Der Freytag: Die Raunächte

Über die vergessene Kunst des Innehaltens und die zwölf heiligen Nächte zwischen den Jahren

»Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben.« (Hermann Hesse, Stufen)

Während Sie diese Zeilen lesen, befinden wir uns mitten in jener rätselhaften Zeit, die unsere Vorfahren mit einem Namen belegten, der heute beinahe vergessen scheint: den Raunächten. Die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar galten jahrhundertelang als eine Zeit außerhalb der Zeit – ein Zwischenreich, in dem die gewohnten Regeln des Alltags ihre Gültigkeit verloren und sich der Schleier zwischen den Welten verdünnte. In einer Epoche, die von rastloser Geschäftigkeit geprägt ist, von der Tyrannei des Kalenders und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit, erscheint die Idee einer solchen Auszeit geradezu subversiv. Und doch: Gerade darin liegt vielleicht ihre Aktualität.

Was aber sind die Raunächte eigentlich? Die etymologische Herkunft des Wortes ist, wie so vieles an diesem Brauch, umstritten und vieldeutig. Eine verbreitete Deutung leitet es vom mittelhochdeutschen Wort rûch ab, das »haarig« oder »pelzig« bedeutet – ein Verweis auf die in Felle gekleideten Dämonen und Geistergestalten, die in diesen Nächten ihr Unwesen treiben sollten. Noch heute kennen wir diese Wesen als Perchten, als wilde Gestalten der Alpenregion, die in aufwendigen Kostümen durch die Winterlandschaft ziehen und mit Glockengeläut und Lärm die bösen Geister vertreiben. Eine andere Interpretation führt das Wort auf das Räuchern zurück, jene uralte Praxis, Haus und Hof mit Weihrauch oder heimischen Kräutern von bösen Geistern zu reinigen – ein Brauch, der sich in vielen ländlichen Regionen bis heute erhalten hat.

Die Zeit außerhalb der Zeit

Der tiefere Ursprung der Raunächte liegt in einer astronomischen Gegebenheit, die den Menschen der Vorzeit sehr bewusst war: der Differenz zwischen dem Mond- und dem Sonnenjahr. Das Mondjahr mit seinen zwölf Mondzyklen umfasst nur 354 Tage, während das Sonnenjahr deren 365 zählt. Die Differenz von elf Tagen und zwölf Nächten wurde von den germanischen und keltischen Völkern als »Tage außerhalb der Zeit« begriffen – eine Art kosmisches Niemandsland, in dem die gewohnten Naturgesetze ihre Gültigkeit verloren. Diese Vorstellung hat sich bis heute in der Redewendung »zwischen den Jahren« erhalten, die wir benutzen, ohne uns ihrer ursprünglichen Bedeutung bewusst zu sein. Es ist bezeichnend, dass gerade diese Wendung überlebt hat: Sie deutet auf ein kollektives Unbehagen hin, auf das Gefühl, in diesen Tagen nirgendwo richtig hinzugehören.

Die Raunächte erstrecken sich traditionell vom 25. Dezember bis zum 6. Januar, wobei jede der zwölf Nächte einem Monat des kommenden Jahres zugeordnet wurde. Die Träume dieser Nächte galten als prophetisch, das Wetter als Vorzeichen für den entsprechenden Monat – eine Bauernregel, die in manchen Gegenden als pauren practick bekannt war. Besonders bedeutsam waren vier Nächte: die Thomasnacht zur Wintersonnenwende am 21. Dezember, die längste Nacht des Jahres; die Christnacht am 24. Dezember, in der das göttliche Licht in die Welt kam; die Silvesternacht als Höhepunkt des Übergangs; und schließlich die Nacht zum Dreikönigstag, in der sich die Pforten zur Anderswelt wieder schlossen. An diesen Nächten, so der Volksglaube, öffneten sich die Tore zur jenseitigen Welt besonders weit.

Zu den bekanntesten Gestalten der Raunächte gehört die »Wilde Jagd« – ein gespenstischer Zug unruhiger Seelen und Geisterwesen, der in den langen Winternächten über das Land hinwegbrauste. In manchen Regionen führte der Gott Wotan diese Jagd an, in anderen die Frau Percht oder Frau Holle, jene mythische Gestalt, die Jacob Grimm als Nachklang einer alten Muttergottheit deutete. Die Menschen verschlossen ihre Türen, hängten keine Wäsche auf (damit sich kein Geist darin verfinge und als Zeichen des Todes am Haus bliebe), und vermieden es, laut zu sprechen oder zu arbeiten. Spinnen und Nähen war streng verboten – wer sich nicht daran hielt, riskierte, von der Wilden Jagd mitgerissen zu werden oder zumindest das Unglück über sein Haus zu bringen.

