Achtzehn Minuten – Die Flugzeit der Raketen (Eine Kurzgeschichte)

Er saß am Küchentisch, die Kaffeetasse zwischen den Händen, und las die Schlagzeilen auf seinem Tablet. Draußen ging ein Wintermorgen auf, grau und ohne besondere Eigenschaften. Martin Berger war zweiundfünfzig Jahre alt, Ingenieur im Ruhestand seit einem Bandscheibenvorfall, und er hatte sich angewöhnt, die Welt zu beobachten wie ein Mann, der an einem Fluss sitzt und das Wasser vorbeiziehen sieht.

Die Nachrichten waren in diesem Winter anders geworden. Das spürte er. Es war nicht mehr das gewohnte Rauschen aus Wirtschaftsdaten und Politikerstatements. Es war etwas Anderes. Etwas, das sich zusammenzog.

In der Ukraine war es still geworden an manchen Fronten und laut an anderen. Die Kommentatoren sprachen von Erschöpfung auf beiden Seiten, aber ihre Stimmen hatten einen Unterton, den Martin nicht einordnen konnte. Niemand wusste, wie es dort enden würde. Niemand wusste überhaupt noch, was ein Ende bedeuten könnte.

Er scrollte weiter. Die Amerikaner hatten ihren Militärhaushalt auf eine Summe erhöht, die er dreimal las, weil er glaubte, sich verlesen zu haben. Ein Senator aus Texas sprach davon, dass Grönland zur amerikanischen Sicherheitsarchitektur gehöre. Martin erinnerte sich an seine Schulzeit, an die Landkarten an der Wand, an die klaren Grenzen. Er erinnerte sich daran, wie selbstverständlich diese Grenzen gewesen waren.

Jetzt bewegten sie sich. Man konnte es in den Gesichtern der Nachrichtensprecher sehen, wenn sie von den Spannungen mit Mexiko berichteten, von den neuen Zöllen, von den Truppen an der Südgrenze.

Seine Frau Helga kam in die Küche und goss sich Tee ein. Sie sah auf das Tablet und seufzte leise.

»Wieder die Nachrichten?«

»Man muss doch wissen, was passiert.«

»Man muss auch leben«, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. »Die Tomaten im Gewächshaus brauchen Dünger.«

Er nickte, aber sein Blick blieb auf dem Bildschirm. Im Iran waren die Straßen voller Menschen. Frauen ohne Kopftücher, Männer mit Schildern. Die Bilder erinnerten ihn an etwas, das lange zurücklag, an einem Novembertag, als Mauern fielen. Aber diesmal wusste niemand, ob die Mauern fallen würden oder ob sie nur wackelten.

Eine Woche später war der Rhythmus ein anderer geworden. Martin stand früher auf. Er schaltete das Radio ein, noch bevor der Kaffee durchgelaufen war. Die Stimmen der Sprecher hatten sich verändert. Sie lasen schneller. Sie machten kürzere Pausen.

Russland hatte Truppenverbände verlegt. Das sagten die Analysten in den Morgensendungen. Wohin, das war unklar. Warum, das war noch unklarer. China schwieg zu allem. Ein chinesischer Diplomat hatte eine Pressekonferenz nach drei Minuten abgebrochen. Das war eine Nachricht gewesen. Das Schweigen war eine Nachricht.

Martin kaufte Konserven. Er sagte Helga nicht warum. Er stellte sie in den Keller, hinter die alten Einmachgläser ihrer Mutter, und er fühlte sich albern dabei und gleichzeitig vernünftig.

Die Iraner hatten ein Regierungsgebäude besetzt. Die Revolutionsgarden waren in den Straßen, aber die Menschen wichen nicht zurück. Die Bilder zeigten Rauch und rennende Gestalten und manchmal etwas, das wie Hoffnung aussah.

Es war an einem Dienstag, kurz nach dem Mittagessen, als die Eilmeldung kam. Martin saß im Wohnzimmer, das Tablet auf den Knien. Helga war bei einer Freundin. Das Haus war still.

