Der Freytag: Der vergessene Bruder – zum 155. Geburtstag von Heinrich Mann am 27. März

Heinrich Mann – Satiriker, Demokrat und Exilant: Über einen Schriftsteller, der Deutschland besser kannte, als Deutschland sich selbst.

Es gibt ein Foto aus dem Oktober 1940, aufgenommen am New Yorker Hafen: Zwei ältere Herren stehen nebeneinander, beide im Mantel, beide mit dem Ernst jener Tage im Gesicht. Der eine blickt den anderen an – der andere schaut knapp an ihm vorbei. Es sind Heinrich und Thomas Mann, die beiden berühmtesten Brüder der deutschen Literatur, und dieses Bild erzählt in seiner beiläufigen Komposition mehr über ihr Verhältnis, als es tausend Seiten Briefwechsel vermöchten. Heinrich, der Ältere, sucht den Blick. Thomas, der Jüngere, wendet sich nicht ab – aber auch nicht zu. Ungleiche Brüder, schrieb der Germanist Helmut Koopmann, auch in ihrem Verhältnis zueinander.

Am 27. März 1871 wurde Luiz Heinrich Mann in Lübeck geboren, als ältester Sohn des Speditionskaufmanns und späteren Senators Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Frau Julia. Vier Jahre später kam sein Bruder Thomas zur Welt, der ihm einst die Wege ebnen sollte – und ihn dann, unwiderruflich, in den Schatten stellen würde. Morgen jährt sich Heinrichs Geburtstag zum einhundertfünfundfünfzigsten Mal. Anlass genug, einem Mann zu gedenken, dessen Werk prophetischer war als das mancher Historiker – und dessen Schicksal exemplarisch für das Verhältnis Deutschlands zu seinen unbequemsten Köpfen steht.

Der Satiriker des Kaiserreichs

Heinrichs literarische Laufbahn begann in jener kurzen Epoche, in der das wilhelminische Deutschland noch an seine eigene Unangreifbarkeit glaubte. Nach abgebrochener Buchhändlerlehre, einem Volontariat beim S. Fischer Verlag und ausgedehnten Aufenthalten in Italien veröffentlichte er 1900 den Gesellschaftsroman „Im Schlaraffenland“, der bereits jene satirische Schärfe verriet, die sein gesamtes Werk prägen sollte. Doch erst mit „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“ von 1905 gelang ihm der Durchbruch: Die Geschichte des pedantischen Gymnasiallehrers, der an seiner Obsession für die Variété-Sängerin Rosa Fröhlich zugrunde geht, war eine böse Parabel auf eine Gesellschaft, in der Autorität und Doppelmoral eine unheilige Allianz eingingen. Ein Vierteljahrhundert später verfilmte Josef von Sternberg den Stoff als „Der Blaue Engel“ mit einer damals unbekannten Marlene Dietrich. Der Film machte Dietrich zum Weltstar. Den Autor machte er nicht reicher.

Zwischen den frühen Romanen und dem späteren Hauptwerk liegt „Die kleine Stadt“ von 1909, ein in der deutschen Literatur einzig dastehender Roman: Mehr als hundert Figuren bevölkern die Bühne eines italienischen Marktfleckens, psychologisch präzise gezeichnet, in einem Werk, das Demokratie als gelebte Gemeinschaft feiert – ein stiller Gegenentwurf zum preußischen Obrigkeitsstaat.

Die Geschichte der öffentlichen Seele

Doch sein Meisterwerk sollte ein anderes werden. Seit 1906 arbeitete Heinrich Mann an einem Roman, den er selbst als „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II.“ bezeichnete: „Der Untertan“. Im Juli 1914, zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, war das Manuskript vollendet. Ein Vorabdruck in der „Zeit im Bild“ fiel sofort der Zensur zum Opfer; mit Kriegsbeginn wurde jede weitere Veröffentlichung unterbunden. Erst 1915 erschien eine russische Übersetzung, 1916 eine deutsche Privatausgabe in geringer Stückzahl. Die eigentliche Buchpublikation erfolgte 1918, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs – und der Roman wurde in den ersten Monaten beinahe hunderttausendmal verkauft.

