Das Licht ging um 5:47 Uhr aus. Katharina stand in der Küche ihrer Wohnung in Steglitz. Das Wasser für den Kaffee hatte gerade zu kochen begonnen. Dann war es still.
Kein Summen des Kühlschranks. Kein Rauschen der Heizung. Nichts.
„Stromausfall", sagte sie laut.
Draußen war es noch dunkel. Januar in Berlin. Die Stadt lag unter Schnee. Minus acht Grad.
Katharina zog ihren Mantel über den Schlafanzug und ging ans Fenster. Die Straßenlaternen waren aus. Die Ampeln waren aus. In den Häusern gegenüber war es dunkel. Nur vereinzelt flackerte Kerzenlicht.
Sie rief Jan an. Das Handy hatte noch Akku.
„Hast du auch keinen Strom?", fragte sie.
„Ja. In Lankwitz ist alles dunkel. Die Nachrichtenseiten sagen, es war ein Anschlag. Auf eine Kabelbrücke in Lichterfelde."
„Ein Anschlag."
„Brandstiftung. Sie wissen noch nicht, wann der Strom wieder kommt."
Katharina legte auf. Ein Anschlag. Das Wort blieb im Raum hängen. Schwer und kalt.
Sie dachte an etwas, das sie gelesen hatte. Hemingway hatte geschrieben, dass Angst natürlich sei. Es gehe nur darum, was man mit der Angst tue. Ob man sie beherrsche oder von ihr beherrscht werde.
Katharina beherrschte ihre Angst. Sie zog sich an. Thermounterwäsche, Pullover, Daunenjacke. Sie würde zur Arbeit gehen müssen. Irgendwie.
Auf der Straße herrschte eine merkwürdige Stille. Keine Autos, keine Straßenbahnen. Menschen gingen zu Fuß. Manche zielstrebig, manche orientierungslos. In einer Bäckerei brannte Licht – die hatten einen Generator.
„Nur Barzahlung", sagte die Verkäuferin.
Katharina hatte Bargeld. Sie kaufte drei Brötchen und Kaffee im Pappbecher. Der Kaffee war heiß. Das war gut.
Im Café saßen Menschen und starrten auf ihre Handys. Die Akkus wurden langsam leer. Die Angst vor dem Abgeschnittensein wuchs.
„Vierzigtausend Haushalte", sagte jemand. „Zweitausend Betriebe. Der längste Stromausfall seit 1945."
„Wer macht so etwas?", fragte eine Frau.
Niemand antwortete.
Katharina dachte an Thomas Mann. An die Geschichten von der Ordnung, die brüchig wird. Von der Zivilisation, die dünn ist wie Eis über dunklem Wasser. Man merkt erst, wie dünn, wenn man einbricht.
Sie ging weiter. Die U-Bahn fuhr nicht. Die S-Bahn fuhr nicht. Sie würde laufen müssen. Von Steglitz nach Mitte. Zehn Kilometer, vielleicht mehr.
Andere hatten die gleiche Idee. Eine stille Prozession von Menschen in Winterkleidung, die durch die Stadt wanderten. Wie Flüchtlinge, dachte Katharina. Aber wir fliehen nicht. Wir versuchen nur, den Tag zu überstehen.
Ein Mann mittleren Alters ging neben ihr.
„Arbeiten Sie in Mitte?", fragte er.
„Ja. Kreuzberg eigentlich. Aber nah genug."
„Ich auch. Prenzlauer Berg. Meine Frau und die Kinder sind zu Hause. Keine Heizung. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich warm anziehen und zusammen in einem Raum bleiben."
„Wie alt sind die Kinder?"
„Fünf und sieben."
Katharina nickte. Sie gingen schweigend weiter.
Am Rathaus Schöneberg stand eine Gruppe Menschen. Jemand hatte ein batteriebetriebenes Radio dabei. Die Stimme des Sprechers war blechern aber klar.
„Die Polizei bestätigt: Es handelt sich um einen gezielten Anschlag. Die Täter sind noch nicht identifiziert. Der Regierende Bürgermeister ruft zur Ruhe auf. Die Stromversorgung wird schrittweise wiederhergestellt."
„Wann?", rief jemand.
Das Radio schwieg dazu.
Katharina ging weiter. Sie dachte an Kästner. An die Bücher, die er geschrieben hatte über Menschen in Krisen. Über die kleine Moral im großen Chaos. Über das Durchhalten, wenn alles zusammenbricht.
Es gab eine Würde im Durchhalten, dachte sie. Eine Würde, die keiner sehen konnte, aber die trotzdem da war.
In Schöneberg standen Menschen vor einem Supermarkt. Die Türen waren verschlossen.
„Ohne Strom können sie nicht öffnen", erklärte jemand. „Die Kassen funktionieren nicht. Die Kühlung funktioniert nicht."
„Und wenn das Essen verdirbt?"
„Dann verdirbt es."
Eine alte Frau weinte leise. „Ich habe nichts zu Hause. Ich kaufe immer frisch ein."
Ein junger Mann bot ihr einen Müsliriegel an. Sie nahm ihn dankbar.
Kleine Gesten, dachte Katharina. In Krisen zählen die kleinen Gesten.
Sie erreichte Kreuzberg gegen Mittag. Ihre Füße schmerzten. Das Büro war kalt und dunkel. Die meisten Kollegen waren nicht gekommen.
„Wir können nicht arbeiten", sagte der Chef. „Keine Computer, keine Heizung. Geht nach Hause."
„Wie?", fragte jemand. „Zu Fuß?"
Der Chef zuckte die Schultern.
