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Der Freytag: Das rot-karierte Gedächtnis

Tag des Tagebuchs: 12. Juni. Über eine Gattung, die das Ich erst erschafft, indem sie es aufschreibt – und über ein Kind, das aus einem Geburtstagsgeschenk Weltliteratur machte

Es beginnt, wie so vieles, was später eine ungeheure Last zu tragen haben wird, mit etwas beinahe Beiläufigem. Am Morgen des 12. Juni 1942 wacht in einem Amsterdamer Reihenhaus ein Mädchen auf, das an diesem Tag dreizehn Jahre alt wird. Unter den Geschenken liegt ein Buch mit rot-weiß kariertem Einband, ursprünglich ein Poesiealbum von jener Art, wie Schulkinder es einander zum Eintragen frommer Sprüche reichen. Anne Frank, in Frankfurt am Main geboren und in den Niederlanden aufgewachsen, beschließt jedoch, es anders zu gebrauchen. Sie wird ihm nicht die Verse der Freundinnen anvertrauen, sondern sich selbst.

Knapp vier Wochen darauf ist das Mädchen verschwunden. Die Familie taucht unter, in jenes Hinterhaus an der Prinsengracht, das ihr Versteck sein wird und am Ende ihr Verhängnis. Das karierte Heft aber bleibt, füllt sich, wächst über sich hinaus. Aus einem Geburtstagsgeschenk wird eines der meistgelesenen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts, aus einer Kinderhandschrift ein Schlüsseldokument der europäischen Erinnerung. Dass die Welt den 12. Juni als „Tag des Tagebuchs“ begeht, gehorcht darum einer doppelten Logik. Der Tag feiert eine literarische Gattung – und er gedenkt jener, die ihr ihre vielleicht erschütterndste Gestalt verliehen hat.

Die Erfindung des Zwiegesprächs

Wer ein Tagebuch führt, vollzieht etwas Sonderbares: Er redet mit sich selbst, als wäre er ein anderer. Anne Frank hat dieser Eigenart eine Form gegeben, die zugleich kindlich und kunstvoll ist. Sie richtete ihre Eintragungen an „Kitty“, eine erfundene Vertraute, der sie schrieb, wie man jemandem schreibt, den man liebt und der niemals widerspricht. Sie hoffe, notiert sie früh, dieser Kitty alles anvertrauen zu können, wie sie es noch bei keinem Menschen gekonnt habe – und erschafft sich damit ein Gegenüber, das es nur gibt, weil sie es anredet. Das Tagebuch, so ließe sich sagen, ist die Kunst, die eigene Einsamkeit zu bevölkern.

Damit steht das Kind in einer langen Ahnenreihe. Schon Mark Aurel schrieb seine Aufzeichnungen „an sich selbst“, ein römischer Kaiser, der im Lärm der Feldlager mit der eigenen Seele Zwiesprache hielt. Augustinus wiederum wandte seine „Bekenntnisse“ an Gott, der ohnehin alles weiß und dem das Geständnis daher nichts mitteilt, sondern alles abringt. Der Londoner Beamte Samuel Pepys verschlüsselte im siebzehnten Jahrhundert seine Eitelkeiten und Liebschaften in einer eigens ersonnenen Geheimschrift, als fürchtete er den eigenen Blick am meisten. Stets bedarf das Ich, das sich schreibt, eines Du – sei es göttlich, sei es chiffriert, sei es frei erfunden. Das Tagebuch ist der Ort, an dem der Mensch sich in zwei spaltet, um sich überhaupt begegnen zu können: Schreibender und Leser, Zeuge und Angeklagter, in einer einzigen Hand vereint.

Mit der Aufklärung und vollends mit der Romantik wurde aus der frommen oder rechenschaftlichen Notiz das „journal intime“, das innere Tagebuch: ein Raum, in dem das Subjekt seine Stimmungen, Zweifel und Sehnsüchte umkreiste, ohne Rücksicht auf Nutzen oder Gott. Der Genfer Henri-Frédéric Amiel füllte Zehntausende von Seiten mit der Beobachtung seiner selbst; die Brüder Goncourt machten aus ihrem gemeinsamen Journal eine schonungslose Chronik des literarischen Paris; und Franz Kafka vertraute seinen Heften jene Sätze an, in denen die Verzweiflung erst zur Form fand. Das Tagebuch emanzipierte sich vom Beichtstuhl und wurde zum Laboratorium der modernen Seele.

Die Schreibende, nicht die Beschriebene

Es gehört zu den Ironien ihres Nachruhms, dass Anne Frank zumeist als Opfer erinnert wird und nur selten als das, was sie sein wollte: Schriftstellerin. Der Mythos hat sie zur Heiligen verklärt, zum unschuldigen Kind, dessen Stimme stellvertretend für sechs Millionen Ermordete spricht. Wer die Eintragungen jedoch unvoreingenommen liest, begegnet keiner Heiligen, sondern einer hellwachen, ehrgeizigen, mitunter spöttischen jungen Frau, die ihre Umgebung mit beinahe chirurgischer Schärfe beobachtete und ihr eigenes Material zu bearbeiten verstand.

