Der Kaffeehausschreiber: Die Zapfsäule der Freiheit

Ich sitze im Kaffeehaus. Draußen ist es April, und der Frühling tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Die Kastanien treiben aus, unverschämt grün, als hätte niemand ihnen gesagt, dass die Welt gerade an einer Meerenge hängt, die die meisten Menschen nicht auf einer Karte finden würden. Mein Espresso kostet vierzig Cent mehr als vor vier Wochen. Der Kellner hat es mir nicht gesagt. Ich habe es auf dem Bon gelesen. — Vierzig Cent; das ist der Preis des Krieges in einer Kaffeetasse.

Am Nebentisch sitzen zwei Männer. Der eine trägt eine Weste, die nach Handwerk riecht, breite Hände, ein Gesicht, das früh aufsteht. Der andere: Cordsakko, Lesebrille im Haar, der Typ Mensch, der in Talkshows das Wort »Narrativ« benutzt und es auch so meint. Sie kennen sich, das merke ich, aber sie mögen sich heute nicht. Es liegt etwas zwischen ihnen, etwas Unsichtbares und Schweres, wie Dieseldunst.

»Fünfzig Liter«, sagt der Mann in der Weste. »Fünfzig Liter pro Tag. In Slowenien. Das Militär steht an den Tankstellen.« Er lacht, aber es klingt nicht fröhlich. »Das Militär!«

Der mit dem Cordsakko nickt. »Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Die Lager sind voll, es ist ein logistisches —«

»Hör auf«, sagt die Weste. »Hör mir auf mit Logistik. Das hieß letztes Mal auch so. Erst hieß es Logistik, dann hieß es Solidarität, dann hieß es Verordnung, und dann saßen wir zu Hause.«

Ich verstehe sofort. Er meint Corona. Er meint die Lockdowns, das Wort, das in diesem Land eine Narbe hinterlassen hat, die noch juckt, wenn das Wetter umschlägt. — Und ich denke: Vielleicht ist die Angst vor dem nächsten Lockdown gefährlicher als der Lockdown selbst; denn sie vergiftet jedes vernünftige Gespräch, bevor es begonnen hat.

Die Straße von Hormus. Dreiunddreißig Kilometer Wasser zwischen dem Iran und Oman, und darin ertrinkt gerade die Weltwirtschaft. Zwanzig Prozent des globalen Ölhandels, ein Fünftel des Flüssigerdgases, ein Drittel des europäischen Flugzeugtreibstoffs — alles muss hier durch, und seit dem 2. März lässt der Iran nur noch Freunde passieren. Freunde, das sind: Russland, China, Indien. Feinde, das sind: wir. Der Ölpreis steht bei hundertzehn Dollar. Der Diesel kostet an deutschen Tankstellen zwei Euro neunundzwanzig. Die IEA spricht von der größten Energiekrise der Geschichte — größer als die Ölschocks der Siebziger zusammen. — Elf Millionen Barrel pro Tag, sagt Fatih Birol, und man hört in seiner Stimme, dass er selbst nicht glauben kann, was er sagt.

Die IEA hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt. Tempolimits. Fahrverbote an bestimmten Tagen, nach geraden und ungeraden Kennzeichen sortiert. Homeoffice-Pflicht. Weniger Fliegen. Weniger Fahren. Weniger von allem. — In einem anderen Jahrhundert hätte man das Sparsamkeit genannt; heute nennt man es Krise, und es fühlt sich an wie ein Déjà-vu in einem Albtraum, den man schon einmal geträumt hat.

Die Weste — ich nenne ihn für mich den Tankstellenphilosophen — trinkt seinen Kaffee in einem Zug. »Weißt du, was mich wirklich stört?«, sagt er. »Nicht der Preis. Preise steigen, Preise fallen. Was mich stört, ist die Selbstverständlichkeit. Die Selbstverständlichkeit, mit der die da oben sagen: Bleibt zu Hause. Fahrt weniger. Fragt nicht. Und dann sitzen die in Brüssel in einer Videokonferenz — informell, wohlgemerkt, kein Protokoll — und reden darüber, wie sie uns das Autofahren abgewöhnen.«

Der Cordsakko — ich nenne ihn den Vernunftbürger — lehnt sich zurück. »Es gibt eine Krise. Eine reale Krise. Zwanzig Prozent des Weltöls sind weg. Was schlägst du vor? Nichts tun und hoffen?«

»Ich schlage vor, dass man mich fragt.«

»Man fragt dich. Es heißt Demokratie.«

»Demokratie ist, wenn man mich fragt, bevor die Armee an Tankstellen steht.«

Stille. Lang. Ich höre das Zischen der Kaffeemaschine, und es klingt wie ein Seufzer.

