Der Freytag: Der letzte Akkord - Wolfgang Amadeus Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart starb vor 233 Jahren. Sein Vermächtnis aber lebt – und lehrt uns mehr über das Leben als jede Philosophie.

Er starb kurz nach Mitternacht. Draußen war es kalt, der Dezember hatte Wien fest im Griff, und der Wind trieb Schnee durch die engen Gassen der Inneren Stadt. Im kleinen Kayserhaus in der Rauhensteingasse lag Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Bett, die Augen geschlossen, das Fieber endlich gebrochen – doch nicht so, wie es sich seine Frau Constanze erhofft hatte. Der Komponist, dessen Musik schon zu Lebzeiten ganz Europa verzauberte, war tot. Er wurde fünfunddreißig Jahre alt. Zwei Stunden vor dem Ende war er noch bei Bewusstsein gewesen, hatte mit schwacher Stimme die Altstimme seines unvollendeten Requiems gesummt, während Freunde die anderen Partien sangen.

Das war am 5. Dezember 1791. Heute, 233 Jahre später, jährt sich dieser Todestag. Man könnte nun eine jener sentimentalen Gedenkschriften verfassen, wie sie zu runden Jubiläen die Kulturseiten füllen. Man könnte von der Tragik des frühen Todes sprechen, vom unvollendeten Requiem, vom rätselhaften Grab auf dem Sankt Marxer Friedhof, das niemand mehr finden kann. Doch Mozart verdient mehr als Sentimentalität. Er verdient Wahrheit. Und die Wahrheit über Mozart ist komplizierter, faszinierender und letztlich menschlicher, als es die vergoldeten Legenden wahrhaben wollen.

Ein Genie mit Hang zum Vulgären

Wer war dieser Mann, dessen Musik die Engel zum Weinen bringt? Die Antwort ist komplizierter, als es die verkitschten Biographien wahrhaben wollen. Mozart war kein ätherisches Wesen, kein blasser Heiliger der Tonkunst, der entrückt durch die Welt schwebte. Er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit allen Widersprüchen, die das mit sich bringt. Ein kleiner Mann – kaum einsfünfzig –, mit großem Kopf, hervortretenden blauen Augen und einer Blässe, die seiner Schwester Nannerl zufolge seinem Genie nicht entsprach.

Seine Briefe offenbaren einen Mann von beißendem Witz und – man muss es so deutlich sagen – einer Vorliebe für Fäkalhumor, die heutige Leser erschrecken mag. An seine Cousine Maria Anna Thekla, sein »Bäsle«, schrieb er Zeilen von solcher Derbheit, dass spätere Herausgeber sie schamhaft zensierten. Der Kanon »Leck mich im Arsch« trägt seinen Namen nicht zu Unrecht. Mozart fand Gefallen am Groben, am Körperlichen, am Unverblümten. Er schrieb seinem Vater über Salzburg, er hoffe nicht, dass es nötig sei zu sagen, »daß mir an Salzburg sehr wenig und am Erzbischof gar nichts gelegen ist und ich auf beides scheiße«.

Das passt nicht zum Bild des entrückten Genies? Gerade darin liegt die Lehre. Mozart war kein Übermensch, sondern ein vollständiger Mensch. Die gleiche Hand, die obszöne Scherze aufs Papier warf, komponierte das »Ave Verum Corpus«. Der gleiche Geist, der sich an Wortspielen und Albernheiten erfreute, ersann die komplexesten Fugen. Diese Widersprüchlichkeit ist keine Schwäche – sie ist das Geheimnis seiner Kunst. Wer das ganze Spektrum menschlicher Erfahrung kennt, vom Erhabenen bis zum Grotesken, kann es auch in Töne fassen. Die Prüderie des 19. Jahrhunderts hat Mozart zu einem Heiligen stilisiert; das 21. Jahrhundert darf den Menschen wiederfinden.

Ein Netz aus Brüdern und Bewunderern

Mozart war kein Einsiedler. Er pflegte Freundschaften, auch wenn sein unstetes Temperament nicht jeden Zeitgenossen begeisterte. Die wichtigste dieser Beziehungen verband ihn mit Joseph Haydn, dem vierundzwanzig Jahre älteren Meister der Symphonie. Die beiden spielten gemeinsam Streichquartett, wobei Mozart die Bratsche und Haydn die erste Geige übernahm. Als Haydn in London von Mozarts Tod erfuhr, schrieb er erschüttert an ihren gemeinsamen Freund Michael Puchberg, er sei »ganz außer sich« gewesen und könne nicht glauben, dass die Vorsehung »einen so unersetzlichen Mann« so früh in die andere Welt gerufen habe.

Die beiden Komponisten hatten sich gegenseitig inspiriert, einander bewundert ohne jeden Neid – eine Seltenheit in einer Welt, in der Künstler um Gunst und Aufträge konkurrierten. Mozart widmete Haydn sechs seiner schönsten Quartette, seine »Kinder«, wie er sie nannte, Früchte einer »langen und mühsamen Arbeit«. Haydn revanchierte sich, indem er dem Vater Leopold versicherte, dessen Sohn sei »der größte Componist, den ich von Person und Namen nach kenne«. Es war keine Rivalität zwischen den Großen – es war Freundschaft unter Gleichen, eine Bruderschaft im Geiste, die den Tod überdauerte.

