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Der Freytag: Gedanken über Gott und die Welt - vom Sterben und Auferstehen

Über Karfreitag, Ostern und die Sehnsucht nach Erneuerung

Es gibt einen Moment im Kirchenjahr, der wie kein anderer die Spannung zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Verzweiflung und Hoffnung verkörpert. Es ist jener Übergang vom Karfreitag zum Ostersonntag, jene stille, beinahe unerträgliche Pause zwischen Tod und Auferstehung, die seit zwei Jahrtausenden die Christenheit in Atem hält. Der Karfreitag – sein Name leitet sich vom althochdeutschen „kara" ab, was Klage und Trauer bedeutet – markiert den dunkelsten Punkt der christlichen Heilsgeschichte: die Kreuzigung Jesu von Nazareth. Um die dritte Stunde des Nachmittags, so berichten die Evangelien, gab er seinen Geist auf, und eine Finsternis legte sich über das Land. Und doch liegt in dieser Finsternis bereits das Versprechen des Ostermorgens verborgen, jenes Morgens, an dem das Grab leer sein wird und die Welt sich von Grund auf verändert haben soll.

Ostern ist das älteste und zugleich höchste Fest der Christenheit, älter noch als Weihnachten in seiner liturgischen Bedeutung. Im Jahr 325 nach Christus legte das Konzil von Nicäa den Ostertermin auf den ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fest – eine Regelung, die bis heute gilt und dafür sorgt, dass Ostern zwischen dem 22. März und dem 25. April wandert. In diesem Wandern liegt etwas Angemessenes: Ostern lässt sich nicht fixieren, nicht domestizieren. Es bricht herein wie der Frühling selbst.

Die Wurzeln des Festes

Die Ursprünge des Osterfestes reichen tiefer als das Christentum selbst. Der Name „Ostern" geht vermutlich auf das urgermanische Wort „austron" zurück, das mit der Morgenröte und dem Osten, also der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs, verwandt ist. Die angelsächsische Göttin Ēostre, die der Kirchenhistoriker Beda Venerabilis im achten Jahrhundert erwähnte, mag eine Rolle gespielt haben – oder auch nicht. Gesichert ist, dass sich christliche Auferstehungstheologie und vorchristliche Frühlingsfeiern zu einem Fest verschmolzen, das in seiner Vielschichtigkeit einzigartig ist.

Im katholischen Glauben bildet die Osternacht den Höhepunkt des Kirchenjahres. In der dunklen Kirche wird die Osterkerze entzündet – ein Brauch, der bis in die Spätantike zurückreicht, als im Frankenreich um das Jahr 750 die heidnische Feuersymbolik des Sonnenwendfeuers auf die christliche Liturgie übertragen wurde. Das Lumen Christi, das Licht Christi, durchbricht die Finsternis, und der Priester verkündet das Exsultet, den uralten Lobgesang auf die Osternacht. Für gläubige Katholiken vollzieht sich hier nichts Geringeres als die Erlösung der Menschheit: Christus hat den Tod besiegt, das Grab ist leer, die Welt ist neu. Am Ostersonntag spricht der Papst den Segen „Urbi et orbi", der Stadt und dem Erdkreis, und bekräftigt damit den universalen Anspruch dieser Botschaft. Das Osterlamm, das als Kuchen in Lammform den Tisch ziert, verweist auf die tiefe Verbindung zum jüdischen Pessachfest: So wie die Israeliten in der Nacht des Auszugs aus Ägypten ein Lamm schlachteten und mit seinem Blut die Türpfosten bestrichen, so wurde Christus zum „Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt", wie es im Johannesevangelium heißt.

Ein Fest im Wandel der Zeiten

Wer das Ostern der Gegenwart mit jenem um 1900 vergleicht, erkennt einen tiefgreifenden Wandel – und erstaunliche Kontinuitäten. Im Deutschen Kaiserreich war Ostern noch ein Fest von unbestrittener religiöser Autorität. Der Kirchgang am Karfreitag und Ostersonntag gehörte zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm, die Fastenzeit wurde strenger eingehalten, und die Osterbeichte war für Katholiken eine Selbstverständlichkeit, die nicht hinterfragt wurde. In den Dörfern Bayerns und des Rheinlands verstummten am Gründonnerstag die Kirchenglocken – der Legende nach flogen sie nach Rom, um den Papst zu besuchen –, und Kinder zogen mit hölzernen Ratschen und Klappern durch die Gassen, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen.

