Der Freytag: Im Galopp mit dem Feuer-Pferd durchs Jahr

Über apokalyptische Reiter, brennende Kabel und die Kunst, im Sattel zu bleiben

Es gibt Jahre, die schleichen wie müde Katzen durch die Zeit, und es gibt Jahre, die galoppieren. Das Jahr 2026 gehört, so viel lässt sich nach kaum einer Woche bereits mit einiger Gewissheit sagen, zur zweiten Kategorie. Während wir noch damit beschäftigt waren, die Silvesterraketen zusammenzukehren und die letzten Reste des Weihnachtsgebäcks zu vertilgen, hatte die Geschichte bereits beschlossen, dass Beschaulichkeit eine Tugend vergangener Epochen sei.

Nachts in Caracas

Am dritten Januar, einem Freitag, jenem Tag, der dieser Kolumne seinen Namen gibt, erschütterten zwei Ereignisse das Weltgefüge in einer Weise, die selbst abgebrühte Beobachter des Zeitgeschehens in Erstaunen versetzte. In Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, griffen US-Spezialkräfte zu, was man in diplomatischen Kreisen dezent als »Operation Absolute Resolve« umschrieb. Nicolás Maduro, seit Jahren umstrittener Staatschef des südamerikanischen Landes, wurde in einer nächtlichen Kommandoaktion festgenommen und in die Vereinigten Staaten gebracht. Die Eliteeinheit Delta Force, jene legendären »Night Stalkers«, die einst Osama bin Laden aufspürten, hatte ihr Ziel gefunden. Seither sitzt Maduro in einem New Yorker Gerichtssaal, wo er sich wegen Drogenhandels verantworten soll.

Die Weltgemeinschaft reagierte, wie sie es in solchen Fällen zu tun pflegt: gespalten. María Corina Machado, Venezuelas Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin, jubelte: Der dritte Januar werde als der Tag in die Geschichte eingehen, »an dem die Gerechtigkeit die Tyrannei besiegt hat«. China und Russland forderten im UN-Sicherheitsrat umgehend die Freilassung Maduros und geißelten das Vorgehen Washingtons als Völkerrechtsbruch. Der Völkerrechtler Holger Hestermeyer vom King's College London sprach von einem »potenziellen Wendepunkt für die seit 1945 bestehende regelbasierte internationale Ordnung«. Und selbst die Bundesregierung, sonst stets um transatlantische Harmonie bemüht, ließ durch ihren Sprecher Stefan Kornelius verlauten, die USA hätten »nicht überzeugend dargelegt, dass ihr Vorgehen völkerrechtskonform war«.

Wenn in Berlin das Licht erlischt

Während Caracas brannte, erlosch in Berlin das Licht – im wörtlichsten Sinne. Am selben Tag, an dem amerikanische Hubschrauber über Venezuela kreisten, setzten Unbekannte eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde in Brand. Die Folgen waren verheerend: über vierzigtausend Haushalte und mehr als zweitausend Betriebe im Südwesten der deutschen Hauptstadt versanken in Dunkelheit. Bei tiefwinterlichen Temperaturen fielen Heizungen aus, Kühlschränke verstummten, das digitale Leben erstarrte. Es war der längste Stromausfall in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Zu der Tat bekannte sich eine sogenannte »Vulkangruppe«, eine linksextremistische Formation, die ihre Anschläge als »gemeinwohlorientierte Aktionen« gegen die fossile Energiewirtschaft bezeichnet. Die Täter, so viel steht fest, handelten nicht aus Dummheit, sondern mit erschreckender Professionalität. Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner fand deutliche Worte: »Das ist kein Spaß, hier spielt man bewusst mit dem Leben von Menschen.« Innensenatorin Iris Spranger sprach von einem »menschenverachtenden Angriff«. Der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen – der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Das Jahr des Feuer-Pferdes

Caracas und Berlin, getrennt durch einen Ozean, verbunden durch die Gleichzeitigkeit des Unerhörten – man könnte meinen, die Geschichte habe einen Sinn für Dramatik entwickelt, der selbst Shakespeare überfordern würde. Doch halt: Bevor wir uns in düsteren Betrachtungen verlieren, wirft der Kalender einen anderen, hoffnungsvolleren Schatten voraus. Am 17. Februar beginnt das chinesische Neujahr, und mit ihm das Jahr des Feuer-Pferdes.