Im Frühjahr 1944 hörte sie im Versteck eine Rundfunkansprache des im Londoner Exil amtierenden Ministers Bolkestein, der die Niederländer aufrief, Tagebücher und Briefe aus den Jahren der Besatzung als Zeugnisse zu bewahren. Von da an schrieb Anne ihr Tagebuch um: sie redigierte, strich, formte, gab den Personen Decknamen und plante ein Buch mit dem Titel „Het Achterhuis“, das Hinterhaus. So existieren von ihren Aufzeichnungen mehrere Fassungen nebeneinander, eine ursprüngliche und eine von der Autorin selbst überarbeitete. Die amerikanische Essayistin Cynthia Ozick hat in einem berühmten Aufsatz davor gewarnt, dieses literarische Werk zu einem tröstlichen Erbauungsbuch zu glätten, das seine eigene Entstehung verleugnet. Wer Anne Frank nur betrauert, übersieht, dass sie zuallererst geschrieben hat.

Sie war nicht die Einzige, die der Vernichtung die Feder entgegenhielt. In Amsterdam führte die junge Etty Hillesum, ehe sie in Auschwitz ermordet wurde, ein Tagebuch von erstaunlicher seelischer Reife; in Dresden notierte der Philologe Victor Klemperer Tag für Tag die vergiftete Sprache des Regimes, „bis zum letzten“, wie er gelobte, um sie als Zeuge zu überdauern. Das Tagebuch wurde in diesen Jahren zur Waffe der Wehrlosen: ein Akt, mit dem ein einzelner Mensch wider alle Übermacht behauptet, dass das, was geschieht, festgehalten und dereinst gelesen werden müsse.

Man vergisst über dem Text leicht den Gegenstand. Das rot-weiß karierte Heft war ein Ding aus Pappe und Leinen, mit einem kleinen Verschluss, wie er die Mädchentagebücher jener Zeit zierte – ein Stück Massenware, scheinbar dazu bestimmt, in einer Schublade zu vergilben. Dass es das nicht tat, verdankt sich einem Zufall und einer Treue: Nach der Verhaftung der Untergetauchten rettete die Helferin Miep Gies die verstreuten Blätter vom Boden des Hinterhauses und bewahrte sie ungelesen auf, bis Otto Frank, der einzige Überlebende der Familie, aus dem Lager zurückkehrte. So überdauerte das Objekt seine Schreiberin und wurde, was kein Heft sein will: eine Reliquie.

Die Stunde des Bekenntnisses

Warum aber schreibt ein Mensch sich überhaupt auf? Michel Foucault hat in den antiken „Hypomnemata“, den Merkheften der Philosophen, eine „Technik des Selbst“ erkannt: das Schreiben als Übung, sich zu formen, sich in der Hand zu behalten, aus dem ungeordneten Strom der Tage ein Ich zu destillieren. Der französische Theoretiker Philippe Lejeune, der sein Gelehrtenleben dem Studium des Tagebuchs gewidmet hat, sprach vom „autobiografischen Pakt“ – vom stillschweigenden Versprechen, dass der, welcher schreibt, und der, von dem geschrieben wird, ein und dieselbe Person seien.

Dieses Versprechen ist heikel, denn das Ich, das sich aufschreibt, verändert sich im Akt des Schreibens; es wird, indem es sich beschreibt, bereits ein anderes. Roland Barthes hat in einem späten Essay gezögert, überhaupt ein Journal zu führen, weil ihm das Tagebuch zugleich als Trost und als Eitelkeit erschien, als ein Kokettieren mit der eigenen Vergänglichkeit. Und doch zieht es uns immer wieder an die leere Seite. Im Bekenntnis sucht der Mensch nicht allein, sich zu erinnern, sondern sich zu ertragen – und mitunter, im Halbdunkel der vermeintlichen Aufrichtigkeit, sich auch selbst zu belügen. Kein Tagebuch ist je ganz wahr; gerade darin gleicht es dem Leben, das es festzuhalten sucht.

Hier verbirgt sich ein Geheimnis im Geheimnis. Selbst das verschlossenste Tagebuch schreibt insgeheim für einen Leser – wäre es anders, man könnte ebenso gut schweigen. Susan Sontag, die ihre eigenen Journale mit schonungsloser Strenge führte, notierte einmal, ein Tagebuch sei nicht bloss ein Behältnis für bereits Gedachtes, sondern ein Mittel, ein anderes, freieres Selbst überhaupt erst zu erschaffen. Das Tagebuch ist demnach ein Brief an ein Du, das es noch nicht gibt: an das spätere Ich, an die Nachwelt, an ein imaginäres Gegenüber, das einst verstehen wird. Anne Franks „Kitty“ ist nur die kindlich-klare Gestalt einer Sehnsucht, die jedem Schreiben heimlich zugrunde liegt.

