie ist beides: Schönheit und Gefahr, Geschenk und Warnung, Tanz der Geister und Ausbruch eines Fusionsreaktors. Sie erinnert uns daran, dass wir auf einem kleinen blauen Planeten leben, der um eine gewaltige Sonne kreist, deren Launen wir nicht kontrollieren können. Und sie erinnert uns daran, dass dieses Universum, bei aller Gleichgültigkeit gegenüber unseren Sorgen, manchmal von atemberaubender Schönheit ist.

Wer in den kommenden Wochen selbst auf Polarlichtjagd gehen möchte, dem sei geraten: Suchen Sie sich einen Standort fernab der städtischen Lichtverschmutzung, mit freiem Blick nach Norden. Installieren Sie eine der zahlreichen Weltraumwetter-Apps, die Sie bei steigenden Kp-Werten und negativem Bz alarmieren. Bringen Sie eine Kamera mit Stativ mit, denn sie sieht mehr als das bloße Auge. Und haben Sie Geduld. Die Top-Momente sind oft kurz, manchmal nur Minuten, bevor die Aktivität wieder abklingt. Wer vorbereitet ist, gewinnt. Wer erwartet, dass sich die Natur nach seinem Terminkalender richtet, wird enttäuscht.

In diesen Januartagen, da die Sonne besonders aktiv ist und der Sonnenzyklus seinen Höhepunkt erreicht, lohnt es sich, bei klarer Nacht nach Norden zu schauen. Vielleicht sehen Sie nur die gewohnten Sterne, kühl und fern. Vielleicht aber auch einen rötlichen Schimmer am Horizont, der sich langsam aufbaut, Farbe gewinnt, zu tanzen beginnt. Dann wissen Sie: Die Sonne hat wieder etwas zu sagen. Und für einen Moment sind Sie Teil eines kosmischen Gesprächs, das älter ist als die Menschheit selbst. Die Inuit würden sagen: Pfeifen Sie leise. Vielleicht hören Ihre Vorfahren zu.

Sapere aude!

S. 


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