Als ich das Programm gesehen hatte, war die Entscheidung gefallen: ein Kammerkonzert mit Stücken von Paganini, Brahms und Rachmaninow, das uns in eine andere, längst vergangene Welt entführen würde. Das Cuvilliés-Theater, ein Juwel des Rokoko, das in der Münchner Residenz versteckt liegt wie eine kostbare Schatulle: vergoldete Logen, die sich übereinander türmen wie kunstvoll geschnitzte Balkonzimmer, Stuck und Ornamente in Rot und Gold, Kronleuchter, die das Licht tausendfach brechen. Ein Theater, das aussieht wie eine überbordende barocke Pralinenschachtel – und in dem man sich gleichzeitig winzig und geborgen fühlt. Genau dafür wollte ich nach München.
Stefan und ich machen das einmal im Monat: ein Kulturwochenende. Theater, Konzert, Museum – der Anlass variiert, aber der Rhythmus ist fest. Diese Ausflüge sind für uns Orte der Zuflucht, Inseln, auf denen wir Kraft schöpfen, Inspiration finden, raus aus dem Alltag kommen. Diesmal München: Konzert am Abend, am nächsten Tag die Residenz besichtigen, durch die Stadt bummeln. Ich hatte mich darauf gefreut, auch darauf, endlich wieder das Abendkleid und die Lackpumps aus dem Schrank zu holen. Denn im Alltag gibt es dafür kaum Gelegenheit.
Als wir am Hauptbahnhof ausstiegen, schlug uns das Wetter entgegen wie eine Ohrfeige. Eisiger Märzwind, der den Regen schräg durch die Luft peitschte. Ich zog den Mantel enger, versuchte den Kragen hochzuschlagen, aber es half nichts. Der Regen schlich sich überall hinein, unter den Kragen, in die Ärmel, auf die Haut. Um uns herum: Gedränge, Koffer, Stimmen in allen Sprachen. Mein Kopf begann zu dröhnen.
„Lass uns da drüben reingehen.“ Stefan deutete auf einen Kiosk gegenüber dem Bahnhofsausgang. „Schnell Wasser holen. Und was Süßes.“
Ich zögerte. Bahnhofsgegend. Ich mag solche Orte nicht, diese Hektik, diese fremde Welt aus Durchreisenden und Gestrandeten. Stefan hatte schon die Straße überquert. Ich seufzte und folgte ihm.
Im Laden war es warm und angenehm. Ich blinzelte gegen das grelle Licht der LED-Leuchten, alles sehr modern hier, sehr sauber. Kühlschränke summten, Regale mit Süßigkeiten reihten sich ordentlich aneinander. Hinter der Theke stand ein junger Mann und nickte uns zu. Dunkle Augen, offenes Gesicht. Ich nickte zurück, ein bisschen steif vielleicht, und wandte mich zu den Getränken. Eine Flasche Wasser. Dann zu den Süßigkeiten. Müsliriegel? Kekse? Ich stand da und starrte auf die Verpackungen, aber meine Gedanken waren schon bei heute Abend. Ich hoffte, dass das Kleid im Koffer nicht zu sehr zerknittert war und dass ich nichts vergessen hatte.
Hinter mir glitt die Tür auf. Kalte Luft und der Geruch von nassem Asphalt strömten herein, das schwere Rascheln von Plastiktüten, schlurfende Schritte. Eine ältere Frau kam an mir vorbei. Mehrere Jacken übereinander, darunter noch mehr Schichten. Graues Haar klebte an ihrer Stirn. Die Plastiktüten in ihren Händen waren prall gefüllt und alt, die Henkel zusammengeknotet. Sie ging direkt zum Tee-Automaten in der Ecke.
Ich spürte, wie ich unwillkürlich zur Seite trat. Machte Platz. Schaute woandershin.
Der Automat summte. Heißes Wasser zischte in den Becher, Dampf stieg auf. Der Geruch von Früchtetee.
„Schön, dass du vorbeikommst.“ Die Stimme des Kioskbesitzers war warm, vertraut. Als würde er einen Bekannten begrüßen. Ich tat so, als würde ich die Kekse studieren, aber ich hörte hin. Die Frau murmelte etwas. Leise, undeutlich.
„Gut, gut“, sagte er. „Und wenn dir wieder kalt wird, du weißt ja. Einfach reinkommen.“
Sie nickte. Dann das Rascheln der Tüten, die Tür glitt auf, kalte Luft, die Tür schloss sich wieder.
Ich stand da mit einer Packung Kekse in der Hand und verstand noch nicht ganz, was ich gerade beobachtet hatte.
Stefan kam zur Theke, legte Wasser und Hanuta hin. Ich folgte ihm.
„Die Frau gerade“, hörte ich mich sagen. „Kennen Sie die?“
Er schaute auf, und sein Gesicht wurde weicher. „Ja, klar. Kommt jeden Tag. Manchmal mehrmals am Tag.“ Er deutete zum Automaten. „Tee kann sie kostenlos haben, so viel sie möchte. Gerade bei der Kälte...“
Ich spürte, wie sich etwas in mir verschob. Ganz langsam, wie wenn man einen Gegenstand dreht und plötzlich eine andere Seite sieht.
„Alkohol verkaufe ich ihr nicht“, fuhr er fort, sachlich, aber nicht hart. „Das haben wir so besprochen. Das ist besser für sie.“
„Das ist...“ Mir fehlten die Worte. „Das ist sehr... aufmerksam.“
Er zuckte die Schultern, fast verlegen. „Sie ist doch auch nur ein Mensch. Genau wie ich.“ Er tippte auf die Kasse. „7,50.“
Draußen schlug uns der Wind entgegen. Eiskalt, nass. Wir gingen schweigend, unsere Koffer rumpelten über das Pflaster. Nach ein paar Schritten blieb ich stehen und drehte mich um.
„Ich wollte da nicht rein“, sagte ich leise. „Ich hatte... ich habe Vorurteile. Gegen solche Orte. Gegen die Menschen dort.“
Ich dachte an die Frau mit ihren Tüten, an den warmen Tee in ihren Händen. An den jungen Mann, der jeden Tag etwas gab, ohne dass es jemand bemerkte. Der kein Geld mit ihr verdiente, sondern aufpasste. Der sie behandelte wie einen Menschen, nicht wie jemanden, vor dem man zur Seite tritt.
Und ich dachte an mich. An mein Unbehagen. An den Kontrast zwischen dem, was uns heute Abend erwartete, das goldene Cuvilliés-Theater mit seinen Logen und Kronleuchtern, diese Reise in eine andere Zeit und dieser stillen Güte in einem Kiosk gegenüber dem Bahnhof.
„Weißt du“, sagte ich, „vielleicht ist das die wichtigere Lektion dieses Wochenendes. Nicht das Konzert. Sondern... das hier. Dass Menschlichkeit keine Bühne braucht. Dass sie da ist, wo wir nicht hinschauen wollen.“
Ich wusste: Diesen Moment würde ich nicht vergessen. Nicht den jungen Mann im Kiosk. Nicht die Frau mit dem Tee. Und nicht die Beschämung darüber, wie sehr ich mich geirrt hatte.