Katharina setzte sich in die Kantine. Durch die großen Fenster fiel graues Winterlicht. Sie aß die Brötchen, die sie gekauft hatte. Sie waren kalt und hart geworden, aber sie aß sie trotzdem.
Jan rief an. Der Akku war bei zwanzig Prozent.
„Wie geht es dir?"
„Ich sitze im Büro. Wir werden nach Hause geschickt."
„Hier ist es eisig. Die Temperatur in der Wohnung ist auf vierzehn Grad gefallen."
„Geh zu deinen Eltern. Die wohnen in Charlottenburg. Da haben sie Strom."
„Das habe ich vor. Ich wollte nur deine Stimme hören."
„Ich liebe dich."
„Ich dich auch."
Das Gespräch endete. Katharina sah auf ihr Handy. Fünfzehn Prozent Akku. Sie schaltete es aus.
Auf dem Rückweg sah die Stadt anders aus. Verwundbarer. In einem Hauseingang saß ein Obdachloser. Er hatte eine Decke um die Schultern und hielt die Hände an eine brennende Kerze.
„Haben Sie etwas zu essen?", fragte er.
Katharina hatte nichts. Sie gab ihm fünf Euro.
„Danke", sagte der Mann. „Bleiben Sie warm."
„Sie auch."
Es war eine absurde Konversation. Aber es war eine menschliche Konversation.
Hemingway hätte das verstanden, dachte Katharina. Die Wichtigkeit der einfachen Worte. Der klaren Gesten. Des Menschlichen im Unmenschlichen.
Am Potsdamer Platz standen Menschen und blickten auf die dunklen Hochhäuser. Die gläsernen Türme, die normalerweise leuchteten, waren grau und tot.
„Das ist Deutschland 2026", sagte jemand bitter.
„Das ist Terror", sagte ein anderer.
„Das ist Verwundbarkeit", sagte eine Frau. „Wir haben vergessen, wie verwundbar wir sind."
Katharina dachte, dass sie recht hatte. Man vergaß es leicht. Elektrizität war selbstverständlich. Wärme war selbstverständlich. Sicherheit war selbstverständlich.
Bis sie es nicht mehr waren.
Thomas Mann hatte einmal über die Fragilität der Kultur geschrieben. Darüber, wie schnell das Zivilisierte wild werden konnte. Wie dünn die Schicht war zwischen Ordnung und Chaos.
Aber er hatte auch über das Gegenteil geschrieben. Über die Kraft des Menschlichen. Über die Fähigkeit, in der Dunkelheit Licht zu finden.
Katharina ging weiter.
In Steglitz war es noch immer dunkel. Ihre Wohnung war kalt. Dreizehn Grad. Sie konnte ihren Atem sehen.
Sie zog alle warmen Sachen an, die sie hatte. Dann setzte sie sich aufs Sofa und wickelte sich in Decken. Sie hatte Kerzen angezündet. Das Licht flackerte.
Das Handy zeigte noch zehn Prozent. Sie schaltete es wieder ein. Eine Nachricht von Jan: "Bin bei meinen Eltern. Hier ist warm. Komm her, wenn du willst."
Sie überlegte. Dann schrieb sie zurück: "Bleibe hier. Pass auf dich auf."
Sie wollte nicht fliehen. Sie wollte aushalten.
Das war vielleicht dumm. Aber es fühlte sich richtig an.
Die Nacht kam früh. Um fünf Uhr war es stockdunkel. Katharina saß im Kerzenlicht und dachte nach.
Was wollten die Täter erreichen? Chaos? Angst? Aufmerksamkeit?
Vielleicht alles davon.
Aber sie erreichten auch etwas anderes. Sie zeigten den Menschen, worauf es ankam. Nicht auf die Hochhäuser. Nicht auf die Technik. Sondern auf die kleinen Dinge. Die Wärme. Das Licht. Die menschliche Stimme.
Kästner hätte das verstanden. Er hatte immer über die kleinen Dinge geschrieben. Über die Moral des Alltags. Über das Gute im Kleinen.
Um acht Uhr klopfte jemand an die Tür. Es war die Nachbarin, Frau Weber. Eine alte Dame, die allein lebte.
„Ich habe Angst", sagte sie.
„Kommen Sie rein."
Sie saßen zusammen im Kerzenlicht. Katharina machte Tee auf einem Campingkocher. Der Tee war heiß und süß.
„Danke", sagte Frau Weber.
„Gern."
Sie sprachen nicht viel. Aber sie waren nicht allein. Das war wichtig.
Um Mitternacht ging das Licht an.
Plötzlich, überraschend. Das Summen des Kühlschranks. Das Rauschen der Heizung. Das Licht.
Katharina und Frau Weber sahen sich an. Dann lachten sie.
„Es ist vorbei", sagte Frau Weber.
„Ja."
Aber es war nicht wirklich vorbei, dachte Katharina. Die Angst blieb. Die Erkenntnis blieb. Die Verwundbarkeit blieb.
Aber auch etwas anderes blieb. Die Erinnerung an die kleine Freundlichkeit. An den geteilten Tee. An das Zusammensein in der Dunkelheit.
Das war nicht nichts.
Hemingway hatte geschrieben, dass ein Mensch zerstört werden konnte, aber nicht besiegt. Berlin war nicht besiegt worden. Es war erschüttert worden. Aber nicht besiegt.
Katharina brachte Frau Weber nach Hause. Dann legte sie sich schlafen.
Die Heizung lief wieder.
Das Licht brannte.
Die Stadt lebte.
Draußen begann es zu schneien. Leise, stetig, gleichmäßig.
Berlin schlief.
Verwundet, aber nicht besiegt.
Das war genug.
S.
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