Das Feuer-Pferd, 火马 (Huǒ Mǎ) im Chinesischen, ist keine gewöhnliche Konstellation. Es erscheint nur alle sechzig Jahre, wenn der dritte Himmelsstamm auf den siebten Erdzweig trifft – eine seltene Verbindung, die in der chinesischen Astrologie als besonders ereignisträchtig gilt. Das letzte Feuer-Pferd-Jahr war 1966, ein Jahr der Umbrüche, der Kulturrevolution in China, der gesellschaftlichen Erschütterungen weltweit. Und nun, sechzig Jahre später, reiten wir wieder auf diesem feurigen Ross durch die Zeit.

Das Pferd symbolisiert in der chinesischen Tradition Freiheit, Energie und unbändigen Lebenswillen. Die Redewendung 马到成功 (Mǎ dào chéng gōng) – »Erfolg kommt mit dem Pferd« – kündet von Dynamik und Durchsetzungskraft. Wenn aber das Pferd auf das Element Feuer trifft, entsteht eine explosive Mischung. Feuer steht für Leidenschaft, Transformation, Tatendrang – aber auch für Zerstörung und Unberechenbarkeit. Menschen, die in einem Feuer-Pferd-Jahr geboren werden, gelten als selbstbewusst und inspirierend, aber auch als impulsiv und eigenwillig. Das Jahr selbst, so die Überlieferung, werde von Bewegung geprägt sein, von radikalen Veränderungen und leidenschaftlichen Durchbrüchen.

Wird es so weitergehen? Werden wir im Galopp auf dem Rücken des Feuer-Pferdes durch dieses Jahr preschen, von Erschütterung zu Erschütterung, von Umbruch zu Umbruch? Die ersten Tage des Jahres 2026 legen diese Vermutung nahe. Das Tempo ist gesetzt, der Rhythmus vorgegeben. Wer nicht fest im Sattel sitzt, droht abgeworfen zu werden.

Die Reiter der Offenbarung

Die Symbolik des galoppierenden Pferdes führt unweigerlich zu älteren, dunkleren Bildern. In der Offenbarung des Johannes, jenem rätselhaften Schlussstein des Neuen Testaments, treten vier Reiter auf die Bühne der Endzeit: auf weißem, rotem, schwarzem und fahlem Ross. Sie bringen Eroberung, Krieg, Hunger und Tod. Ihre Pferde stampfen durch die Jahrhunderte, durch Pestjahre und Schlachtfelder, durch den Rauch verbrannter Städte und die Stille ausgelöschter Hoffnungen. Das Pferd als Bote des Untergangs – ein Motiv, das tief im kollektiven Bewusstsein des Abendlandes wurzelt.

Ist das Ende des Galopps das Jüngste Gericht? Rasen wir, auf dem Feuer-Pferd reitend, einem Abgrund entgegen, von dem wir nicht zurückkehren werden? Die Frage drängt sich auf, wenn man die Schlagzeilen dieser Tage liest. Militärinterventionen, Terroranschläge, eine Welt, die aus den Fugen geraten scheint. Doch halt – bevor wir uns der Versuchung des Kulturpessimismus hingeben, sei an eine Weisheit erinnert, die älter ist als die Offenbarung des Johannes: Das Pferd ist auch ein Symbol des Lebens, der Kraft, der Überwindung. Es trägt uns nicht nur in die Dunkelheit, sondern auch hindurch.

Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschheit schon manchen Galopp überstanden hat. Das Jahr 1966, das letzte Feuer-Pferd-Jahr, brachte die Kulturrevolution, aber auch die Mondlandungspläne, die drei Jahre später Wirklichkeit werden sollten. Es brachte den Vietnamkrieg, aber auch die Bürgerrechtsbewegung. Jede Epoche hat ihre apokalyptischen Reiter, und jede Epoche hat Menschen, die ihnen standhielten. Der Historiker Leopold von Ranke pflegte zu sagen, jede Epoche sei »unmittelbar zu Gott«. Will heißen: Keine Zeit ist nur Vorstufe einer anderen, keine Generation nur Staffelholzträger für kommende. Jede muss sich selbst bewähren.