Im Jahr 567 wurden die zwölf Nächte auf dem Konzil von Tours als »Höchste Heilige Christliche Zeit« anerkannt – ein Dodekahemeron, wie die Kirchenväter es nannten. Damit versuchte die Kirche, die vorchristlichen Bräuche in ein christliches Gewand zu kleiden, sie zu zähmen und zu überhöhen. Doch unter der christlichen Oberfläche lebten die älteren Vorstellungen weiter: Die Angst vor den Geistern, die Ehrfurcht vor den kosmischen Mächten, die in diesen Nächten besonders spürbar waren.

Die literarische Verarbeitung

Die Raunächte haben erstaunlich wenige Spuren in der deutschsprachigen Hochliteratur hinterlassen – und doch gibt es bemerkenswerte Ausnahmen, die es verdienen, dem Vergessen entrissen zu werden. Die wohl bedeutendste ist Richard Billingers Drama »Rauhnacht« aus dem Jahr 1931, das im darauffolgenden Jahr mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet wurde, den Billinger sich mit Else Lasker-Schüler teilte. Billinger, 1890 als Bauernsohn im oberösterreichischen Innviertel geboren und später Jesuitenzögling, verband in seinem Werk auf einzigartige Weise das archaische Brauchtum seiner Heimat mit den Abgründen der menschlichen Seele. Sein Drama spielt in einem kleinen Dorf, in dem sich Reste heidnischen Brauchtums neben christlichen Bräuchen erhalten haben. Die Raunacht wird darin zur Metapher für den Ausbruch unterdrückter Triebe und Leidenschaften, für den Konflikt zwischen Zivilisation und Natur, zwischen dem Fremden und dem Eigenen.

Die Uraufführung des Stücks fand am 10. Oktober 1931 in den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Otto Falckenberg statt, mit Bühnenbildern und Masken des bedeutenden Zeichners Alfred Kubin, der selbst ein Meister des Unheimlichen war. Käthe Gold und Ewald Balser spielten die Hauptrollen. Klaus Mann, der die Premiere besuchte, notierte in seinem Tagebuch lapidar: »Hysterisches Bauernstück mit Lustmord – schwer erträglich.« Doch andere Zeitgenossen sahen das Werk wohlwollender. Erich Kästner lobte die Berliner Inszenierung als »eindrucksvoll« und hob die »ungewöhnlich suggestive« Darstellung des Tiroler Bauerntums hervor. Der bedeutende Regisseur Jürgen Fehling brachte das Stück nach Berlin, wo Werner Krauß den Protagonisten Simon Kreuzhalter verkörperte.

Hermann Hesse wiederum pries Billingers Lyrik in der Neuen Zürcher Zeitung Ende 1929 als »beglückend« – ein erstaunliches Lob aus dem Munde eines Dichters, der selbst die Kunst der leisen Töne wie kaum ein anderer beherrschte. Carl Zuckmayer, mit dem Billinger seit 1926 eine Freundschaft verband, schrieb nach dessen Tod: »Ich fürchte, es wird schwer sein, ihn heute wieder zu spielen oder zu lesen – obwohl seine Gedichte schöner sind und bleiben als die meisten heutigen.« Es ist ein melancholisches Urteil über einen Dichter, dessen Werk heute weitgehend vergessen ist.

Eine Schlüsselstelle in Billingers Drama offenbart das eigentliche Geheimnis der Raunächte. Auf die Frage »Was soll ich fürchten?« antwortet eine Figur mit den Worten: »Das Draußen nicht, das Drinnen.« In dieser Wendung nach innen liegt die tiefere Bedeutung dieser zwölf Nächte: Sie sind eine Zeit der Einkehr, der Selbstbegegnung, des Innehaltens – und damit auch eine Zeit der Konfrontation mit den eigenen Schatten. Die Dämonen, die in den Raunächten ihr Unwesen treiben, sind nicht nur jene pelzigen Gestalten der Perchtenläufe; sie sind auch die unerledigten Angelegenheiten des vergangenen Jahres, die unterdrückten Gefühle, die verdrängten Wahrheiten.

Auch in jüngerer Zeit hat die Literatur die Raunächte nicht vergessen. Der Schweizer Schriftsteller Urs Faes veröffentlichte 2018 eine atmosphärisch dichte Erzählung mit dem Titel »Raunächte«, in der ein Mann nach Jahren im Ausland in seine Schwarzwälder Heimat zurückkehrt. Durch hohen Schnee geht er die alten Wege, erinnert sich an den erbitterten Erbstreit um den väterlichen Hof und lauscht auf den Ruf der »Dunkelbolde«, jener Geistergestalten, die in der »Niemandszeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest« ihr Unwesen treiben. Die Kritik lobte die »leisen Töne« und »subtilen, atmosphärisch dichten Naturbeschreibungen« des Buches – Qualitäten, die Faes als würdigen Nachfolger jener literarischen Tradition ausweisen, die das Numinose im Alltäglichen aufzuspüren versteht.

