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Der Spaziergänger: Die Kuppel

Mein Panamahut hat einen schmalen, dunklen Schweißrand bekommen, einen ledrigen Schatten an der Innenseite des Bandes, der ihn endlich aussehen läßt wie einen Hut, der etwas erlebt hat. Bis vor zwei Wochen war er ein Schaufensterobjekt, jetzt ist er Geschichte. Ich setze ihn auf, schiebe die Sonnenbrille zurecht, knöpfe das Leinenhemd eine weitere Stufe auf und trete in die Helligkeit. Es ist halb zehn, die Luft riecht nach heißem Asphalt und verbrannter Erde, und für einen Moment stehe ich in der Tür wie jemand, der vergessen hat, in welcher Stadt er eigentlich lebt.

Ich beschließe, daß ich heute in Italien bin.

Es ist eine erstaunlich tragfähige Selbsttäuschung. Bamberg ist im Hochsommer ohnehin schon eine Stadt, die mehrere Identitäten gleichzeitig zur Schau trägt – am Rathaus, das auf der Insel im Wasser steht, an den schiefen Fischerhäusern von Klein Venedig, an den Kellerterrassen, in denen Gäste über ihre Maßkrüge geneigt sitzen wie ihre Lyoner Kollegen über das Pastis. In 38 Grad löst sich der Rest von Mitteleuropa ohnehin auf. Die Wände werfen kein Echo zurück, die Luft trägt nichts, die Tauben haben aufgegeben. Ich gehe die Sandstraße entlang und denke, daß "Spaziergehen" im italienischen spaziare steckt, "sich ausbreiten, im weiten Raum bewegen" – ein Verb, das in dieser Hitze ehrlich gestanden zu viel verspricht.

An der Brücke über die Regnitz steht ein älterer Herr im hellen Hemd und erklärt seiner Frau die Welt. "Eine Omega-Blockade", sagt er, und es klingt, als spreche er von einer Diagnose. "Wie ein Deckel auf dem Topf." Die Frau, die ihren Fächer langsam bewegt wie eine müde Spanierin, nickt ergeben. Zwei Studentinnen kommen mit Eisbechern an uns vorbei, und ich höre, wie eine zur anderen sagt: "Aber morgen soll's auch wieder so heiß werden." Es ist die einzig wahre Demokratie, die uns geblieben ist: jeder darf jetzt Meteorologe sein. In den Bäckereien hört man dieselben Sätze wie in den Wartezimmern, am Marktstand wie an der Bushaltestelle. Hitzedom. Heat Dome. Wüstentag. Tropennacht. Ein neues Vokabular hat sich in unser Hirn geschlichen, ohne daß wir es bemerkt hätten, so wie sich Wespen in die Wohnung schleichen, wenn man nur kurz das Fenster aufläßt.

Das Wort, das mir gefällt, ist Kuppel. Es kommt aus dem Italienischen cupola, das selbst eine Verkleinerung des lateinischen cupa ist, "Faß, Tonne", und ursprünglich nicht mehr meinte als ein kleines Gefäß, einen umgestülpten Becher. Erst die Baumeister der Renaissance machten daraus den hohen, runden Himmel der Kirchen – Brunelleschis Dom in Florenz, Michelangelos Petersdom in Rom, die Marienkirche in Würzburg. Eine Kuppel, das war einmal: das Erhabenste, das Menschen über sich wölben konnten. Jetzt ist es das, was die Erde über uns wölbt. Bamberg hat seinen Dom auf dem Berg, ein zweites Dach aus heißer Luft hat sich darüber gespannt. Die Stadt steht in einer doppelten Kathedrale, und nur eine davon ist gemütlich.

Ich biege ein in Richtung Klein Venedig, wo die alten Fischerhäuser sich aneinanderlehnen wie eine Reihe schlecht eingeschenkter Biergläser. Auf dem Schwellengelände vor den Häusern hängen Handtücher in der Sonne, in der Regnitz schwimmen Menschen. Es ist nicht das, was man früher unter Schwimmen verstand. Es ist eher ein zähes Sich-im-Wasser-Aufhalten, ein methodisches Untertauchen, ein Ritual gegen die Kuppel. Ein Junge, sechs vielleicht, springt vom Steg, taucht ab und kommt nicht sofort wieder hoch, und ich erschrecke kurz, bis ich sehe, daß er einfach abwartet, daß auf der Wasseroberfläche etwas Kühles zurückbleibt, wenn er sie zerstört. Daß man baden geht, um sich Zeit zu kaufen.