Die Osterpostkarte, die um 1900 in Thüringen erstmals auftauchte, wurde zum Medium einer neuen bürgerlichen Osterkultur: Küken, Lämmer und Kinder mit Eierkörben zierten die Karten, die in der Kaiserzeit millionenfach verschickt wurden. Es war die Epoche, in der sich Frömmigkeit und Konsumkultur erstmals innig verbanden. Der Osterhase selbst, den bereits 1682 der Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau in seiner Dissertation „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern" erwähnt hatte, erlebte Ende des neunzehnten Jahrhunderts seinen endgültigen Durchbruch – als Spielfigur, als Bilderbuchheld und als Schokoladengestalt. Zuvor hatten je nach Region Fuchs, Rabe, Kuckuck oder Storch die Eier gebracht; in den Vogesen erzählte man sich, die Kirchenglocken flögen am Gründonnerstag nach Rom und brächten von dort die Ostereier mit. Erst die aufblühende Süßwarenindustrie des Kaiserreichs verhalf dem Hasen zum Monopol, das er bis heute unangefochten verteidigt.

Heute ist Ostern in Deutschland ein Fest der Ambivalenz. Die Kirchenbänke leeren sich seit Jahrzehnten, die Kirchenaustritte erreichen Rekordhöhen, und für eine wachsende Zahl von Menschen ist das verlängerte Wochenende vor allem ein willkommener Anlass für Kurzurlaub und Familienbesuche. Der Karfreitag, an dem in Deutschland ein striktes Tanzverbot gilt, wird von vielen als anachronistische Zumutung empfunden – und von anderen als notwendiger Raum der Stille in einer rastlosen Welt. Zugleich zeigen Umfragen, dass die Ostertraditionen – das Eierfärben, die Eiersuche im Garten, das Osterfeuer, der gemeinsame Sonntagsbraten – unverändert gepflegt werden, auch in Familien, die mit dem christlichen Glauben wenig verbinden. Ostern hat sich, ähnlich wie Weihnachten, zu einem kulturellen Fest gewandelt, das religiöse und säkulare Schichten übereinanderlagert, ohne dass die eine die andere vollständig verdrängt hätte. 

Von Eierbicken und Osterreitern

Die Vielfalt der deutschen Osterbräuche bildet eine eigene Kulturlandschaft, deren regionale Unterschiede sich bis heute erhalten haben. Im Norden, besonders in Ostfriesland, pflegt man das „Eierbicken" oder „Eierditschen": Zwei hartgekochte Eier werden gegeneinander geschlagen, und wessen Schale unversehrt bleibt, gewinnt das Ei des Gegners – ein Brauch, der sich bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt. An der Nordseeküste, auf Föhr und Sylt, werfen Kinder ihre Ostereier in die Luft und rufen auf Friesisch den Segen herab, sie mögen heil zurückkehren.

Im Süden Deutschlands dominieren die feierlichen Osterprozessionen, wie der Georgiritt in Traunstein, bei dem festlich geschmückte Reiter durch die Stadt ziehen. In Franken und der Eifel ersetzen an den Kartagen lautes Gerassel und Klappern das Kirchengeläut – die sogenannten Ratschen rufen die Gläubigen zum Gebet, solange die Glocken schweigen. Im Osten, in der sächsischen und brandenburgischen Lausitz, findet sich der wohl eindrucksvollste aller deutschen Osterbräuche: das Osterreiten der Sorben. Rund eintausendfünfhundert katholische Männer in Gehrock und Zylinder reiten am Ostersonntag auf prächtig geschmückten Pferden von Gemeinde zu Gemeinde, um singend die Auferstehung Christi zu verkünden – ein Brauch, der möglicherweise auf vorchristliche Feldumritte zum Schutz der Saat zurückgeht und dessen älteste schriftliche Belege bis ins fünfzehnte Jahrhundert reichen.

Im Westen schließlich, in Aachen, schwört man trotz der Fastenzeit auf den Poschweck, ein süßes Osterbrot, dessen Duft aus den Backstuben strömt und das mit Marmelade oder – unerwarteter – mit würziger Leberwurst gegessen wird. An der dänischen Grenze in Nordschleswig kennt man den Gækkebrev, den Narrenbrief: Anonym verschickte Gedichte, deren Absender der Empfänger erraten muss, andernfalls schuldet er ein Schokoladenei. Diese regionale Vielfalt zeigt, dass Ostern in Deutschland niemals ein uniformes Fest war, sondern stets ein Mosaik aus lokalen Traditionen, christlicher Liturgie und vorchristlichem Erbe.

Ostern in der Dichterstube

Kein deutschsprachiger Dichter hat Ostern so unvergesslich in Szene gesetzt wie Johann Wolfgang von Goethe. Sein „Osterspaziergang", jener Monolog des Doktor Faust in der Szene „Vor dem Tor" aus der Tragödie erster Teil, gehört zum eisernen Bestand des deutschen Bildungskanons. Goethe integrierte die Verse erst 1808 in die dritte Fassung seines Lebenswerks – sie fehlen im Urfaust ebenso wie im Fragment von 1790. Faust, der Stunden zuvor noch den Freitod erwogen hat, beobachtet am Ostersonntag das Volk, das aus den engen Gassen ins Freie strömt, und erkennt in ihrem Aufbruch eine Spiegelung der Auferstehung: Die Menschen feiern nicht nur die Auferstehung des Herrn – sie sind selber auferstanden, aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus der Straßen quetschender Enge. Der Mensch erhebt sich, und am Ende steht jener Ausruf, der zum geflügelten Wort wurde: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"