Das Drinnen: Eine Archäologie der Stille

Was können wir heute, in einer Welt der permanenten Erreichbarkeit und der algorithmisch optimierten Aufmerksamkeit, aus den Raunächten lernen? Die Antwort liegt vielleicht gerade in ihrer scheinbaren Anachronistik. Die Raunächte waren eine institutionalisierte Pause, eine kulturell legitimierte Auszeit vom Getriebe des Alltags. In einer Zeit, in der das bäuerliche Jahr von harter Arbeit geprägt war, boten diese zwölf Nächte einen Raum für Besinnung, für Träume, für die Begegnung mit dem Numinosen. Es war keine Freizeit im modernen Sinne, kein Urlaub, sondern eine Zeit der Sammlung und der Vorbereitung auf das kommende Jahr.

Die alten Regeln der Raunächte – kein Wäschewaschen, kein Spinnen, keine laute Arbeit – erscheinen aus heutiger Sicht wie eine Anleitung zur digitalen Entgiftung avant la lettre. Es ging darum, den gewohnten Rhythmus zu unterbrechen, die endlose Geschäftigkeit zum Stillstand zu bringen und einen Raum für das Unerwartete zu schaffen. Die Vorstellung, dass in dieser Zeit die Grenzen zwischen den Welten durchlässig werden, lässt sich auch psychologisch deuten: Wenn wir den Lärm des Alltags zum Schweigen bringen, können wir Stimmen hören, die sonst übertönt werden – Stimmen der Erinnerung, der Intuition, der Sehnsucht, aber auch der Reue und der unerfüllten Hoffnungen.

Die Raunächte mahnen uns auch zur Demut. In einer Zeit, in der wir glauben, alles kontrollieren und optimieren zu können, erinnern sie an jene Dimensionen der Existenz, die sich der Berechenbarkeit entziehen. Die »Wilde Jagd« der Geister mag ein Aberglauben sein – und doch kennt jeder von uns jene ruhelosen Gedanken und unerledigten Angelegenheiten, die uns gerade in stillen Momenten heimsuchen. Die Raunächte gaben diesen inneren Stürmen einen Platz und eine Zeit; sie integrierten das Bedrohliche in den Rhythmus des Jahres, statt es zu verdrängen. Vielleicht liegt gerade darin ihre heilsame Wirkung: dass sie dem Dunklen seinen Raum geben.

Zwischen Aberglauben und Weisheit

Es wäre naiv, die Raunächte romantisch zu verklären. Die Vorstellung einer »Wilden Jagd« diente auch dazu, Menschen in Schach zu halten und die Ordnung der Gemeinschaft zu festigen. Und doch steckt in diesen Traditionen eine Weisheit, die wir nicht vorschnell verwerfen sollten: das Wissen um die Notwendigkeit von Übergängen, von Schwellenzeiten, von ritueller Markierung des Jahreswechsels – jene rites de passage, die der Ethnologe Arnold van Gennep als universale Struktur menschlicher Kultur beschrieben hat.

Der Jahreswechsel ist in unserer säkularen Gesellschaft zu einem Anlass für Feuerwerk und Partylärm geworden – eine karnevaleske Unterbrechung des Alltags, die am nächsten Morgen bereits wieder vergessen ist. Die Raunächte hingegen erstreckten sich über fast zwei Wochen und boten damit einen ausgedehnten Raum für jene innere Arbeit, die jeder Neubeginn erfordert. »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, schrieb Hermann Hesse – aber dieser Zauber entfaltet sich nur, wenn wir ihm Zeit und Raum geben, wenn wir das Alte würdigen, bevor wir uns dem Neuen zuwenden.

Vielleicht liegt die Aktualität der Raunächte gerade in ihrer Langsamkeit. In einer beschleunigten Welt, die uns zwingt, ständig zu reagieren und zu optimieren, bieten sie das Modell einer anderen Zeitlichkeit: einer Zeit des Wartens, des Lauschens, der bewussten Passivität. Das Räuchern der Räume, das traditionell zu den Raunächten gehört, lässt sich als symbolische Handlung verstehen: Es geht darum, den alten Ballast zu vertreiben und Platz für Neues zu schaffen – nicht durch hektische Aktivität, sondern durch achtsames Ritual. Der Rauch steigt auf und nimmt mit sich, was nicht mehr gebraucht wird.

Die Raunächte erinnern uns daran, dass das Leben nicht nur aus Produktivität und Effizienz besteht. Sie laden uns ein, die Dunkelheit nicht zu fürchten, sondern als Raum der Verwandlung zu begreifen. Und sie lehren uns, dass manchmal das Wichtigste geschieht, wenn wir aufhören zu tun und beginnen zu sein. In den zwölf Nächten zwischen den Jahren liegt eine alte Weisheit verborgen, die auch in unserer Zeit nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat: dass wir, um voranzukommen, manchmal innehalten müssen – und dass die Dunkelheit, recht betrachtet, keine Abwesenheit des Lichts ist, sondern der Schoß, aus dem alles Licht geboren wird.

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.« (Hermann Hesse)

Sapere aude!

S. 


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