Im Zentrum steht Diederich Heßling, ein „weiches Kind“, das zum rücksichtslosen Opportunisten heranwächst. Heßling buckelt nach oben und tritt nach unten, imitiert das äußere Erscheinungsbild seines Kaisers, schmückt sich mit hohlen Phrasen und steigt durch bedingungslose Anpassung an die Machtverhältnisse zum einflussreichsten Bürger der fiktiven Kleinstadt Netzig auf. Heinrich Mann montierte in Heßlings Reden tatsächliche Fragmente aus kaiserlichen Ansprachen – eine Technik, die den satirischen Effekt auf die Spitze trieb. Sein Gegenspieler, der alte Demokrat Buck, ein Teilnehmer der Revolution von 1848, muss erleben, wie Heßlings Ränke ihn politisch vernichten – und stirbt auf dem Sterbebett mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er den Leibhaftigen gesehen. Die Schlussszene, in der ein Gewittersturm Heßlings prunkvollen Denkmalenthüllung zerstört, liest sich wie eine Prophezeiung auf den Untergang des Kaiserreichs selbst.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler urteilte später, kein Geschichtswissenschaftler habe die Rolle des kaiserfanatischen Bürgertums so eindringlich beschreiben können wie Heinrich Mann. Und Heinrich Mann selbst schrieb 1922 an den österreichischen Schriftsteller Paul Hatvani: „Romane, wie meinesgleichen sie schreibt, sind die innere Zeitgeschichte, die Geschichte, die noch niemand sieht oder wahr haben will, bis Schicksalstage sie furchtbar bekräftigen.“ Der „Untertan“ war mehr als eine Satire – er war eine Warnung. Dass man sie nicht hörte, gehört zu den bitteren Ironien der deutschen Geschichte.

Zusammen mit den Romanen „Die Armen“ von 1917, der das Proletariat in den Blick nahm, und „Der Kopf“ von 1925, der die intellektuellen Eliten sezierte, bildet „Der Untertan“ die sogenannte Kaiserreich-Trilogie – ein literarisches Gesellschaftspanorama des wilhelminischen Zeitalters, das in der deutschen Literatur ohne Vergleich dasteht.

Mehr als befreundet, weniger als Freund

Das Verhältnis zu Thomas Mann war das große Drama in Heinrich Manns Leben – ein Bruderzwist von alttestamentarischer Wucht, der sich über Jahrzehnte hinzog und dessen Narben nie ganz verheilten. In den Anfangsjahren war Heinrich für den jüngeren Bruder ein literarisches Vorbild; gemeinsam verbrachten sie die Jahre 1896 bis 1898 in Italien. Doch schon früh zeichnete sich die Kluft ab. Als Thomas 1901 mit den „Buddenbrooks“ den Durchbruch erzielte, reagierte Heinrich mit „Die Göttinnen“ – einem Gegenmodell, das statt Verfall und Vereinzelung einen Hymnus auf das Leben, die Sinne und das Mediterrane anstimmte.

Thomas seinerseits sparte nicht mit vernichtender Kritik. An die Lübecker Freundin Ida Boy-Ed schrieb er über Heinrich: Die Empfindung, die dessen künstlerische Persönlichkeit in ihm erwecke, sei von Geringschätzung am weitesten entfernt – sie sei eher Hass. Heinrichs Bücher seien schlecht, aber in so außerordentlicher Weise, dass sie zu leidenschaftlichem Widerstand herausforderten. Marcel Reich-Ranicki suchte die Ursache dieses Bruderkonflikts später in der unterschiedlichen sexuellen Veranlagung der beiden: in Thomas Manns verborgener Neigung zum eigenen Geschlecht und in Heinrichs bis zur Libertinage gesteigertem Verhältnis zu Frauen.