Die Meldung war kurz. Chinesische Streitkräfte hatten begonnen, die taiwanesische Küste zu bombardieren. Landungsboote waren gesichtet worden. Der taiwanesische Präsident hatte den Notstand ausgerufen.

Martin las die Worte und las sie noch einmal. Sie waren klar und einfach und vollkommen unbegreiflich.

Er schaltete den Fernseher ein. Alle Sender zeigten dasselbe. Karten mit roten Pfeilen. Experten, die schnell sprachen. Politiker, die nichts sagten und dabei sehr viele Worte benutzten.

Am Abend rief er seine Tochter an. Sie lebte in Hamburg mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Ihre Stimme klang ruhig, aber er kannte sie. Er kannte den Unterton.

»Pass auf dich auf«, sagte er.

»Du auch, Papa.«

Mehr gab es nicht zu sagen.

Die Tage danach verschwammen ineinander. Martin schlief schlecht. Er träumte von Dingen, an die er sich morgens nicht erinnern konnte, die aber einen Geschmack hinterließen, metallisch und kalt.

Die Amerikaner hatten ihre Pazifikflotte in Bewegung gesetzt. Drei Flugzeugträgergruppen. Das war mehr als bei irgendeinem Manöver seit Jahrzehnten. Die Bilder zeigten graue Schiffe auf grauem Meer, und Martin dachte an seinen Vater, der im Krieg gewesen war und nie darüber gesprochen hatte.

In Europa gab es Krisensitzungen. Die NATO-Staaten aktivierten Reservisten. Das deutsche Verteidigungsministerium veröffentlichte Listen. Martin sah seinen Namen nicht darauf. Er war zu alt. Aber er sah die Namen von Nachbarn. Von Söhnen von Bekannten.

Helga weinte an einem Abend, als sie glaubte, er schliefe schon. Er lag im Dunkeln und hörte sie und wusste nicht, was er sagen sollte. Also sagte er nichts.

Die diplomatischen Kanäle brachen zusammen. Das war das Wort, das die Nachrichtensprecher benutzten. Zusammenbruch. China zog sein Botschaftspersonal aus Europa ab. Aus Amerika. Aus überall. Die Russen taten dasselbe. Konvois von schwarzen Limousinen verließen Botschaftsgelände in Berlin, in London, in Washington.

Die westlichen Staaten antworteten. Diplomaten wurden zurückgerufen. Konsulate geschlossen. Die letzten Flugzeuge starteten.

Martin sah die Bilder und dachte an die Stille, die entsteht, wenn Menschen aufhören, miteinander zu sprechen. Er dachte an Ehepaare, die er kannte, die sich getrennt hatten. Es hatte immer damit angefangen, dass sie aufgehört hatten zu reden.

An einem Morgen, er wusste nicht mehr welcher Tag es war, schaltete er den Fernseher ein und sah das Gesicht des Sprechers. Es war ein anderes Gesicht als sonst. Die Maske war gefallen. Dahinter war Angst.

Die russischen Streitkräfte an der NATO-Ostflanke waren in Bewegung geraten. Das war alles, was der Sprecher sagte. In Bewegung geraten. Drei Worte. Sie reichten aus.

Martin stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Die Rosen, die Helga im Herbst zurückgeschnitten hatte, waren braune Stümpfe. Der Himmel war wolkenlos und sehr blau. Ein Flugzeug zog einen weißen Streifen von einem Ende des Horizonts zum anderen.

In Europa gab es allgemeine Mobilmachung. Das Wort klang fremd, wie aus einem anderen Jahrhundert. Aber es war dieses Jahrhundert. Es war dieser Tag.

Er hörte auf zu zählen. Die Stunden. Die Meldungen. Es war ein Strom geworden, der nicht abriss. Radio und Fernsehen und das Tablet und das Telefon. Alles sprach. Alles sendete. Die Welt war voll von Worten, und keines davon half.

