Der alte Mann saß jeden Morgen auf derselben Bank. Sie stand am Ende der Promenade, dort, wo die Pflastersteine aufhörten und der Sand begann. Von hier aus konnte man das Meer sehen, wie es sich gegen den Horizont wölbte, grau und unendlich.
Die Leute im Ort kannten ihn. Sie nannten ihn den Professor, obwohl niemand wusste, ob er jemals einer gewesen war. Er trug stets denselben grauen Mantel, auch im Sommer, und einen Hut, dessen Krempe vom Salzwind ausgeblichen war. In seiner linken Hand hielt er einen Stock, den er niemals benutzte.
Morgens um sechs Uhr erschien er, setzte sich, und starrte hinaus. Um elf Uhr stand er auf und ging. Das war alles. So ging es seit sieben Jahren, seit er in das kleine Haus am Deich gezogen war. Die Einheimischen hatten aufgehört, Fragen zu stellen. Manche Menschen tragen ihre Geheimnisse wie andere ihre Mäntel: sichtbar, aber unantastbar.
An diesem Morgen im November war das Meer besonders ruhig. Der Himmel hing tief und grau, und der Wind hatte sich gelegt. Der alte Mann bemerkte sofort, dass etwas anders war. Nicht am Meer. Am Strand. Dort lag etwas. Oder jemand.
Er erhob sich langsamer als gewöhnlich. Seine Knie protestierten, aber er ignorierte sie. Der Weg hinunter zum Strand war nicht weit, vielleicht fünfzig Meter, doch er kam ihm heute länger vor. Der Sand gab unter seinen Schuhen nach.
Es war ein Mann. Jung, vielleicht dreißig. Er lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt, als hätte er sich zum Schlafen hingelegt. Aber niemand schläft so. Nicht am Strand. Nicht im November. Nicht in nassen Kleidern.
Der alte Mann blieb stehen. Er betrachtete das Gesicht. Es war bleich, fast wächsern, aber seltsam friedlich. Die Augen waren geschlossen. Um den Hals trug der Fremde eine silberne Kette mit einem kleinen Anhänger. Ein Kompass. Der alte Mann beugte sich hinunter und berührte den Hals des Mannes. Kalt. Aber nicht so kalt, wie er erwartet hatte.
Er richtete sich auf und sah sich um. Der Strand war leer. Die Promenade verlassen. Nur die Möwen kreisten über dem Wasser, stumm in der windstillen Luft.
Der alte Mann hätte zur Polizei gehen können. Er hätte jemanden rufen können. Stattdessen setzte er sich neben den Toten in den Sand. Er wusste nicht, warum. Vielleicht, weil er selbst so lange allein gewesen war. Vielleicht, weil dieser Mann, wer immer er war, jemanden verdiente, der bei ihm saß.
Die Minuten vergingen. Das Meer rauschte leise. Der alte Mann dachte an seine Frau, die vor acht Jahren gestorben war. An seine Tochter, die er seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte. An all die Briefe, die er geschrieben und nie abgeschickt hatte. Das Leben, dachte er, ist eine Ansammlung von versäumten Gelegenheiten. Und der Tod ist nur die letzte davon.
Er betrachtete den Kompass an der Kette. Die Nadel zeigte nach Norden. Natürlich tat sie das. Kompasse lügen nicht. Sie zeigen immer in dieselbe Richtung, gleichgültig, wohin man selbst gegangen ist.
Nach einer Stunde stand der alte Mann auf. Seine Gelenke waren steif geworden. Er würde jetzt zur Polizei gehen. Er würde tun, was getan werden musste. Aber zuerst zog er seinen Mantel aus und legte ihn über den Toten. Es war ein sinnloser Akt. Tote frieren nicht. Aber manche Gesten haben nichts mit Logik zu tun.
Der Polizist war jung und nervös. Er stellte Fragen, die der alte Mann geduldig beantwortete. Nein, er kenne den Toten nicht. Nein, er habe niemanden gesehen. Ja, er komme jeden Morgen hierher. Nein, es sei nichts Ungewöhnliches geschehen. Bis heute.
Sie brachten den Toten weg. Der graue Mantel kam zurück in die Hände des alten Mannes. Er roch nach Salz und nach etwas anderem. Nach Vergänglichkeit vielleicht.
Drei Tage später kam ein Beamter zu ihm nach Hause. Sie hätten den Toten identifiziert, sagte er. Der alte Mann bat ihn herein und machte Tee, obwohl der Beamte keinen wollte. Man tut solche Dinge. Sie gehören zu dem, was uns menschlich macht.
Der Beamte setzte sich. Er schlug eine Mappe auf. Der Tote hieß Markus Brenner, sagte er. Zweiunddreißig Jahre alt. Aus Hamburg. Er sei Journalist gewesen. Für eine kleine Zeitung.
Der alte Mann nickte. Er fragte nicht, woran der Mann gestorben war. Es spielte keine Rolle mehr.
Dann sagte der Beamte etwas, das den alten Mann innehalten ließ. Man habe im Hotelzimmer des Toten Unterlagen gefunden. Recherchematerial. Der Mann habe an einer Geschichte gearbeitet. Über einen gewissen Dr. Heinrich Werther. Einen ehemaligen Universitätsprofessor. Der vor sieben Jahren verschwunden sei.
Der Beamte sah den alten Mann an. Sie heißen Heinrich Werther, sagte er. Es war keine Frage.
Der alte Mann schwieg lange. Dann nahm er einen Schluck von seinem Tee. Ja, sagte er schließlich. Das ist mein Name. Ich war einmal Professor. Für Philosophie. Das ist lange her.
Der Beamte nickte. In den Unterlagen des Toten, sagte er, habe man einen fast fertigen Artikel gefunden. Über die Umstände Ihres Verschwindens. Über den Skandal damals. Über das, was Sie getan haben sollen.
Der alte Mann stellte seine Tasse ab. Seine Hand zitterte nicht. Was ich getan haben soll, wiederholte er. Eine interessante Formulierung.
Der Beamte räusperte sich. Der Journalist, sagte er, sei ertrunken. Ein Unfall, vermutlich. Er sei nachts schwimmen gegangen. Alkohol im Blut. Das Wasser war kalt. Es passiert.
Der alte Mann sah zum Fenster hinaus. Man konnte das Meer nicht sehen von hier, aber man konnte es riechen.
Es passiert, wiederholte er leise.
Der Beamte stand auf. Er müsse noch weitere Nachforschungen anstellen, sagte er. Reine Routine. Der alte Mann nickte und brachte ihn zur Tür.
Nachdem der Beamte gegangen war, setzte sich der alte Mann wieder an den Küchentisch. Er dachte an den Toten am Strand. An das friedliche Gesicht. An den Kompass, der nach Norden zeigte.
Dann öffnete er die oberste Schublade des Küchentisches. Darin lag ein silberner Kompass an einer Kette. Identisch mit dem, den der Tote getragen hatte. Er hatte ihn vor vier Tagen gekauft. Im selben Laden in der Stadt, in dem auch der Journalist seinen erworben hatte. Eine kleine Ironie. Eine von vielen.
Der alte Mann legte den Kompass auf den Tisch und betrachtete ihn. Die Nadel zeigte nach Norden. Natürlich tat sie das. Kompasse lügen nicht.
Menschen schon.
S.
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