Den entscheidenden Bruch brachte der Erste Weltkrieg. Heinrich protestierte 1915 mit seinem berühmten „Zola“-Essay gegen die allgemeine Kriegsbegeisterung – und nahm darin direkt Bezug auf die kriegsbejahenden Schriften seines Bruders. Thomas antwortete 1918 mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, einer monumentalen Abrechnung, die Klaus Mann später als „einen einzigen deutschen Bruderkrieg“ bezeichnete. Eine von Heinrich 1917 vorgeschlagene Versöhnung lehnte Thomas schroff ab.

Erst eine schwere Erkrankung Heinrichs führte 1922 zur Aussöhnung. Thomas, inzwischen durch die Ermordung Walther Rathenaus und den Aufstieg der Rechtsextremen erschüttert, hatte sich in seiner Rede „Von deutscher Republik“ erstmals öffentlich zur Demokratie bekannt – eine späte Annäherung an jene Position, die Heinrich seit jeher vertreten hatte. Doch die Rivalität blieb ein schmerzhafter Stachel. Thomas schrieb an einen Freund: „Vielleicht sind wir, getrennt, mehr eines des anderen Bruder, als wir es an gemeinsamer Festtafel wären.“ Shakespeare hätte es ähnlich formuliert – und tatsächlich benutzte Thomas Mann ein Hamlet-Zitat, um das Verhältnis zu beschreiben: mehr als befreundet, weniger als Freund.

Über den Berg

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht ergriffen, war Heinrich Mann als Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste einer der prominentesten Vertreter des kulturellen Deutschland. Im Februar hatte er gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein einen Aufruf zur Aktionseinheit von SPD und KPD gegen die Nazis unterzeichnet. Die Antwort kam prompt: Ausschluss aus der Akademie, Aberkennung der Staatsbürgerschaft, Verbrennung seiner Bücher auf den Scheiterhaufen des 10. Mai 1933 – neben den Werken von Brecht, Tucholsky, Feuchtwanger, Kästner und all den anderen, deren Namen sich wie ein „Who’s Who“ der deutschen progressiven Intelligenz lesen.

Heinrich Mann stand auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs. Bereits im Februar 1933 emigrierte er nach Frankreich, wo er – dank sehr guter Französischkenntnisse – das Land weniger als Exilort denn als Wahlheimat empfand. In Nizza ließ er sich nieder und entfaltete eine rastlose antifaschistische Tätigkeit: Er übernahm den Ehrenvorsitz des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller, die Präsidentschaft der Deutschen Freiheitsbibliothek und initiierte den Lutetia-Kreis, jenen Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront, der Kommunisten und Sozialdemokraten im Exil zusammenbringen sollte. Er verfasste die politischen Streitschriften „Der Hass“ und „Der Sinn dieser Emigration“ und schrieb unzählige Beiträge für Exilzeitschriften wie „Die Neue Weltbühne“ oder Klaus Manns „Die Sammlung“.

In diesen Jahren entstand auch sein großes Spätwerk: der zweibändige historische Roman „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“, veröffentlicht 1935 und 1938. Es war der Versuch, in Zeiten der Barbarei den positiven Helden zu zeichnen – den guten König, der Toleranz und Vernunft gegen die Fanatiker seiner Epoche verteidigt. Das Werk gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschen historischen Romane und als herausragendes Zeugnis der Exilliteratur.

Im August 1940, nach der militärischen Niederlage Frankreichs, begann Heinrich Manns dramatischste Stunde. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Nelly, seinem Neffen Golo Mann sowie Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel floh er, organisiert vom amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry, über die Pyrenäen nach Spanien. Heinrich Mann war neunundsechzig Jahre alt. Alma Mahler-Werfel schrieb später über den Aufstieg durch die brennende Septembersonne: Nelly Mann habe Heinrich mehr tragen müssen, als dass er selbst hätte hochklettern können. Gezeichnet erreichte die kleine Gruppe Barcelona, dann Lissabon, dann das rettende Schiff nach New York – jene letzte Passage aus Europa, die auch Walter Benjamin hatte nehmen wollen. Benjamin nahm sich in Portbou an der spanischen Grenze das Leben, weil er glaubte, zurückgeschickt zu werden.