Neben Goethe hat eine ganze Reihe deutschsprachiger Dichter das Osterfest zum Gegenstand ihres Schreibens gemacht. Joseph von Eichendorff verdichtete in seinem Gedicht „Ostern" das Zusammenspiel von Trauer und Jubel zu einem Bild von ergreifender Schönheit: Vom Münster klingen Trauerglocken, aus dem Tal schallt Jauchzen herauf, und in diesem Widerstreit erkennt der Dichter ein tiefes Frühlingsschauern, als wie ein Auferstehungstag. Theodor Storm, der protestantische Norddeutsche, lauschte am Meeresdeich dem Klang der Osterglocken. Rainer Maria Rilke, der dem Christentum zeitlebens skeptisch gegenüberstand, schuf mit seinem Gedicht „Der Auferstandene" eine erstaunlich zärtliche Meditation über Maria Magdalena und den auferstandenen Christus. Und Heinrich Heine, der Spötter aus dem Rheinland, besang die blauen Frühlingsaugen und das Frühlingslied, ohne sich an der Theologie des Festes abzuarbeiten.

Einen Osterroman im engeren Sinne hat die deutschsprachige Literatur freilich nicht hervorgebracht – anders als etwa das Weihnachtsfest, das von Dickens über Fontane bis Thomas Mann literarisch ausgeschlachtet wurde. Doch Goethes Faust ist, wenn man so will, der große Osterroman der Weltliteratur: Das gesamte Drama nimmt seinen Ausgang von der Osternacht, in der die Glocken Faust vom Selbstmord zurückhalten und in der jene Wette mit Mephisto ihren Anfang nimmt, die das Menschsein in seiner ganzen Zerrissenheit durchmisst.

Die Sehnsucht nach Erneuerung

Was bedeutet der Ostergedanke in einer Zeit, die von Kriegen und gesellschaftlicher Polarisierung gezeichnet ist? Vielleicht mehr als je zuvor. Die Auferstehung muss man nicht wörtlich nehmen, um ihre Kraft zu spüren. Als Metapher für den Neuanfang, für die Weigerung, sich mit dem Gegebenen abzufinden, für den Glauben an das Licht in tiefster Dunkelheit – als solche Metapher ist der Ostergedanke von zeitloser Gültigkeit.

Die Philosophie hat diese Intuition auf ihre Weise formuliert. Ernst Bloch sprach vom „Prinzip Hoffnung", von der „docta spes", der belehrten Hoffnung, die das Dunkel kennt und dennoch das Licht sucht. Camus fand in seinem Sisyphos einen österlichen Gedanken avant la lettre: den Menschen, der den Stein immer wieder den Berg hinaufrollt und dennoch nicht verzweifelt, weil man sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen muss.

In einer Gesellschaft, die zunehmend unter dem Gewicht ihrer eigenen Komplexität ächzt, mag der Osterbrauch – das Zusammenkommen der Familie, das gemeinsame Suchen und Finden, das Entzünden des Feuers gegen die Kälte – gerade in seiner Schlichtheit eine Antwort sein. Nicht die Antwort auf die großen Fragen, aber ein Ritual des Innehaltens, ein Moment der Verbundenheit, der über das Individuum hinausweist.

Das Licht am Ostermorgen

Wenn in der Osternacht die Kerzen in den Kirchen entzündet werden, wenn das sorbische Osterreiten durch die Lausitz zieht, wenn Kinder im Garten nach bunten Eiern suchen und an den Küsten Norddeutschlands die Osterfeuer lodern – dann wiederholt sich ein uraltes Muster: der Übergang von der Dunkelheit ins Licht, vom Winter in den Frühling, vom Tod ins Leben. Man muss kein Christ sein, um die Tiefe dieses Rhythmus zu empfinden. Man muss nur Mensch sein.

Goethe wusste es, als er seinen zerbrochenen Gelehrten am Ostermorgen aus dem Studierzimmer treten ließ. Eichendorff wusste es, als er im Widerstreit von Trauerglocken und Lerchenjubel das Frühlingsschauern erkannte. Und vielleicht wissen es auch wir, wenn wir an diesem Karfreitag innehalten und uns daran erinnern, dass nach jeder Dunkelheit ein Morgen kommt – nicht trotz der Dunkelheit, sondern durch sie hindurch.

Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der selbst am 9. April 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, wenige Wochen vor Kriegsende, schrieb aus der Haft Worte, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag." Es ist, als hätte er damit das Wesen des Ostergedankens in einen einzigen Satz gefasst – jene Zuversicht, die nicht auf Beweisen beruht, sondern auf der alten, unzerstörbaren Ahnung, dass das Licht stärker ist als die Finsternis. In diesem Sinne: ein gesegnetes Osterfest.

Sapere aude!

S. 


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