Sie machen es ja in ganz Europa. In Paris haben sie seit dem vergangenen Sommer endlich wieder Badestellen in der Seine eingerichtet, drei Stück, die in der Nähe der Pont d'Iéna ihre Holzpontons ausgerollt haben. Vor zwei Wochen ist dort die Hölle aufgegangen, 41 Grad in der Stadt, das Stromnetz wackelte stundenweise zusammen, Frankreich verhängte ein regionales Alkoholverbot, vierzig Menschen ertranken in Flüssen, Baggerseen, Pools. Auch ein junger Fußballspieler. Was sonst die Festtage am 14. Juli sind, war diesmal ein blasses Vorspiel: man stand in der Seine, in den großen Pariser Anlagen mit ihrem grünen Wasser, das so aussieht, als hätte jemand eine Flasche Pernod hineingegossen, und tat so, als wäre das normal. Tut es bei uns ja auch, wenn die Bamberger sich in die Regnitz legen, wo das Wasser, wenn man genau hinsieht, eine Spur trübe ist und einen Geruch trägt, der irgendwo zwischen Fluß und Schwimmbad-Filteranlage liegt.

In Andalusien soll es 45 Grad gehabt haben, in Italien wurde für fünfzehn Städte – Rom, Mailand, Florenz, Turin, Venedig – die höchste Hitzestufe ausgegeben. Belgien hat zum zweiten Mal seit 2020 die Alarmphase seines nationalen Hitzeplans aktiviert. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Warnung herausgegeben, wie es sie zu dieser Jahreszeit noch nie gegeben hat, und Forscherinnen vom Imperial College in London haben ausgerechnet, daß die aktuelle Welle ohne menschengemachten Klimawandel zwei bis vier Grad kühler ausgefallen wäre. In München, schreibt das ClimaMeter-Projekt, hat der Klimawandel an einem einzigen Junitag 2,3 Grad zu den Werten dazugelegt; in Saragossa vier. Das sind keine Schlagzeilen mehr, das ist Buchführung.

Die Modelle, ich habe es heute morgen am Frühstückstisch gelesen, streiten sich noch, ob das, was jetzt kommt, ein zweiter Hitzedom ist oder eine Pattsituation: das alte Hoch zieht sich zurück, ein neues könnte sich aufbauen, oder es kommen Gewitter, die alles in kurzer Zeit niederreißen. Auch die Klimaforscher klingen inzwischen wie Sportreporter beim Elfmeterschießen. Niemand weiß es. Ein Wort des italienischen Originals der Kuppel paßt hier ganz gut: spaziare, ausbreiten – das tut das Hochdruckgebiet seit Wochen, mit großer Geduld, mit der Selbstverständlichkeit dessen, der angekommen ist und nicht vorhat zu gehen.

Ich setze mich vor das Cafe an der Brücke, bestelle einen Espresso, der hier in einer Stadt wie dieser nicht beleidigend, aber doch sehr deutsch ausfällt, und schaue den Leuten im Wasser zu. Eine Frau in einem dunkelblauen Badeanzug schwimmt langsam gegen die Strömung, kommt nicht recht voran, gibt nicht auf. Über ihr, über der Stadt, über den Domtürmen drüben, irgendwo zwischen den Wölkchen, die wie aus einer falschen Kulisse aussehen, hängt die unsichtbare Kuppel. Niemand sieht sie, alle sprechen von ihr. Ich nippe an meinem Espresso und denke, daß man in einer Hitze wie dieser vor allem das tun sollte, was die Frau im Wasser gerade tut: nicht ankommen wollen, sondern bleiben. Sich im weiten Raum bewegen, langsam, und schauen, was als nächstes geschieht.

S.


Song zum Text


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