Von Nachbarn und Kerzen

In Berlin, wo der Strom wieder fließt und die Heizungen wieder wärmen, erzählen sich die Menschen Geschichten von diesen dunklen Tagen. Von Nachbarn, die einander halfen, von Feuerwehrleuten, die Treppenhäuser erhellten, von alten Damen, die zum ersten Mal seit Jahren mit ihren Enkeln beim Kerzenschein zu Abend aßen. Im Bekennerschreiben der Vulkangruppe stand, fast zynisch: »Klingeln Sie bei Ihren Nachbarn an.« Was als höhnische Aufforderung gemeint war, wurde zur gelebten Wirklichkeit. Die Katastrophe offenbarte, was im Alltag verborgen bleibt: dass Gemeinschaft möglich ist, auch und gerade dann, wenn die Lichter ausgehen.

Und in Venezuela? Das Land steht am Scheideweg, zerrissen zwischen Erleichterung und Furcht. Acht Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren geflohen, ein Viertel der Bevölkerung. Ob Maduros Festnahme den Weg zu demokratischen Wahlen ebnet oder in ein Chaos stürzt, vermag niemand zu sagen. Der Lateinamerika-Experte Jesús Renzullo brachte es auf den Punkt: Der dritte Januar sei »Hoch- und Tiefpunkt zugleich«. Viele hätten sich Maduros Abgang gewünscht, niemand trauere ihm nach. »Doch es ist problematisch, dass das Staatsterritorium verletzt wurde und die USA dominant auftreten wie eine Kolonialmacht.« Das Dilemma der Befreiung durch Fremdeinwirkung – ein Thema, so alt wie die Geschichte der Revolutionen.

Im Sattel bleiben

Die chinesische Astrologie rät den Menschen im Feuer-Pferd-Jahr zur Besonnenheit. Wer mit der Dynamik des Pferdes mithalten will, brauche »innere Erdung«, heißt es in den alten Schriften. Das Element Feuer müsse durch Erde (Stabilität) und Holz (Wachstum) balanciert werden. Es ist eine Weisheit, die auch für unsere Zeit gilt: Wer im Galopp nicht den Boden unter den Hufen verlieren will, muss wissen, wohin er reitet. Ziellosigkeit im Tempo ist keine Tugend, sie ist eine Gefahr.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser ersten Januartage: dass wir aufgerufen sind, wachsam zu sein, aber nicht verzweifelt. Dass die Pferde der Geschichte wild galoppieren mögen, aber dass wir die Zügel nicht aus der Hand geben müssen. Dass Dunkelheit kommt, aber auch wieder weicht. Dass am Ende eines jeden Galopps nicht notwendig der Abgrund wartet, sondern vielleicht auch eine Lichtung.

Der Dichter Erich Kästner, der dunklere Zeiten erlebt hatte als wir, pflegte angesichts ungewisser Zukunft eine Haltung, die Skepsis und Zuversicht auf eigentümliche Weise verband. In seiner »Lyrischen Hausapotheke« findet sich ein Vers, der wie gemacht scheint für diesen Moment, da wir mit dem Feuer-Pferd ins Unbekannte aufbrechen:

»Wird's besser? Wird's schlimmer? fragt man alljährlich.

Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!«

In diesem Sinne: Halten Sie sich fest im Sattel, verehrte Leserinnen und Leser. Das Feuer-Pferd hat zum Galopp angesetzt. Wohin es uns trägt, wissen wir nicht. Aber dass wir reiten werden – daran besteht kein Zweifel. Und vielleicht, nur vielleicht, führt der Ritt ja nicht ins Verderben, sondern in ein Land, das wir noch nicht kennen, das aber auf uns wartet. Die Chinesen nennen es: 马到成功. Möge der Erfolg mit dem Pferd zu uns kommen.

Sapere aude!

S. 


Der Freytag erscheint jeden Freitag als literarische Kolumne. 📚📘📖

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