Ein anderes Netzwerk umschloss Mozart in seinen Wiener Jahren: die Freimaurerei. Am 14. Dezember 1784 trat er der Loge »Zur Wohltätigkeit« bei, wurde bald zum Gesellen befördert und erreichte den Grad des Meisters. Die Ideale der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz – entsprachen seinem Wesen. In der Loge fand er nicht nur geistigen Austausch, sondern auch praktische Hilfe. Sein »wahrer Freund« Johann Michael Puchberg, ebenfalls Logenbruder und wohlhabender Stoffhändler, half ihm in finanziellen Nöten mehr als einmal mit Darlehen aus. Mozart dankte es ihm mit Musik, die unsterblich wurde, und mit Bettelbriefen, die heute noch rühren.

Doch Mozart war auch ein schwieriger Charakter. Die Biographin Eva Gesine Baur zeichnet in ihren Studien das Bild eines Mannes, der lügen, intrigieren und andere verleumden konnte. Der seinen Vater enttäuschte, seine Schwester im Unglück allein ließ, bei der Beerdigung des Vaters nicht erschien. Der sich »unflätig über Menschen äußerte, denen er viel verdankte«. Er ließ den Hornisten Joseph Leitgeb während der Niederschrift eines Rondos zwei Stunden lang auf harten Holzdielen knien. Die Wahrheit ist: Genies sind nicht zwangsläufig gute Menschen. Sie sind nur geniale. Mozart war beides – Genie und Mensch, mit allen Lichtern und Schatten, die dazugehören.

Der Tod als wahrer Freund

Mozart wusste um den Tod. Er hatte ihn früh kennengelernt – vier seiner sechs Kinder starben im Säuglingsalter, seine geliebte Mutter verstarb 1778 während einer Reise nach Paris, fern der Heimat, fern des Vaters. In einem bemerkenswerten Brief an seinen Vater schrieb er 1787: »Da der Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes.«

Dies ist keine Pose. Dies ist die Haltung eines Menschen, der das Leben in seiner ganzen Fülle begriffen hat. Mozart legte sich niemals schlafen, ohne zu bedenken, dass er den nächsten Tag vielleicht nicht mehr erleben würde – und doch, so betonte er, könne niemand sagen, er sei im Umgang »stur oder verdrießlich«. Diese Gelassenheit angesichts des Unvermeidlichen, diese stoische Heiterkeit im Angesicht der Endlichkeit, ist vielleicht seine größte Leistung jenseits der Musik. Sie spricht aus jedem seiner späten Werke, aus der »Zauberflöte« ebenso wie aus dem »Requiem«.

Was Mozart letztlich tötete, bleibt umstritten. Die offizielle Diagnose lautete »hitziges Frieselfieber« – eine Verlegenheitsbezeichnung, die alles und nichts bedeutete. Moderne Forscher vermuten rheumatisches Fieber, ausgelöst durch Streptokokken-Bakterien nach einer Halsentzündung. Im Dezember 1791 grassierte in Wien eine kleine Epidemie solcher Erkrankungen. Die Symptome passen: hohes Fieber, geschwollene Gelenke, Rückenschmerzen, am Ende ein so aufgequollener Körper, dass er sich nicht mehr im Bett umdrehen konnte. Die damaligen Ärzte machten alles schlimmer – der Aderlass, den sie anordneten, beschleunigte vermutlich das Ende eines Mannes, dessen Körper bereits am Rande der Erschöpfung stand.

Die Gerüchte von einer Vergiftung durch seinen Konkurrenten Antonio Salieri sind Legende, nichts weiter. Salieri, selbst ein geachteter Komponist und keineswegs der neidische Schurke aus Miloš Formans Film »Amadeus«, hatte weder Motiv noch Gelegenheit. Er war erfolgreicher als Mozart, stand in höherer Gunst bei Hofe, verdiente mehr. Warum sollte er morden? Die Wahrheit ist banaler und tragischer: Mozart starb an einer Krankheit, wie Tausende vor und nach ihm, im falschen Jahrhundert geboren, als die Medizin noch mehr schadete als half.

Über sechshundert Werke in fünfunddreißig Jahren

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Von Mozart bleibt ein Werk, das seinesgleichen sucht. Über sechshundert Kompositionen, verzeichnet im »Köchel-Verzeichnis« – Symphonien, Opern, Konzerte, Sonaten, Kammermusik, Messen, Serenaden, Divertimenti. Allein einundvierzig Symphonien, siebenundzwanzig Klavierkonzerte, zweiundzwanzig Opern. Und all das in fünfunddreißig Jahren, von denen die ersten Jahre der Kindheit galten, bevor der Dreijährige überhaupt das Klavier entdeckte. Eine Produktivität, die selbst im Zeitalter der Vielschreiber ihresgleichen suchte.