- Ich denke an Hannah Arendt, die einmal schrieb, dass Freiheit nicht dasselbe sei wie Souveränität; dass der freie Mensch nicht derjenige sei, der alles kann, sondern derjenige, der im öffentlichen Raum handelt, unter anderen und mit anderen. Freiheit, schrieb sie, zeigt sich nur in der Pluralität. Das heißt: Freiheit ist kein Zustand, den man besitzt wie einen Führerschein. Freiheit ist etwas, das zwischen Menschen geschieht - im Gespräch, im Streit, in der Verhandlung. Freiheit geschieht in diesem Kaffeehaus, genau jetzt, zwischen der Weste und dem Cordsakko. - Aber sie geschieht nicht in informellen Videokonferenzen ohne Protokoll.

Der Bundestag hat vergangene Woche ein Kraftstoffmaßnahmenpaket beschlossen. Die Preise an Tankstellen sollen nur noch einmal am Tag steigen dürfen. Das Kartellrecht wird verschärft. Ein 9-Euro-Ticket soll wieder kommen. — Maßnahmen, die wie Pflaster auf einer Schusswunde wirken; sie zeigen guten Willen, aber sie stillen kein Blut. Denn das Problem ist nicht der Preis an der Zapfsäule; das Problem ist, dass dreiunddreißig Kilometer Wasser zwischen zwei Küsten die Frage aufwerfen, ob wir überhaupt noch Herr über unser eigenes Licht sind. Die Wirtschaftsministerin hat Engpässe bei Treibstoffen Ende April nicht ausgeschlossen. Fatih Birol sagt, die politischen Entscheidungsträger hätten die Tragweite noch nicht verstanden. - Und in Sri Lanka hat man den Mittwoch zum Feiertag erklärt, weil es kein Benzin mehr gibt, um zur Arbeit zu fahren.

»Es geht doch nicht ums Autofahren«, sagt der Vernunftbürger plötzlich, leise, als rede er mit sich selbst. »Es geht darum, dass wir begriffen haben, dass wir verletzlich sind. Dass alles, was wir für selbstverständlich halten - tanken, heizen, fliegen - an einem Faden hängt, der durch eine Meerenge führt, die wir nicht kontrollieren.«

Der Tankstellenphilosoph schüttelt den Kopf. »Du klingst wie die Grünen.«

»Ich klinge wie jemand, der eine Gasrechnung bezahlt.«

Ich denke an Schiller. An die »Ästhetischen Briefe«, in denen er schreibt, dass der Mensch nur dort ganz Mensch sei, wo er spielt - wo er frei ist von Zwang und frei von Trieb. Freiheit, bei Schiller, ist nicht die Abwesenheit von Grenzen; sie ist die Fähigkeit, sich selbst Grenzen zu setzen, aus Einsicht, aus Würde, aus dem, was er den ästhetischen Zustand nennt. - Der Tankstellenphilosoph will keine Grenzen. Der Vernunftbürger will Grenzen, aber von oben. Und Schiller würde beiden sagen: Die einzige Grenze, die euch frei macht, ist die, die ihr euch selbst gebt. - Aber wer gibt sich freiwillig eine Grenze, wenn der Nachbar keine hat? Das ist die Tragödie des Gemeinwesens, so alt wie die Polis, so ungelöst wie das Parken in der zweiten Reihe.

»Sapere aude«, sage ich halblaut, ohne es zu wollen.

Der Tankstellenphilosoph dreht sich um. »Was?«

»Nichts«, sage ich. »Kant. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.«

Er mustert mich. Dann, überraschend: »Genau das sage ich ja.«

Und der Vernunftbürger, gleichzeitig: »Genau das sage ich ja.«

- Und da ist er, der Riss. Beide berufen sich auf Kant. Beide wollen Mündigkeit. Beide wollen Vernunft. Und beide meinen etwas vollkommen Verschiedenes damit. Der eine meint: Denke selbst, und dann lass mich in Ruhe. Der andere meint: Denke selbst, und dann handle verantwortlich. - Kant hätte vermutlich gesagt: Beides. Kant hätte gesagt: Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit bedeutet nicht, dass man fährt, wohin man will, sondern dass man begreift, warum man manchmal nicht fahren sollte. Aber Kant hatte auch kein Auto.

Das Gespräch kippt. Der Tankstellenphilosoph redet jetzt über die abgeschalteten Atomkraftwerke, über gesprengte Kühltürme, über eine Politik, die sich die Augen zugehalten und dabei die Zukunft verbrannt habe. Er hat nicht ganz unrecht. Die IEA-Chefin - nein, der Chef, Fatih Birol - hat Deutschland den Atomausstieg vorgeworfen, öffentlich, in der FAZ. Während China dreißig Reaktoren baut, pflanzt Deutschland Spielplätze auf die Fundamente seiner Kernkraft. - Man liegt am Boden und erklärt den Boden zur Strategie.

Der Vernunftbürger kontert: erneuerbare Energien, Photovoltaik, Wärmepumpen, die Zukunft sei elektrisch und dezentral und überhaupt habe man das alles kommen sehen und trotzdem nichts getan, und da hat er auch nicht ganz unrecht, und so sitzen sie da, zwei Menschen, die beide recht haben und es trotzdem nicht aushalten, dem anderen zuzuhören, und ich denke: Das ist Deutschland im April 2026 - ein Land, das recht hat und ratlos ist.

Vielleicht, denke ich, während mein zweiter Espresso kommt - auch er teurer als der erste, mindestens gefühlt - vielleicht ist die eigentliche Frage dieser Krise nicht, ob die Lockdowns kommen oder nicht. Die eigentliche Frage ist, ob wir fähig sind, eigenverantwortlich zu handeln, bevor uns jemand dazu zwingt. Ob wir fähig sind, weniger zu fahren, nicht weil eine Verordnung es befiehlt, sondern weil die Vernunft es nahelegt. Ob wir fähig sind, das zu tun, was Kant verlangt hat: mündig zu sein. - Aber Mündigkeit ist anstrengend. Mündigkeit ist das Anstrengendste überhaupt. Denn sie bedeutet, dass man niemandem die Schuld geben kann - nicht der Regierung, nicht der IEA, nicht dem Iran -, wenn man sich selbst nicht im Griff hat. Und das will keiner hören, am wenigsten im Kaffeehaus.

Hannah Arendt schrieb auch dies: dass die gefährlichste Form der Unfreiheit nicht die Tyrannei sei, sondern die Weigerung zu denken. Das gedankenlose Mitmachen, das gedankenlose Dagegensein - beides sei eine Flucht vor der Freiheit, die im Denken liegt. - Und vielleicht ist genau das der Energie-Lockdown, vor dem wir uns wirklich fürchten sollten: nicht der von außen, nicht die Verordnung, nicht das Tempolimit und nicht das Fahrverbot; sondern der Lockdown im eigenen Kopf, das Herunterfahren des Denkens, das Abschalten der Vernunft, weil es bequemer ist, empört zu sein als nachzudenken.

Der Tankstellenphilosoph zahlt. Er legt das Geld auf den Tisch, exakt, kein Trinkgeld. Der Vernunftbürger zahlt mit Karte. Sie stehen gleichzeitig auf, ohne einander anzusehen, und gehen durch dieselbe Tür hinaus in denselben Frühling.

Ich bleibe sitzen. Mein Notizbuch ist voll. Mein Espresso ist leer. - Und draußen, vor dem Fenster, fährt ein SUV vorbei, so groß wie eine kleine Wohnung, und parkt in der zweiten Reihe vor einer Bäckerei, in der das Brot heute auch teurer ist.

Sapere aude, denke ich. Und bestelle einen dritten Espresso. Er wird noch teurer sein. Aber das ist der Preis der Mündigkeit: Man bleibt sitzen und denkt nach, während alle anderen schon losgefahren sind.

S.


Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏


🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO


🇺🇸 / 🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 / 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently

Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4