Kalifornische Einsamkeit

Sein letztes Jahrzehnt verbrachte Heinrich Mann in Los Angeles, in zunehmender Vereinsamung. Der amerikanische Kontinent blieb ihm bis zuletzt fremd. Er arbeitete zunächst als Drehbuchautor für Warner Brothers, doch der Erfolg blieb aus; finanziell war er auf die Unterstützung seines Bruders Thomas angewiesen, der im nahen Pacific Palisades ungleich komfortabler lebte. 1944 nahm sich Nelly Mann das Leben. Heinrich zog sich immer weiter zurück und verfasste seine Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ – ein Mémoirenwerk, das sich allerdings schlecht verkaufte. Nach seinem Tod gingen seine Manuskripte und seine Korrespondenz an seinen langjährigen Freund Lion Feuchtwanger.

Feuchtwanger, der selbst in Heinrich Manns unmittelbarer Nähe in Los Angeles lebte, hatte schon 1927 in seinem „Versuch einer Selbstdarstellung“ bekannt, dass drei Kollegen ihn maßgeblich beeinflusst hätten: Heinrich Mann habe seine Diktion verändert, Alfred Döblin seine epische Form, Bertolt Brecht seine dramatische Form. Es war ein seltenes öffentliches Zeugnis jener Wertschätzung, die Heinrich Mann unter Schriftstellerkollegen genoss, während das breite Publikum längst den Bruder Thomas vorzog. Kurt Tucholsky, der große Satiriker der Weimarer Republik, stand als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines – und damit in unmittelbarer geistiger Verwandtschaft zu Heinrich Mann, dessen „Untertan“ dem desillusionierten Tucholsky nach 1918 die Erklärung lieferte, wer an der Katastrophe des Weltkriegs schuld gewesen war.

Im Februar 1949 wurde Heinrich Mann zum Präsidenten der neugegründeten Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Die DDR verlieh ihm den Nationalpreis Erster Klasse für Kunst und Literatur. Eine Rückkehr nach Deutschland war geplant, die Koffer standen bereit. Doch Heinrich Mann starb am 11. März 1950 in Santa Monica, sechzehn Tage vor seinem neunundsiebzigsten Geburtstag und wenige Wochen vor der geplanten Übersiedlung. Das ihm zugedachte Amt übernahm an seiner Stelle Arnold Zweig. Seine Urne wurde später nach Ost-Berlin überführt – eine posthume Heimkehr, die für den lebendigen Menschen nicht mehr möglich gewesen war.

Wenn man heute durch Lübeck geht, durch jene Stadt, die beide Brüder zu Weltliteratur verarbeitet haben, findet man das Buddenbrookhaus an prominenter Stelle. Heinrich Mann ist dort ein Kapitel gewidmet, nicht mehr. Die eigentliche Tragödie seines Lebens liegt nicht darin, dass er im Schatten seines Bruders stand – sondern darin, dass sein Werk, das Deutschland durchschaute, bevor Deutschland sich selbst durchschaute, nie die Anerkennung erhielt, die es verdient hätte. Der „Untertan“ ist heute Schullektüre. Aber gelesen werden muss er immer wieder – nicht als historisches Dokument, sondern als Warnung. Denn der Typus des Diederich Heßling, des Opportunisten, der nach oben buckelt und nach unten tritt, ist keine Erfindung des wilhelminischen Zeitalters. Er ist zeitlos. Heinrich Mann wusste das. Er hat es uns aufgeschrieben. Es liegt an uns, es zu lesen.

Sapere aude!

S. 


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