Das umgestülpte Tagebuch

Unsere Gegenwart hat das Tagebuch auf paradoxe Weise demokratisiert und zugleich in sein Gegenteil verkehrt. In den sozialen Netzwerken führen Millionen ein öffentliches Journal; sie teilen Stimmungen, Mahlzeiten und Verletzungen mit einer Welt, die zusieht, und bemessen den Wert des Erlebten an der Resonanz, die es findet. Doch was als Bekenntnis auftritt, ist häufig dessen Umkehrung: nicht Einkehr, sondern Auftritt. Das klassische Tagebuch verschloss sein Geheimnis hinter einem kleinen Schloss; das digitale stülpt es nach außen und verwandelt das Innerste in eine Bühne, auf der niemand mehr allein ist.

Und es ist nicht mehr ein stummes Heft, dem man sich anvertraut, sondern eine Maschinerie, die mitliest, sammelt und auswertet. Das neue „Kitty“ ist ein Algorithmus, der aus jedem Bekenntnis ein Profil errechnet; die Beichte fällt nicht mehr ins schützende Schweigen, sondern in den Datenstrom. Wo das Tagebuch einst der Ort war, an dem ein Mensch sich allein vor sich selbst verantwortete, wird das öffentliche Journal zur Selbstausstellung unter ständiger Beobachtung. Vielleicht ist dies die feinste Ironie der Gegenwart: dass wir freiwillig und unentwegt jenes Schreiben betreiben, dessen heimliche Niederschrift einst lebensgefährlich war – und dabei gerade das verlieren, was es kostbar machte: das Geheimnis.

Was dabei verlorenzugehen droht, ist eben jene Einsamkeit, aus der heraus Anne Frank schrieb – die Stille, in der ein Mensch sich ohne Publikum prüft. Hannah Arendt hat das Denken einmal als das „lautlose Zwiegespräch mit mir selbst“ beschrieben, als ein Zwei-in-einem, das die Einsamkeit gerade voraussetzt. Wer pausenlos sendet, verliert dieses innere Gegenüber, vor dem allein so etwas wie Gewissen entsteht. Das umgestülpte Tagebuch unserer Tage redet viel und vertraut sich wenig an; es beherrscht die Geste des Bekenntnisses perfekt, aber es kennt kaum noch dessen eigentliches Wagnis: das Alleinsein mit der Wahrheit über sich.

Das Datum als Mahnmal

Warum aber überhaupt einen Tag dem Tagebuch widmen? Der Kalender der Gedenktage ist von zwiespältiger Natur. Stets droht er, die Erinnerung zur Pflichtübung erstarren zu lassen, zur Andacht ohne Andacht, zum Ritual, das sich selbst genügt. Und doch liegt im 12. Juni etwas Stimmiges. Es ist ein Geburtstag – und Hannah Arendt hat im Geborenwerden, in der „Natalität“, den Grund aller menschlichen Hoffnung gesehen: dass mit jedem Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt, etwas Unvorhersehbares, das vorher nicht war und das keine Macht restlos auszulöschen vermag.

So fällt am 12. Juni zweierlei in eins: die Geburt eines Mädchens und die Geburt eines Buches, das aus jener ersten Geburt erst nachträglich, auf furchtbaren Umwegen, seinen Sinn empfing. Der Tag des Tagebuchs ist insofern kein bloßes Datum der Schreibkultur, sondern ein Mahnmal mit doppeltem Gesicht. Er erinnert daran, dass das Aufschreiben ein Akt gegen das Vergessen ist – und dass jene Barbarei, die Anne Frank ermordete, genau dies bezweckte: dass am Ende niemand mehr schriebe, niemand mehr läse, dass keine Spur und kein Name die Vernichtung überdauere. Dass wir heute ihren Namen kennen, ist der späte, unwahrscheinliche Sieg eines Schulhefts über ein Imperium der Auslöschung.

Es gibt jenen vielzitierten Satz, mit dem man Anne Frank gern tröstlich enden lässt: dass sie trotz allem an das Gute im Menschen glaube. Man sollte ihn nicht beschönigen. Sie schrieb ihn wenige Wochen vor dem Verrat, ehe die Lager ihr das Letzte nahmen; er war kein Schluss, sondern ein Wagnis, fast ein Trotz. Ernst Bloch hat die Hoffnung ein „Prinzip“ genannt, keine bloße Stimmung – etwas, das gegen den Augenschein behauptet werden muss, gerade weil der Augenschein so vernichtend dagegenspricht. Anne Franks Glaube war kein naiver Optimismus, sondern eine Entscheidung – die Weigerung, den Henkern auch noch das letzte Wort über den Menschen selbst zu überlassen, und dies gegen alle eigene Erfahrung.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Tages. Ein leeres Heft ist ein Versprechen. Wer zu schreiben beginnt, behauptet, dass sein Leben der Aufzeichnung wert sei, dass etwas bleiben werde von dem, was ihm widerfährt, und sei es nur ein einziger Satz für ein Du, das vielleicht erst lange nach ihm kommt. Anne Frank hat dieses Versprechen unter Bedingungen eingelöst, die jede Hoffnung Lügen straften – und sie hat es dennoch eingelöst. Wenn der „Tag des Tagebuchs“ einen Sinn hat, dann diesen: uns daran zu erinnern, dass die leere Seite noch immer auf jeden von uns wartet. Und dass es allein an uns liegt, ob wir den Mut finden, sie zu beschreiben.

Sapere aude!

S.


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