Die amerikanische Pazifikflotte war in Reichweite taiwanesischer Gewässer. Die Chinesen hatten gewarnt. Die Amerikaner hatten die Warnung ignoriert. Es gab Scharmützel. Zerstörer. Raketen. Trümmer auf dem Wasser.

Und dann, an einem Nachmittag, der sich anfühlte wie alle anderen, kam die Nachricht, auf die niemand gewartet hatte und auf die alle gewartet hatten.

Russland hatte seine strategischen Nuklearstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Die Amerikaner antworteten innerhalb einer Stunde. Die Minuteman-Silos in Wyoming und Montana waren geöffnet worden. Die Besatzungen saßen an ihren Konsolen. Die Schlüssel waren gedreht. Nur noch ein Befehl fehlte.

Martin saß vor dem Fernseher. Er spürte sein Herz schlagen. Er spürte, wie die Zeit sich veränderte, wie sie langsamer wurde und gleichzeitig schneller, wie ein Tier, das in der Falle sitzt.

Der Nachrichtensprecher verlas eine Stellungnahme. Seine Stimme zitterte nicht mehr. Sie war völlig flach. Das war schlimmer.

Die Präsidenten sprachen nicht mehr miteinander. Die roten Telefone schwiegen. Die Welt war an einem Punkt angelangt, von dem es keinen Weg zurück zu geben schien.

Martin griff nach Helgas Hand. Sie saß neben ihm. Wann sie gekommen war, wusste er nicht. Ihre Hand war kalt.

Der Fernseher zeigte Karten. Rote Kreise. Reichweiten. Flugzeiten. Achtzehn Minuten bis zum Einschlag.

Er schloss die Augen.

Das Telefon klingelte.

Es war ein altmodisches Klingeln, das Telefon auf der Kommode im Flur, das sie nie benutzt hatten, seit sie Handys besaßen. Es klingelte, und es klingelte, und Martin öffnete die Augen und sah, dass der Fernseher schwarz war.

Er stand auf. Seine Beine waren schwer. Das Telefon klingelte weiter.

Er nahm den Hörer ab.

»Herr Berger?« Eine Frauenstimme. Jung. Freundlich. Geschäftsmäßig.

»Ja?«

»Hier ist die Praxis Dr. Weimann. Ich wollte Sie an Ihren Termin morgen erinnern. Die Blutuntersuchung. Nüchtern, bitte.«

Er stand im Flur. Das Licht fiel durch das kleine Fenster über der Tür. Es war Nachmittagslicht. Gewöhnliches Licht.

»Herr Berger? Sind Sie noch dran?«

»Ja«, sagte er. »Ja, ich bin dran. Morgen. Nüchtern. Ich werde da sein.«

Er legte auf und blieb stehen. Im Wohnzimmer war Helga eingeschlafen, auf dem Sofa, ein Buch aufgeschlagen auf ihrer Brust. Der Fernseher war aus. Er war immer aus gewesen. Er erinnerte sich jetzt. Er hatte ihn heute nicht eingeschaltet. Er hatte das Tablet nicht angefasst. Er war nur gesessen und hatte gewartet und irgendwann war alles verschwommen.

Er ging zum Fenster. Im Garten stand das alte Vogelhäuschen, das er vor Jahren gebaut hatte. Ein Spatz saß darauf. Dann zwei. Sie stritten sich um einen Sonnenblumenkern.

Die Welt hatte nicht aufgehört, sich zu drehen. Sie hatte nie aufgehört.

Er holte tief Luft und ging in die Küche, um Kaffee zu machen. Diesmal würde er die Nachrichten nicht einschalten. Diesmal würde er Helga wecken und ihr sagen, dass sie in den Garten gehen sollten. Die Rosen mussten vorbereitet werden für den Frühling. Es gab immer etwas, das vorbereitet werden musste für den Frühling.

Draußen fiel der erste Schnee des Jahres. Leise. Ohne Bedeutung. Und doch, dachte Martin, und doch.

S. 


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