Die Qualität dieser Werke ist ebenso erstaunlich wie ihre Quantität. »Die Zauberflöte« und »Don Giovanni« gehören zu den meistgespielten Opern weltweit. Das »Requiem«, obwohl unvollendet und von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr ergänzt, gilt als eines der ergreifendsten Werke der Musikgeschichte. Die »Kleine Nachtmusik« kennt jedes Kind, die Melodie aus »Figaro« jeder Fernsehzuschauer. Die späten Symphonien – Es-Dur, g-Moll, die »Jupiter-Symphonie« in C-Dur – sind Meilensteine der Gattung, an denen sich Beethoven messen musste und an denen sich noch Mahler rieb.

Mozart prägte die Wiener Klassik wie kein Zweiter außer Haydn und dem jungen Beethoven. Er verfeinerte die Sonatenhauptsatzform, revolutionierte die Oper, indem er sie vom höfischen Spektakel zum menschlichen Drama wandelte. In »Figaro« lässt er Diener über ihre Herren triumphieren – ein revolutionärer Gedanke, Jahre vor der Französischen Revolution, der nur deshalb nicht auf dem Scheiterhaufen landete, weil er in Musik verpackt war. In der »Zauberflöte« singt er ein Hohelied auf die Ideale der Aufklärung, verpackt in eine Märchenhandlung, die auch das einfache Volk verstand.

Die stille Revolution

Was hat Mozart verändert? Zunächst die Musik selbst. Vor ihm war die Oper ein Vehikel für virtuose Sänger und prächtige Ausstattung, ein Spektakel für Augen und Ohren, aber nicht für die Seele. Nach ihm wurde sie Ausdruck menschlicher Leidenschaften, psychologisches Drama in Tönen. Seine Charaktere – der zynische Don Giovanni, die liebende Gräfin im »Figaro«, die standhafte Pamina, der komische Papageno – sind keine Typen mehr, sondern Menschen mit Widersprüchen und Tiefen. Das war neu. Das war revolutionär. Das wirkt bis heute.

Doch Mozart veränderte auch das Berufsbild des Komponisten. Er war einer der ersten, die versuchten, als freischaffende Künstler zu leben, unabhängig von fürstlicher Gunst. Der Bruch mit dem Salzburger Erzbischof Colloredo 1781 war ein Akt der Selbstbefreiung, der Emanzipation von der Rolle des livrierten Bediensteten. Dass er damit oft genug scheiterte, in Geldnöte geriet, bei Freunden betteln musste – geschenkt. Der Versuch zählt. Mozart emanzipierte den Künstler vom Höfling zum Bürger. Beethoven, der dies später konsequenter durchsetzte, stand auf seinen Schultern.

Und schließlich veränderte Mozart unser Verständnis von dem, was Musik sein kann. Vor ihm diente sie der Unterhaltung, der Andacht, dem Zeremoniell. Mit Mozart wurde sie zum Ausdruck des Unaussprechlichen, zur Sprache der Seele. Karl Barth, der große Theologe, meinte, die Engel im Himmel spielten, wenn sie unter sich seien, Bach – aber wenn sie vor Gott spielten, dann Mozart. Das ist, bei aller Übertreibung, eine tiefe Wahrheit. Mozarts Musik transzendiert die Umstände ihrer Entstehung, spricht zu Menschen aller Zeiten und Kulturen.

Der Nachhall

233 Jahre nach seinem Tod ist Mozart präsenter denn je. Seine Musik erklingt in Konzertsälen und Klingeltönen, in Werbefilmen und Wiegenliedern. Sie ist Allgemeingut geworden, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Das ist das eigentliche Wunder: dass diese Musik, geschrieben für ein aristokratisches Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts, noch immer jeden Menschen erreichen kann, unabhängig von Bildung, Herkunft oder musikalischer Vorkenntnis. Mozart sprach eine Sprache, die alle verstehen.

Constanze Mozart besuchte das Grab ihres Mannes erst siebzehn Jahre nach seinem Tod, auf Drängen eines Bekannten. Da war es längst verschollen, eingeebnet nach der damaligen Sitte, in der Gräber nach sieben Jahren neu belegt wurden. Es gibt keinen Ort, an dem man Mozart betrauern könnte. Doch vielleicht ist das auch richtig so. Mozart braucht kein Grab. Er lebt in jeder Note, die heute gespielt wird. In jedem Kind, das zum ersten Mal die »Kleine Nachtmusik« hört. In jedem Liebenden, der bei »Voi che sapete« die Tränen nicht zurückhalten kann. In jedem Menschen, der im »Lacrimosa« seines Requiems die eigene Sterblichkeit begreift.

Am 5. Dezember 1791 verstummte eine Stimme in der Rauhensteingasse. Doch ihr Echo hallt noch immer durch die Jahrhunderte. Es wird niemals verklingen.

Sapere aude!

S. 


Der Freytag erscheint jeden Freitag als literarische Kolumne. 📚📘📖

Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏


Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO